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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 111
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Beim Balsamhändler

Ein Duft von Balsam war auf allen Straßen von Jeypore stets in der Luft,
Daß mir die Lust zum Kaufen von Wohlgerüchen kam.
Ein Haus, es hatte Tür und Fensterlein wie für die Bienen, dort trat ich bei dem Balsamhändler gebückt hinein.
Auf einer Hühnertreppe stieg ich hinauf, und Indier kamen weißgekleidet zum Bedienen und machten mir die Türe auf.
Die Indier tuen die Pantoffel im Hausplatz ab; ein Berg von Schuhen lag schon vor der Türe Rahmen.
Schuhe von allen Altern, allen Farben lagen hier beisammen,
Gestickte, reiche Schuhe und arme, welche darben, und ärmste, wie vergessen, ohne Namen.
Der Zimmerboden ist schneeweiß gedeckt, mit einem Leinentuch bespannt und abgemessen,
Und immer weckt das mir den Glauben, als ging' man auf der Diele hier zum Essen.
Braun setzt sich Mann bei Mann barfuß und leis' um mich herum,
Und immer neues Publikum kommt von der Straße, stumm und mit Gestaune, Verwandte und Bekannte,
Und draußen wuchs der Hügel Schuhe zu einer Bergesmasse.
Im niedern Zimmer war jetzt Kopf an Kopf. Bei jedem Neuen, der gekommen, freuen sich immer alle,
Die ganze Straße von Jeypore hat's wie mit einem Ohre vernommen,
Daß hier der einzige Europäer in der Stadt am Boden Platz genommen hat.
Sie schweigen alle um mich still im Kreis, und keiner weiß, was eigentlich der andere will.
Kein Angebot und kein Geheiß. Zwar hab' ich immer wieder nach Wohlgerüchen laut gefragt,
Doch niemand eine Antwort sagt.
Allen behagt ein Schweigen, als ob sie sich darin fürs Leben lang gefallen.
So sitzen wir, sehr viele lächelnd und schweigend, auf dieser weißgedeckten Diele.
Der junge Hausherr, sehr gemächlich im roten Sammetjäckchen, im Hemd bis an die Knie,
Beginnt im Schweigen summend jetzt zu singen,
Behandelt allen Handel nebensächlich und spielt mit seinen Ringen.
Die braunen Brüder, braunen Frauen, die Vettern, Schwestern in grünen und in himmelblauen Schleiern
Leben im Selbstbeschauen, am Leib beladen mit dem dicksten Silber, wie mit metallnen Tauen.
Indessen die Gedanken wie Kartenhäuser sich behutsam bauen,
Schnarrten Brummteufel draußen vor den Straßen, und alle, die da bei sich saßen,
Vergaßen sich und rutschten auf den Knien gelassen nach den niedern Bienenfenstern hin.
Die Fenster waren dicht am Boden und größer nicht, als daß zwei Köpfe gut durchpaßten,
Nicht größer als ein paar Zigarrenkasten.
Man mußte platt auf seinem Magen liegen, um auf die Straße sich zu biegen.
Ein Hochzeitszug mit Tanz und mit Musik und mit der Braut, verborgen jedem Blick, in einer bunten Sänfte ging jetzt unten.
Als endlich das Gesing' verstummt, winkt auch der Hausherr mit der Hand, dran Ring bei Ring.
Es kam jetzt Schwätzen in die Ruhe, und vor ihn setzen drei Diener eine kleine Truhe aus schwarzpoliertem Ebenholze hin.
Es schien, ich mußte hier wie im Theater warten, von Akt zu Akt wurde das Schauspiel ausgepackt.
Denn alle schwiegen wieder und sitzen nieder, und niemand mehr getraut sich laut zu schnaufen.
Und in der feierlichen Ruhe, auf diesem weißgedeckten Boden wie auf dem reinsten Tische,
Nimmt einer jetzt mit dünnen Händen die dünnsten Wageschalen aus der Truhe
Und wiegt erst leere Fläschchen, zart kristallen, wie etwas, das gar nicht mit Gold zu zahlen.
Die Lippen liegen fest verschlossen und wie verdrossen, als sei kein Vorteil bei dem Handel hier zu kriegen.
In all der langen Weil' hat das Parfüm noch keine Eil'.
Dann endlich setzt man vor mich stolz jetzt eine neue Truhe aus weißem Sandelholz.
Als ich mit meinem Taschentuch gelangweilt Luft zu fächeln jetzt beginne,
Erhellt sich, wie mit feinem Sinne, der ganze Kreis zu einem Lächeln.
»Ah« rufen alle da mit einem Male und atmen tief von meinem Tuch den kölnischen Geruch.
Und jeder glaubte, daß ich mir mit meinem Tuch zu fächeln jetzt erlaubte, damit mein europäisches Parfüm ihnen gefalle.
Sie lebten unschuldig verschwenderisch mit ihrer Zeit und keiner ahnte, daß ich ungeduldig.
Endlich stand einer auf aus ihrem Kreise und strich mit einem Glasstab leise auf meine Hand,
Ich rieb die Haut. Da hat sich Rosenduft um mich gestaut, und wie im Treibhaus ward die Luft,
Als wäre, dichtgehüllt, das Zimmer eine Rosenlaube und von dem Blütenstaube der Rosen bis zur Decke angefüllt.
Und alle sogen mit gedehnten Atemzügen, als röchen sie an unsichtbaren Krügen.
Und alle haben mich vertraut wie Brüder, Schwestern, Basen plötzlich angeschaut.
Dem Glasstab war ein Wunder still geglückt: es sind die Seelen, die sich ferne erst, ganz nah' gerückt.
Ein europäischer Garten mir entstand, wo über einen Tisch voll weißer Rosen
Die Seele, die auf dieser Welt am engsten mir verwandt, einst zugereicht mir Lippen und die Hand.
Jasmin, Orangen, persischen Flieder strich mir auf meine Haut der Glasstab hin und wieder.
Und jeder Duft sprach wie mit vielen Zungen und schleppte eine Bürde von Erinnerungen.
Auf meiner Hand ein ganzer Garten mit Laubengängen lebhaft stand.
Ich fand den Abendwind durch Sommerschatten drängen,
Den Mond im Nachtgeruch und hinter Wolken hängen,
Am Tor ein Taschentuch, zart, weiß und fein; das winkte in dem Wind zum Stelldichein.
Gut nur ein Fingerhut ging in ein Fläschlein von Kristall.
Ach, dacht' ich mir mit einem Mal, in kleinen Dosen kauf' ich hier mir neue Heimwehqual.
Ich hätte meine Hand abhacken müssen, Geruch ging dran mit mir in breiten Flüssen,
Und nachts im Bette roch ich noch die europäischen Gartenstädte.

 

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