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Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!

Ferdinand Draak: Die Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!! - Kapitel 14
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authorFerdinand Draak
titleDie Gefahr ist groß!!! Jeder schütze sich!!!
publisherMarschner & Stephan
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14. Die Unterredung mit dem meineidigen gerichtlichen Sachverständigen Geheimen Medizinalrath Doktor Wolff

Beide waren bald am Ziel, der Klingelzug zu Doktor Wolff's Wohnung wurde von Drake kräftig gezogen.

Ein Dienstmädchen öffnete und führte beide in das Sprechzimmer Wolff's.

Aufmerksam musterte Drake das Zimmer, sprach dann wieder einige Worte mit seinem Begleiter, er sah nach der Uhr, 8 Minuten waren verstrichen, aber Niemand erschien. Wiederum waren fünf Minuten verstrichen, aber immer noch waren sich Beide allein überlassen.

Drake wurde ungeduldig und bewegte sich in dem Zimmer hin und her.

Endlich, nach fünfzehn Minuten erschien der Geheimrath.

»Ah, Herr Drake, da sind Sie ja! Wer ist der andere Herr?«

»Herr Schulz, ein Freund von mir,« erwiderte Drake, »der sich bereit erklärt hat, mich hierher zu begleiten!«

»Nun, der Herr kann ja solange hinaustreten und draußen auf Sie warten, die Unterredung mit Ihnen wird nicht lange dauern!«

»Nein, mein Freund bleibt hier,« erklärte Drake scharf, »er ist lediglich zu dem Zwecke mitgekommen, um Zeuge bei der Unterredung mit Ihnen zu sein, denn ich weiß genau, woran ich bei Ihnen bin!«

Ueber die Stirn des Sachverständigen zogen tiefe Falten, finster blickte er den Sprecher an; sichtlich kämpfte er seine Verlegenheit nieder. Endlich kam es kleinlaut über seine Lippen:

»Nun, dann bitte ich die Herren Platz zu nehmen.«

»Wir haben bereits über fünfzehn Minuten gewartet,« erwiderte Drake bestimmt, »wir haben keine Zeit mehr übrig!«

»Ich habe meine Strümpfe gewechselt, und überdem bin ich doch auch in meinem eigenen Hause,« erklärte Doktor Wolff fast ängstlich.

Drake begann nun:

»Es ist mir vom Gericht die Aufforderung zugegangen, mich bei Ihnen einzufinden, weil Sie in der Verhandlung erklärt haben, über die Unterredung mit mir vor Gericht kein Gutachten abgeben zu können, sondern mich vorher in Ihrer Wohnung sehen, und mithin mit mir unter vier Augen sein zu wollen.

»Sie sind vor dem Termin bereits aufgefordert worden, zu mir zu kommen, warum haben Sie das nicht gethan?« fragte Doktor Wolff jetzt sehr erregt.

In ruhigem Tone versetzte Drake:

»Diese Angelegenheit ist bereits in dem Termine erledigt, wie Ihnen bekannt ist.«

Mit seltsamer Gestikulation stieß Wolff hierauf wiederholt die Frage aus: »Was haben Sie gesagt?«

»Können Sie nicht gut hören?« war die kurze Frage.

»Nein, ich höre schwer,« antwortete Wolff höhnisch.

»Nun, ich werde lauter sprechen, aber ich muß darum bitten, daß Sie hernach nicht wieder sagen, ich bin aufgeregt gewesen, wie Sie es in Ihrem letzten Gutachten gemacht haben. Und nur gerade aus diesem Grunde habe ich den Zeugen mitgebracht.«

»Leben Sie mit ihrer Familie noch immer so?« frug Wolff boshaft.

»Diese Frage habe ich Ihnen bereits vor dem Richter beantwortet, wenn Sie dieses noch näher wissen wollen, müssen Sie sich an meine Gegner wenden.«

Die kurzen schlagenden Antworten hatten dem gerichtlichen Sachverständigen das Blut zu Kopfe getrieben, seine Augen rollten unheimlich und er konnte seine Aufregung nicht meistern. In seiner Wuth stammelte Doktor Wolff weiter:

»Sie haben mir damals gesagt, Doktor Wallach habe im Interesse seines Collegen sein Gutachten abgegeben und der Doktor Heydemann habe sich bestechen lassen, haben Sie noch diese Ansicht?«

Mit Nachdruck erklärte Drake:

»Doktor Heydemann hat mich thatsächlich um 50 Mark geprellt; daß derselbe bestochen sei, habe ich Ihnen gegenüber nie behauptet. Geben Sie aber an, ich hätte Ihnen gegenüber diese Behauptung aufgestellt, dann sehe ich mich genöthigt, Sie für einen Lügner zu erklären!

