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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 194
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Ein Tiger auf der Shwe Dagon-Pagode

Eine Geschichte, die ich in der großen Shwe Dagon-Pagode hörte, störte mir meinen harmlosen europäischen Reisesinn. Sie war,
Als schlug man auf die Riegel von einem Buch, und ich sah darin der birmanischen Seelen Spiegel
Und fand dort eine Schrift mit blutigem Siegel.
Als ich vor einem Monat ankam in dem indischen Land, las ich in Bombay in dem Zeitungsblatte,
Daß man in Birma einen panischen Schrecken hatte.
Es fand sich morgens in der Shwe Dagon-Pagode am goldenen Dach ein mächtiger Tiger ein,
Der brach aus einem Palmendickicht schnell herein und sah mit heißen Hungeraugen den tiefentsetzten Betern nach.
Die Menschen flohen unter Schreien, und Herr allein in allem Göttergolde
Schien dieser Tiger, der nicht wich, für lange Zeit zu sein.
Niemand getraute sich mehr zur Pagode und in den goldenen Hof hinein.
Dort lag der Tiger unbeweglich am goldenen Dach. Um ihn die goldenen Funken spielten.
Und den Birmanen, die von weitem ihn im scheuen Aug' behielten, blieben die Knie schwach.
Sie wußten sich kein Raten aus den Nöten. Sie dürfen in den Tempeln niemand töten,
Und wenn sie's taten, müssen dann die Kühnen den Mord mit ihrem eigenen Leben sühnen;
Denn so nur wird der Tempelschrein von dem vergossenen Blute rein.
Nicht einer wollte Tempelmörder an diesem Tiger sein.
Und niemand konnte zur Pagode, wo alle Kerzen um die Götter niederbrannten;
Und ratlos draußen alle Mönche rannten und hätten gerne mit Gebeten den großen Tiger fortgetrieben,
Doch dieser ist am goldenen Dach geblieben.
Endlich hat man vier gute Schützen, englische Herren, zur Pagode um vieles Gold verschrieben.
Die kamen auch, und mit geruhigster Hand nahmen die vier den Tiger scharf aufs Korn,
Mit kühlstem europäischem Verstand drückten sie los, und rings die Freude der birmanischen Mönche schien unendlich groß,
Als man die Tigerkatze mit einem Todessatze vom Dache springen sah.
Reglos blieb sie in blutiger Lache, unschädlich und verendet, auf dem Platze.
Dies hatte ich in Bombay längst gelesen, und als ich jetzt in Birma in diesem goldenen Tempel selbst gewesen,
Erzählten Europäer mir: die Schützen, jene mutigen vier, die den Birmanen einst geholfen aus der Tigernot,
Die starben einer nach dem andern. Seit ein paar Tagen ist jetzt auch der letzte tot.
Und niemand konnte sagen, was ihre Krankheit war.
Sie starben sonderbar und rätselhaft
Und folgten sich in kurzer Frist, und keines Arztes Wissenschaft hatte zu ihrer Rettung Kraft.
Man sagte sich, birmanisch Gift hat hier geheimnisvoll die vier beiseit geschafft.
Damit nicht die Pagode an Wundertum verliert und sich nicht um den Ruf der Heiligkeit dann brächte,
Man insgeheim den Tempelmord des Tigers an den vier Jägern rächte.
Bei dem Gedank' an diesen Meucheltrank gewaltig die Begeisterung für Birma in mir untersank.
Ich tat das Land nicht unbefangen mehr betrachten, fürchtend, man kann hier stündlich
Harmlose Europäer im Namen seiner Götter schlachten.
Abgründig schien mir jeder zweite Schritt, als ging von jener Kobraschlange der Schatten
Neben mir, laut Rache fordernd, mit: der Kobra, die vor nicht so lange
In Agra eines Mungos Zähne für meine drei Rupien getötet hatten.

 

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