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Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!

Ferdinand Draak: Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!! - Kapitel 5
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authorFerdinand Draak
titleDie Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!
publisherMarschner & Stephan
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5. Feinde ringsum

Eines Abends am Biertisch wandte sich ein Nachbar an Drake: »Hören Sie, Nachbar, haben Sie Feinde?«

»Ich wüßte nicht, daß ich mit Jemand in Fehde lebe, außer dem Advokaten Wex und dem Arzt Everts. Die Affaire, durch welche diese Feindschaft entstanden, ist Ihnen ja bekannt,« erwiderte Drake. »Allerdings können durch solche Feinde, die einem Tod und Verderben geschworen, unter diesen obwaltenden Verhältnissen Feindschaften entstehen, die noch mehr um sich greifen, wie die Pest. Was ist den geschehen?«

»Es haben sich vor etwa 6 Tagen höchst sonderbare Vorgänge abgespielt,« fuhr der Nachbar fort. »Es war ein herrlicher Abend, ich saß noch um 10 Uhr in meiner Laube. Durch die enge Gasse kamen vier Männer, bewaffnet mit Stöcken, und näherten sich vorsichtig Ihrem Garten. Man sah ihnen an, daß sie nicht zum anständigen Theil der Menschheit gehörten. Besonders der Anführer, ein roher Bursche mit wildem, ungepflegten Bart, zählte unzweifelhaft zu den dunklen Existenzen, deren Ende das Zuchthaus oder der gewaltsame Tod ist. Die Anderen machten den Eindruck, als seien sie würdige Kameraden ihres Anführers. Diese vier Gestalten schlichen sich in Ihren Garten und postirten sich an verschiedenen Stellen in dem Gesträuch. Der Eine spähte wiederholt durch die Fenster, offenbar wollte er auskundschaften, ob Sie zu Hause waren. Ich konnte nicht anders annehmen, als daß es auf einen Einbruch abgesehen war, deshalb richtete ich mein Augenmerk um so schärfer auf die weitere Entwickelung des Unternehmens.

»In Ihrem Hause herrschte tiefe Ruhe.

»Bis um Mitternacht warteten die vier unheimlichen Gestalten, bis sie dann auf ein dumpfes Pfeifen den Garten verließen. Offenbar entfernten sie sich unbefriedigt, denn ich hörte deutlich die Aeußerung: »Warum wollen mir noch länger warten, der kommt heute Abend doch nicht nach Hause.« »Vielleicht hat er auch Lunte gerochen,« ließ sich eine andere Stimme vernehmen.«

»O, wie schade, daß ich diese Burschen nicht ertappt habe, leider kam ich erst um 1 Uhr von einem Ausfluge zurück,« erwiderte Drake.

»Vielleicht war es auch Ihr Glück, daß Sie so spät nach Hause kamen,« erklärte der Wirth, der sich während dieses Gesprächs mit an den Tisch gesetzt hatte, und fuhr fort:

»Bei mir hat sich heute Mittag noch eine weit interessantere Komödie wegen Ihrer Person, Herr Drake, abgespielt.«

»Und die wäre?« forschte Drake gespannt.

»Denken Sie sich, meine Herren,« fuhr der Wirth fort, »etwas Frecheres ist mir in meinem Leben nicht passirt! Kommt da heute Mittag ein außergewöhnlich freundlicher Herr in mein Lokal und fordert ein Glas Bier, ich gebe ihm das Gewünschte in eigener Person.

Mit der Miene eines Kenners hielt der Gast das Glas gegen das Licht, nahm einen Schluck von dem braunen Trunk, prüfte durch leises Anstoßen den Klang des Glases und setzte dann wohlgefällig schmunzelnd das Bier auf den Tisch.

»Ein gutes Bier das, ein vortrefflicher Stoff!« leitete er sodann sein Gespräch mit mir ein, während er seine Augen pfiffig und scharf beobachtend im Zimmer umherschweifen ließ.

»Sie wissen den Stoff zu behandeln, ja ausgezeichnet zu behandeln!« fuhr der Schmeichler fort und leerte das Glas bis zum Grunde.

»Ein neues Glas, wenn ich bitten darf.«

Ich kam rasch dem geäußerten Wunsch nach.

»Ah, da fällt mir ein, ich wollte im Vorübergehen fragen, ist Ihnen, Herr Wirth, ein hier in der Nähe wohnender Kaufmann Namens, – – Namens – richtig – Drake, bekannt?«

Des Fragers verschmitztes, biergeröthetes Gesicht wandte sich mit dem Ausdruck schlecht verhehlter Spannung mir zu. Seine pfiffigen, ewig beweglichen Augen hafteten fast unausgesetzt an meinem Gesicht.

»Gewiß ist mir Herr Drake bekannt,« erwiderte ich, »sogar sehr gut und genau, er ist ja mein nächster Nachbar, und ich zähle diesen Herrn selbstverständlich zu meinen angesehensten Gästen und freue mich, wie auch meine Gäste, über sein Erscheinen. Es ist ein angenehmer Herr!«

Diese Auskunft schien den Erwartungen des lauernden Fragers nicht zu entsprechen, überhaupt nicht nach seinem Sinne zu sein.

