Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 136
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
Schließen

Navigation:

Das Fort von Agra

Das Schloß

Groß sieht das Fort von Agra zur Stadt hinaus, ins Flußtal hin zum Ufersand.
An allen Fenstern fand dein Auge den Taj Mahal, weiß wie ein Wolkenball.
Einst lag der Fürst hier in dem Pavillon und starb auf hellem, luftigem Balkon.
Vom Taj Mahal, dem Grab der vielgeliebten Fürstenfrau, wich nicht sein Auge mehr,
Nicht Tag, nicht Nacht, bis den Fürst der Tod zum Taj Mahal gebracht.
Einst wollte er, es sollt' für ihn ein eigenes Grabdenkmal entstehen, ein gleicher Bau am Ufer gegenüber.
Die beiden weißen Schlösser würden bei Tag und Mondnacht dann im Wasser sich besehen,
Und eine goldene Hängebrücke sollte von Grab zu Grab von einem Ufer zu dem andern gehen.
Doch nur zum Grundriß hat's der Bau gebracht,
Dann hat dem Lebenden die vielgeliebte Tote die Augen zugemacht.
Sie schnitt die Pläne ab und nahm den Liebsten auf ins gleiche Grab.
Sein Sarg nicht überm Fluß jetzt steht, sondern der Liebsten nah', im Taj Mahal, wie Bett an Bett.
Kein Fenster, keine Tür zum Schließen, nur Steine sind in diesem Schloß, nur Marmorfliesen,
Nur Alabasterplatten mit weißem, mattem Licht, mit schneeig blauen Schatten.
Statt Hausrat sind zur Zier nur Marmorschnitzereien,
Statt Fensterscheiben schön gerankte Gitter aus Alabaster weiß,
Noch weißer als das weiße Marmorpflaster.
Kein Stuhl, kein Schrank und keine Tische,
Nur in die Wände schnitt man Nische dicht bei Nische,
Zum Aufbewahren von Juwelen und manchem Edelstein.
Und nur den Frauenhänden ist's möglich, dort zu stehlen,
Denn keine größere Hand als die von einer Frau kann in die Nischenöffnungen hinein.
Aus Marmor hangen von den Decken in allen Säulengängen viel helle Lotosblüten
Und drangen schwer hervor und strecken sich in dichten Kelchen, großen,
Als ist der Marmor hier in Blütenblättern aus allen Wänden vorgeschossen.
Und durch die Alabasterranken der weißen Fenstergitter
Gehen Gedanken frei und ohne Schranken hier aus und ein mit Luft und Sonne und Gewitter.
Würde ein Gott aus weißen Wolken sich Zimmer formen und erhärten,
Sie hätten alle diesen Schimmer der steingehauenen Lotosgärten.
Festliche Klarheit hier in allen Sälen steht,
Als ob ein Geist, hell, ohne Sehnsuchtslast, durchs Licht verliebter Augen geht.

 

 << Kapitel 135  Kapitel 137 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.