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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 193
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Die goldenen Gassen um die Shwe Dagon-Pagode

Hoch oben angekommen an dem Treppenende, fällt dir ein Goldgeblende ins Gesicht,
Und ein gewaltig Staunen nimmt dich führend an die Hände;
Denn wie vom Licht beweglich sind erleuchtet rings die Treppenwände,
Vom dämmerigen Treppenhaus hinaus in eine goldne Welt zieht dich erhellt, vom Gold beschienen, dein Leib,
Als leuchte schweres Goldgewicht mit seinem Licht dir tief in die geheimsten Mienen.
Und du verläßt rasch alle Tische der zierlichen Verkäuferinnen, blind angezogen von gewaltigen, goldgezackten Zinnen,
Die dich in goldenen Massen mit goldenen breiten Gassen wie goldene Arme um die Hüften fassen.
Gleichwie in einem goldenen, stämmigen Wald, wo sich im goldenen Herbst, im luftig blauen,
Die goldenen Lauben, goldenen Zweige und goldenen Kronen bauen,
Schauen auf dich massive goldene Kapellen
Mit goldenen Schnitzereien und goldenen Schwellen,
In goldenen Heeren hingestellt
Auf einem freien, großen Platz, im Nachmittag, im tropenschweren.
Du gehst durch diese helle Welt und wehrst und schließt und öffnest deine Augen,
Und immer mehr Gold fällt und fließt, wie Feuerwelle über Welle.
Goldströme stürzen her in goldenem Gefälle, als seien goldene Feuerwerke hochgeschossen,
Als hielten goldene Blumenketten dich eingeschlossen.
Hundert mal hundert goldene Pagoden stellen sich auf im Goldgewimmel,
In Helle heller als der grelle Tropenhimmel.
Sie drängen sich auf freiem Platz, als ob sie glänzend überm Boden hängen, in schwülen Weihrauchdüften schweben,
Im Golde wühlen und im Gold lebendig, vielhändig gleichwie goldene Scheiterhaufen leben.
Als kämst du hin zu einer aus Gold gewachsenen Stadt, und wach aus Gold ist jedes Haus,
Auf jedem Dach steht, wie ein lebend goldenes Gitter, mit zackigem, goldenem Blitzwerk ein Gewitter.
Zwergwagen und Zwergpferde, die aus Gold sich schnitzen, fahren durch goldenes Laubwerk auf die goldene Erde.
Goldene Bänder, goldene Litzen umschlingen goldene Götter auf den goldenen Sitzen,
Und goldene Berge, goldene Pflanzen im goldenen Strahlenwetter tanzen.
Du schließt die Augen, kannst das Gold nicht in die Augenblicke fassen,
Das Gold, das sich, als wollt' es spotten, über dein armes Dasein gießt,
Als wollt's dein Leben schon durch seine Nähe allein mit seinem Schein ausrotten.
Das Gold, es steht im Licht nicht still. Es will mit seiner Helle in heftigen Sprüngen von der Stelle
Und überstürzt sich wie der blanke Strudel von einer heißen Geisirquelle.
Als ob die Blitze dort in allen goldenen Gassen den Sonnenball fort aus dem Weltraum fraßen,
Satt leuchtet vor dir alles Gold der Erde und wurde hier zu goldenen Gelassen,
Die mit der goldenen Gebärde,
Wie in sich selber golden untertauchen
Und keinen Tag und keine Nacht und keine Tageszeiten mehr
Zum goldenen Weiterleuchten brauchen.
So wie ein leidenschaftlich Liebender, der ganz aus eigener Kraft aufgeht in seiner goldenen Leidenschaft,
In seinem tageshellen Glück nicht mehr dem Wechselglanz von Sonne, Mond und Sternen untersteht,
So lebt vor dir auf irdischem Boden der goldene Kranz der festlichen Pagoden,
Drehen die Goldspiralen ihrer Dächer wie Wirbelflammen, die steil aufrechtstehen,
Und sind wie umgestülpte goldene Riesenbecher.
Und all die goldenen Glockenbauten schauten hinauf zu einem goldenen Riesenbrocken,
Wie gelbe Küchlein um die gelbe Henne hocken.
Beinah erschrocken vor den neuen goldenen Massen, die neues Blitzwerk um dich streuen,
Hebst du den Blick, schwebst auf vom Boden über den goldenen Gassen.
Dein Aug' reicht kaum dahin, wo fern die goldene Spitze der mächtigsten aller Pagoden,
Der Shwe Dagon, im hohen Äther bleicht. Und deine Hand sich übers Auge streicht. Du legst den Kopf zurück in dein Genick
Und suchst das Ende der Pagodenspitze, die wie ein goldener gedrehter Strick
Dem goldenen Stiele einer Riesenbirne gleicht, und die vor goldenem Licht
Dir nicht ihr Ende in dem Äther reicht.
