Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Draak >

Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!

Ferdinand Draak: Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!! - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/draak/gefahr/gefahr.xml
typeautobiography
authorFerdinand Draak
titleDie Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!
publisherMarschner & Stephan
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101231
projectid5090a2da
Schließen

Navigation:

8. Drake's planmäßige Beraubung

Ueber Drake's schuldlosem Haupte thürmten sich von Neuem schwere Gewitterwolken zusammen, die sich über ihn zu entladen und ihn zu vernichten drohten. Seine Personen halte er zwar in dem Termin in Sicherheit gebracht, aber auf wie lange? Den grimmigen Haß, die Rachsucht, verbunden mit Habgier seiner unerbittlichen Gegner kannte er nur zu gut. Es galt für ihn also, unablässig auf der Hut zu sein und jeden Angriff erfolgreich abzuschlagen. Und er hatte sich nicht getäuscht. Bei einer zufälligen Begegnung mit dem Advokaten Wex vor der Börse äußerte dieser in boshafter Weise: »Wir werden Sie jetzt langsam einsargen, gerupft sollen Sie werden bis auf den letzten Heller!«

Offenbar beabsichtigte der Advokat durch seine boshafte Aeußerung, das verfolgte Opfer zu irgend einer Ausschreitung zu veranlassen, um dann sofort den Beweis durch Zeugen erbringen zu können, daß Drake sich sogar auf offener Straße gemeingefährlich benommen habe.

Indessen, der Versuch mißglückte. Drake, der sich unter den obwaltenden Verhältnissen seiner bedenklichen Position völlig bewußt war, warf dem Wex einen verächtlichen Blick zu und ging seiner Wege.

Nicht wenig erstaunt war Drake, als einige Tage später ein Kostenvorschuß von 650 Mark von ihm eingezogen werden sollte.

»Richter Bart, dieser Held!« rief er aus, als er die Unterschrift der Verfügung las. »Also der eröffnet den neuen Feldzug gegen Dich, und auf Dein Vermögen ist es zunächst abgesehen!«

Während er noch überlegte, wie er diesem neuen Ansturm seiner Feinde begegnen könne, erhielt er bereits eine zweite Kostenrechnung von dem Advokaten Banks, der die Behauptung aufstellte, er sei Vertreter der Frau Drake. Dieser forderte gar 1200 Mark.

»Nun!« rief Drake erbittert, als er diese Erpressung durchschaute, – »Jetzt beginnt ein Mitglied nach dem anderen dieser sauberen Bande Deine Anzapfung! Das kann ein theueres Jahr abgeben!«

Und er hatte Recht! Schon Tags darauf kam Advokat Goldmann's Liquidation, der gleichfalls die Kleinigkeit von 1200 Mark als angeblicher Vertreter der Frau Drake beanspruchte.

Natürlich blieb auch Wex, der Hauptmann dieser Sippe nicht aus. Der machte es selbstredend nicht so billig. Er liquidirte für seine angeblichen Bemühungen in der Sache »nach dem allgemeinen Gerichtskostengesetze in Anrechnung des vorhandenen Drake'schen Vermögens 2000 Mark.«

»Nicht mehr?« rief Drake lachend, als er diese Liquidation las. »Diese Biedermänner!«

Entrüstet über solches Verfahren, in dem er neue offenbare Gewaltakte erblickte, richtete Drake eine Beschwerdeschrift an das zuständige Berufungsgericht.

Er sollte indessen recht bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß ein wegen Geisteskrankheit Angeklagter und auf Grund dieses Delikts Verfolgter von vornherein vogelfrei und der Willkür raubgierigen Gesindels völlig preisgegeben und ohne Gnade überliefert fei.

Denn es entschied die Beschwerde-Instanz – von Rechtswegen – dahin, daß der Beschwerdeführer nicht gehört werden könne, so lange noch die gegen ihn gerichtete Klage schwebe.

Zum Geldzahlen aber mag Einer so verrückt sein, wie er wolle.

Wundersame Rechtszustände!

Durch diese Verfügung war allerdings den Gegnern ein noch viel weiterer und größerer Spielraum gewährt worden.

Sie konnten das umgarnte Opfer ganz nach Belieben aussaugen – im Namen des Gesetzes – und der Betrogene durfte zahlen und immer wieder zahlen! Denn er war ja geisteskrank, das mußte doch zum mindesten etwas abwerfen und wovon am Ende sollte auch die moderne Räuberbande ihr Dasein fristen?

Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die beutegierige Bande dies ihnen gewährte Privilegium nach bestem Wissen mit allen Kräften auszubeuten sich bestrebte.