»Im Uebrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sich eine Abschrift von Ihrem damaligen Gutachten in meinen Händen befindet, und ich weiß deshalb genau, was ich von Ihnen zu halten habe. Dahinzu kommt noch der Fall mit dem Rentier Wienecke, welcher in Folge Ihres falschen Gutachtens entmündigt ist und neun Monate unschuldig im Irrenhause gesessen, wie das Landgericht thatsächlich festgestellt hat.«

Diese Vorwürfe und nachträglichen Zurechtweisungen hatten den allmächtigen Geheimen Medizinalrath völlig außer Fassung gebracht, seine Wuth hatte hier ihren Höhepunkt erreicht.

Er stammelte einige unverständliche Worte, er rang nach Fassung. Endlich kam es kreischend aus seiner Kehle zu seiner Rechtfertigung:

»Wienecke ist eher im Irrenhause gewesen, als ich mein Gutachten über ihn abgegeben habe.«

Drake behielt den gerichtlichen Sachverständigen scharf im Auge, als wollte er ihn mit seinen Blicken durchbohren, und erwiderte dann:

»Er ist aber erst auf Ihr Gutachten entmündigt worden, und hat in Folge dessen so lange unschuldig im Irrenhause gesessen, können Sie das verantworten?«

Nach dieser derben Zurechtweisung richtete Drake noch die Frage an den Helden der Wissenschaft:

»Wollen Sie mich noch öfter sprechen?«

»Nein, ich habe jetzt genug, ich weiß, worauf es abgesehen ist,« gab Doktor Wolff zur Antwort.

Damit war die Unterredung beendet.

Der mit dem großartig klingenden Titel eines Geheimen Medizinalrathes beliehene Doktor Wolff machte sofort seiner Wuth und Rache dadurch Luft, daß er folgendes und wörtlich wiedergegebenes Gutachten ausstellte:

Heute erschien der pp. Drake in meiner Wohnung in Begleitung eines Mannes, den er auf mein Betragen als seinen Hauswirth vorstellte, und mit einem dicken Stock in der Hand. Er nahm, als ich eintrat, eine imponirende, ich möchte sagen, fast drohende Stellung an, und fragte offenbar schon in gereizter Stimmung:

»Was wünschen Sie von mir; Sie sagen. Sie können kein Gutachten abgeben, wenn ich nicht zu Ihnen käme. Was wünschen Sie nun von mir?«

Als ich etwas nicht verstand, was er sagte, meinte er: »Sind Sie schwerhörig? Ich dächte, ich spräche laut genug.« Selbstverständlich blieb ich ruhig, lud ihn ein, sich zu setzen, was er mit den Worten ablehnte, das sei nicht nöthig, er habe nicht lange Zeit, ich hätte ihn schon zehn Minuten warten lassen, ich möchte ihm nur sagen, was ich von ihm wünsche.

Ich bemerkte, daß es wohl kaum zehn Minuten gewesen sind, die ich ihn aus natürlichen Gründen habe warten lassen. Als ich ihm nun vorhielt, daß er schon vor dem gerichtlichen Termin den Auftrag gehabt habe, sich bei mir zu gestellen, sagte er in fortwährend gereizter Stimmung, das hätte mit der jetzigen Sache nichts zu thun, was ich denn nun eigentlich von ihm wünsche.

Dabei behauptete er immerfort ganz ruhig zu sein, er habe sich deshalb einen Zeugen mitgebracht, damit man ihm nicht nachsage, er sei aufgeregt gewesen. Als ich nun nach dem Verhältniß zu seiner Ehefrau fragte, meinte er wiederum, das hätte mit der jetzigen Sache gar nichts zu thun, ich möchte doch bei ihr selbst anfragen.

Als ich ihn fragte, ob er noch der Meinung sei, Doktor Heydemann sei bestochen worden, erwiderte er heftig: »Das haben Sie gelogen,« ferner, ob er noch glaube, daß Doktor Wallach sein Gutachten aus kollegialen Rücksichten gegen Doktor Everts abgegeben habe? »Was das denn mit der jetzigen Sache zu thun habe, der ganze Schwindel müsse aufhören,« und mit dem Stock gestikulirend fuhr er erregt fort: »Sie sind schuld, daß ich entmündigt worden bin, und ich weiß auch sehr wohl, daß Sie an dem Wienecke schuld sind und gegen ihn das Gutachten abgegeben haben.«

Aber, das wird sich Alles weiter finden, dieser Schwindel muß aufhören und so weiter.

