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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 202
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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In der Arrakan-Pagode

Am Straßenende stehen zwei grobe Riesengreife aufgebaut.
In ihrer Mitte schaut der Arrakan-Pagode Eingangstor tief wie ein dunkler Tunnel vor.
Von diesem Tempel sagt man dir: hier steht von allen Buddhabildern das ähnlichste,
Und keines, fern und nah', gleicht so dem wahren Angesicht des Buddha
Als dies, von allen den Millionen Bildern, die aufgestellt sind und zum Beten rufen in weiter indischer Welt.
Von Ost, von West, von Süd, von Nord führen hier rundgewölbte Korridore zum Buddhaschreine.
Und unter ihren langen Säulenreihn lebt hier das gleiche Straßenleben fort,
Die Käufer und Verkäufer dort sich auf dem Pagodenpflaster drängen.
Ich kaufte einen kleinen weißen Elefanten, geschnitzt aus weißem Alabaster;
Schmachtende Marionetten mit glitzernden Pailletten; aus Bernstein winzige Amuletten,
Und komme immer tiefer, vorbei an den Verkäufertischen, ins Innere des Korridors und ins Gewühl hinein.
Ich steige über Bettler fort und über Kinder, welche schlafen, und über Vogelkäfige und Affen.
Der weißgekalkte Korridor ist schmucklos leer, und außer buntgefüllten Buden erwartest du nichts mehr.
Da fällt, gleichwie ein blendendes Gestirn, das Einzug hält, ein Fabelglanz von Gold, bricht wie im Tanz hervor.
Du stehst am Mund des Korridor, gleichwie vor einem goldenen Schlund.
Ein riesig goldenes Buddhabild sich dir enthüllt, das eine große goldene Kammer
Wie eine unbegrenzte Lust und wie ein Feuerbau anfüllt.
Du schaust und du versinkst, gleichwie ein Tropfen auf dem heißen Stein ins atemlose Glänzen,
Wie in ein goldenes Dasein ohne Grenzen.
Und wenn du dann erwacht vom großen Gold, das dich belacht,
Erkennst du, auf der Erde wie Knäule hingerollt, birmanische Beter, Männer, Frauen,
Die halten Blumen hin in vorgestreckten Händen mit betender Gebärde.
Und ihre Augäpfel, gleich goldenen Blenden, den goldenen Gott anschauen.
Sie liegen da, die feinen, seidenen Wesen, vom Gold zum Glück nur auserlesen,
Und geben allen Glanz, den sie auf Stirn und Wangen aufgefangen, dem Gold zurück,
Und scheinen selbst ein Stück der goldenen Gottheit, die sich den Glanz von Menschen leiht. –
Doch mehr noch ohne Ende, ohne Zeit, als dieser Buddha in der goldnen Einheit,
Strahlt zwei'r verliebter Menschen Blick.
Vor ihres Blutes Seligkeit tritt auch das goldene Buddhabild zurück –
Vor ihrem Blick wird alles Gold zum Schatten –
Weil zwei Verliebte sich die Augen heller reichen
Als wie die hellsten goldenen Platten.

 

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