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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 161
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Hanumantempel und Sündenpfuhl

Aus rotem Stein steht hoch der Schrein des Gottes Hanuman am Ufer.
Auf roten Treppen steigt man zu der Plattform an.
Rings um das Heiligtum sind kleine rote Bilderein.
In Bildern, wohlgelungen, zeigt der Tempel die Wollust, Männer mit Frauen, zweien und dreien, eng umschlungen,
Wie sie sich den Umarmungen der Liebe weihen.
Denn vierundsechzig Wollustarten haben die alten indischen Liebesbücher vom Mann zum Weib besungen.
Nicht weit vom Tempelstuhl des Hanuman, da ist der Sündenpfuhl,
Und sechsunddreißig Treppen führen im Viereck auf den Grund.
Dort liegt ein Wasserspiegel, pechfinster wie mit offenem Schlund.
Dort müssen sich die Pilger waschen, eh' sie im Ganges baden,
Abladen dürfen sie die Sünden dort, für die sie büßen.
Viel Opfergaben, Kuchen, Blätter, Sandelholz die Wasser hier seit tausend Jahren schon verschlungen haben.
Die Treppen starren von dem Schmutz der kranken Pilgerscharen.
Doch immer neue wanken hier heran und baden ihre Kranken und schleppen Sterbende hinein
Und schlürfen dieses schwarze Wasser gleich Honig gierig ein.
Denn dann erst dürfen sie zum Ganges eilen und an den Ufern alle Andachtwonnen
Beim Sonnenaufgang mit den andern teilen.
Noch viele Teiche in Benares sind, die so Gebrechen heilen.
Doch keiner spendet dir so reiche Gnaden, und keiner kann beim Baden dir ewige Erlösung geben
All deiner Sünden von dem ganzen Menschenleben.

 

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