Daß unter diesen Umständen ein ordnungsmäßiges Gespräch mit dem Drake nicht zu führen war, ist ersichtlich.

Er benahm sich so wenig sachgemäß, daß er nicht einmal die gewöhnlichen Regeln, ich will nicht sagen des Anstandes, nein, des Hausrechts, beobachtete, mir eine Lüge vorwarf, und implicite durchblicken ließ, daß ich sowohl über ihn, wie über den p. Wienecke ein falsches Gutachten abgegeben hätte und zwar wider besseres Wissen, was genugsam aus seinen Worten: »Dieser Schwindel müsse aufhören«, hervorgeht,

Daß ich einem so beklagenswerthen, physisch kranken Mann nicht die Thür weisen konnte, ist selbstverständlich, da aber sein unsachgemäßes negatives Verhalten in den Antworten auf die seinen systematisirten Wahn betreffenden Fragen mir keinen Zweifel übrig ließ, daß ihm die Einsicht in seine Lage vollkommen fehlte, da ich an seinem ganzen Benehmen erkannte, daß er auch mir, wie Herrn Wallach und Hendemann, unlautere Motive bei Abgabe meines Gutachtens unterschob, da ferner die Erregtheit, welche er selbst freilich zu läugnen sich bemüht, einen mir in meiner eigenen Wohnung unliebsamen Grad erreichte, so benutzte ich endlich die von ihm vielfach wiederholte Frage: »Wünschen Sie noch etwas von mir?« um sie mit einem entschiedenen Nein zu beantworten, worauf er sich, anscheinend etwas stutzig, mit seinem Begleiter entfernte. Sowohl nach dem Ergebniß des Explorationverhandlungs-Termins als der heutigen Unterredung habe ich keinen Grund, an meinem früher abgegebenen Gutachten etwas zu ändern und halte ich auch heute den p. Drake noch für unvermögend, die Folgen seiner Handlungen zu überlegen.

Die bei den Akten liegenden Gutachten zweier Universitäts-Professoren, welche die völlige geistige Gesundheit des p. Drake jetzt und zur Zeit des Entmündigungs-Antrages zu beweisen suchen und von welchen ich Kenntniß genommen habe, haben mich in meinem Urtheil über das geistige Verhalten des v. Drake nicht im Mindesten schwankend gemacht.

Doktor Wolff,
gerichtlicher Physikus, Geh. Medizinalrath.

Vergleichen mir nun die Unterhaltung Drake's mit Wolff und das von Letzterem ausgestellte Gutachten, so begreift man in der That nicht, wie ein Mensch, der in der medizinischen Wissenschaft als Autorität anerkannt sein will, in solch' einer frechen, hinterlistigen und schurkischen Art und Weise seines Amtes walten konnte. Wir weisen an dieser Stelle noch einmal darauf hin, daß die Unterhaltung, wie sie Drake mit dem Sachverständigen in Gegenwart des Zeugen führte, und wie sie von uns geschildert, wortgetreu vom Zeugen unter eidlicher Versicherung der Wahrheit erhärtet worden ist und bemerken noch einmal, daß die Verhandlungen nicht Gebilde der Phantasie, sondern daß sie die Wiedergabe von Thatsachen sind, wie sie unsere so aufgeklärte (!) Gegenwart gezeigt hat.

Drake hatte sich bereits genügend Erfahrungen gesammelt, um mit Gewißheit voraussehen zu können, was nun geschehen würde.

Es war nach der stattgehabten Unterredung selbstverständlich, daß der Verbündete seiner alten Feinde, der würdige (!) Geheimrath, darauf dringen mußte, die Entmündigung aufrecht zu erhalten, sonst war ja das ganze Lügengewebe der Gegner Drake's zerrissen und der mühsame Aufbau all' dieser habgierigen Intriguanten vollständig dem Zusammenbruch heimgegeben.

Die Gefahr war für Drake wieder sehr groß; er mußte voraussetzen, das man gegen ihn die zwangsweise Einsperrung in ein Irrenhaus verfügen würde!

Und das sollte er sich gefallen lassen? Er, der sich im vollen Besitz seiner Kräfte fühlte, der sogar geistige Überlegenheit genug besaß, dieses planmäßige Vorgehen seiner Gegner zu durchschauen – er sollte sich einsperren lassen, und so eine willenlose Beute seiner Feinde werden?

