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Die Gedichte Walthers von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide: Die Gedichte Walthers von der Vogelweide - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleDie Gedichte Walthers von der Vogelweide
publisherWalter de Gruyter & Co.
year1944
translatorHans Böhm
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150903
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Sprüche zur Zeit Philipps

(1198-1208)

Reich

8,4-27. Gefährdetes Geleit (1198)

Ich saß auf einem Felsen und deckte ein Bein mit dem andern; darauf stützte ich den Ellenbogen. In meine Hand hatte ich das Kinn und meine eine Wange geschmiegt. Da erwog ich eindringlich, wie man auf Erden leben müßte. Keinen Rat wußte ich zu geben, wie man drei Schätze erlangen könnte, ohne daß einer von ihnen verloren ginge. Zwei von denen sind Ansehen und vergänglicher Besitz, die oft einander Abbruch tun; Gnade bei Gott ist das dritte, von höherem Wert als die beiden anderen. Die wünschte ich mir in einen Kasten. Aber wahrhaftig, das ist leider unmöglich, daß Besitz und Ansehen vor der Welt und dazu noch Gnade bei Gott zusammen in ein Herz kommen. Weg und Steg sind ihnen verlegt: Treulosigkeit lauert im Hinterhalt, Gewalttätigkeit treibt Straßenraub; Frieden und Recht sind todwund. Die drei haben keinen Geleitschutz, wenn diese beiden nicht vorher genesen.

Ich saz ûf eime steine,
    und dahte bein mit beine:
    dar ûf satzt ich den ellenbogen:
    ich hete in mîne hant gesmogen
    daz kinne und ein mîn wange.
    dô dâhte ich mir vil ange,
    wie man zer welte solte leben:
    deheinen rât kond ich gegeben,
    wie man driu dinc erwurbe,
    der keines niht verdurbe,
    diu zwei sint êre und varnde guot,
    daz dicke ein ander schaden tuot:
    daz dritte ist gotes hulde,
    der zweier übergulde.
    die wolte ich gerne in einen schrîn.
    jâ leider desn mac niht gesîn,
    daz guot und weltlich êre
    und gotes hulde mêre
    zesamene in ein herze komen.
    stîg unde wege sint in benomen:
    untriuwe ist in der sâze,
    gewalt vert ûf der strâze:
    fride unde reht sint sêre wunt.
    diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt

8,28-9,15. Der Wahlstreit (1198)

Ich hörte einen Fluß rauschen und sah die Fische schwimmen; ich sah alles, was auf Erden war, Feld, Wald, Laub, Rohr und Gras. Alles was kriecht und fliegt und zu Fuß dahergeht, das sah ich und verkünde euch: keins von denen lebt unangefeindet. Die wilden Tiere und die Kriechtiere führen harte Kämpfe, gleicherweise kämpfen die Vögel untereinander. Nur darin sind sie eines Sinnes: sie würden sich nichtig vorkommen, wenn sie nicht eine kräftige Rechtsordnung bildeten. Sie wählen Könige und Stände, sie bestellen Herren und Knechte. Dagegen wehe dir, deutsches Volk, wie steht es mit deinen Einrichtungen! Wenn jetzt die Mücke ihren König hat und deine Herrlichkeit in solcher Weise zugrunde geht. Wende, wende dich um! Die Kronen sind zu mächtig, die Vasallenkönige rücken dir auf den Leib. Dem Philippus setz den Waisen auf und gebiete ihnen zurückzutreten.

Ich hôrte ein wazzer diezen
    und sach die vische fliezen,
    ich sach swaz in der welte was,
    velt walt loup rôr unde gras.
    swaz kriuchet unde fliuget
    und bein zer erde biuget,
    daz sach ich, unde sage iu daz:
    der keinez lebet âne haz.
    daz wilt und daz gewürme
    die strîtent starke stürme,
    sam tuont die vogel under in;
    wan daz si habent einen sin:
    si dûhten sich ze nihte,
    si enschüefen starc gerihte.
    si kiesent künege unde reht,
    si setzent hêrren unde kneht.
    sô wê dir, tiuschiu zunge,
    wie stêt dîn ordenunge!
    daz nû diu mugge ir künec hât
    und daz dîn êre also zergât.
    bekêrâ dich, bekêre.
    die cirkel sint ze hêre,
    die armen künege dringent dich:
    Philippe setze en weisen ûf, und heiz si treten hinder sich.

