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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 114
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Delhi

St. James-Kirche in Delhi

Nach Delhi trug mich dann in einer Nacht der Zug. Im Morgennebel kam ich an.
Ein nordischer Wind dort um sich schlug, als ob die Lüfte stets voll Klagen sind,
Voll Geisterhorden, die seit jenem großen Morden vor fünfzig Jahren durch die Luft noch heute fahren
Und über allen Delhidächern wie unbegrabene Schreie waren.
Ich sah die kleine Kirche, an der die Wände voller Tafeln sind, wie schwarze Bücherbände.
Hier fielen Kinder, Frauen, Gatten in Scharen, die bei dem Gottesdienst an jenem Mordtag waren,
Und englische Soldaten, die weder Säbel noch Gewehr hier bei dem Gottesdienste bei sich hatten.
Sie alle kamen um in einer Stunde. Indier umstellten, wie die Ratten, in der Runde das Kirchenhaus,
Zerfleischend alle Europäer, wie wilde Schlächterhunde.
Die Todesschreie gellten aus allen Kirchenfenstern wild in den Sonnenschein hinaus.
Es war im Mai. Voll Palmenduft die Sonntagsluft. Mitten im Orgellied und Psalmenchor
Brechen die Todesschüsse im Kirchengarten aus blühenden Büschen schnell hervor.
Als sprechen alle Tropenblumen mit einem Mal und senden mörderisch und ohne Wahl
Aufblitzend Feuerblicke in den Kirchensaal.
Die Damen und die Kinder in weißen Sonntagskleidern drängten totenbleich zusammen,
Stammeln Gebete, indes die Männer die Kirchentüren mit den Bänken fest verrammen.
Die Feuerblumen aber aus dem Garten säten auf weiße Brüste roten Samen.
Im Turmstocke schlägt an die große Glocke, die von verirrten Kugeln dröhnt,
Bei jeder Salve Knall stöhnt das Metall. Die Toten liegen schon als blutiger Wall,
Und immer knattert noch vom Garten Salve um Salve unversöhnt.
Die letzten hängen sich in Knäulen eng zusammen. Da sprengen unter Heulen die Indier die zerfetzten Kirchentüren
Und stürzen mit den rauchenden Gewehren über die Totgehetzten.
Die Luft war in der kleinen Kirche noch heute voll von den entsetzten Mienen,
Und mir erschienen auf den schwarzen Marmortafeln, aus allen Wänden,
Kinder im blutigen Haar und Damen mit gerungenen Händen.
Als ob die Menschen mit den goldenen Namen hier noch zum Sonntag wiederkamen,
Wie lebende Gedanken, die, zu schnell getötet, im Geiste nie erlahmen
Und wie Gespenster noch vor deinen Augen wanken.

 

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