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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 183
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der Jaintempel in Kalkutta

In den Kalkuttastraßen die Häuser wie die Kaufmannskisten, nützlich und nachlässig, im wüsten Durcheinander lagen,
Dort ist ein groß Gewander und auch ein großes Feilschen hier in allen Tagen.
Ich sah aus schlumpigen, nassen Palmengärten die ockergelben und zinnoberroten,
Die muschelpurpurnen und indigogeblauten Häuser an einer stinkenden und breiten Straße ragen,
Daneben Eisenbahngeleise, Kohlenstaub und Eisenwagen,
Als ob sich stündlich, stimmungslos, die Menschen das Leben wild gleich einem Raub hier um die Ohren schlagen.
Die Straße zu dem Jaintempel führte. Der lag in einer engen Gasse, wo man nichts Weihevolles spürte.
Beim Gartentor und hinter hoher Mauer erglänzte eine Spiegelmasse
Aus hunderttausend Spiegelstückchen. Ein Tempel, unecht wie zu flüchtiger Dauer.
Der Tempelgarten nur ein Blendwerk war. Er schien zuerst dir wunderbar,
Voll Statuen, voll Porzellan, voll Mosaik und Balustraden, Vasen, Teichen.
Doch auf den zweiten Blick sieht sich's als Scherbenhaufen an.
Die Wege, die zuerst begeistert laden, sind aus zerschlagenem Geschirr, aus Tellern, Tassen,
Und so die Wände, Treppen und Terrassen mit Spiegelsplitterwerk bekleistert,
Als ob hier Gassenkinderhände aus Kehrichthaufen wirr sich eine Tempelwelt entstehen lassen.
Und gleich den Plunderstücken, versammelt auf Auktionen, thronen hier gipsern Amoretten,
Quecksilberkugeln, gußeiserne Brücken; ein Kaufmannspomp, prahlsüchtig, dumm und unverlegen.
Der Spiegelscherben witziges Geflirr spukt billig auf den weißen Scherbenwegen.
Da kam mir eine Indierin, lustwandelnd an dem Karpfenteich, entgegen.
Sie schlug die Augen nicht vom Boden auf und trug sie feierlich durchs Tempelgartenreich,
Sie sah nur zu den roten Rosensträuchern, die noch vom Tropenregen voller Tropfen hingen,
Und ihre blumenruhigen Augen gingen von Strauch zu Strauch,
Als wär sie auf der Welt allein der Blumen wegen.
Auf einmal alle falschen Scherben an dieser Schönen wie echte Augen voll Bewunderung hingen:
Der ganze falsche Garten ließ sich gern von echter Schönheit echt bezwingen.
Könnten die Scherbenwege, dachte ich, die Liebste mir gleich diesem indischen Weibe hier entgegenbringen,
Mein Herz möchte zu Scherben schier vor Freude gern zerspringen.

 

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