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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 188
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Erste Schritte in Birma

Daß wir in einer Ewigkeit wandern und leben ohne Frist und uns die Zeit nur als ein Spielzeug gegeben ist,
Mit dem wir spielen lang und breit, bald mit Klugheit, bald mit Torheit, und sollen auf kein Grab hinschielen, –
Das sprach in Birma der Tropenhimmel auf mich herab.
Der stand, wie das ewige Leben, heiß, selig und hell. Und klug aus dunklem Augenschlitz
Sah manch brauner Birmane mich auf der Straße an, flink wie der Blitz, ohn' Eile und doch schnell.
Birma, das Land der stillen Tatenlosen, wo die Palme ohne Willen hochgeschossen am Meere stand,
Wie ein Fackelstiel wehte, und der Himmel in Weißglut sich drüber blähte.
In dünne einfarbige Seide eingewickelt wie Puppentand fand ich die Menschen unter runden papiernen Sonnenschirmen am Strand,
Den Ärmsten in feinem seidenen Kleide; und sie gingen Hand in Hand, wie Kinder, die leise im Gehen singen,
Nicht nackt wie in Indien, nicht gepackt von wildester Askese.
Unter den gelben Sonnenschirmen zierlich gepflegte Menschen in den Straßen standen,
In weißer loser Seidenjacke mit rot und gelb und grünem Seidentuch, das sie als langen Rock sich um die Hüften wanden.
Und bei Birmane und Birmanin, bei Frau und Kind und Mann
Zeigt' kaum ein Unterschied in ihrer Kleidung die Trennung der Geschlechter an.
Ohne an Würde zu verlieren, kann hier sogar der Mann mit großem Kamm sein Haar am Haupte hoch frisieren
Und seinen Kopf, wie eine Dame, mit regenbogenfarbigem Seidenschale zieren.
So wenig eitel wie ein Rudel Rehe gehen die Menschen lautlos hier durchs Leben hin,
Geschmückt des schwarzen Haares Scheitel mit ein paar Blumensternen
Ziehen sie sacht zu goldenen Pagoden Tag und Nacht, um von den Göttern Lebensart zu lernen.
Gleichwie auf Seide gleiten die Schritte aller durch das Land, in aller Zeiten Mitte,
Als wollten sie nicht hasten und nicht streiten, hindämmern wie der Rauch der Morgen-, Mittag-, Abendfeuer,
Die sich verschleiert über der Wälder Dschungeln breiten.
Und nur ums Unsichtbare bauen sie ihre Welt, nicht um das Herz, das sich zum Herzen hält.
Die weißen und die goldenen Pagoden gleißen hoch über Menschenwohnungen, auf Berge hin in Glockenform gestellt.
Und die Figuren krauser Fabelwesen, der Greif, halb Vogel und halb Tier, die sitzen steif an Treppen hier und Stiegen,
Die an den Bergen lang hinauf wie Himmelsleitern liegen.
Wie eine goldene Glockenblume, die von dem blauen Himmelsstrauch sich auf die Erde biegt,
Steht aufgestülpt die goldene Stupa inmitten der Pagodenhöfe als breiter, goldener Bau.
Im tiefen Land, in grünen Palmenhainen, sind tausend Klöster, holzgeschnitzte, wo Mönche, arm, in lebenslanger Andacht bleiben,
In friedlichen Vereinen auf dürre Palmenblätter die rundgeritzte Letter von vielen Weisheitssprüchen schreiben;
Denn der Birmane gern zur Alterswende ein Kloster sich im Palmgelände baut, daß ihn sein Weib vertraut »Erbauer der Pagode« nennt
Und stolz auf ihn wie auf den heiligen Geist des Lebens schaut.
Unheimlich war für mich der Klosterfriede, der in dem Land noch wie ein Todesatem auch in den tiefsten Wäldern stand,
Das Leben sich aus Leere dichtend und ungelebt die Lebenslust vernichtend.
In langen Reihen siehst du jeden Morgen, in gelbe Tücher eingewickelt,
Die Mönche, einer hinterm andern, in Bettelprozessionen durch die Dörfer wandern;
Und jeder hält ein bronzenes Gefäß, und alle halten an vor irgendeinem Haus,
Gebete murmelnd schauen sie gerade aus, nur auf des Hauses Wände,
Und Frauen kommen aus den Hütten und schütten Reis und Früchte als Opfer in die Priesterhände.
Mit ihren glattgeschorenen, kahlen, trotzigen Köpfen gehen die jungen Mönche weiter dann
Und wandeln auf den nackten Zehen unter den Palmen fort mit vollen Schalen und schauen nicht einmal die Bäume an.
Gleich bronzenen Figuren sind sie anzusehen in den gelben Mantelfalten, die sie fest um ihren Körper halten,
Wenn sie, wie leblos wandelnd, leblos handelnd, hin unter den smaragdenen Urwaldblättern gehen.
Sie tragen ihre mächtigen Krüge des Abends und des Morgens schweigend fort, sind ohne Dankeswort und ohne Gruß,
Und immer ihre junge Lippe statt eigener Gedanken uralte Göttersprüche sagen muß.

 

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