Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 147
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
Schließen

Navigation:

In Lucknow

Ich fuhr am Morgen weiter nach Lucknow auf der ewigen Schienen Spur,
Und indischer Staub und indischer blauer Himmel, die blieben mir Begleiter.
In Lucknow waren große Jahresfeste, der Schluß der muselmännischen Fastenzeit und Lucknows Polorennen,
Das jeder Europäer, der hier in Indien wohnt, besuchen muß.
Sie alle jetzt nach Lucknow reisten. Auch Reisegruppen, die die Welt umkreisten, traf ich hier an.
Die sagten dann, sie hätten schon Amerika, Japan, China und Indien abgetan.
Sie kamen umgekehrt als ich den Weg zu Schiff und Bahn.
In ein paar Wochen schon sah'n sie Europas Küste.
Das weckte mir Gelüste, umzukehren und mich ums Reisen länger nicht zu scheren.
Wenn ich mich vor der Liebsten als Mann nicht schämen müßte, so hätte ich's getan.
Gar endlos sah der Weg sich noch durch vier gewaltige Meere vor meinen Augen und vor meiner Sehnsucht an.
Ich hörte auch von einem Mann, der da mit anderen reiste, der fünfundzwanzigmal schon um die Erde kreiste.
Ich glaub', er sah sich schon gar nicht mehr um und reiste mit geschlossenen Augen,
Gleichwie im Traum, rund um den Globus wie der Mond herum.
Die Fastenzeit in Lucknow schien nicht schwer gewesen, denn alle sagten mir, man fastet dort am Tag.
Doch durfte man von abends sechs die Nacht hindurch bis morgens sechs von allen Speisen essen.
Die Muselmänner durften endlich von dieser Anstrengung jetzt rasten.
Mir aber schien das Weiterreisen und meine Sehnsucht Tag und Nacht wie ein unendlich rastlos Fasten.
In Lucknow fuhr ich hin zu einem Fest zu den Moscheen.
Dort hab' ich hunderttausend Menschen betend in Festtagskleidern, wie weiß' und bunte Kissen,
Gekrümmt am Boden liegen sehen.
Unter den Bäumen, unterm freien Himmel ist das Gebet der Menschenmenge mit dem Gesicht nach Mekka hin geschehen,
Und danach mußt' ich sehen, wie alle hunderttausend in ihren weißen Kleidern, wie Schnee und Blumen, schnell aufstehen.
Sie alle küssen und umarmen sich und legten fort das Fasten und das Büßen
Und teilten Lächeln aus und Händedruck und manches frohe Wort.
Nur ich stand in Gedanken unter Bäumen, einsam, wie nur die Leprakranken,
Und ließ die Frohen, wie ein Spuk, vorübergehen.

 

 << Kapitel 146  Kapitel 148 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.