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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 164
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Buddhas alter Wohnort Sarnath

Sarnath, das einst als Gott den Buddha hervorgebracht,
Ein Platz, wo eine Macht ausging, die fast die Seelen von dem halben Erdball
Gleichwie in einen einzigen Kopf einfing,
Vier Meilen draußen vor Benares liegt der Flecken.
Dort konnte Buddha seine Geisterwelt erwecken.
Dort hat, wie brütend über einem Ei, der Himmel hütend über seiner Stirn gelegen,
Eh' sich aus seinem Hirn die neuen Lehrgedanken frei bewegen.
Dort, wo zum erstenmal sein Mund der Welt die erste der Entsagungsreden hält,
War einst ein Kloster, jetzt verkrümelt ein Ruinenfeld,
Wo noch ein einziger Turm aufragt stumpf und verstümmelt.
Der ungeheuere Backsteinleib steht noch gewaltig hoch.
Doch einst war wie ein Spiegel blank sein Rumpf, belegt mit feuerblauem Stein,
Und Buddhabilder viele umgaben ihn mit goldenem Schein.
Ich fand nur Schaumgold angeklebt an manchem Quader.
Das bringen fernher pilgernd die Chinesen mit frommem Sinn
Und kleben es als Weihezeichen ihrer Frömmigkeit am Sockel unten hin.
Sonst liegt der Turm allzeit im Staub und grasbewachsen in Vergessenheit.
Ein Haufen Säulen ist des Buddhas Haus; Steinlöwen sehen aus dem Sande mit ihren Köpfen noch heraus.
Wo einst drei heilige Seen waren, sind nur der Steine rauhe Scharen.
Im einen See wusch Buddha sich vom Leib das Leid,
Im zweiten wusch er wie ein Weib den Eßtopf rein,
Dem dritten gab zum Waschen er sein Kleid. Sie alle schrumpften in die Erde ein,
Des Meisters Leib, der Topf, das Kleid, das Bad und auch des Meisters Hände,
Und nur das Leid dreht sich, gleichwie ein lebend Rad, noch heute auf der Erde ohne Ende. –
Als ich am Spättag dort an toter Schwelle sinnend vor Buddhas Wohnhaus stand
Und sah nach Westen in die Helle, stieg eine braune Wetterwand,
Und unterirdisch Dröhnen war im Boden. Ein Blitz flog gelb vom Zackenrand der Wolke.
Als fand der Gottmensch Buddha sich am Turm jetzt ein und sprach zu einem unsichtbaren Volke.
Der Blitz flog wie die große, helle Geste von seiner Hand durchs staubige, flache Land.
Und seine Stimme durch die Erde rollte, als ob er, deutend über die Ruinen,
Die Nichtigkeit des Lebens laut nochmals aufbrausend hier beweisen wollte.
Ich aber ging im Sand, gleichwie im sanften Mehl von dem Jahrtausend,
Und fand mich mitten in dem Sturmwind wohl, horchend zum Tropendonner hin, der hohl
Im Boden ging mit großen Schritten.
Indessen Buddhas Atemzug im Sturmstoß durch die Ebene schwoll,
Ließ meine Seele Indien los. War wie ein grüner Keim im Wald daheim,
Schuf sich aus Regenluft den heimischen Sommerabend:
Wenn spät ein Wetter labend überm Wald aufzog und unterm Blitz, der um die Köpfe flog,
Das Herz sich näher hin zum Herzen bog. Darin, daß Leidenschaft
Aufwächst in Angst und mit Gewitterskraft, darin
Schien mir, lag mehr als in der Leidenslehr' des Lebens frömmster Sinn.

 

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