Wohl klopfte ihm das Herz stärker, als er den Geheimrath verließ und eine freudige Erregung hatte ihn ergriffen, wohl wußte er auch, daß er dem Arzte gegenüber sich keineswegs sanft wie ein Lamm benommen, das sich gutmüthig und dumm zur Schlachtbank führen ließ.

Der gerechte Unwille über die Lüge und Heuchelei, mit welcher diese Personen, die im Besitz von staatlichen Vertrauensämtern sind, gegen ihn vorgingen, mußte sein Gemüth entstammen, und unablässig dachte er nur daran, wie er sich den Nachstellungen der Gegner entziehen und deren klug berechnete Streiche vergeblich machen konnte.

Während er sich noch im Nachdenken über die heimtückischen Motive des Sachverständigen Geheimrath Wolff befand, erhielt er in seiner Wohnung einen Brief, der ihn allerdings fast erzittern machte.

Es war ein bodenloser Abgrund von Verworfenheit, in den er jetzt blickte.

Jener Gerichtsschreiber, der ihm schon früher von Zeit zu Zeit heimlich Mittheilungen über die Maßnahmen seiner Feinde machte, schrieb ihm, er solle sich jetzt sehr in Acht nehmen, eine neue Anklage sei gegen ihn erhoben.

Richter Bart, die Kreisphysikus Wallach, Wolff und Advokat Wex hatten bei dem Gericht in Berlin den Antrag gestellt, Drake sofort zu verhaften, da derselbe im höchsten Grade gemeingefährlich sei.

Und zwar gaben die drei Ehrenmänner die amtliche Versicherung, Drake habe ihnen nach dem Leben getrachtet! – – –

Nun wurde es ihm klar, daß es jetzt nur noch ein Mittel für ihn gab: die Flucht.

Nicht wie der Feigling, der sich der strafenden Sühne entziehen will, nicht wie der Verbrecher, der höhnisch dem Gesetze trotzt, wollte er sich jetzt seinen Widersachern entwinden, sondern wie der zielbewußte Kämpfer, welcher wohl weiß, daß er nicht vom rechten Wege abweicht, wenn er auch scheinbar seine Sache verloren giebt und den Kampfplatz verläßt.

Drake wollte fliehen, mußte fliehen! Nur dadurch konnte er die ungeheure Rechtsverletzung, die gegen ihn ausgeführt werden sollte, unmöglich machen, daß er den hinterlistigen Feinden das Opfer entriß: sich selbst.

Schnell genug brachte er seinen Plan zur Ausführung.

Noch an demselben Tage verließ Drake seinen bisherigen Aufenthalt Berlin. Wenige Stunden später suchten ihn bereits zwei Criminalbeamte in seiner alten Wohnung, um auf Grund der Anträge des Richters Bart und seiner Spießgesellen den Verfolgten in das Irrenhaus zu schleppen!

Drake aber war glücklich entronnen, und nicht nur dies hatte er mit seiner Entfernung erreicht, sondern noch größere Vortheile hoffte er zu erzielen.

In Stettin, wohin er sich begab, wohnte ja der ehrliche Menschenfreund, der Geheime Medizinalrath und Vorsitzende des Medizinalkollegiums der Provinz Pommern, Doktor Goeden, der bereits früher ein umfangreiches Gutachten dahin abgegeben hatte, daß Drake niemals an Geisteskrankheit gelitten und es geradezu unerfindlich sei, wie man gegen denselben ein solches Verfahren habe einleiten, geschweige denn ihn als geisteskrank verurtheilen können!

Dort bei Doktor Goeden konnte er mit Recht eine thatkräftige Förderung seiner Befreiung aus den Klauen der modernen Raubritter erwarten, hatte doch dieser ehrliche Arzt schon früher erklärt, Drake möchte nur wieder kommen, falls man ihn abermals verfolgen würde. –

So war also Drake spurlos von Berlin verschwunden.

Drake beantragte nun in seiner Heimath, Stargard, schleunigst, daß man die gegen ihn ausgesprochene unschuldige Verurtheilung wieder aufhebe!

Etwa acht Tage nach Einreichung des Antrages begab er sich zu dem Richter, welcher seine Sache zu führen hatte, um sich nach dem Stand derselben zu erkundigen. Dieser, ein alter, wohlwollender Herr, empfing ihn mit der größten Liebenswürdigkeit.

Drake bat ihn um Beschleunigung der Sache, da ihm durch den mehrjährigen Prozeß nicht allein unsägliche Mühe und Sorgen verursacht seien, sondern er auch dadurch in seiner ganzen Existenz bedroht wäre und schließlich gänzlich dabei zu Grunde gehen könne.