18,29-19,4. Philipp und die Krone (1198)

Die Krone ist älter als der König Philippus: ihr alle könnt deutlich ein Wunder daran erkennen, wie sie der Goldschmied ihm so genau angemessen hat. Sein kaiserliches Haupt paßt zu ihr so gut, daß kein Urteilsfähiger Grund hat, sie zu trennen: jedes von ihnen erhöht da das andere. Sie strahlen beide einander an, das Edelgestein gegen den jungen holden Mann; dieses Anblicks freuen sich die Fürsten. Wenn also einer den König noch nicht gefunden haben sollte, der sehe zu, wem der Waise über seinem Nacken steht: – der Stein ist aller Fürsten Leitstern.

Diu krône ist elter danne der künec Philippes sî:
    dâ mugent ir alle schouwen wol ein wunder bî,
    wies ime der smit sô ebene habe gemachet.
sîn keiserlîchez houbet zimt ir alsô wol,
    daz si ze rehte nieman guoter scheiden sol:
    ir dewederz daz ander niht enswachet.
si liuhtent beide ein ander an,
    daz edel gesteine wider den jungen süezen man:
    die ougenweide sehent die fürsten gerne.
    swer nû des rîches irre gê,
    der schouwe wem der weise ob sîme nacke stê:
    der stein ist aller fürsten leitesterne.

19,5-16. Magdeburger Weihnachtsfest (1199)

An jenem Tag, als unser Herr von einer Jungfrau geboren wurde, die er sich zur Mutter erkoren hat, da ging in Magdeburg der König Philippus, herrlich anzuschauen. Da ging ein Kaiserbruder und ein Kaisersohn in einem Gewand, obwohl es doch drei Personen sind; er trug das echte Zepter und die echte Krone. Er schritt ganz langsam einher in voller Ruhe. Ihm nach wandelte eine hochgeborene Königin, Rose ohne Dorn, Taube sonder Galle. Der Anstand der ganzen Welt war da vereinigt. Die Thüringer und die Sachsen nahmen ihren Hofdienst dort in einer solchen Art wahr, daß die Urteilsfähigen hochzufrieden sein konnten.

Ez gienc, eins tages als unser hêrre wart geborn
    von einer maget dier im ze muoter hât erkorn,
    ze Megdeburc der künec Philippes schône.
dâ gienc eins keisers bruoder und eins keisers kint
    in einer wât, swie doch die namen drîge sint:
    er truoc des rîches zepter und die krône.
er trat vil lîse, im was niht gâch:
    im sleich ein hôhgeborniu küneginne nâch,
    rôs âne dorn, ein tûbe sunder gallen.
    diu zuht was niener anderswâ:
    die Düringe und die Sahsen dienten alsô dâ,
    daz ez den wîsen muoste wol gevallen.

21,25-22,2. Vorzeichen des jüngsten Tages (1201)

Jetzt wachet auf! Uns naht der Tag, vor dem jeder Christ, Jude und Heide große Angst haben muß. Wir haben viele der Zeichen gesehen, an denen wir sein Kommen gut erkennen, wie uns die Schrift wahrheitsgetreu belehrt hat. Die Sonne hat sich verfinstert, Treulosigkeit ihren Samen allenthalben auf die Wege ausgestreut. Der Vater findet Treulosigkeit bei seinem Sohn, der Bruder lügt seinen Bruder an; der geistliche Stand, der uns den Weg zum Himmel bereiten sollte, treibt in seinen Schalkskleidern Betrug. Gewalttätigkeit sprießt auf, vor Gericht welkt Gerechtigkeit dahin. Auf denn! hier hat man zu lange geschlafen.

Nû wachet! uns gêt zuo der tac,
    gein dem wol angest haben mac
    ein ieglich kristen, juden unde heiden.
Wir hân der zeichen vil gesehen,
    dar an wir sîne kunft wol spehen,
    als uns diu schrift mit wârheit hat bescheiden.
Diu sunne hât ir schîn verkêret,
    untriuwe ir sâmen ûz gerêret
    allenthalben zuo den wegen:
    der vater bî dem kinde untriuwe vindet,
    der bruoder sînem bruoder liuget:
    geistlich leben in kappen triuget,
    die uns ze himel solten stegen:
    gewalt gêt ûf, reht vor gerihte swindet.
    wol ûf! hie ist ze vil gelegen.