Und so wurde dem Opfer in kurzem Zeitraum ein großes Vermögen abgenommen.

*

Neben diesen unausgesetzten Erpressungen wurde aber auch zugleich ein anderer Weg gegen Drake eingeschlagen, um das einmal gesteckte Ziel so schnell als möglich zu erreichen.

Der Richter Bart hatte inzwischen den Kreisphysikus Dr. Heydemann in Wandsbeck als weiteren Sachverständigen in der Sache ernannt.

Dieser neue Sachverständige forderte Drake auch umgehend auf, ihn in dieser Sache zu besuchen.

Drake, sehr erfreut darüber, daß er endlich in die Hände eines reellen Mannes komme, mit welchem er längere Zeit bekannt war, eilte sofort zu demselben, da ihm nach Lage der Sache begreiflicherweise Alles daran liegen mußte, die über alle Schilderung hinaus peinliche und aufregende Angelegenheit so schnell als möglich erledigt zu sehen.

»Herr Doktor,« so begann er, »Sie sind jedenfalls mein Erlöser aus dem furchtbaren Wirrwar, in welchem mich diese empörende Angelegenheit nach allen Richtungen hin versetzt hat. Es berechtigt mich ganz besonders zu dieser frohen Hoffnung Ihre seinerzeitige unliebsame Aeußerung über den Doktor Everts und es wird Ihnen jetzt Gelegenheit geboten, denselben als unbequemen Nachbar in seinem gemeingefährlichen Treiben zu beschränken, wenn nicht gar zum Wohle der Menschheit ganz und gar unschädlich zu machen und ihm das unsaubere Handwerk gründlich zu legen.«

Heydemann drückte Drake die Hand und wiegte bedenklich den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern, hin und her. Nach kurzer Pause unterbrach Drake das Schweigen mit der höflichen Frage: »Welche Meinung haben Sie über diesen Fall, Herr Doktor!«

»Ja wohl! Hm, hm, ja wohl, ganz recht!« erwiderte Heydemann seltsam zögernd.

»Ja wohl, es ist mir eigentlich auch lieb, sehr angenehm, hm, sehr erfreut, daß ich die Gelegenheit gefunden habe.«

»Ich dachte es mir,« bemerkte Drake.

Er war nicht ganz ehrlich bei dieser Bemerkung, denn das sonderbare Benehmen dieses neuen Sachverständigen machte ihn bedenklich und die bisher gehegte frohe Hoffnung zu diesem Manne der Wissenschaft wurde plötzlich durch Bitterkeit und Verstimmung verdrängt.

Doch nur für einen Augenblick hielten ihn diese trüben Gedanken gefesselt, schnell hatte er seine ganze Fassung wieder erlangt, als Heydemann zögernd in seiner halb apathischen Art, die manche Aerzte für vornehm zu halten scheinen, die indessen nach keiner Richtung hin dem wichtigen Wirken derselben entspricht, entgegnete:

»Es ist mir im Grunde genommen doch unangenehm, in diesem vorliegenden Falle gerade zum Sachverständigen berufen worden zu sein; Sie kennen das Wort von » den getreuen Nachbarn und dergleichen « aus Luther's Katechismus. Man könnte, die Gefahr liegt nahe, von Vornherein in mir und meinem sachverständigen Gutachten Parteilichkeit wittern!«

»Das dürfte doch wohl bei einem vereideten Mann, wie Sie, Herr Doktor, der seine Wissenschaft dem Staate zu Füßen legt, von vornherein gänzlich ausgeschlossen sein und außer dem Bereiche der Möglichkeit liegen,« bemerkte Drake.

»Was, Möglichkeit,« sagte der Arzt, »sei so rein wie der Schnee, Du wirst dem giftigen, millionenfachen Drachen der Verleumdung nicht aus dem Wege gehen. O, daß es da einen Siegfried gäbe, der diesem fürchterlichen Drachen das Haupt abschlüge, diesem Ungeheuer das Gift aus dem Rachen risse für ewig!«

»Es ist die Wahrheit, die nackte Wahrheit!« – sagte Drake feierlich; »Sie reden die Wahrheit.«

»Ich frage mit Pilatus: Was ist Wahrheit? –und seufze mit Goethe: O, glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrthums aufzutauchen!« entgegnete Heydemann.

»Und dann, um auf unseren Fall, unsere Angelegenheit endlich zu kommen, ich kann doch, Sie werden, Sie müssen als verständiger Mann dies einsehen, gegen meinen Collegen, den Doktor Wallach, mit dem ich Nachbar bin, nicht allzu schroff und ohne jede Rücksicht auftreten.«

Er überlegte wieder und legte den Finger an die nervös bebenden Nasenflügel.