»Ich habe Ihre Sache eingehend geprüft, und mir zu meiner gründlicheren Orientirung die Akten von dem Amtsgericht, welches Sie verurtheilt hat, kommen lassen,« er hielt einen Augenblick inne und schüttelte vielsagend mit dem Kopfe, dann fuhr er in mitleidigem Tone fort:

»Es ist bedauerlich, daß man Ihnen so mitgespielt hat; die Akten sind in so eigenthümlicher Weise geführt, die Urtheilungsbegründung eine so sonderbare, daß es mir wirklich ein Räthsel ist, wie der Richter die Verantwortung dafür übernehmen konnte. Seien Sie versichert, ich werde Alles, was in meiner Kraft steht, aufbieten, um die Sache zu beschleunigen. Doch vorher erklären Sie sich wohl auch, welche Sachverständige Sie zum Termin hinzugezogen haben wollen. Sie haben eine große Anzahl ärztlicher Zeugnisse von anerkannten Autoritäten zu den Akten gebracht, die Ihre völlige Gesundheit nachweisen. So kann es bei der Auswahl an Sachverständigen nicht fehlen. Einen derselben, und zwar den beim hiesigen Gericht angestellten, muß ich von Amtswegen mit hinzuziehen, während ich Ihnen die Wahl des zweiten freistelle. Sollten Sie sich nicht sofort darüber schlüssig machen können, so erklären Sie später Ihren Entschluß hierüber in der Gerichtsschreiberei zu Protokoll.«

Drake bedankte sich für das wohlwollende Entgegenkommen und empfahl sich. Mit erleichtertem Herzen und hoffnungsvoll, daß endlich seine Sache zum Abschluß gelangen müsse, verließ er das Gerichtslokal.

»Endlich einmal ein einsichtsvoller Mann!« kam es dabei leise über seine Lippen, »der das Unrecht, welches man Dir zugefügt hat, unumwunden anerkennt; wie schön wäre es um die Welt bestellt, wenn sie nur von solchen Menschen bewohnt wäre. Jede Ungerechtigkeit würde bald aus derselben verschwunden sein!«

Doch schnell machte diese heitere Stimmung einer trüben Platz; denn es fiel ihm jetzt blitzartig ein, daß, indem der Amtsrichter die Akten von seinem früheren Wohnorte sich kommen ließ, seinen Verfolgern die deutlichste Spur gewiesen sei, seinen Aufenthalt zu entdecken. Ohne Frage würden dieselben jetzt Alles aufbieten, seine Wege von Neuem erfolgreich zu durchkreuzen. Er mußte sich wiederum auf einen äußerst harten Kampf gefaßt machen, in welchem es höchst zweifelhaft war, ob er als Sieger aus demselben hervorgehen würde.

Wiederum versuchte er es, seinen Gegnern zuvorzukommen. Ohne Verzug begab er sich zu dem Geheimen Medizinalrath, Vorsitzenden des Medizinalkollegiums der Provinz Pommern, Doktor Goeden in Stettin, welcher ihm bereits früher ein äußerst günstiges Zeugniß über seinen Geisteszustand ausgestellt hatte, und bat ihn, bei dem bevorstehenden Termine als Sachverständiger zugegen zu sein, um sein früheres Gutachten vor Gericht eidlich zu bestätigen.

Dieser war sofort dazu bereit, indem er erklärte, es sei Pflicht eines jeden Ehrenmannes, seinem Mitmenschen beizustehen, zumal in einer so hochwichtigen Angelegenheit. Drake zögerte einen Augenblick, was dem Arzte auffiel. Theilnehmend bemerkte er:

»Ich sehe, Sie haben noch etwas auf dem Herzen; tragen Sie kein Bedenken, mir es mitzutheilen.«

»Da Sie so freundlich zum Reden ermuntern, Herr Geheimrath, stehe ich nicht an, Ihnen noch eine Bitte vorzutragen. Es ist, seitdem Sie mir das Zeugniß ausgestellt haben, eine geraume Zeit verstrichen. Deshalb möchte ich Sie bitten, Ihr früheres Gutachten durch ein solches, neueren Datums ausgestellt, zu unterstützen. –

»Gewiß werde ich Ihnen das Gewünschte ausfertigen. Eine spezielle Untersuchung zu dem Zwecke halte ich für nicht erforderlich, da ich aus dem kurzen Gespräch mit Ihnen erkannt habe, daß Ihr geistiger Zustand ein vollkommen normaler ist.