Inwendig sind die goldenen Pagoden nur Stein und Mauerwerke
Und sind nicht hohl und lassen keinen ein.
Sie stehen nur, von außen anzusehen in ihrer Pracht und goldenen Stärke,
Zur Andacht für die Beter da und deuten mit der goldenen Spitze
Hinauf zum blauen Reich der unsichtbaren Göttersitze.
Und um die Schar der kleinen Goldpagoden glänzt noch umher ein Meer von goldenen Schreinen,
Die hier, gleich feinen goldgeschnitzten Lauben, rund offen stehen und lassen goldene Gottgesichter,
Goldene Altäre, goldene Blumenvasen, züngelnde Kerzenlichter,
Dampfende Räucherstangen,
Gelbe seidene Bänder und rosige papierne Fahnen duftig sehen
Und stehen luftig, gleichwie goldene Altanen.
Der weite Platz, auf dem die Shwe Dagon-Pagode lebt, ist rund, ein Kreis.
Einzelne trockne grüne Palmyrapalmen ragen heiß, die sich wie Schatten in der Luft aufschlagen,
Und alles Gold lebt doppelt hell und toll mit seinen Träumen
Im Gegensatz zu diesen finsteren, schlangenhaften Bäumen,
Die beim Pagodenplatz, dem alle Glieder funkelnd starren,
Ihr Leben lang, gleichwie verhext, als Zuschauer beharren.
Auf einem Rundgang um die Shwe Dagon-Pagode wird deinem Fuß bei jedem Schritte bang.
Es liegen Hunde, friedlich schlafend, in goldener Gassen Mitte und rühren sich mit keinem Bein,
Und Hühner rennen in die goldenen Tempel aus und ein.
Truthähne, Pfauen wandern dir dicht vor deinen Füßen her
Und schauen, futterbittend voll Vertrauen, neugierig jedem ins Gesicht und weichen schwer,
Und Ziegen hüpfen meckernd kreuz und quer,
Und Katzen schlüpfen, wo die Mönche in gelben Mänteln liegen,
Und Mönche kauern an den goldenen Mauern und fächeln sich mit trockenen Palmenblättern Moskitos ab und Fliegen.
Und immer weiter gehst du an den Schreinen, und über dir der Abendhimmel, gefüllt gleichwie mit Edelsteinen,
Brennt um der Palmen dunkle Riesenstelzen und will sein Gold mit allen goldenen Tempeln zusammenschmelzen.
Ein Spiegelfechten auf den goldenen Dächern, ein Strahlenwälzen hell entsteht,
Feuer aufblitzend wie von Schüssen, als würfen sich die Affen hoch oben in den Palmenfächern mit goldenen Kokosnüssen;
Und lautlos manch birmanischer Beter in seinen Strohsandalen steht,
In dünner rosiger Seidenjacke, die sich im Abendhauch leicht bläht,
Und kniet vor einem Goldaltar. Tief sinkt er mit der Stirn zur Erde im Gebet
Und weckt ihn auf, den Gott, den er zu sprechen wünscht, und sagt ihm eifrig plaudernd seine Not.
Sich drängend an die Gottheit, sich mit beredten Worten an sie hängend, mit Händeklatschen und mit Schrei'n,
Läßt er erst ab mit seiner heftigen Sprache, flößt ihm der Gott den Glauben ein,
Daß er sich sicher annimmt seiner Sache.
Und schöne Frauen der Birmanen bringen Jasmin und Tuberosen, die sie weihen,
Und kommen an mit schlanken Fingern, Hand an Hand, in Reihen,
In klaren seidenen Jacken, lila, hellgelb, weiß, smaragden, grün, karmin,
Die sie, gleich einem kurzen Hemd, über die blanken Schultern ziehn.
Um ihre Beine ist ein Seidenrock so eng geschlagen,
Daß ihre Füße nur ganz kleine sanfte Schritte wagen.
Einfarbig ist die dünne Seide wie seidenes Papier; die schwarzen Haarfrisuren
Mit wenig Schmuck, doch kostbar und erlesen; es sind die kleinen schlanken Wesen
Wie Blumen, die sich auf graziösen Stengeln ranken.
Und alle leuchten in der goldenen Dämmerung in ihrer reinen Farbenseide,
Hinwandelnd lautlos auf den feinen Strohsandalen, weißgrün und rosa, gleichwie Lampen,
Die schimmernd in dem Abendgold erscheinen.
