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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 121
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Schrein Nizamuddin

Die Meilen schleppen weiter sich im weißen Staub. Dann gleißen weiße Kuppeln von einem Tempelgrab am Wege,
Und Treppen sehen zu einem Teich hinab. Der liegt versumpft und grün.
Kühn springen dort von einem Kuppeldach aus Stein, gleichwie von einem Stege,
Indische Burschen zum Vergnügen von Turmeshöhe in das Bad hinein. –
Man sagt, daß hier ein Heiliger den Tempel mauern ließ,
Doch da der König alle Arbeitsleute am Tag zum Festungsbau hingehen hieß,
Nahm sich die Leute der heilige Mann bei Nacht zur Arbeit an.
Der König, den des Heiligen Werk nicht freute, hat ein Gesetz gemacht und das Verbot,
Daß man zur Nachtarbeit kein Öl verkaufe, und hat den Weiterbau dadurch bedroht.
Der Heilige jedoch, er hilft sich schnell, verwandelt auf der Stell' in lauter Öl das Wasser in dem Tempelteich.
Mächtiger als des Königs Wort erzeigte sich darnach der heilige Ort, denn in dem Öle badete dort arm und reich.
Beim Teiche liegt auf Marmorsäulen das Grabhaus für den Heiligen noch heut'.
Ich sah auf gelber Seidendecke, auf seinem Alabastersarkophag, viel frische Rosenblätter hingestreut.
In einem schneeigen Marmorhof mit künstlich feingeschnitzten Alabastergittern
Stand auch das Grab von seinem Freunde dicht dabei.
Den nannte heute noch des Grabes goldene Schrift den »zungensüßen Papagei«.
Wahrscheinlich sprach der Freund dem Heiligen manch Weisheitswort begeistert nach,
Da sich sehr schwer die Zunge meistert, wohnen befreundete Gedanken zusammen unter einem Dach.

 

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