Behalten Sie noch einen Augenblick Platz, denn ich will Ihren Wunsch sofort erfüllen.« Mit diesen Worten entfernte sich der Geheimrath. –

Nach ungefähr zehn Minuten erschien er wieder und erklärte: »Hier, mein lieber Drake, ist das Verlangte; im Uebrigen rechnen Sie vollständig auf meine Unterstützung.«

Mit einem »bis auf Wiedersehen im Termin!« entließ er Drake, indem er ihm zugleich warm die Hand drückte. –

Drake war froh bewegt darüber, daß er eine neue Waffe zu seiner Vertheidigung in Händen hatte. Dieses neue Zeugniß überreichte er dem Amtsrichter persönlich und bat zugleich, den Aussteller desselben als Sachverständigen zuzuziehen, wozu sich der Richter in wohlwollender Weise bereit erklärte. – – –

Während Drake so glückliche Erfolge zu verzeichnen hatte, drohte das Unwetter bereits von feindlicher Seite über ihn hereinzubrechen.

In dem bekannten Weinkeller auf St. Pauli war eines Abends die ganze Sippe versammelt und berieth von Neuem über Drake's Schicksal. Der uns schon bekannte Kellner in diesem Lokal berichtete diese Hiobspost sofort an Drake.

Nach Empfang dieser Botschaft begab er sich nochmals zu dem Richter, in dessen Hände seine Sache lag, und bat noch einmal um Beschleunigung derselben. Seinem Wunsche wurde entsprochen; bereits nach Verlauf von acht Tagen fand ein Termin statt.

Voller Erwartung fand er sich zur bestimmten Zeit an Gerichtsstelle ein.

Die Verhandlung begann. Zugegen war der Richter, ein Gerichtsschreiber und die beiden Sachverständigen Geh. Rath Goeden und der am Orte wohnende zuständige gerichtliche Sachverständige Kreisphysikus Dr. Büttner.

»Sie wissen, um was es sich hier handelt,« begann der Richter; »beantworten Sie meine Frage kurz und bündig, damit wir mit der Verhandlung schnell zu Ende kommen. Welche Ursachen und Gründe haben vorgelegen, daß man Sie für geisteskrank erklärt hat?« –

»Den Kardinalpunkt meiner Verurtheilung bildet die Uebergriffsaffaire des Doktor Everts bei meiner Frau.«

Frage: »Glauben Sie denn, daß Uebergriffe in Ihrem Hause von Seiten des Arztes wirklich stattgefunden haben?«

Antwort: »Das Geständniß und die nähere Mittheilung hierüber hat mir seiner Zeit die Frau selbst gemacht. Indessen ist diese Angelegenheit für mich heute gegenstandslos geworden, da die Frau seit längerer Zeit spurlos verschwunden und ihr Aufenthalt mir unbekannt ist. Ob dieselbe bei den Intriguen gegen mich die Hand mit im Spiele hat, oder ob andere Ursachen, möglicherweise eine gewaltsame Entführung, darüber kann ich mir kein Urtheil erlauben. Um mir ein klares Bild hierüber zu verschaffen, habe ich eine Scheidungsklage gegen dieselbe anhängig gemacht, die bereits seit geraumer Zeit schwebt.«

Jetzt unterbrach der Geheimrath Goeden den Redenden:

»Ja wohl, die Sache verhält sich so, wie der Provokat sagt, ich habe mich eingehend mit dieser Sache beschäftigt, weil sie für mich ein gewisses Interesse und einen besonderen Reiz vom wissenschaftlichen Standpunkte aus hat. Es haben sich eine große Anzahl von Aerzten damit beschäftigt, die umfangreiche Gutachten, theils für, theils gegen, darüber erstattet haben. Alle diese Schriftstücke hat mir der Provokat unterbreitet; nach sorgfältiger Prüfung derselben bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, daß die behaupteten Uebergriffe des Arztes thatsächlich stattgefunden haben. Zu derselben Ueberzeugung sind auch vier meiner Kollegen gelangt, die auf dem Gebiete der Psychiatrie als anerkannte Größen gelten.«

Der Redner deutete dem Richter durch eine leichte Verbeugung und eine kurze Bewegung der Hand an, daß er mit seiner Erklärung zu Ende sei. –

Es erfolgten nun noch einige allgemeine Fragen von Seiten des Richters an Drake, welche sich auf seine Familien- und Geschäftsangelegenheiten bezogen, die der Richter schließlich noch dahin erweiterte und besonders dabei betonte, »was er (Provokat) denn nun beginnen würde, da er doch durch den langwierigen Prozeß und seine schließliche Verurtheilung so gut wie an den Bettelstab gebracht sei?« –

»Ich habe während der ganzen Affaire,« gab Drake zur Antwort, »mein Geschäft beibehalten und werde es auch fernerhin fortsetzen.«

Der Richter reichte Drake die Hand und sprach:

»Ich wünsche Ihnen viel Glück für Ihr ferneres Wohlergehen. Sie sind entlassen.«

Die beiden Sachverständigen reichten Drake gleichfalls die Hand unter einem Glückwunsch. Darauf verließ er das Gerichtslokal.