25,11-25. Konstantins Schenkung (1201?)

König Konstantin schenkte dem römischen Thron so viel, wie ich euch berichten will: nämlich Lanze, Kreuz und Dornenkrone. Sogleich rief der Engel laut: »Wehe! wehe! Zum dritten Mal wehe! Ehemals lebte die Christenheit, wie es sich geziemt, und stand herrlich da; jetzt hat sie Gift bekommen, ihr Honig ist zu Galle geworden. Das wird der Welt später noch sehr schmerzlich sein.«

Alle Fürsten stehn jetzt in Ansehen, nur der höchste ist erniedrigt. Das hat die Wahl der Geistlichen verschuldet. Das sei dir, lieber Gott, geklagt. Die Geistlichen wollen das Recht der Laien umkehren. Der Engel hat uns die Wahrheit gesagt.

Künc Constantîn der gap sô vil,
    als ich ez iu bescheiden wil,
    dem stuol ze Rôme, sper kriuz unde krône.
Zehant der engel lûte schrê
    ›owê, owê, zem dritten wê!
    ê stuont diu kristenheit mit zühten schône:
Der ist nû ein gift gevallen,
    ir honec ist worden zeiner gallen.
    daz wirt der werlt her nâch vil leit.‹
    alle fürsten lebent nû mit êren,
    wan der hœhste ist geswachet:
    daz hât der pfaffen wal gemachet.
    daz sî dir, süezer got, gekleit.
    die pfaffen wellent leien reht verkêren.
    der engel hât uns wâr geseit.

9,16-39. Römischer Trug (1201)

Ich sah mit meinen eigenen Augen die Heimlichkeiten von Männern und Frauen, so daß ich alles vernahm und erblickte, was einer tat, was einer sprach. In Rom hörte ich, wie man log und zwei Könige betrog. Daraus entstand der größte Kampf, der jemals früher war oder später sein wird, als Geistliche und Weltliche in zwei Parteien auseinander traten. Das war die schwerste aller Bedrängnisse: denn Leib und Seele lagen da tot. Die Geistlichen kämpften heftig, aber die Zahl der Weltlichen nahm zu. Da legten jene die Schwerter nieder und griffen wieder zur Stola: sie bannten diejenigen, die sie zu bannen begehrten, und nicht denjenigen, den sie hätten bannen müssen. Da zerstörte man die Kirchen. Ich hörte ferne in einer Klause großes Jammern: dort weinte ein Klausner, er klagte Gott seinen Schmerz: »Ach, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, deiner Christenheit!«

Ich sach mit mînen ougen
    mann unde wîbe tougen,
    daz ich gehôrte und gesach
    swaz iemen tet, swaz iemen sprach.
    ze Rôme hôrte ich liegen
    und zwêne künege triegen.
    dâ von huop sich der meiste strît
    der ê was oder iemer sît,
    dô sich begunden zweien
    die pfaffen unde leien.
    daz was ein nôt vor aller nôt:
    lîp unde sêle lac dâ tôt.
    die pfaffen striten sêre:
    doch wart der leien mêre.
    diu swert diu leiten si dernider
    und griffen zuo der stôle wider:
    si bienen die si wolten,
    und niht den si solten.
    dô stôrte man diu goteshûs.
    ich hôrte verre in einer klûs
    vil michel ungebære:
    dâ weinte ein klôsenære,
    er klagete gote sîniu leit,
    ›owê der bâbest ist ze junc: hilf, hêrre, dîner kristenheit.‹

16,36-17,10. Lob der Freigebigkeit

Philippus, hoher König, sie wünschen dir alle Glück und möchten Freude nach Leid. Nun verfügst du über Besitz und Würden, die sind gut so viel wie der Schatz von zwei Königen; die schenke beide der Freigebigkeit. Der Lohn, den die Freigebigkeit gibt, ist wie die Saat, die in dem Maße herrlich aufgeht, wie man sie ausgeworfen hat. So wirf du freigebig weg! Wenn ein König sich darauf versteht, der Freigebigkeit zu schenken, so schenkt sie ihm, was er sonst nie erlangt hätte. Wie klug war Alexander! Der schenkte und schenkte, sie aber schenkte ihm alle Reiche.