»Vielleicht, warum nicht, laßt sich auch noch die Sache in Güte beilegen. Ueberlegen Sie! Bedenken Sie!«

Er gerieth dabei in hellen Eifer.

»Es dürfte dies um so wünschenswerther sein, als ja die Handlungsweise der in Ihre Sache verwickelten Aerzte ein schlechtes Licht auf den gesammten Aerztestand wirft

»Aber, Herr Doktor!« sprach Drake. »Ich bitte Sie, Sie werden, Sie wollen doch am Ende keine Schwenkung machen? – Sie können und werden doch die Sache der lauteren Wahrheit und Gerechtigkeit nicht unterdrücken, welche Sie bisher noch so eifrig und kräftig vertheidigt haben?«

Heydemann zuckte mit den Achseln.

Drake fuhr fort:

»Ob nun hierbei, wie Sie meinen, die Ehre der Aerzte auf dem Spiele steht, ist mir und müßte auch dem unparteiischen Staatsbürger an meiner Stelle völlig gleichgiltig sein. Mir liegt lediglich daran, zu wissen, ob denn in der That heutzutage noch derartige Schurkenstreiche im Reiche, dem vielgepriesenen ersten Rechtsstaate des Erdballs, ungestraft begangen werden können!«

Wiederum überlegte Heydemann, dann erklärte er:

»Nun, ich wünsche, daß Doktor Everts hierbei gehörig und wie es ihm gebührt, hineinfällt! Ich wünsche ferner, daß diese Sache zugleich für seine sonstigen in dieser Hinsicht begangenen Sünden ihm die gehörige Bestrafung bringt.«

Drake äußerte erfreut seine Zustimmung zu diesem ausgesprochenen Wunsche des Arztes.

»Verlassen Sie sich im Uebrigen ganz auf mich!« setzte der Arzt hinzu, »ich werde Alles thun, was in meinen Kräften steht, damit dann die Sache umgehend zu Ihren Gunsten erledigt wird.

»Noch eins, Sie brauchen in der Angelegenheit nicht wieder zu kommen!«

Drake wollte sich empfehlen.

Heydemann räusperte sich jetzt überaus verlegen. Er hatte offenbar etwas auf dem Herzen, das ihm sich bis in die Kehle fortzupflanzen schien und ihn der Sprache beraubte. Mehrmals setzte er an, um in völlig unverständlichem Gemurmel wieder zu reden. Er schien eifrig nachzusinnen.

Was hatte dieser Mann? – Was wird da noch Neues und Ueberraschendes zum Vorschein kommen?

Diese Gedanken gingen blitzschnell durch Drake's Hirn. Sollte er gehen oder bleiben? Noch immer schwieg der Räthselhafte. Endlich äußerte er: »Ich habe – ich hätte am Ende noch eine dringende Bitte an Sie, Herr Drake, deren Erfüllung Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden.«

»Zu Ihren Diensten,« beeilte sich Drake zu entgegnen.

Der Arzt fuhr jetzt ein wenig sicherer fort: »Ich muß eine Dienstreise machen: Ich habe aber gegenwärtig wenig Mittel. – – Können Sie mir nicht bis zum Ersten etwas Baargeld vorstrecken?«

Drake war ob dieser Zumuthung denn doch etwas verblüfft, zum mindesten überrascht. Ein Pump also! Dennoch erwiderte er Höflich: »Bitte sehr, sehr erfreut, Ihnen dienen zu können.« Damit überreichte Drake dem Unverblümten Fünfzig Mark.

Im Laufe der Zeit begab sich Drake noch einige Male zu diesem Kreisphysikus, um denselben zu ersuchen, die Sache, die versprochene Ausfertigung des Gutachtens möglichst zu beschleunigen. Zu seinem nicht geringen Erstaunen aber traf er jetzt jedesmal den Doktor Everts bei ihm an, welcher Umstand ihm um so mehr auffallen mußte, als dieser scheinbar intime Verkehr mit Heydemann's über Everts gemachten Aeußerungen geradezu in Widerspruch stand.– – –

Geraume Zeit war unter Warten wiederum verstrichen.

Zeit und Gefühle Anderer sind ja den knöchernen Juristen seit Alters her schon mehr Chimäre.

Längst auch glaubte Drake die betreffenden Akten in den Händen des Gerichts.

Da forderte ihn plötzlich der Sachverständige Heydemann per Postkarte auf, ihn in seinem (Drake's) eigenem Interesse nochmals zu besuchen.

Drake entsprach denn auch eiligst der an ihn gestellten Aufforderung, und sprach bei dem Arzt vor.

