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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 149
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Auf der Gangesbrücke

Mein Zug kurz vor Benares abends kam
Zur Eisengitterbrücke, die den Strom im Sprung breit nahm.
Die Nacht lag draußen wie ein Silbersaal, der hing hoch überm Gangestal.
Durch einen Zufall ging mit einemmal im Zug das Glühlicht aus,
Die Köpfe aller Reisenden sahn schnell erschrocken in die Nacht hinaus.
Der Zug lief auf der dunklen Gitterbrücke, unten lag breit,
Wie weites Feld aus Eis und Schnee, der heilige Strom, vom Mond beschneit.
Er zog zum Horizont, im Himmel mündend wie in einem See.
Das Wasser schien aus eigener Kraft zu leuchten, gleichwie aus Milch und weißem Blütensaft.
Im Ganges kam der Mond wie eine weiße Lotosblüte angeschwommen.
Nun, schien mir, war ich erst im echten Indien angekommen.
Die Dschungelufer unterm Nebel lagen, ich fühlte mich im Zug auf hoher Brücke
Gleich einer Mücke, die ein Elefant hin übern Strom getragen.
Uralte Göttersagen sangen vor meinem Ohr,
Und alle guten Götter kamen im Mond hervor zum Gangesgreis gegangen.
Mir war, als hörte ich aus Vedabüchern Namen und Echos aus der Weisheit Dom.
Sehnsucht, die immer reist, blieb einen Augenblick hier fromm gefangen
Und atmete den hehren Geist vom heiligen Strom.

 

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