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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 141
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Fatehpur Sikri

Im Automobil

Fatehpur Sikri, die gestorbene Stadt, hatte ich mir eines Morgens von Agra her als Ausflugsziel gesetzt.
Und sausend im Automobil, als ob mich eine abgeschossene Granate trug,
Bin ich vier Stunden wie im Götterflug auf einer schnurgeraden grünen Straße,
Vorbei an Hindudörfern, Zebuherden, wildentsetzt durchs indische Land gehetzt.
Des Großmoguls viel hundert Jahre alte breite Straße
Steht als gerade Zeile in Meile zweiundzwanzigmal bei Meile,
Als grüner Baumgang lang ohn' End' und ohne Anfang.
Die Riesentamarindenstämme werden wie Wände bei der schnellen Fahrt.
Hart Baum bei Baum, stehn sie wie hohe Dämme, als würden alle Bäume mitgetragen.
Und in den Äckern am Gelände die Hirten vor mir auf der Stirne lagen
Und haben vor dem Motorwagen anbetend ihre Hände vor die Brust geschlagen,
Als flog ein Gott durch ihr Gehirn, als wär' der Wagen voll Gewalt,
Von einem Gott die sausende Gestalt in europäischer Inkarnation,
Buddha auf einem Eisenthron.
Laut summend hören alle Karawanen, die in dem Baumgang eilen, aus Meilen einen Ton,
Und jeder schaut dann eine Wolke schon. Die ist durch Meilen gleich davon.
Von allen, die auf ewiger Straße wandern, schaut einer dann den andern an, im Staub ergraut.
Mensch und Kamel, Zebra und Büffel, Affen, Elefanten
Erkannten in der Wolke nur einen Kopf mit Gläseraugen, blitzschnell entrückt,
Und alle Hindus liegen lange noch auf gleicher Stell' und lächeln hell, wie in dem Gott verzückt.
Nachdem ihm manches Eichhorn, tief im Schreck und wie erstarrt Tod suchend, in die Räder lief,
Stand das Automobil nach den vier Stunden Fahrt auf sandigem Hügel still.
Dort hab' ich eine tote Stadt gefunden, mit prächtigen Straßen, vielgewunden,
Die haben durch Paläste jeden gehen lassen.
Dein Fuß in dieser Stadt von Schloß zu Schloß hier trat,
Und niemand als das Mittagslicht hielt ungebunden in leeren Höfen und Terrassen Feste.
Doch sind hier nicht verlassen wilde Reste. All die Moscheen, Kuppeln, Türme sehen
Mit ihren roten Sandsteinzinnen auch drinnen in den Höfen neugebaut noch aus,
Als geben hunderttausend Menschen mit jedem Windzug über Markt und Plätzen stündlich hinein, heraus.
Unsichtbar dicht bewohnt scheint Haus um Haus.
Und doch mußt du hier einsam gehen, von allen Menschen ungesehen.
Niemals in all der Zeit ist dieser Stadt ein kriegerisches Leid geschehen,
Und doch, vor Hunderten von Jahren sind alle Menschen fortgezogen an einem Tag aus diesem Ort.
Wie Bienenvölker, welche ausgeflogen; und gleich dem Bienenstock leerten sich Häuser Block um Block.
Doch unversehrt steht heute noch jeder Steine Stock.
Und keine Menschen, Stein bei Stein hat hier die Sonne nur allein zu wärmen.
Der Durst war hier die größte aller Sorgen, das Wasser ging der Stadt an einem Morgen in allen Brunnen ein.
Ein Geist, der ewig um die Erde mit seinem Hunger reist, der Durst,
Kam zu den Toren in die Stadt herein, hat jeglichen Palast umkreist,
Hat alle Menschen auf den Dächern und den Türmen und in Moscheen mit dürren, heißen Händen angefaßt,
Und eine ganze Stadt samt ihrem König floh vor diesem einen stummen Gast.

 

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