Und was erklärte ihm dieser Sachverständige? »Aus rein kollegialischen Gründen kann und darf ich unmöglich in der von Ihnen, Herr Drake, gewünschten Weise so schroff und ohne Rücksicht gegen den Doktor Wallach vorgehen. Ich habe mich deshalb mit dem Irrenarzt Doktor Reye in's Vernehmen gesetzt, und ersuche Sie, sich diesem Vorzustellen. Wir werden nachdem beide unser Gutachten abgeben, und dasjenige Wallach's dadurch hinfällig machen.«

Ueber diese neue und unerwartete Wendung der Dinge konnte Drake billigerweise erstaunt sein.

Indessen den Worten Heydemann's Vertrauen schenkend, begab er sich nunmehr zu dem dritten Sachverständigen. Die mit diesem gepflogene Unterhaltung war nur eine sehr kurze und das Verhalten und Benehmen desselben gab anscheinend keine Veranlassung, Mißtrauen gegen ihn zu hegen. Doch wer vermochte nach solchen Erlebnissen nicht bedenklich zu werden? –

Auch Drake war es geworden und zwar über den plötzlichen Verkehr der beiden getreuen Nachbarn Heydemann und Everts.

Er bot deshalb Alles auf, um in den Besitz des Gutachtens dieser letzten Sachverständigen zu gelangen. Er hatte damit den gewünschten Erfolg.

Ein Schreiber bei Gericht stellte ihm unter der Hand gegen Zahlung eines Honorars die betreffende Abschrift zu.

Mit banger Erwartung öffnete Drake das verhängnißvolle, ihm Tod oder Leben kündende Schriftstück.

Wer beschreibt das Entsetzen des Lesenden, als er in diesem neuen Dokumente im Großen und Ganzen nichts als die bloße Wiederholung des Wallach'schen Gutachtens fand.

»Kann der Provokat beweisen, daß der Doktor Everts eine strafbare Handlung in seinem, Drake's, Hause ausgeübt hat, dann ist derselbe gesund; vermag er diesen Beweis nicht zu führen, dann ist er geisteskrank.«

So lautete der Schluß desselben.

Das war denn doch alles Menschenmögliche geboten.

Empört in tiefster Seele über diese feige Handlung eines vom Staate selbst angestellten Sachverständigen begab Drake sich sofort zu Heydemann und erklärte demselben:

»Herr Doktor, ich habe Ihr Gutachten in Bezug auf mich und meine Geistesfähigkeit bereits gelesen. Sie haben die edle Dreistigkeit besessen, mich in den Hinterhalt zu locken! Ihre falsche und der Wahrheit und dem Recht direkt zuwiderlaufende Vorspiegelung: Ich möchte mich Ihrem Freunde, dem Irrenarzt, vorstellen und Sie würden dann beide ein Gutachten ausstellen, damit die Angelegenheit sofort zu meinen Gunsten erledigt würde, war Lüge, schändliche, verräterische, erbärmliche Lüge!«

Mit Donnerstimme schleuderte Drake, der mit Recht tief Erzürnte, diese Worte dem feigen, wortbrüchigen, zitternd und verlegen dasitzenden Menschen in's Gesicht.

Heydemann traute sich kein Wort zu sprechen.

Erregt fuhr Drake fort:

»Geld! Das war auch, gleich den Andern, Ihr Feldgeschrei bei Ihrem sachverständigen Kampfe gegen einen Unschuldigen, das war auch Ihre Loosung bei Ihrem unter der Flagge des Staatsangestellten gegen mich, den Verfolgten, geführten Raubzuge. Ich vermuthe sicher nicht mit Unrecht, daß Doktor Everts, den ich wiederholt bei Ihnen gesehen, mehr gezahlt habe als die Summe, um die Sie mich angepumpt resp. geprellt haben.

»Sie schütteln den Kopf, Herr Doktor? Nun, wenn Sie mir so kommen, dann sehe ich nicht ein, weshalb ich Sie schonen, mit der freien Sprache des Mannes, des mit Fug und Recht entrüsteten Mannes, gegen einen Gelehrten Ihres Schlages hinter dem Berge halten soll.«

Heydemann ermannte sich bei diesen Worten.

»Ich kann Ihnen Ihre Rede nur zurückgeben!« rief er aus. »Auch ich sehe nicht den mindesten Grund, Ihnen gegenüber, der mir so kommt, hinter dem Berge zu halten. Ich habe es Ihnen bei Ihrem ersten mir gemachten Besuch, denke ich doch, klar genug in den Mund gelegt, auf was es auch hier in der Hauptsache, wie überhaupt im Leben, ankommt.

