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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 199
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Birmanisches Kloster

Bei diesem seltenen heiligen Buch aus Steinen lag nah, in welken, laubigen Hainen,
Ein uralt Kloster mit den feinen, farblosen Schnitzereien, hölzernen Galerien, holzgrauen Dächern und Gemächern.
Auf Pfählen stehen die Gebäude, auf grauen Pfostenstämmen. Holzstiegen gehen auf die Galerien,
Die sehen über alte, leere Höfe, wo Wiesengräser übers Pflaster weben.
Eidechsen gleiten unter die Geländer und junge, kahlgeschorene Mönche
Nackt in den weiten gelben Mänteln auf den Altanen gehen.
Im Takte beten drinnen Stimmen in fernen Bretterkammern,
Gleichwie ein fortgesetzt einförmig Jammern. Ich ging hinauf zu einer jener Stiegen, die alt und ausgetreten,
Und sah die jungen Leute in dämmerigen Holzverschlägen liegen,
Im ewigen Feiern auf die Dielen hingestreckt, die wohlgeformten Körper kaum bedeckt;
Und ihre Lippen ewige Sprüche leiern. Nicht einer schaut von seinem Palmenblatt,
Darauf punktiert und eingeritzt die Schrift ihr totes Leben hat.
Die Kammern stehen ohne Glas und ohne Türen offen;
Bleierne Stille draußen in den öden Höfen saß, und auch die Bäume mochten sich nicht rühren,
Es war, als wollte sich nicht mal das Gras hier wachsen spüren.
Es lag als fremder und dämonischer Wille in aller Augen stumm der Lebenshaß,
Und aller Blicke gingen um den Tag herum, und aller Herzen klopften wie der Totenwurm,
Der in den Bretterkammern fraß. Sie kennen nicht die Freude, nicht der Leiden Sturm.
Sie lehnen nur an einer Bretterwand und halten alter Sprüche Lettern auf trocknen Palmenblättern in der Hand.
Kein Bart, kein Haupthaar ist an dieser kahlen Mönche Schar.
Knaben und Männer, wie entmannt, haben ihr lautes Leben umgebracht
Und stehen jetzt wie vor dem Dunkel von einer sternenlosen Nacht.
Im Dasein ist ihr Platz ein leeres Holzbrett nur allein,
Und ihre Ohren lassen keinen andern Satz als nur die alten Sprüche ein.
Kein Schließer ist am Haus, kein Tor davor. Ein jeder kann hier wie der Wind hinein, hinaus.
Die grauen Galerien stehen unter uralter Bäume grauem Strauß,
Die gelben Mönchgesichter gehen auf ihren hohen Stiegen ohn' menschliche Erregung,
Und bloß die Lippen beben, wunschlos in ewig betender Bewegung.
So grau wie ein birmanischer Klosterschrein muß eines Menschen Inneres sein,
Läßt er die Lieb' zu einer Frau nicht ein.
Holz nur und Jammern ist in seinem Herz, geht nicht die Melodie der Liebe
Zärtlich und weiblich durch die Seelenkammern.

 

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