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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 155
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Tempel der Kühe

Durch eine schmale Pforte in der Gasse trat ich zum Tempel ein der heiligen, weißen Kühe.
Mit Mühe nur gelangt ein Fremder hier hinein und darf auf einem schmalen Stein im Hofe drinnen nur drei Schritte tun.
Und deine Augen dürfen kaum auf jenen Kühen in ihren weißen Marmorställen ruhn.
Festlich, wie nur für Kaiserinnen, war dieser weiße Marmorhof von innen.
Die weißen Kühe an den weißen Marmorkrippen stehen. Nackte Asketen, lautlos und barfuß,
Gehen und füttern alle Tiere hier unter Plaudern und Gebeten.
Und Künstlerhände haben an Wände, Pfosten, Decken aus Marmor Lotosblumen und Ranken schön geschnitzt,
Und jede Kuh geht frei, wie ihr behagt, und lebt hier lang und hoch betagt.
Und würdevoll kaut sie am Marmortrog und hat nicht eine Stunde, wo sie klagt.
Um sie sind Säulen zart gebaut. Es ist ein Heiligtum im Hof,
Wo zwischen Gold und Kerzen ein Marmorbuddha, friedlich wie die Kuh, den weißen Stall mit ewiger Ruh' beschaut.
Auch eine weiße Taubenschar fliegt ab und zu, und über jedem Trog ist eine Nische für ein Taubenpaar.
Schneeweißer Friede über weißen Kühen und über Mist und Marmor war.
Nur an dem Brunnenrohr die Messingpumpen laut sich senken und Wasserstrahlen rauschen, an denen die Asketen Eimer schwenken, das Vieh zu tränken.
Und andere an Rosenketten beten und sitzen still und denken, und Kuh um Kuh hebt ihr durchsichtig Ohr, und alle Kühe lauschen, als ob sie mit den Betern Zeichen tauschen,
Nur manches Auge der Asketen voll Ingrimm stand, wie aufgezehrt vom leeren Brand,
Und wie verheert ging diese Schar einher mit Asche über Leib und Haar.
Sie schleppten ihre dürftige Pilgertasche und haben grünes Futter zu den Kühen hingebracht,
Trugen als Schmuck nur Strick und Blütenkette, waren wie nackte lebende Skelette,
Als hätten aufgeregte Tänze sie wirr und dürr gemacht.
Es grinst ihr Auge in den Falten der Gesichter, und ihre Blicke wie die Geißeln schallten.
Sie gehen selig von dem ewigen Hunger, gleichwie in einer unsichtbaren Tracht.
Ihr Leib nur von der Leere lebt, ihr Lächeln in die Leere lacht.
Ihr Blick hat mit Gelunger ihr eigenes Herz im Leib verklagt.
Sie leben fort und leben dort, wo nicht einmal der Tod zu leben wagt.
Ich hätte hier als heilige Kuh mir alles Futter gern versagt,
Reichten mir diese Hände, ohne Ruh, täglich und stündlich jeden Bissen zu.

 

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