»Die fünfzig Mark, die Sie mir gaben, sie spielen denn doch in der That in einer überaus wichtigen Sache, in der es sich um Sein oder Nichtsein handelt, nicht die mindeste Rolle! Und wenn Ihre Vermuthung, ich habe von anderer, gegnerischer Seite mehr bekommen, sich bestätigte, könnten Sie es mir verdenken, wenn ich meinen Vortheil wahrnehme? Meine Collegen thun genau dasselbe! Ich sehe gar nicht ein, warum ich es nicht auch wie jene machen sollte.«

»Und dieses freie Bekenntniß des höheren Gaunerthumes scheuen Sie sich nicht, mir in's Gesicht zu sagen?« fragte entrüstet und empört Drake.

»Gewiß!« unterbrach ihn der Kreisphysikus, »warum sollte ich dies nicht? Sie können ja am Ende beim allerbesten Willen doch keinen mir schädlichen Gebrauch von meinen Aeußerungen machen! Sie wissen doch, daß Sie unter der Anklage der Geisteskrankheit stehen. Und von dem, was Sie sagen, nimmt man entweder gar keine Notiz, oder man schreibt Ihre Aeußerungen auf das Conto Ihrer Geisteskrankheit!« – –

Also auch dieser Mann und vereidete Sachverständige war dem Alles zwingenden Gelde zugänglich! Nicht heiliger Amtseid, nicht das stolze Bewußtsein, im Staatsdienst zu stehen, konnte sie feien gegen den schmierigen Glanz des Goldes.

Fürwahr, Drake lernte die Welt hier von einer ganz seltsamen, vielleicht der einzig richtigen Seite kennen.

Er stand nun da, in der denkbar furchtbarsten Lage, rathlos, hilflos, auf sich angewiesen, verlassen, verrathen, namenlos getäuscht und betrogen von Schurken. Dieser furchtbaren Situation mußte einmal und dies mit aller Gewalt ein Ende gemacht werden.

Um seine Gegnerschaft, welche mit immer neuen Listen, mit immer raffinirteren Mitteln der Gaunerei und Geldsucht, die Sache bis zum Aeußersten zu treiben gedachte, sich vom Leibe zu halten, unterwarf sich Drake einer nochmaligen Untersuchung vor dem Professor Dr. Wendel an der Universität Berlin und dem Irrenarzt Dr. Richter in Pankow bei Berlin , welche einen besonderen Ruf auf dem Gebiete der Heilkunde für Geisteskranke genossen. Nach einer Beobachtungszeit von 6 Wochen schon stellten ihm diese hervorragenden, ärztlichen und medizinischen Autoritäten sehr umfangreiche und motivirte Gutachten aus, nach denen bei ihm niemals, ja auch nur die geringste Spur von Geisteskrankheit vorhanden gewesen war!

Die Zeit ging trotz aller ausgestandenen Unruhe und Qual ihren ewigen gleichförmigen Gang stets und ständig vorwärts.

Ein zweiter Verhandlungstermin in dieser Angelegenheit war inzwischen anberaumt worden.

Es waren bei demselben anwesend, außer dem Amtsrichter Bart und einem Gerichtsschreiber, die Aerzte Wallach und Heydemann als Sachverständige, und eine Anzahl nie fehlender Neugieriger als Zuhörer.

Auch Drake, ausgerüstet mit zwei ärztlichen Zeugnissen, war, wie immer, schon zum Kampfe gerüstet, persönlich zu seiner Verteidigung an Gerichtsstelle erschienen, um das gegen ihn geführte Gaunerstück weiter zu verfolgen.

Die Vorstellung nahm ihren Anfang, der Richter begann:

»Meine Herren, was mich anbetrifft, so halte ich es für angemessen, den Drake sofort in's Irrenhaus abführen zu lassen!« –

Doktor Wallach rief sofort und wiederholt aus:

»Jawohl, jawohl, ich halte ihn für verrückt und gemeingefährlich!«

Der geistvolle Doktor Heydemann fügte dem hinzu:

»Ich schließe mich voll und ganz der Ansicht meines Vorredners und Collegen an!«

Damit, in dieser Weise ward von diesen Rittern von der erbärmlichsten Gestalt das Geschick eines Menschen besiegelt, der ein langes Leben voll Arbeit, Pflichttreue und Rechtschaffenheit hinter sich hatte und jetzt aus Rache und Gewinnsucht zum Tode gehetzt werden sollte!

