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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 144
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Das Wunder des toten Heiligen

Ich schritt durchs große rote Kuppeltor in eine mächtige Moschee hinein
Und suchte, wie zuvor, die Menschen dieser Stadt.
Gar wunderbar aus rotem Stein, stiegen hier Wände in dem Hof empor.
Des Marmors weißer Schnee liegt da in großen Platten im Hofe ausgebreitet, gleichwie ein heller See.
Ein Heiliger mit seinem Grabe ist diesem Ort hier immerfort noch treu geblieben
Und hat noch heut zum Wundertun die Gabe. Sein letzter Priester saß dort an der Grabkapelle.
Er kam im weißen Kleid heran und zog mir über meine Stiefel vorsichtig Strohpantoffeln an,
Eh' ich die einzige bewohnte Schwelle der Stadt betrat.
Ein Sarkophag stand in des Grabes Mitten und Spiegelwerk an allen Wänden, aus Spiegelmosaik geschnitten.
Der Priester mir ein kleines Endchen Strick dann gab. Er schnitt's von einem Knäuel in seiner Tasche ab.
Wer einen Knaben in der Ehe wünscht, wird ihn zu Haus' bald finden,
Braucht nur ein Endchen Strick zu einem Knoten am Gitter hinterm Sarkophag des Heiligen hier anzubinden.
Tausend mal tausend Endchen Strick, wie graue Bündel Haar, hingen als Knoten schon,
Von denen jeder kleine Strick dem Geber einen Knaben bald gebar.
Von Knoten dick verfilzt das ganze Gitter war.
Totstill stand die Moschee, ich seh' sie noch im Mittagslicht mit ihrem Marmorhof,
Gleich einem weiten Feld aus Schnee, tot, aller Freude bar,
Und nur ein Heiliger allein bei seiner Arbeit war.
Nachdenken gab mir dieses Grab, weil hier ein Toter, der die Welt geliebt,
Mit seiner Liebe einer toten Stadt noch Leben gibt.

 

Ich stand noch, eh' ich hier von allen Wundern aus Fatehpur fort fand,
An breiter, freier Treppe der hochgelegenen Moschee und sah ins weite silberige Land,
Wo nichts sich mehr bewegte und nur verdorrter Staub sich regte.
Hier alle Tage hielt ein ewig blauer Himmel dir sein Gesicht licht ohne Laune hin,
Wie ein unendlich guter Heiliger mit großem Ziel, mit Arbeitssinn und Freude an der Menschen Spiel.
Ich kam am Abend, ehe die erste Spur des Monds auf Agra fiel, zurück von Fatehpur
Und dachte, als ich sausend hinfuhr in dem Motor: wo Sehnsucht ist, gehn Wunder vor.
Der Geist des Auto, der wie ein Heiliger den Indier mit der Stirn zu Boden fallen heißt,
Beweist, daß jedes Land sich Wunder schafft: Europa durch Verstand und Indien durch die Liebeskraft.

 

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