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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 152
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der goldene Tempel und der Asket

Der goldene Tempel nah dem Marktgewühl hielt mich an einem Morgen auf.
Ich kam aus breiten Straßen mit Basaren in enge Gassen feucht und kühl.
Dein europäischer Geist und dein Gefühl gehen dort, Stück um Stück, wie um Jahrhunderte zurück,
Wenn du vom goldenen Kalb bei Moses mal gelesen,
Und auch vom Baal, so stehst du plötzlich jetzt in jener Zeit,
Stehst dort mit deinen Stiefeln und lebst die Gegenwart in der Vergangenheit,
Und so genarrt, liegst du mit dir im Streit.
Blutrot sitzt vor mir unter einer Halle ein mächtiger Stier, aus Stein und alt archaisch in der Form.
Es schien die wulstige Gestalt wie aus der Urzeit unbeholfen und wie aus Blut geballt.
Wie stumpf von Blut und Opfern trunken, lag dieser Stier im Schlaf auf seinen Knien,
In frischen Blütenketten, Weihrauch und gelb und weißen Blumenblättern dumpf versunken.
Sein Scharlach spiegelte in einem schwarzen Wasser. Voll blasser Blüten schwamm der Tintenteich.
Der war, in eckigem Steingestell, der heiligen Erkenntnis Quell.
Die goldenen Stufen zu dem goldenen Tempel, die lagen nah daneben,
Und hoch von Mauern war der kleine, feuchte Platz umgeben, wie eingesargt in Helligkeit, fern aller Zeit.
Auf einem Stachelbrett, auf einer Steinterrasse, lag auf derselben Straße ein Asket.
Das Brett besteckt mit Eisenstacheln, und jeder Stachel höher als ein Fuß. Darauf lag unbedeckt,
Sich selber zum Genuß, der nackte Mann auf diesem Folterbrett seit Jahren ausgestreckt,
Mit Ruß und Asche eingerieben, und rings das Volk schien göttlich ihn zu lieben;
Als würden hier durch seine Leiden die Sünden anderer verziehen und vertrieben.
Sein Bart wuchs ihm bis zu den Knieen, grau in Mähnen,
Sein Haupthaar war mit gelben Wollensträhnen wirr durchflochten; sein Blick war irr und wild.
Ein gelber Blütenkranz um seinen Kopf und weiße Kränze an der Brust, gleichwie an einem toten Götterbild.
Bekleidet war er nur mit dicken Stricken um die Lenden.
Wahnsinn war schon in seinem Blick, und unter seiner aschengrauen Stirn
Augäpfel wie auf Stiften staken, wie Augen eines Hummers vorgestreckt aus seinem Hirn.
Sein Leib war mächtig, prächtig im Muskelspiel, und konnte gern gefallen jedem Weib.
Andächtig hielt der Mann ein ungeheuer Buch in seinen Händen.
Er las darin, als ob die Augen Erlösung von den Körperschmerzen bei heiligen Sätzen dort im Buche fänden.
Und er gefiel sich, totenstill auf allen Stacheln dazuliegen,
Und seine Finger regten leicht sich nur im Spiel mit seinen Blumenketten,
Und hätten besser einem Weib sich hingereicht, und seine Schenkel, die sich auf den Stacheln biegen,
Täten wohl freudiger zum Zeitvertreib ein Weib im Schoße wiegen.
Gar lächerlich schien mir, sich selbst zu strafen und selig auf den Eisenstacheln freiwillig öffentlich zu schlafen.
Hat doch die Liebe, läßt du sie ins Herz von Grund aus ein, mehr Seligkeit und auch mehr Höllenpein
Und bohrt mehr Stacheln dir ins Fleisch hinein als jedes Eisenbrett vom mutigsten Asket.
Wer aber seinen Leib mit Eisennägeln nur durchsticht und hat den Mut zu einem Weibe nicht,
Der tut von allen Feigen am meisten feig sich zeigen.
Nur wer der Wollust in die Arme geht und Leib an Leib mit einem Weib zu lieben und zu leiden recht versteht,
Der ist auf dieser Welt der einzig wirkliche und gottgefälligste Asket.

 

Es fanden sich am gleichen Platz, bei dem Asket und bei dem Stier, noch andere Götterbilder aufgestellt,
Und alle standen hier vom Rötelrot erhellt. Wie eine Fleischerbank von rotem Blute schier,
So leuchten auf dem Platz bei feuchten Steinen
Die Quellen Buddhas und auch Elefantengötter auf den granitnen Tischen und rings in hundert Nischen.
Darüber tagt hellblau der Morgenhimmel und stand ein grüner Baum bei einer Mauerwand,
Und mitten dort, erhöht auf nassen Pflasterplatten, stand in dem Morgenschatten,
Wie einst das goldene Kalb, der heilige Ochse feuerrot am dunklen Quellenrand.
Die Luft war unsichtbar durchloht von teuren Spezerein und Blütensäuren.
Verkäufer hielten, wie mit Gold gefüllt, dir Körbe hin; purpurn und golden lagen Blumen drin,
Doch keine zeigte mehr der Freude Sinn.
Sie lagen feierlich, wie unverwelkbar und wie gepflückt seit tausend Jahr.
Die Indier tragen festlich sie beim Beten, gleich Tropfen aus den Wunden des Asketen,
Nur Blüten ohne Grün und ohne Stiele, gereiht zu roten und zu goldnen Ketten.
Mehr als vom Blumenduft und von dem Weihrauchdunst,
War hier die Luft von großer Wollust der großen Leiden angefüllt, gleichwie ein Wald voll Frühjahrsbrunst.
Und alle, die hier gingen, die haben unbewußt genossen,
Und jeder Seel', in ihren Leib gehüllt, ist hier die Lust am Leben, erst recht in Nähe der Asketen,
Wie schäumend in den Kopf geschossen.
Doch hätte einer laut davon gesprochen, es hätte die Asketen wohl verdrossen,
Und nur der rote Stier aus Stein lag still und gut, allein aufrichtig lustverdächtig hier.

 

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