Plötzlich sprang Drake von seinem Stuhl auf und rief, sich mit drohender Miene an den Amtsrichter wendend:

»Wehe Ihnen, wenn Sie sich Uebergriffe gegen meine Freiheit gestatten! Ich bin zu Allem entschlossen, jeglicher mir widerfahrender Ungebühr, und wenn dieselbe von Ihrer Seite käme, auf das Unerbittlichste und Rückhaltloseste entgegenzutreten. Ich werde ohne Besinnen in diesem Falle von dem mir von der Natur verliehenen Rechte mich gegen Sie Gebrauch machen. Und in diesem Falle schützt mich das Gesetz, laut welchem die Nothwehr straflos bleibt.«

Sich dann an den Kreisphysikus Heydemann wendend, rief er mit lauter Stimme:

»Herr, Sie haben mir wiederholt und ausdrücklich erklärt, Sie wüßten sehr wohl, wie die ganze Sache läge! Das ganze gegen mich gerichtete Verfahren sei überall durch Schurkereien entstanden. Den Doktor Everts hielten Sie zu Allem fähig und wünschten blos, daß derselbe einmal tüchtig hineinfiele.

»Bei Gelegenheit dieser von Ihnen Wort für Wort gebrauchten Aeußerungen haben Sie mir sogar noch Fünfzig Mark abgeschwindelt. Und dann, als ich Ihnen vorhielt und Sie ironisch fragte: Sie hätten wohl von anderer Seite mehr bekommen, da erwiderten Sie mit frecher Stirne, es könne Ihnen Niemand verdenken, wenn Sie Ihre Vortheile wahrnehmen, da es ja Ihre College nicht anders machten!

»Und Sie wagen es, hier an ernster Gerichtsstelle, unter Ihrem Eide, die Wahrheit zu leugnen! Herr, wenn Sie hier an diesem Orte nicht die Wahrheit bekennen, dann soll Ihnen der Teufel an Kragen und Magen fahren!«

Bei diesen Worten schlug Drake mit geballter Faust auf den Tisch, so daß die auf demselben befindlichen Gegenstände in die Höhe sprangen. Der Sachverständige, dieser Held der Medizin, erklärte ganz kleinlaut nach dieser radikalen Zurechtweisung aus voller Mannesbrust:

» Ich ziehe mein abgegebenes Gutachten in diesem Falle zurück. Man darf Niemand seiner Freiheit berauben!« –

Eine ungeheuere Bewegung hatte sich aller sonst noch Anwesenden bemächtigt. Mit weit aufgesperrtem Munde saßen alle die edle Kämpen, diese Biedermänner da, und wußten kaum, wie sie ihre tödtliche Verlegenheit bemeistern sollten.

Drake zog jetzt seine ärztlichen Zeugnisse hervor und erklärte:

»Im Uebrigen habe ich mich auch gegen eine, gegen mich zu unternehmende Vergewaltigung rechtzeitig und genügend durch diese zwei Dokumente geschützt. Dieselben sind, wie Sie sofort sich überzeugen können, von den ersten Professoren der Universität Berlin ausgestellt, und jedenfalls auch ein vollgiltiger Beweis dafür, daß dieses ganze Verfahren ein Machwerk wider besseres Wissen und Gewissen ist. Ich beantrage diese Gutachten den Akten beizufügen. Endlich beantrage ich noch die Vernehmung meiner Zeugen in diesem Termine. Es wird durch dieselben erwiesen werden, daß der Doktor Everts, welcher in der vorigen Verhandlung unter seinem Eide ausgesagt, er habe nur zwei Besuche in meinem Hause gemacht, einen Meineid damit geleistet hat. Meine wiederholten schriftlichen Anträge auf Vernehmung dieser Zeugen sind stets beharrlich unberücksichtigt gelassen worden. Ich habe deshalb diese überaus wichtigen Zeugen auf meine Kosten mitgebracht und befinden sich dieselben auf dem Korridor!«

Der Amtsrichter räusperte sich und suchte dadurch seine Verlegenheit zu verbergen. Er wechselte dann mit dem Kreisphysikus Wallach einige leise Worte und erklärte:

»Ihrem Antrage soll Folge gegeben werden, lassen Sie die Zeugin eintreten.«

Dieselbe erschien. Es war Drake's Dienstmädchen, welches über die Besuche des Everts genau Auskunft geben konnte.

Die Helden der Wissenschaft musterten das Mädchen von oben bis unten – es war offenbar darauf abgesehen, dasselbe von vornherein durch das Fixiren in Verwirrung zu bringen – dann rief der Richter in gellendem Tone:

»Heben Sie die Hand zum Schwur und sprechen Sie nach.«

Die Zeugin that wie ihr befohlen.