Eine Wolke des Unmuthes legte sich unmerklich auf seine sonst so glatte Stirn, das auf den süßlichen Lippen schwebende verbindliche Lächeln verschwand und machte einem häßlichen, ja drohenden Ausdruck um die Mundwinkel Platz.

Eine Pause trat ein.

Der sonderbare Gast nahm einen leichten Verlegenheitsschluck und suchte dann das Gespräch mit mir, der ich mich am Büffet zu schaffen machte, wieder aufzunehmen.

»Sie reden offenbar nur Gutes von Ihren lieben Nächsten, und ich finde das sehr schön von Ihnen. Hem, hem! Bitte noch ein Glas von Ihrem ausgezeichneten Stoffe!«

Ich holte das Begehrte und stellte es vor den Gast. »Wissen Sie nicht etwas Näheres über diesen Herrn, – Drake, richtig, Drake! Wird mir schwer, den Namen zu behalten. Ich meine, was man als Nachbar sonst so zu erfahren pflegt. Sie mißverstehen mich doch nicht, ich meine es auch nur gut. Aber es müssen in seiner Familie eigenthümliche Dinge passiren, ich hörte erst dieser Tage so Einiges reden!«

Der Frager sprach scharf accentuirt, fast peinlich die Worte wählend und nicht ohne Anstrengung nach dem rechten, passenden Ausdruck suchend.

Dabei fixirte er mich mit den kleinen Augen fortgesetzt dermaßen, daß mir fast unheimlich zu Muthe wurde.

»Etwas Gutes führte er unter keinen Umständen gegen Drake im Schilde,« sagte ich mir.

Verschiedene Versuche machte der Fremde noch, um aus mir etwas herauszulocken, allein ich gab auf alle gestellten Fragen nur ausweichende oder nichtssagende Antworten.

»So will ich Ihnen auf die Sprünge helfen!« fuhr der aufdringliche Frager fast ungehalten fort, indem er auf sein Ziel sofort lossteuerte:

»Herr Drake soll stets eine größere Summe Geldes bei sich führen? Ist das wahr? Sie müssen es doch gesehen haben, und dann soll er sich sehr aufgeregt benehmen? – Er soll, mit einem Worte, er soll den Eindruck eines Geistiggestörten machen. Das ist die Meinung von angesehenen und glaubwürdigen Personen.

»Und ich – der Kreisphysikus Wallach – bin gekommen, ausführliches Material über diesen Punkt zu sammeln.« – – –

Diese Wendung des so harmlos begonnenen Gesprächs frappirte mich in aufregender Weise.

Fast zornig erwiderte ich:

»Mein Nachbar, wie Jedermann bekannt, der ruhigste und gesetzteste Mensch von der Welt, ist nach allgemeinem Urtheil ein sehr tüchtiger Geschäftsmann. Dergleichen Aeußerungen gegen einen solchen Mann können nur von boshaften und niederträchtigen Menschen herrühren, welche ihm seine Stellung neiden und ich möchte Jeden warnen, so offenbare Beleidigungen weiter zu verbreiten.«

Der Kreisphysikus rieb sich verlegen die Hände und erwiderte mit cynischem Lächeln:

»So urtheilt der Laie. Hier gebührt das Wort und die maßgebende Entscheidung allein dem wissenschaftlich gebildeten medizinischen Sachverständigen. Außerdem ist es sattsam bekannt, daß Drake seine Familie mißhandelt, angesehene Personen in haarsträubender Art und Weise wieder und immer wieder beleidigt, deren Ruf und Ansehen fort und fort untergraben hat. Mir sind diese Mittheilungen von seinem Hausarzt, dem Doktor Everts, selbst gemacht, in übereinstimmender Weise sodann auch von dem Advokaten Wer und seinem eigenen Schwiegervater Meyer. Das sind sämmtlich und ohne Ausnahme angesehene Personen, welche für mich maßgebend sein müssen. Sehen Sie also den Mann nur einmal näher an, nachdem ich Ihnen diese Andeutungen gemacht habe, beobachten Sie ihn scharf und Sie werden bald meiner Ansicht sein. Ich komme in einigen Tagen wieder und hoffe bestimmt, Sie werden dann mit mir und den genannten Herren dieselbe Meinung in Bezug auf Drake gewonnen haben. Es wird schließlich auch Ihr Nachtheil nicht sein, wenn Sie uns etwas Näheres mitzutheilen vermögen. Verstehen Sie mich? Sinnen Sie noch? Sie wissen ja jetzt, wie's gemeint ist.«

Diese Zumuthung war mir denn doch zu viel. Ich faßte den noch immer auf seinem Platz ausharrenden Kreisphysikus scharf in's Auge und begann nun muthig:

»Mein Herr! meine feste und unumstößliche Ueberzeugung in diesem Punkte, die ich Ihnen soeben mitgetheilt habe, kann durch nichts erschüttert werden. Jeder Schritt zu mir ist somit nutzlos.«

Der Kreisphysikus entfernte sich.