Das Endurtheil hatte er zwar nicht vernommen, doch durfte er aus den die Verhandlung begleitenden Umständen und den wohlwollenden Aeußerungen der dabei Beteiligten dreist schließen, daß seine Sache günstig für ihn verlaufen sei.

Freilich war er im höchsten Grade gespannt, wie das Resultat lauten würde. Und deshalb nahm er Gelegenheit, den Gerichtsschreiber, welcher das Protokoll geführt, und mit dem er inzwischen bekannt geworden war, zu befragen, als derselbe zu Tisch ging.

Dieser rief ihm schon aus weiter Ferne entgegen, sobald er seiner ansichtig wurde:

»Gratulire! Gratulire zu dem glücklichen Erfolg, welchen Sie erzielt haben!«

Nachdem er Drake erreicht hatte, fuhr er fort:

»Doch hören Sie, Sie haben Ihre Sache ausgezeichnet gemacht, Ihre Antworten waren so schlagend, daß sich selbst der Richter verwundert nachträglich darüber geäußert hat. Die Herren haben nach Ihrer Entfernung noch einige Zeit berathen, dann einstimmig zu Ihren Gunsten entschieden.«

Drake bedankte sich für diese äußerst wichtige Mittheilung und begab sich beruhigt nach Hause.

»Gottlob!« sagte er sich, »daß ich endlich diese Sippe besiegt habe. Doch nun wartet! Jetzt soll die Reihe an Euch kommen, und Keiner wird seiner verdienten Strafe entgehen; das schwöre ich Euch zu!«

»Aber – juble nicht zu früh!« rief eine warnende Stimme in ihm, »das Erkenntniß ist noch nicht rechtskräftig!«

Manche schlaflose Nacht hatte ihm diese furchtbar aufregende Angelegenheit, bei der es sich um Leben und Tod, um Sein oder Nichtsein gehandelt, bereitet. Kein Wunder, daß nach schwer errungenem Siege eine wohlthuende Ruhe sich seiner bemächtigte. Wie sich nach jeder großen Aufregung eine Abspannung und Ermattung fühlbar macht, so verfiel auch Drake in der nun folgenden Nacht in einen tiefen und wohlthuenden Schlaf, aus dem er am nächsten Morgen, an Leib und Seele neu gestärkt, erwachte.

Der Postbote erschien mit einem Briefe.

Drake überflog den kurzen Inhalt, wie gebannt hafteten seine Augen auf den wenigen Zeilen. Sie enthielten die kurze Mittheilung des Gerichtsschreibers:

»Ihre Feinde sind gegen Sie in vollster Thätigkeit. »Kommen Sie, sobald Sie können, zu mir zur weiteren Besprechung der Angelegenheit!«

»Also doch!« seufzte Drake leise, »hat der Advokat Wex sein Wort eingelöst. Der Kampf entbrennt von Neuem.«

Schleunigst folgte er der erhaltenen Einladung.

»Es ist gemein, Herr Drake!« kam es empört aus dem Munde des Beamten, als er die Gerichtsschreiberei betrat. »Hier sehen Sie, Ihre Feinde haben Sie wieder auf das Schwerste angeschuldigt. Lesen Sie die Schriftstücke selbst.«

Drake prüfte den Inhalt der ihm überreichten Papiere flüchtig, und, wie vom Blitz getroffen, stand er sprachlos da. Zögernd fragte er dann:

»Was sagt denn der Richter dazu? Hat derselbe die Schriftstücke schon gesehen?«

»Allerdings sind sie ihm heute Morgen unterbreitet worden, da dies der Lauf der Geschäfte erfordert. Er hat keine Notiz weiter davon genommen, sondern sie mir zur Beifügung zu den Akten überwiesen. Als er sie mir übergab, murmelte er allerdings leise: Es ist doch zu stark! solche Anschuldigungen! Jedenfalls müssen Sie auf Ihrer Hut sein, denn hiernach zu urtheilen, werden Ihre Feinde unbedingt das Erkenntniß anfechten.«

Der Gerichtsschreiber fügte hinzu:

»Es ist ein wahres Glück, daß der Termin vorüber und das Erkenntniß schon gefällt ist. Denn offenbar beabsichtigten Ihre Gegner die Anschuldigungen noch vor dem Termin zu den Akten zu bringen, um dadurch die Verhandlung zu beeinflussen.