Philippe, künec hêre,
    si gebent dir alle heiles wort
    und wolden liep nâch leide.
nû hast dû guot und êre:
    daz ist wol zweier künege hort:
    diu gip der milte beide.
der milte lôn ist sô diu sât,
    diu wünneclîche wider gât
    dar nâch man si geworfen hât:
    wirf von dir milteclîche.
    swelch künec der milte geben kan,
    si gît im daz er nie gewan.
    wie Alexander sich versan!
    der gap und gap, und gap sim elliu rîche.

19,17-28. Mahnung zur Freigebigkeit

König Philippus, genaue Beobachter werfen dir vor, du gäbest nicht aus freiem Willen: deshalb kommt es mir so vor, als büßtest du dadurch weit mehr ein. Du solltest lieber tausend Pfund freiwillig geben als dreißigtausend widerwillig. Dir ist nicht bekannt, auf welche Weise man durch Schenken Ruhm und Achtung erlangt. Denk an den freigebigen Saladin; der erklärte, Königshände müßten durchlässig sein, dann würden sie gefürchtet und geliebt. Denk an den von England, um welch hohen Preis der durch seine schenkende Hand befreit wurde. Ein Verlust ist nützlich, wenn er zwei Vorteile bringt.

Philippes künec, die nâhe spehenden zîhent dich,
    dun sîst niht dankes milte: des bedunket mich
    wie dû dâ mite verliesest michels mêre.
dû möhtest gerner dankes geben tûsent pfunt,
    dan drîzec tûsent âne danc. dir ist niht kunt
    wie man mit gâbe erwirbet prîs und êre.
denk an den milten Salatîn:
    der jach daz küneges hende dürkel solten sîn:
    sô wurden sie erforht und ouch geminnet.
    gedenke an den von Engellant,
    wie tiure er wart erlôst von sîner gebenden hant.
    ein schade ist guot, der zwêne frumen gewinnet.

17,11-24. Der Spießbraten (nach 1204)

Laßt uns den Köchen, da es ihnen so hoch zu stehen kommt, raten, schleunig den Braten der Fürsten weit größer zu schneiden als bisher, doch wenigstens um einen Daumen dicker! In Griechenland wurde ein Spießbraten zerteilt, das besorgte eine knauserige Hand (sie hätte wohl auch nicht anders handeln können): der Braten war zu dünn. Deshalb mußte der Hausherr vor die Tür: die Fürsten nahmen eine neue Wahl vor. Wenn einer jetzt die deutsche Krone auf solche Weise einbüßte, dem wäre es besser wenn er nie einen Spießbraten erhalten hätte.

Wir suln den kochen râten,
    sît ez in alsô hôhe stê
    daz si sich niht versûmen,
daz si der fürsten brâten
    snîden grœzer baz dan ê
    doch dicker eines dûmen.
Ze Kriechen wart ein spiz versniten:
    daz tet ein hant mit argen siten
    (sin möht ez niemer hân vermiten):
    der brâte was ze dünne.
    des muose der hêrre für die tür:
    die fürsten sâzen ander kür.
    der nû daz rîche alsô verlür,
    dem stüende baz daz er nie spiz gewünne.

Leben

9,29-20,3. Am Hoflager Philipps (1198)

Als Friedrich von Österreich es so gewandt hatte, daß er die Seele rettete und den Leib verlor, da zog er meinen Kranichschritt sich nach unter die Erde. Da schlich ich überall wie ein Pfau einher, mein Haupt ließ ich bis auf die Kniee niederhangen. Jetzt richte ich es auf, meinem vollen Wert entsprechend. Ich habe einen gastlichen Herd gefunden: König und Krone haben mich aufgenommen. Auf denn, wer zur Geige zu tanzen begehrt! Meiner Not ist jetzt abgeholfen; endlich werde ich auf ebener Straße dahinschreiten und wieder zu meiner Hochstimmung emporsteigen.