»Was haben Sie nun unter Ihrem Eide zur Sache auszusagen?«

Die Befragte erklärte:

»Ich weiß ganz bestimmt, daß der Doktor Everts viermal Besuche in unserem Hause gemacht hat. Nach eigener Aussage der Frau Drake soll er sie Abends auch noch einige Male belästigt haben. Ich habe ihn des Abends aber nicht gesehen.«

»Also, Sie haben den Arzt nicht gesehen?« fragte jetzt der Richter das Mädchen.

»Nein,« war die kurze, einfache Antwort.

Die Zeugin glaubte, daß sich diese letzte Frage auf den Besuch des Doktor Everts in den Abendstunden beziehe.

»Schreiben Sie,« sagte der Richter, zum Gerichtsschreiber sich wendend:

»Die in der heutigen Verhandlung auf Veranlassung des Provokaten Drake erschienene Bergmann erklärte unter ihrem Eide: sie habe den Doktor Everts in dem Hause des Provokaten nicht gesehen und wisse nichts zur Sache auszusagen.«

Diese Rechtsverdrehung empörte Drake auf das Aeußerste.

»Wie,« rief er heftig, »Sie drehen ja der Zeugin die Worte im Munde um! Dieselbe hat ausdrücklich gesagt, daß sie den Arzt bei Tage viermal in meinem Hause gesehen hat. Nur bei dem Besuch Abends will sie ihn nicht gesehen haben.«

Der Amtsrichter schnitt ihm sofort das Wort ab und erklärte, ohne auf den Einwand einzugehen:

»Die Verhandlung ist aufgehoben!«– –

Der Advokat Heymann, der das Henkeramt gegen Drake bei diesem Gericht übernommen, rief laut dazwischen:

»Es kommt heute weniger auf seine Person an. Sein Geld brauchen wir!«

Die übrigen Zeugen, welche gleichfalls auf Drake's Veranlassung erschienen waren, mußten unverrichteter Sache nach Hause gehen.

Ein Protokoll wurde weder den Zeugen vorgelesen, noch auch denselben zur Unterschrift unterbreitet, wie es das Gesetz ausdrücklich verlangt.

Einen Menschen wollten diese Rechtsgelehrten auf immer, kraft der ihnen anvertrauten und von ihnen auf so schmähliche Weise mißbrauchten Macht für ewig vernichten, die geringste vom Gesetze vorgeschriebene Förmlichkeit zu ihrer eigenen Controlle umgingen sie. Noch mehr, der Herr Gerichtsschreiber hatte ein Protokoll, das bei jedem geringsten Unfugfall mit pedantischer Gewissenhaftigkeit geführt zu werden pflegt, auch gar nicht zur Stelle, er hatte einen Fetzen Papier, auf dem er sich einige Notizen gemacht; und dann komme noch Einer und controlire solche Hauptverhandlung! In der That, diese Herren wußten, wie's gemacht wurde; sie waren Meister in ihrem unsauberen Geschäfte!

Nach Aufhebung der seltsamen Verhandlung verließ Drake ungehindert und festen Schrittes den Gerichtssaal. Der Amtsdiener kam ihm auf dem langen Corridor entgegen und raunte ihm in's Ohr:

»Nun, heute haben Sie sich wohl glänzend durchgeschlagen; ich habe vor der Verhandlung vom Richter Bart die strenge Weisung erhalten, stets mit einem Collegen bereit zu sein, um auf ein gegebenes Zeichen die Verhaftung Ihrer Person vorzunehmen.«

»So! so schlimm wollte man mir mitspielen? Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Mittheilung.«

Im Gerichtssaal spielte sich jetzt folgende Scene ab, wie durch einen Hilfsgerichtsschreiber später verrathen wurde.

Der Richter Bart und die beiden gerichtlichen Sachverständigen waren im Saale zurückgeblieben, und eine gewisse Schwüle, wie vor einem Gewitter, herrschte unter diesen Helden. Der Doktor Heydemann hatte durch sein Auftreten die ganze Situation erschüttert. Kein Wunder, wenn der verwachsene Doktor Wallach endlich unwillig ausrief:

»Aber, College Heydemann! Was haben Sie denn gethan? Sie haben ja sich und uns blamirt vor allen Leuten.«

