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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 165
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Buddhafiguren

Der Buddha, der zu Gott geworden, steht bei dem Turm, wo jener Klosterorden war,
Steinern in einer Schar von Bildern hingestellt, so wie die indische Welt ihn wunderbar als Vorbild sich gewählt.
Ich will erzählen, wie ein jeder Breitegrad im indischen Land
Sich eine andere Stellung für den Gott nach seiner eigenen Betrachtung fand.
Im Norden Indiens, auf dem Himalaja, ist Buddha grausig an Gestalt,
Verwildert an Gewalt, so wie im Hochland Wolkenwand bei Wand
Gleich grausigen Masken grinsend vor den Bergen stand;
Und ist wie pralle Sinnlichkeit in einem Bauernstalle,
Mit einem Phallus als des Glückes Füllhorn in der Hand.
Aus Eisen und aus Bronzeguß fand ich den Buddha hoch am Himalaja im Tibetland,
Mit niederer Stirn, geduckt, so wie am Firn der Nebel Schar,
Tückisch, wie Hellung zwischen Schnee und Abgrund war. –
Südlicher, in Benares, ist der Buddha klar.
Ein nackter Mensch, sitzt er dort mit gekreuzten Beinen und mit gepflegtem Lockenhaar
Auf reinen Lotosblättern. Man stellt aus Silber gern ihn dar.
Er hebt die rechte Hand, so wie ein Lehrer, und lauschend knieen die Verehrer.
Er spricht vom leisen Seelensinn, und jeden zieht es zu dem Weisen
Wie zum Ernährer allen Geistes hin. –
Noch südlicher hält Buddha flach im Schoß die beiden Hände,
Denkt nicht mehr nach, lebt, wie ein Künstler, still beschaulich wach.
Er will nicht Antwort, keine Lehre geben. Vom Leben nur das Gute und das Schöne schart sich um ihn jetzt still vertraulich,
Dem Frieden ganz von selbst ergeben. –
Noch südlicher, in Burma dann bei goldenen Pagodenhallen,
Dort läßt der Buddha aus dem Schoß die rechte Hand ins Leere fallen.
Verzichtend auf des Lebens Lust und Schwere, entsank die rechte Hand ihm unbewußt.
Auch die Beschaulichkeit ihm nicht mehr lockend winkt. Er sehnte sich vom Dasein frei
Und sieht am Leben und am Sterben mit großen Augen teilnahmlos vorbei. –
Endlich am südlichsten, an des Äquators Rand, in Ceylon, liegt Buddha dort still ausgestreckt auf hohler Hand.
Sein Leben zum Nirwana schwand, wovon es nie mehr auf die Erde fand.
Er liegt aus Gold in goldenem Schlummer, gleichwie an eines goldenen Abgrunds Rand.
Und weder der burmesischen Entsagung Starrheit, noch indische Beschaulichkeit,
Noch indische Weisheit, und nichts von tibetanischer Geilheit,
Auch nichts von Himalajas Wolkenstreit in seinen goldenen Zügen stand.
Schlafend und auf das Leben nicht mehr bauend, schlafend und alles Leben wissend und es im Traum beschauend,
Ein Schlafender im Gras und nur dem Schlafe blind vertrauend,
Liegt dort der Gott aus Sandelholz, vergoldet, unter zartem Glas.
Er, der einst auf der Lotosblüte hoch über Wasser, Erde, Luft und Feuer saß,
Vergißt sich selbst jetzt stolz, schließt seine Augen und beraubt sich des Gesichts
Und wird im tiefen Schlaf zum All und Nichts. –
Ich reiste von der wilden Himalajawelt herab den Weg des Buddha
Bis Ceylon, wo das Tropenlicht die Sinne wach, die Seele schlafend hält.
Ich dachte immer auf dem Weg dem großen Geist des Buddha nach,
Der sich in Ceylons Zimmetwald zum ewigen Schlafe hingelegt,
Nachdem er alles Leben erst durchreist.
Er stieg herab vom Thron als indischer Königssohn, durch jede Zon' vom indischen Reich,
Wird weiser und dem Ärmsten gleich und ein vom Ich Befreiter und vom Tod.
Endlich in Ceylon, in dem Tropenparadies, einschlafend gar auf goldenem Vlies,
Glaubt er, daß er das Nichts und Alles war.
Und mit ihm glaubt's der halbe Erdenball nun schon manch Tausend Jahr.
Mir aber sagte laut mein Herz: Buddha, der aus dem Leben fort das Leben weist,
Kühl wie der Mond rund um die Erde reist,
Er kam dem Erdenherz nie ganz auf seinen Grund.
Er suchte stets das Glück für sich, nur für den einzelnen allein
Und schlief auch einsam ins Nirwana ein.
Doch nur die halbe Seligkeit ward seinem Geist und seinem Leib.
Er lebte bloß sich selbst zum Zeitvertreib; doch Glück lebt nur zu Zwein.
Nur beim geliebten Weib, nur in den Armen, die ans Herz dich binden,
Kannst du das wirkliche Nirwana finden.

 

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