Dô Friderich ûz Ôsterrîch alsô gewarp,
    dêr an der sêle genas und im der lîp erstarp,
    dô fuort er mînen krenechen trit in derde.
Dô gieng ich slîchent als ein pfâwe swar ich gie,
    daz houbet hanht ich nider unz ûf mîniu knie:
    nû riht ich ez ûf nach vollem werde.
Ich bin wol ze fiure komen,
    mich hât daz rîche und ouch diu krône an sich genomen.
    wol ûf, swer tanzen welle nâch der gîgen!
    mir ist mîner swære buoz:
    êrste wil ich eben setzen mînen fuoz
    und wider in ein hôhgemüete stîgen.

20,4-15. Der Thüringer Hof

Wer stark ohrenleidend ist, der lasse, rate ich, den Hof von Thüringen ungeschoren; denn kommt er dahin, so wird er wahrhaftig taub. Ich habe das Gedränge der Empfänge mitgemacht, bis ich nicht länger kann. Eine Rotte tobt hinaus, die andere herein, Tag und Nacht. Ein wahres Wunder, daß da noch einer etwas vernimmt. Der Landgraf ist nun einmal so gestimmt, daß er sein Hab und Gut mit hochgemuten Recken durchbringt, von denen ein jeglicher gut und gern einen Klopffechter abgäbe. Ich kenne seine großartige Lebensweise: und kostete ein Fuder guten Weines tausend Pfund, so stände auch dann eines Ritters Kump niemals leer.

Der in den ôren siech von ungesühte sî,
    daz ist mîn rât, der lâz den hof ze Dürengen frî:
    wan kumet er dar, dêswâr er wirt ertœret.
ich hân gedrungen unz ich niht mê dringen mac.
    ein schar vert ûz, diu ander in, naht unde tac.
    grôz wunder ist daz iemen dâ gehœret.
der lantgrâve ist sô gemuot
    daz er mit stolzen helden sîne habe vertuot,
    der iegeslîcher wol ein kenpfe wære.
    mir ist sîn hôhiu fuore kunt:
    und gulte ein fuoder guotes wînes tûsent pfunt,
    dâ stüende ouch niemer ritters becher lære.

84,1-13. Sehnsucht nach Wien

Um drei Dinge mache ich mir Sorgen; könnte ich auch nur mit einem von denen ins Reine kommen, so stände es gut um mich. Aber was mir auch dadurch widerfahre, ich lasse keines von ihnen aus: ich kann doch noch in allen dreien Glück und Erfolg haben: Gottes Gnade und die Liebe meiner Herrin – ich bin darum besorgt, wie ich die erwerbe. Das dritte hat sich unrechterweise lange Zeit ablehnend gegen mich verhalten. Das ist der herrliche Hof zu Wien: ich ruhe niemals, bis ich mich dessen wert mache, da er treu und beständig so viele hohe Vorzüge bewahrt hat. Man sah da Leopolds Hand ohne Scheu und Reue spenden.

Drî sorge habe ich mir genomen:
    möht ich der einer zende komen,
    sô wære wol getân ze mînen dingen.
iedoch swaz mir dâ von geschiht,
    in scheid ir von ein ander niht:
    mir mag an allen drin noch wol gelingen.
gotes hulde und mîner frowen minne,
    dar umbe sorge ich, wie ich die gewinne:
    daz dritte hât sich mîn erwert unrehte manegen tac.
    daz ist der wünneclîche hof ze Wiene:
    in hirme niemer unz ich den verdiene,
    sît er sô maneger tugende mit stæter triuwe pflac.
    man sach Liupoltes hant dâ geben, daz si des niht erschrac.

20,31-21,9. Bitte an Leopold

Das Tor des Glücks ist mir verschlossen. Wie nackt und bloß stehe ich davor, aber all mein Klopfen hilft mir nichts. Könnte es ein größeres Wunder geben? Beiderseits von mir regnet es, ohne daß von dem allen mir ein Tropfen zuteil wird. Die Freigebigkeit des Fürsten von Österreich erfreut wie lieblicher Regen Land und Leute. Er ist eine schöne, buntgeschmückte Heide, auf der man eine Überfülle von Blumen pflückt. Und pflückte mir ein Blatt davon jene schenkfreudige Hand, so würde ich ein Loblied auf den strahlenden Anblick singen. Hiermit sei er an mich erinnert.