»Ach, lassen Sie mich mit der ganzen abscheulichen Entmündigungsgeschichte in Frieden!« versetzte Heydemann gereizt. – »Ich kann Ihnen nur sagen, meine Herren, hätte ich ahnen können, was mir in dem Termine bevorstand, ich hätte mich auf die ganze Angelegenheit nicht eingelassen, wie konnte ich ahnen, daß der Drake im Termine anwesend sein würde! Sie, Herr College Wallach, machten mir ganz gegentheilige Mittheilungen. Nach meiner Meinung glaubte ich heute hier nur mein schriftlich abgegebenes Gutachten erläutern und bekräftigen zu sollen, und nun wird mir dieser Mann, der alles Andere eher als geisteskrank ist, gegenübergestellt! Abscheulicher konnte mir gar nicht mitgespielt werden, zumal ich mit Drake seit Jahren bekannt und sogar freundschaftlich mit ihm verkehrt habe. Nein, scheußlicher könnte ich vor ihm und vor aller Welt nicht bloßgestellt werden! Jedenfalls bin ich in das Unternehmen gegen Drake nicht völlig eingeweiht, und ich fühle auch nicht das geringste Bedürfnis, tiefer in das Gewebe einzudringen. Ich will in dem ganzen weiteren Verfahren auch nicht das Mindeste mehr zu thun haben.«

Bei diesen Worten ergriff Hendemann seinen Hut und verließ den Saal.

»Dumm, dumm!« rief wie immer die Hände reibend, der kleine Dr. Wallach und schüttelte den Kopf. – »Geht der Angeklagte wieder frei aus!« Während der Richter das vor ihm liegende Aktenstück packte und wüthend auf den Tisch damit schlug.

Unter diesen Helden wurde in der Sache sofort noch weiter Beratung gehalten, deren Einzelheiten dem Lauscher jedoch unverständlich blieben.

Gegen die absichtliche Verdrehung der Angaben der Zeugin, welche dieselbe hinsichtlich der Besuche Everts gemacht, und die falsche Aufnahme im Protokoll konnte Drake zunächst nichts unternehmen. Wohlweislich aber veranlaßte er die Zeugin, ihre Aussagen und Alles, was sie im Interesse der Sache wußte, vor einem Notar zu wiederholen und ließ dann die darüber angefertigten Schriftstücke amtlich beglaubigen, um geeigneten Falles durch diese Dokumente dem Richter seine famose Führung der Verhandlung und des Protokolls zu beweisen.

Ein weiterer Raubzug gegen Drake.

Im Lager seiner Gegner war man offenbar mit dem Fortgang der Sache höchst unzufrieden. Zwar war es der beutegierigen Gesellschaft gelungen, nach und nach einen Theil von Drake's Vermögen an sich zu reißen. Ihre schlauen Pläne aber, sich seiner Person zu bemächtigen und dadurch zugleich in Besitz seines ganzen Vermögens zu gelangen, hatte ihnen der Verfolgte wieder und wieder muthig durchkreuzt.

Nach der letzten Niederlage wurde deshalb im hohen Rath dieser studirten Gesellschaft beschlossen, sich nunmehr des gesammten Eigenthums Drake's mit einem Schlage zu bemächtigen.

Zur Ausführung dieses Beschlusses wurde den uns bekannten Personen, Meyer, Dappen und Havemester der Auftrag ertheilt, zu ermitteln, in welchen Banken das Vermögen Drake's niedergelegt sei. Dieses sollte dann durch den Richter Bart, kraft seines Amtes, mit Beschlag belegt werden. Der Grund dieser Maßregel war wohlfeil und lautete:

»Nach ärztlichen Zeugnissen und sonstigen Zeugenangaben ist der p. p. Drake gemeingefährlich geisteskrank und deshalb nicht fähig, sein Eigenthum zu verwalten.«

Mit allen erdenklichen Legitimationspapieren, besonders mit Abschriften des Wallach'schen Gutachtens, für welche der geriebene Advokat Wex gesorgt hatte, ausgerüstet, speculirten und forschten nun diese Personen in den Banken nach dem bewußten Vermögen.

Ebenso speculirten diese Abgesandten an sämmtlichen Bahnhöfen nach den für Drake ankommenden Gütern.

Doch trotz der Schlauheit überall ohne Erfolg.

Drake war glücklicherweise von befreundeter Seite zeitig genug gewarnt worden und er hatte genügend Gegenmaßregeln getroffen, sich nach jeder Richtung hin genügend gesichert, um nicht sein ganzes Eigenthum in die Hände dieser Raubritter fallen zu lassen.

Wohl einsehend, daß die fortwährenden Verfolgungen, Maßregelungen und Erpressungen sobald noch nicht ihr Ende erreichen würden, ordnete er seine Verhältnisse und verlegte dann seinen Wohnsitz nach Berlin. Er hoffte in diesem Orte Ruhe zu finden, und mit seinen unerbittlichen Feinden nicht täglich zusammen zu treffen. In Hamburg-Altona hielt er sich nur noch in dringenden Geschäftsangelegenheiten auf. Diese so sehr ersehnte Ruhe sollte aber auch hier nicht von Dauer sein.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.