»Meine Herren! ist eine solche Handlung von einem Kreisphysikus, einem Menschen, der vom Staat angestellt, nicht gemein?« So schloß der ehrliche Wirth seinen Vortrag.

»Einen Staatsbürger in der Weise zu beleidigen ist geradezu gemein und der kleine verwachsene Kreisphysikus hat verdient, gelyncht zu werden,« erklärte der Nachbar, der Zeuge der nächtlichen Scene in Garten gewesen war, und fügte empört hinzu, sich an Drake wendend: »Sie haben vollkommen recht, wenn Sie Ihre Feinde mit umsichgreifender Pest vergleichen.«

Ein weiteres Urteil zur Aufklärung dieser dunklen Vorgänge lassen wir zunächst von dem Rechtsanwalt Breede in Wandsbeck fällen.

In Folge der gegen ihn geschmiedeten hinterlistigen Pläne begab sich Drake zu dem Rechtsanwalt Breede in Wandsbeck, mit dem er seit Jahren bekannt war und den er um Rath befragte.

»Denken Sie sich nur, Herr Rechtsanwalt,« begann er, »was mir begegnet ist! – Meine Beziehungen zu Wex, Everts und Konsorten kennen Sie ja; ich theilte sie Ihnen bereits früher mit!«

»Gewiß! Und –?« fragte Breede gespannt.

»Sie sind in eine neue Phase getreten! Kürzlich theilte mir nämlich mein Nachbar mit, daß vier mit Knütteln bewaffnete Kerle Nachts meinen Garten unsicher gemacht haben. Ueberdies ist dann der Kreisphysikus Wallach in einer Wirtschaft gewesen und hat sich auffälliger Weise nach mir erkundigt. Er hat sogar vor dem Manne behauptet, ich sei geisteskrank. Sagen Sie mir doch: welche Maßregeln sind gegen diese Schurken zu ergreifen?«

»Sie dürfen dies keineswegs leicht nehmen,« lautete dessen Belehrung. »Sehen Sie sich ja vor, Ihre Widersacher arbeiten planmäßig an Ihrem Verderben. Nach Lage der Sache hat man beschlossen, Sie entweder durch rohe Gewalt oder teuflische List von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

»Sie sind unter solchen Umständen der Gefahr ausgesetzt, daß man Sie ohne Weiteres ergreift und in ein Irrenhaus sperrt. Sobald sich die Pforten dieser Anstalt hinter Ihnen geschlossen, haben Sie Ihre Rolle in diesem Leben ausgespielt.«

»Geht denn das so leicht?« fragte Drake. »Wir leben doch hier nicht unter Wilden, oder in einem Räuberstaat, sondern befinden uns in einem hochcivilisirten Lande, im aufgeklärten 19. Jahrhundert.«

»Wohl Ihnen, daß Sie sich in solche einem glücklichen Vertrauen wiegen,« entgegnete der Rechtsanwalt, »leider bietet unser gegenwärtiges Gesetz gegen diese und ähnliche Uebergriffe nicht den allermindesten Schutz. Ja, im Gegentheil, es ist ein offenes Geheimniß, daß seit einer Reihe von Jahren Personen existiren, welche das mangelhafte Gesetz kraft ihrer Amtsgewalt geschäftlich förmlich ausgebeutet, und eine große Anzahl von Personen um ihr Hab und Gut gebracht haben, dadurch, daß sie es verstanden, dieselben hinter den Mauern der Irrenanstalt auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. An diesem unsauberen Geschäft haben sich Personen betheiligt, von denen man es nun und nimmer erwartet hätte.

»Ich theile Ihnen dies Alles auch nur unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mit. Denn meine Stellung sowohl, als meine amtliche Thätigkeit, welche mich fast täglich mit einigen dieser erwähnten Personen in Berührung bringt, könnte leicht darunter leiden, wenn Sie aus der Schule plauderten.«

Dieser Bescheid erschütterte Drake tief.

»Aber, Herr Rechtsanwalt!« rief er entrüstet aus. »Ist das unser vielgepriesener Rechtsstaat, in dem solche Bubenstücke möglich sind, – wo bleibt da der persönliche Schutz des redlichen Staatsbürgers, wenn der erste beste schurkische Richter im Verein mit einem ebensolchen Arzte einen gesunden Menschen um Hab, Gut und Freiheit zu bringen im Stande ist?«

»Schlimm, freilich, schlimm!« entgegnete der Mann des Rechts, »Das Gesetz ist höchst mangelhaft, es schützt Niemand, besonders im Irrenwesen, gegen rechtswidrige Uebergriffe; da heißt es einfach: »ein Jeder schütze sich selbst, wo er kann!« Denn die vielgepriesene Göttin der Gerechtigkeit ist in unserem Staate blind!«

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