Mir ist verspart der sælden tor:
    dâ stên ich als ein weise vor:
    mich hilfet niht swaz ich dar an geklopfe.
Wie möht ein wunder grœzer sîn?
    ez regent bêdenthalben mîn,
    daz mir des alles niht enwirt ein tropfe.
Des fürsten milte ûz Ôsterrîche
    fröit dem süezen regen gelîche
    beidiu liute unt ouch daz lant.
    erst ein schœne wol gezieret heide,
    dar abe man bluomen brichet wunder.
    und bræche mir ein blat dar under
    ein vil milte rîchiu hant,
    sô möhte ich loben die liehten ougenweide.
    hie bî sî er an mich gemant.

35,17-26.* Vorschlag zur Güte

Leopold von Österreich, laß mich doch unter den Menschen! Wünsch mich zu dir an den Hof, nicht in den Wald: ich verstehe mich ja nicht aufs Roden. Die Menschen sehen mich gerne und ebenso ich die Menschen. Du weißt wohl nicht, was du bisweilen einem trefflichen Mann zuwünschest. Wenn du mich von ihnen wegwünschest, so tust du mir Böses an. Wald und Heide in allen Ehren! Die mögen ausgezeichnet für dich passen. – Wie hast du nun gehandelt, da ich dich dahin gewünscht habe, wo du Behagen hast, und du mich dorthin, wo es mir unbehaglich ist? Laß ab: geh du von dannen, laß mich bei den Menschen: auf diese Weise leben wir beide behaglich.

Liupolt ûz Ôsterrîche, lâ mich bî den liuten,
    wünsche mîn ze selde, niht ze walde: ichn kan niht riuten:
    si sehent mich bî in gerne, alsô tuon ich sie.
    dû wünschest underwîlent biderbem man dun weist niht wie.
    wünsches dû mir von in, sô tuost dû mir leide.
    vil sælic sî der walt, dar zuo diu heide!
    diu müezen dir vil wol gezemen! wie hâst dû nû getan,
    sît ich dir an dîn gemach gewünschet hân,
    und dû mir an mîn ungemach? lâ stân:
    wis dû von dan, lâ mich bî in: sô leben wir sanfte beide.

24,33-25,10. Der Wiener Hof

Der Hof zu Wien sagte zu mir: »Walther, ich sollte dir gefallen, nun mißfalle ich dir, das möge Gott erbarmen! Früher stand ich in hohen Ehren; da lebte nirgend meinesgleichen außer König Artus' Hof. Jetzt dagegen: wehe mir Armem! Wo sind jetzt Ritter und Damen, die man eigentlich bei mir erblicken müßte? Seht, wie kläglich es bei mir aussieht! Mein Dach ist morsch, und meine Wände fallen ein. Mich liebt leider niemand. Gold, Silber, Pferde und Kleider schenkte ich weg und hatte anderseits doch mehr (an Gütern der Kunst und Lebensfreude). Jetzt hab ich weder Kränze noch Schmuckbänder noch Damen für einen Tanz, o weh!«

Der hof ze Wiene sprach ze mir
    ›Walther, ich solte lieben dir,
    nû leide ich dir: daz müeze got erbarmen.
Mîn wirde diu was wîlent grôz:
    dô lebte niender mîn genôz,
    wan künec Artûses hof: sô wê mir armen!
Wâ nû ritter unde frouwen,
    die man bî mir solte schouwen?
    seht wie jâmerlîch ich stê.
    mîn dach ist fûl, sô rîsent mîne wende.
    mich enminnet nieman leider.
    golt silber ros und dar zuo kleider
    diu gab ich, unde hât ouch mê:
    nun hab ich weder schappel noch gebende
    noch frowen zeinem tanze, owê!‹

25,26-26,2. Lob Leopolds

Lebt wohl jemand, der behaupten möchte, er habe jemals größere Geschenke gesehen, als wir in Wien zu Ehren des jungen Fürsten erhalten haben? Man sah ihn schenken, als wolle er nicht länger leben; da wurden mit Geld und Gut wahre Wunder getan. Soviel man auch schenkte, man maß und zählte nicht; sondern Silber schenkte man weg, als hätte man es auf der Straße gefunden, und kostbare Kleider. Obendrein ließ der Fürst, um sich die Fahrenden freundlich zu stimmen, die Ställe von den Pferden leer machen. Gar mancher hat da Streitrosse weggeführt, als wären es Lämmer. Da hat niemand für seine alten Sünden büßen müssen; das war ein gütiger Entschluß.

