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Die geflügelte Erde

Max Dauthendey: Die geflügelte Erde - Kapitel 103
Quellenangabe
typepoem
authorMax Dauthenday
titleDie geflügelte Erde
publisherAlbert Langen
printrunDrittes bis fünftes Tausend = Zweite Auflage, 1922
editorbruce.welch@gmx.de
year1922
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130726
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Im Schloß des Maharadja

Wie in Unwirklichkeit webt eine indische Stadt, wo nicht ein einziger Europäer lebt,
Wie unter deinen Stiefeln dort der Staub fortschwebt, auf den es jahrelang nicht mehr geregnet hat.
Des Morgens, eh' sich noch die Tore öffnen, hörte ich Lautensang und Schall auch von Musik,
Dann zog der Fürst beim Sonnenaufgang mit seinem Dienertroß von seinem Schloß zum großen Pferdestalle,
Das ist ein straßenlanger Marmorhof, der stets voll Sonne lag,
Und wo, mit seinem Angesicht nach Osten, der Fürst Gericht hielt in der Marmorhalle,
Indessen sich der Höfling' Schar in einer Rennbahn mit den Pferden ergötzt und spielt.
An einem Nachmittag fuhr ich in den Palast.
Der steht wie eine Stadt für sich und stark von Mauern eingefaßt.
Ein echt massives, goldenes Tor dreht lautlos in den Angeln eine edle Last.
Wie die Kassetten in einem schön gehauenen Schrein, lassen dich große Höfe, von Bäumen überdunkelt, ein.
Wie Schwärme bunter Papageien funkelt da eine Menschenschar,
Und ihre Kleider überschreien an allen Wänden die Bildhauereien.
Eunuchen, Schließer, Wachen lungern in bunten Seiden, mit Plaudern und mit Lachen hier herum,
Als wären diese Hallen, diese Höfe gebaut um Menschen ohne Leiden.
Man zahlte eben alle die Soldaten in einem Marmorsaale aus
Und wog die Geldmetalle auf einer feinen Wageschale.
Im Hofe kreuzte vor mir von kleinen Wagen eine Karawane.
Ein jeder Wagen dicht verhängt mit bunter Decke, und drunter saßen im Verstecke, gedrängt, fürstliche Damen.
In einem grünen Gartengang übte ein junger Recke, nackt, mit zwei Reifen, scharf geschliffen,
Er warf und sprang hindurch und fing sie auf mit schnellen Griffen.
Sie hätten wirbelnd ihn getötet mit einem Schnitte,
Sprang' er nicht richtig durch der Reifen Mitte.
Zwischen die Füße liefen die Affen, weiße Pfauen, Tauben
Und folgten einem unter Zank und Zischen.
Im Garten war ein niedriges Gerank von winzigen Mimosenlauben,
Wo Orchideen in der Luft still standen und ohne Erde mit den Wurzeln der Luft nachgehen.
Und jeden Weg begleitete geradeaus ein Wasserlauf,
Den fassen Marmorsteine gut. Der leitete, wie Blütenblut, gefärbte Wasser rosa bald, bald grün,
Zu Festeszeiten hier in bunten Gassen durch die Gartenbreiten.
Hallen für die Minister lagen in Palmenschatten,
Mit Säulen und Gewölben, himmelblau und voll Behagen,
Wo die Gedanken mehr sich mit den Träumen als mit den Staatsgeschäften tragen.
Fern im Gewimmel dieses Gartens, da war des Fürsten Bad auch unterm freien Himmel.
Weiß wie der Boden von einem Marmorsaal lag, eine Viertelstunde in der Runde, das riesige Oval.
So viele Frauen, als dem Fürsten in seinem Harem sind zur Hand,
So viele hundert Mal stand in dem Marmor ausgehauen
Weiß Sitz bei Sitz rings um des Beckens Rand;
Ein Marmorthron auch für den Fürsten am Ende des Ovals sich fand.
Gleich einem Lotosblatt, so blütenweiß nahm jeder Sitz ein nacktes Weib in seinen Kreis.
Man weilte in dem Bade zur Nacht bei Vollmond, wo die Zeit nicht eilte.
Die Gartenpfade verteilten bronzene Lampen am Gestade.
Der Fürst und mit ihm seine Frauen schwammen im blauen Wasser,
Und alle Ufer leben. Doch mehr als Mond und Lichter hier zusammen,
Wohl hundert Arme, hundert lachende Gesichter dem Wasser Feuer und Erregung geben.
Am Ufer auf den flachen Sitzen, bei ihrer Herrin Kissen
Wachen die Diener, die vertraut Geheimnis und mehr Wege wissen,
Als selbst der Fürst in diesen Garten sich gebaut. –
Am Gartenwalle ist zum Tanz die große, himmelblaue Halle.
Dahinter, ganz versumpft, steht schwarz ein See, zu Schlamm verschrumpft.
Weh' dem, der sich von draußen zu dem Garten wagt!
Es hausen in dem Sumpf Alligatoren als Wächter mit den feinsten Ohren.
Sie liegen da in langen Tagen, man sieht nur ihre Nasenlöcher stumpf aufragen.
Doch plötzlich schlagen sie den Rachen mit Krachen auf und zu,
Sie sind für hundert Frauen die allerbesten Wachen.
Doch kannst du bei dem Weib auf seine Lieb' nicht ohne Wachen bauen,
Wird eine von den Schlauen sich auch durch das Gebiß von einem Alligator trauen.
Denn wer ist je der Liebe von einem Weibe sich gewiß?
Ich sah von einem Dache auf diese schwarze Lache nieder,
Da reckte schon ein Alligatorleib den Rumpf,
Er riß sein Maul weit auf im Nu und schmiß es wieder zu.
Auf diesen kleberigen Sumpf, aus dem nur Nasenlöcher stieren,
Sieht keiner hin, ohne zu frieren.

 

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