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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 176
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Tibetanisches Tempelleben

An einem Abhang im Versteck stand ein tibetanischer Tempel aufgeschlagen.
Von weitem hörte ich einen surrenden Klang, und als ich mit meinem Wagen zum Eingang kam,
Waren davor zwei riesige Gebetsmühlen im Gang, zwei ockergelbe Zylinder wie Menschen lang;
Auf die waren die Gebete geschrieben, sie wurden wie Kreisel angetrieben.
Ein Knabe saß am Boden und zog an einem Strang, daß der hohe Zylinder sich brummend dreht.
Und stets, wenn die Gebetsmühle einmal herumgeht, eine kleine Glocke erklang.
Glockenlaut um Glockenlaut drang hinaus einförmig über den Bergabhang.
Der Tempel, ein einfach gekalktes Haus, schmucklos das Dach,
Sah wie eine offene Scheune aus.
Drinnen im Halbdunkel, am verräucherten Mauerwall, standen die Götter hinter Holzgittern,
Wie Tiere eingepfercht in einem schmutzigen Stall, alle, wie Zwerge klein, aus vergoldetem Holz,
Aber mit Gesichtern wie Gespenster voll Grausamkeit und Stolz.
Manch' Bild aus englischen Zeitschriften, manch' europäischer König und Offizier
Hing als Heiliger zwischen Kerzen, Öl und Wachsfett hier.
Alte Priester in senfgelben Kaftanen saßen am schmutzstarrenden Boden,
Aßen und kochten und rauchten und brauchten den Tempel wie eine Wirtschaft,
Und Wirt war hier der Einfalt Kraft.
Während sich draußen kalte Regennebel um Dach und Bergwände bauschten
Und Nebelwolken wie nasse Fahnen sich am Tempeleingang kaum bewegten,
Pflegten die Priester knurrend ihren Leib und achteten nur, daß sich die Gebetsmühlen surrend regten,
Und die Priesterknaben sich nicht zum Schlaf bei den Mühlen hinlegten.
Wie eine Zauberhöhle, unheimlich heimlich, sah der verrauchte und eingeschmauchte Tempel drinnen aus.
Lichtflämmlein bei Flämmlein saß vor manchem golddämmerigen Schrein,
Und die Lichtdochte schwammen im Tran und sahen sich an
Wie die schmatzenden Priester, versunken in ihr Fett allein.
Bier- und Schnapsflaschen standen ausgetrunken am Boden,
Und die Luft war gemütlich und gesellig, hier wo die Götter, im Schmutz, Schutz vor Kälte und Regengüssen boten.
Die schmauchenden kahlrasierten Priester plauderten mit Geflüster im Halbdüster,
Am Boden hockend und ihre Pfeifen rauchend.
Nie stockend schnurren die großen Mühlen. Manchmal spüren Zugwind und Nebel herein durch die offenen Türen,
Und draußen über den kühlen Berggründen erscheint und verschwindet die Himalajawelt in den Wolkenschlünden.
Die tibetanischen Priester sitzen wie die Zauberer im Tempel, im schwülen,
Sie brauchen nicht im Lebenshunger wie die Rikschamänner zu schwitzen,
Sie erhitzen nur sich und die Götter mit Essen und Trinken, Kerzen und Rauch,
Und sind unschuldig wie die Gebetsmühlen auch, die sich drehn und nichts fühlen;
Und die Priester falten die beiden Hände zufrieden über den sehnsuchtsleeren Bauch.

 

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