Ob ieman spreche, der nû lebe,
    daz er gesæhe ie grœzer gebe,
    als wir ze Wiene haben dur êre enpfangen?
Man sach den jungen fürsten geben,
    als er niht lenger wolte leben:
    dâ wart mit guote wunders vil begangen.
Man gap dâ niht bî drîzec pfunden,
    wan silber, als ez wære funden,
    gab man hin und rîche wât.
    ouch hiez der fürste durch der gernden hulde
    die stelle von den märhen læren.
    ors, als ob ez lember wæren,
    vil maneger dan gefüeret hât.
    ezngalt dâ nieman sîner alten schulde:
    daz was ein minneclîcher rât.

82,24-36. Auf Reimars Tod (zwischen 1207 u. 1210)

Ach, daß sich weder Kunstverstand und Jugend noch Schönheit und innere Vorzüge vererben lassen, wenn man einmal stirbt! Das kann ein verständiger Mann schmerzlich beklagen, der imstande ist, den Verlust zu ermessen, wieviel meisterliches Können, Reimar, mit dir zugrunde geht. Dir sollte mit Recht immerdar zu Gute kommen, daß du zu keiner Stunde des Tages müde wurdest, die Frauen zart zu feiern. Dafür sollen sie dir immer dankbar sein. Hättest du auch nur jenes eine Lied gesungen: »Heil dir, Weib, welch herrlicher Stand!«, so hättest du für ihr Lob so schön gekämpft, daß alle Frauen für dich Fürbitte einlegen müßten.

Owê daz wîsheit unde jugent,
    des mannes schœne noch sîn tugent
    niht erben sol, sô ie der lîp erstirbet!
daz mac wol klagen ein wîser man,
    der sich des schaden versinnen kan,
    Reimar, waz guoter kunst an dir verdirbet.
dû solt von schulden iemer des geniezen,
    daz dich des tages wolte nie verdriezen,
    dun spræches ie den frowen wol mit ... siten.
    des sün si iemer danken dîner zungen.
    hetst anders niht wan eine rede gesungen,
    ›sô wol dir, wîp, wie reine ein nam!‹, dû hetest alsô gestriten
    an ir lop daz elliu wîp dir gnâden solten biten.

82,37-83,13. Auf denselben

Wahrlich, Reimar, ich trauere weit mehr um dich als du um mich getrauert hättest, wenn du lebtest und ich gestorben wäre. Ich will es ganz aufrichtig gestehen: über dich selber würde ich kaum klagen; ich klage, daß dein vornehmes Können zugrunde gegangen ist. Du wußtest die Freude der ganzen Welt zu erhöhen, wenn du deinen Sang dem Guten weihen wolltest. Ich trauere, daß dein Dichtermund und dein holder Gesang zu meinen Lebzeiten zugrunde gegangen sind. Warum hast du nicht noch eine Zeit lang warten können! Dann hätte ich dir Gesellschaft geleistet – ich singe nicht mehr lange. Mög's deiner Seele wohlergehen, und sei bedankt für deinen Sang!

Dêswâr, Reimar, dû riuwes mich
    michels harter danne ich dich,
    ob dû lebtes und ich wær erstorben.
ich wilz bî mînen triuwen sagen,
    dich selben wolt ich lützel klagen:
    ich klage dîn edelen kunst, daz sist verdorben.
dû kundest al der werlte fröide mêren,
    sô duz ze guoten dingen woltes kêren.
    mich riuwet dîn wol redender munt und dîn vil süezer sanc,
    daz die verdorben sint bî mînen zîten.
    daz dû niht eine wîle mohtest bîten!
    sô leiste ich dir geselleschaft: mîn singen ist niht lanc.
    dîn sêle müeze wol gevarn, und habe dîn zunge danc.

