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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 139
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Der blutende Thron

Im Fort von Agra, an der Empor' der größten Schloßterrasse,
Steht, schwarz aus Marmor, eine Platte auf vier Füßen.
Um auf den Tigerhof zu sehen, der Fürst den Ehrensitz dort hatte,
Wenn Elefant und Tiger sich Aug' um Aug' im Kampfe drehen.
Beim letztenmal, als schon der Staub und Dampf die Kämpfer hüllte
Und aus der Wolke unsichtbar das Kampfpaar brüllte,
Erfüllte sich ein alter Spruch aus einem Sagenbuch:
Die eine Ecke von der Marmorplatte sprang ab mit dumpfem Klang,
Als ob sich aus der Luft herab ein Eisenhammer schwang.
Zugleich drang rot aus schwarzem Stein von Blut ein Strahl, als blutete der Thron sichtbar vor Qual.
Der Fürst befahl, den Kampf im Hofe einzustellen, und fragte seine Magierleute,
Warum der Thron zerbrochen, und was das Blut bedeute.
Kaum hat sein Mund gesprochen, die ganze Stadt entsetzt aufklagte:
Es ist der Feind zur Stadt hereingebrochen! Und Englands donnerndes Kanonenfeuer laut Antwort sagte.
Eh' dann der Morgen tagte, jagte der englische Soldat den letzten Großmogul von seinem Stuhl.
Der Marmorthron hat schon geblutet, eh' noch dem Fürst vor Schmach das Herz zerbrach.
Es sind die Menschen und die Dinge gern ein Herz.
Und wo die Liebe zwei verbindet, gleichwie mit einem Ringe,
Da ist ein Blutlauf zwischen Mensch und Stein,
Und beide in dem Bunde geben in einer Unglücksstunde die Seelen auf.

 

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