»Es ist mir geradezu ein Räthsel,« fuhr der Gerichtsschreiber nach kurzer Pause fort, »welches Interesse die gerichtlichen Sachverständigen Doktor Wallach und der Geheime Medizinalrath Doktor Wolff für Ihre Sache und für Beseitigung Ihrer Person haben. Beide stellen in dem Schriftstück die Behauptung auf, Sie hätten ihnen neuerdings nach dem Leben getrachtet und seien deshalb im höchsten Grade gemeingefährlich. Sie haben die Aussetzung der Verhandlung beantragt und Ihre Ergreifung und Einsperrung in eine Irrenanstalt bei der Staatsanwaltschaft verlangt.«

»Die Sache ist sehr erklärlich,« entgegnete Drake, »diese Helden der Medizin haben wissentlich falsche Zeugnisse gegen mich abgegeben und fürchten, sobald ich den Prozeß gewonnen habe, das Zuchthaus. Uebrigens haben diese Helden das Bubenstück bereits in Berlin gegen mich versucht, durch meine Uebersiedelung nach hier bin ich indessen der mir drohenden Gefahr glücklich entronnen. Vielleicht läuft noch ein weiterer Antrag ein, ich habe bereits eine leise Ahnung.«

»Sie sind also auf eine weitere Verfolgung vorbereitet,« fragte der Beamte teilnahmsvoll.

»Freilich bin ich auf Alles gefaßt und habe bereits meine Gegenmaßregeln gegen weitere Schurkereien im Auge.«

Mit Bangen und Sorgen sah Drake dem Tage entgegen, an dem das Erkenntniß rechtskräftig werden mußte. Acht Tage später, dies war die Zeit, in welcher die Rechtskraft eintrat, eilte Drake in höchstem Grade gespannt zu dem Gerichtsschreiber, um zu hören, ob weitere Schritte gegen ihn unternommen seien. Der Gerichtsschreiber begrüßte ihn lächelnd mit den Worten:

»Ich kann mir denken, was Sie wollen. Das von Ihnen Erwartete ist glücklich eingetreten; das Erkenntniß hat gestern Rechtskraft erlangt. Ich gratulire nochmals von ganzem Herzen! So sind Sie doch endlich Sieger geworden. Aber es war die höchste Zeit,« fügte er bedenklich hinzu. »Denn vor zehn Minuten war der Sekretär von der Staatsanwaltschaft hier, um sich, im Auftrage des Staatsanwaltes, nach dem Stand Ihrer Sache zu erkundigen. Es ist bei dieser Behörde ebenfalls der Antrag mit den Anschuldigungen, die an uns gelangt sind, eingelaufen mit dem Antrage, gegen das Verfahren Einspruch zu erheben und eventuell gegen das hier gefällte Erkenntniß Berufung einzulegen.« –

»Und was sagte der Sekretär?« frug Drake.

»Nun, nachdem das Erkenntniß seine Rechtskraft erlangt, kann die Staatsanwaltschaft nicht mehr einschreiten. Im Uebrigen zeigt die hiesige Staatsanwaltschaft, nach den Aeußerungen des Sekretärs zu urtheilen, wenig Interesse an einer Verfolgung gegen Sie. Und somit, Herr Drake, ist die ganze Angelegenheit zu Ihren Gunsten entschieden. Die Leute kamen einen Posttag zu spät, aber nur einen Posttag. –«

»Ah, warten Sie noch einen Augenblick,« fügte er eilig hinzu, »eben fällt mir ein, daß ich noch etwas für Sie habe. – Hier ist noch ein Schreiben von Ihrem Hauptfeinde, dem Advokaten Wex in Hamburg, der die gleichen Anschuldigungen gegen Sie vorbringt und die er mit einer Reihe Thatsachen begründen will.«

»Dachte ich es mir doch, daß der Advokat Wex nicht ruhen würde. – Doch, Gott sei Dank! Das Erkenntniß ist rechtskräftig, ich bin frei und hiermit habe ich alle Fesseln von mir abgestreift!« jubelte Drake.

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