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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 116
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Palast des Großmoguls

Die roten Bauten Delhis wurden, wenn sie ins Tageslicht hinschauten, nicht weiß.
Wie schmiedeheiß und wie mit jedem Glied voll Glut ruht Delhis Mauerwerk blutrot am blauen Himmelskreis.
Mit roter Steine Schar schauen der Großmogulpalast und die Moschee Kimar
Mit roten Türmen und mit roten Treppen zum Blauen.
Wie Fleischerwaren rot, zur Schau, hing von dem Ätherblau der Großmogule Riesenbau.
Durch Festungszinnen, Festungstore, durch eine Last von Mauern von der Welt getrennt,
Steht drinnen der Palast, massiv, als sollte er den Himmel überdauern,
Hallen, wie in ein rotes Bergwerk eingepaßt, die lassen Schritt und Stimme von ihren Platten schallen.
Ich trat in einen Rosengarten ein, der sieht zu einem Flußbett hin; im Garten drin, gleichwie ein Hain aus Edelstein, lag hell der Marmorsaal der Sultanin.
Mit vielem Fleiße von den Händen der Juweliere ausgeschmückt, sind mit dem Meißel an den Wänden
Verschlungen Blütenreiser und Vasen, Ranken eingedrückt. Topase, Jaspis und Türkise sprießen
Hier als Juwelenblumen an den Marmorfliesen.
Als fänden königlich sich hier Gedanken und ließen sich als Edelsteine an allen Wänden fassen,
Wo Königinnen einst vor diesen Marmorranken saßen.
Man mußte sich am hellen Tag besinnen, ob hier der Großmogule Welt mit roten Zinnen
In Wirklichkeit noch auf der Erde lag.
Wie Zelt bei Zelt so weiß und wie ein Seidenschal so reich durchwirkt, lag Saal bei Saal aus Stein,
Und eingeschnitten mit den Zweigen aus Juwelen strahlt in den Sälen der Juwelenhain.
Ich bin durch diesen weißen Marmorgarten inmitten von den blauen, roten, grünen Scheinen
Zwischen den Vögeln und den Blumen aus Edelsteinen hingeschritten.
Zwar taten englische Soldaten die besten Steine stehlen,
Gar manche Blüten fehlen, die hatten Diebe sich gepflückt,
Und statt der echten waren in den Sälen die Wände mit manch' schlechten, gefälschten Steinen täuschend bunt geschmückt.
Vom weißen Marmorlicht verzückt standen die Säle festlich noch, wie zu der Zeit der Königin dem Alltaghell entrückt.
Man stahl die Edelsteine von den Ranken, doch nicht des Königs und der Königin allmächtige Glücksgedanken.

 

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