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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 156
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der Affentempel

An einem Morgen kam ich hin zum Durgatempel draußen vor der Stadt,
Der einen zweiten Namen, der »Affentempel«, hat.
Der Durga opferte vor kurzem man noch Menschen dort, der Frau des Gottes Shiva.
Noch immerfort steht in dem Säulenheiligtum ihr Altar an dem gleichen Orte,
Und gelb von gelben Messingplatten, Messingbeschlägen glänzt die Pforte.
Dreimal am Tage rühren Priester die Trommel, ihrer Göttin zum Behag.
Und dumpf dröhnt Schlag um Schlag hier auf zwei Glocken,
Die vor der heiligen Tür wie schwarze erzene Hennen hocken.
Die Göttin braucht noch täglich Blut, und eine schwarze Ziege bringen des Morgens ihr die Priester opfernd hin
Und machen sich die wilde Göttin gut. Doch wenig auf der Götter Wut
Achten viel hundert Affen in dem Tempelhof. Sie sind wie freigelassene Gelüste von einer sinnlichen Gedankenbrut,
Und wohnen wie ein großes Volk im Heiligtum der Götterfrau,
Als wären sie die Seelen aller Menschenopfer, die allzeit hier geschlachtet wurden in dem Bau,
Und wurden alle nach dem Tode Affen und sind der Göttin Wildheit untertan
Und springen alle zähnefletschend zu Haufen aufgeregt heran.
Am Tempeleingang ist viel Volk, und keiner glaubt, es ist erst Tagesanfang.
Bei Trommeln und Gesang und Stimmgemeng stehn Leute und Verkäufer im Gedräng.
Zinnteller halten die Verkäufer hin, voll Mandeln und voll Nüsse,
Die wirft man, um den Heeren der Affen abzuwehren, den Tieren vor die Füße.
Ein Hof aus rotem Stein geht klein im Viereck um das Heiligtum,
Und auf vier Händen fliegen aus Mauerlöchern in des Hofes Wänden
Die Affen, die behenden, aus Mauergängen aus und ein, und ihre Zahl und ihre Brut, die scheinen nicht zu enden.
Es sind meist böse, gelbe Affen, blaurot vor Wut in dem Gesicht,
Sie hängen sich an deinen Weg, und sie begleiten dich ganz dicht,
Und jeder mit dir seine Sprache spricht.
Auf allen Seiten um das Heiligtum stehn groß und klein aus Stein die nassen Lingams, wie in Gassen,
Am Wege um den Tempelschrein. Ein indisch Weib kam da allein.
Sie schob den Schleier von den Hüften, nahm nackt auf einem Lingam Platz ohne Scham
Und lächelte still vor sich hin, und auch der kahlgeschorne Heidenpriester
Belächelte des unfruchtbaren Weibes tiefgläubigen Sinn.
Die Affen aber tanzten ohne Scham und liefen an die andern Lingam wild heran,
Und mancher übte seine Brunst daran
Das Weib, der Priester sahn es lächelnd, Gebete murmelnd, still mit an.
Dann, als sie beide meinten, das Lingam habe seinen Segen an ihrem Leib getan,
Bezahlte sie mit einem Silberstück den Priestermann und ging
Und sah noch einmal dankerfüllt zurück zu ihrem Lingamstein und kaufte für die Affen Futter ein.
Harmlos und lächelnd pflegen hier die Priester noch tausendjährigen Brauch,
Den Lingamsegen, und hundert Affen tun dasselbe auch.
Es halten alle gleichen Schritt auf dieser Welt, der eine reißt den andern mit in der Bewegung,
Weil Aller sinnliche Erregung die Welt und ihre Fruchtbarkeit im Gange hält.

 

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