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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 166
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Fahrt nach dem Himalaja

Immer war überall eine lila Blüte in Indien im Februar zu sehen,
Die hing in dichter Schar, wie bläulich Haar, reich über manchem Haus.
Und Kapuzinerkresse hat, wie Feuer einer Esse, auf Dächern gelbrot aufgeloht,
Sonst stand das Land in silberigem Grün und silberigem Staub,
Gleichwie voll Asche grau nach einem Brand.
Einzelne Riesenbäume wehen mit ihren Kronen, die so groß, als könnten Dörfer drunter wohnen;
Wie große grüne Hügel stehen sie rund zerstreut auf meilenweiten Rasen,
Und stark die Luftwurzeln wie Stricke, fest gedreht, von ihren Ästen hingen,
Als ob die Zweige um den Stamm auf Stelzen gingen.
Eintönig flog mein Bahnzug immer vorbei an Rasenschimmer und an Bäumen.
Als ob der Zug die Wagen tagelang durch einen Herrschaftspark hintrug.
Zwei Tag' und Nacht um Nacht
Hab' ich bis hin zum Himalaja im Zug geschüttelt zugebracht.
Zeit, Staub und Wind und Eisenlärm, die machen blind und taub.
War wie in einer Ewigkeit begraben, wie ein Bergmann verschüttet in einem Schacht,
Und preisgegeben der Sehnsucht wilder Gedanken Macht.
Sehnsucht, die verrucht dich zurückzieht an deinen Haaren,
Während der Eisenbahnzug mit deinem Körper entflieht und dein Verstand das Reisen verflucht.
Frühmorgens am dritten Tag ich mich in Siliguri fand
Und suchte im Morgendunkel den Himalaja am Himmelsrand.
Aber da war nichts als Nebel bei Nebelwand
Und saftiges Tropenland voll Zuckerplantagen und Bananenpalmen, und feucht troff jeder Palmenstand.
Ich ahnte nur an der Nässe, die den Morgen beraute, daß sich ein Gebirge hinter den Nebeln staute;
Als aber der Nebel durch die Kaffeefelder strich, als ob der Boden unter den Palmen wich,
Hingen Silhouetten von Wäldern in der Luft, daß mich vor ihnen wie vor grünen Gespenstern graute.
Es war morgens sechs Uhr und vom Himalaja noch keine Spur, weder fern noch nah',
Wie ich auch meinen Hals reckte und schaute, kein Berg am Wege lag,
Überall nur Nebel voll Behag. Und man sagte, daß ich am Mittag
Schon siebentausend Fuß im Himalaja sein sollte,
Hinaufgezogen von einem kleinen Zug, der auf schmaler Spur wie eine Straßenbahn rollte.
Ich dachte, wenn mich kein Adler hintrug, brachte niemals ein Zug mich bis Mittag an den Himalaja heran,
Von dem man morgens keine Höhle und keinen Stein noch sehen kann.
Unsichtbar wie die Sehnsucht, so schaute mich der Himalajariese an.

 

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