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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 113
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Gräber, Affen, Sand und Bettler

Nicht fern von Jeypore ist ein kleiner Ort; dort stehen im Versteck von einem Gartenviereck hinter zerfallener Mauer
Ein paar Marmorkuppeln, Gräber von Singh, dem Erbauer, und von seinen Söhnen.
Singh, der das Schloß von Amber, einen Palast den Winden und das Minaret der Stadt erfinden tat,
Er, der mit seiner Richtschnur und Loten die Noten zu Liedern aus Steinen geschaffen hat.
In den Marmorstein grub der Meißel Pfauen und Elefanten ein, und die Kuppeln, die weißen, ruhen auf Säulenkreisen.
Darüber werfen Bäume grünen Schein, der Himmel sieht wie blaue Blätter durch die Bäume herein,
Und durch das gelbe Feuer der Sonne springen Affen über Gemäuer.
Mitten im Dorf steht ein Riesenbaum, darauf ritten munter wohl hundert Affen,
Und drunter hat der Affengott seinen roten Altarstein, den reiben die betenden Indier mit frischem Rötel ein.
Indier dürfen die Affen nie quälen und töten, sie bauen dem Affengott Opferstätten, denn er kann erretten aus manchen Nöten, Im Original steht an dieser Stelle ein Punkt. Die Syntax erfordert jedoch ein Komma. - Anm. d. Hrsg.
Mit Schreien warnen aus den Bäumen die Menschen auf der Erde,
Stürzt die Göttin Kali, als Tiger verkleidet, ins Dorf über eine Ziegenherde.
Sogar zwischen Menschen und Affen, dacht' ich, kann Vorteil Güte und Güte Anbetung schaffen. –
Doch kommt hier der Tod nicht als Tiger heran, so wächst er als Sandkorn unscheinbar an.
Was hilft da der Affen Schrein aus den Bäumen. Sand und Stein dringen langsam aufs Dorf ein.
Haus um Haus, Wand um Wand muß man jährlich im Dorf vor dem Wüstensand räumen.
Regen und Tau, die wollen seit Jahren nicht fallen, und vom erhitzten Gebirg' rollen Steinschläge mit Schallen.
Als äschert man Dächer und Bäume ein, so liegt der Staub auf Ziegel und Laub.
Und noch ein Dämon macht jedes Hüttendach zu seinem Thron:
An meinen Wagen drängten Bettler, ein Schwarm, von der Lepra zerschlagen,
Unter jedem Tor krochen die nackten Verstümmelten hervor, die nach Verwesung von weitem schon rochen.
Weiß saß der Aussatz an Mann und Weib, wie weißes Moos an gebrochenen Knochen,
Und manches Gesicht und mancher Schoß von Wunden floß.
Haar und Wimpern von Staub grau bedeckt, kam die Schar mit Gelächter zu mir und hat sich geneckt.
Sie kamen schmatzend und schwatzend heran und wollten einen Happen.
Manchen Müttern hing an einem Lappen Brust ein Kinderskelett zärtlich an,
Die kümmerliche Frucht einer kümmerlichen Lust.
Mit Händen ohne Finger bettelte einer im Schwarm, nur ein Stummel hing ihm am Arm.
Er reichte den Klumpen zum Wagen hinein, und viel fehlte nicht, so stiegen sie alle, vor Elend lachend, zu mir herein.
Alle lachend und munter, als machten sie mir klar: durch Gefahr wird die Lust nur noch bunter.
Ich sehnte mich aus dem Knäuel heraus und werfe Hände voll Münzen zum Wagen hinaus,
Selbst der indische Diener und der Kutscher auf dem Bock müssen sich entsetzen vor diesen lebendigen Menschenfetzen.
Immer mehr von den Leuten drängen heran, daß selbst die Pferde schaudernd scheuten,
Und die Bettlerscharen aufschrien und sich schon aufs Unglück freuten.
Die Pferde fliehn, als sitzt ihnen Angst in den Haaren, und geschleudert fliegt das Gespann
Und hält erst, wie aus der Hölle gefahren, vor dem rosigen Tore von Jeypore an.

 

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