Und weiter irr' ich durch das Goldgewirr und höre auf das feine Klingen der Goldblechbäume,
Die von den Spitzen der Pagoden singen. Beweglich wie das Espenlaub und nie zu hemmen,
Klingeln in Herzform dünne goldene Blätter an dünnen goldenen Stämmen.
Nicht bloß nimmt 's Gold allein die Augen ein mit seiner Pracht,
Es geht dir auch ins Ohr hinein und lacht und singt wie 's Blut im Leib um die Pagoden Tag und Nacht.
In manche Seitengassen tret' ich ein, nirgends vom Gold und Prunk verlassen,
Und seh' hier von den Bergterrassen zur Stadt Rangoon hinab ins Palmenland hinein.
Die ferne Stadt lag lautlos weit verschollen, und keine Wogen rollen
Von Stadtgetrieb' herauf in des allmächtigen Goldes Schein.
Die Götter hier im Gold allein sein wollen, fühlen sich breit und machen vor der goldenen Einsamkeit
Den Menschen doppelt klein.
Ich wünschte mir die Liebste als Göttin her in einen goldnen Schrein,
Und gern wollt' ich dann Tag und Nacht der heftigste von allen Betern sein.
Durch lange Reihen Riesenglocken wanderte ich vorbei an Holzfiguren, menschengroßen,
Die waren in Glaskasten eingeschlossen; sie sahen auf mich lebend mit Juwelenaugen, aus denen niemals Tränen flossen.
Und einen Buddhariesen, alabasterweiß, fand ich auf Marmorfliesen unterm Himmel sitzen;
Die Augen blickten in das Goldgewimmel. Erstarrt von Gold und Heiligkeit, schienen sie in den Glanz vernarrt.
Und ich verstand, warum hier die Birmanen, wenn sie den Gott begrüßen,
Lautklatschend mit der Hand die Gottheit wecken müssen.
Das Starren unverwandt in diese Karren Gold rückt selbst die Götter außer Land,
Und Gold macht selbst den klugen Götterblick zum Narren. –
Fast war es dunkel überm Himmel, als ich den Rundgang um das Heiligtum beschloß.
Doch in dem goldenen Schoß der goldenen Gassen die Nacht das goldene Licht nicht unterbricht.
Am Boden vor mir ein paar Mönche saßen. Die lächelten gelassen hin auf ein Kind mit großem Wasserkopf,
Das unbedeckt auf einem kleinen Teppich lag, nackt ausgestreckt, und sein Händchen bettelnd reckt.
Und die Birmanen sahn erfreut das Kindlein an und nicht erschreckt.
Die kleine Mißgeburt mit ihrem Kopf, dem kürbisgroßen, hat grunzend tierische Laute ausgestoßen.
Viel Münzen rollten auf den Teppich unter Klingen von allen Leuten, die vorübergingen.
Man hat das Krüppelwesen, im Lande aufgelesen, nach der Geburt zum Tempel hergebracht.
Dort liegt es, von den Mönchen stets bewacht, auf einem Teppich Tag und Nacht,
Starrt in das Gold mit seinem Riesenkopf, als sei hier alle Pracht für seine Augen ganz allein erdacht.
Nie sah es einen anderen Tagesschein als den vom Gold, nie zieht die Lieb' in seinen unverständigen Kopf je ein,
Und bis zum Tod lebt dieses ärmste Herz, umhäuft von Gold, noch ärmer als ein Straßenstein. –
Als stieg' ich wie aus einer goldenen Wolke nieder durch Weihrauchnebel und durch Räucherduft zur Erdenluft,
Fand ich mich dann erstaunt, ernüchtert wieder am Fuß der roten Stiege bald,
Wo die zwei Greifen ohne Gruß da waren, die schon seit tausend Jahren
Den Aufgang hier bewachen zum goldenen Pagodenwald
Und all das Gold mit dem zeitlosen Lachen. –
Der Wagen stand bereit. Ich fuhr durchs Einerlei der Abendgärten zu der Stadt zurück an einem See vorbei.
Der ist ein leeres Spiegelstück, umgrenzt von einem Hügel, Nachtschwärze toter Palmenfächer,
Und drüber glänzt, gleichwie auf einer goldenen Kerze, ein letzter Funken noch von jenem mächtigen Pagodenbecher.
Dann nimmt das Marktgewühl den Wagen schwül auf seinen Boden auf,
Laternen, die vorüberjagen, und helle Fensterreihen, gleich Stellungen von Sternen,
Der Menschen Feilschen und Gerauf, davon die Erde bebt, werfen das Bild, das golden in meinem Hirn noch lebt.
Im Stadtstaub übern Hauf.

 

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