24,18-32. Reisesegen

Mit Segen mög ich heute aufstehen; Herr Gott, unter deinem Schutze gehn und reiten, wohin ich mich auch wende! Herr Christ, offenbare mir die große Fülle deiner Güte und nimm dich meiner an um deiner Mutter willen. Wie sich der heilige Engel ihrer annahm und auch deiner, der du, junger Mensch und alter Gott, demütig vor dem Esel und dem Ochsen in der Krippe lagst, und dessen sich doch mit segenreichem Schutze der liebe Gabriel ganz treulich und ernst annahm, so nimm dich auch meiner an, so daß dein hochgöttliches Gebot auch bei mir in Kraft bleibe.

Mit sælden müeze ich hiute ûf stên,
    got hêrre, in dîner huote gên
    und rîten, swar ich in dem lande kêre.
Krist hêrre, lâz mir werden schîn
    die grôzen kraft der güete dîn,
    unt pflic mîn wol dur dîner muoter êre.
Als ir der heilig engel pflæge,
    unt dîn, der in der krippen læge,
    junger mensch unt alter got,
    dêmüetic vor dem esel und vor dem rinde,
    und doch mit sældenrîcher huote
    pflac dîn Gabriêl der guote
    wol mit triuwen sunder spot,
    als pflig ouch mîn, daz an mir iht erwinde
    daz dîn vil götelîch gebot.

10,1-8. Gottes Unerforschlichkeit

Mächtiger Gott, du bist so lang und bist so breit, daß wir uns vergeblich abmühten, wenn wir dem nachsännen. Unermeßlich ist deine Macht und Ewigkeit. Ich weiß es gut von mir selber, daß auch ein andrer sich darüber Gedanken macht; doch bleibt es, wie es immer war, unserm Geist unzugänglich. Du bist zu groß, du bist zu klein – es ist unausdenkbar. Ein Narr und Tor, der darüber Tag und Nacht zubringt! Will er wissen, was nie durch Predigt oder Lehre ergründet worden ist?

Mehtiger got, dû bist sô lanc und bist sô breit,
    gedæht wir dâ nâch, daz wir unser arebeit
    verlüren! dir sint ungemezzen maht und êwekeit.
    ich weiz bî mir wol daz ein ander ouch dar umbe trahtet:
    sô ist ez, als ez ie was, unseren sinnen unbereit.
    dû bist ze grôz, dû bist ze kleine: ez ist ungahtet.
    tumber gouch, der dran betaget oder benahtet!
    wil er wizzen daz nie wart gepredjet noch gepfahtet?

Gesellschaft

87,1-40. Knappen-Erziehung

I. Niemand vermag die Erziehung eines Knaben durch Ruten zu erzwingen: wen man dazu bringen kann, daß er ehrenwert ist, dem ist ein Wort wie ein Schlag. Dem ist ein Wort wie ein Schlag, den man dazu bringen kann, daß er ehrenwert ist. Die Erziehung eines Knaben durch Ruten zu erzwingen vermag niemand.

Nieman kan mit gerten
    kindes zuht beherten:
    den man zêren bringen mac,
    dem ist ein wort als ein slac.
    dem ist ein wort als ein slac,
    den man zêren bringen mac:
    kindes zuht beherten
    nieman kan mit gerten.

II. Achtet auf eure Zungen, das steht der Jugend wohl an. Schieb den Riegel vor die Tür, laß kein schlechtes Wort heraus. Laß kein schlechtes Wort heraus, schieb den Riegel vor die Tür; das steht der Jugend wohl an. Achtet auf eure Zungen.

Hüetent iuwer zungen:
    daz zimt wol dien jungen.
    stôz den rigel für die tür,
    lâ kein bœse wort dar für.
    lâ kein bœse wort dar für,
    stôz den rigel für die tür:
    daz zimt wol dien jungen.
    hüetent iuwer zungen.

III. Achtet auf eure Augen öffentlich und heimlich. Laßt sie edles Benehmen sorgsam beobachten und das schlechte übersehen. Und das schlechte übersehen laßt sie, edles Benehmen sorgsam beobachten. Öffentlich und heimlich achtet auf eure Augen.

Hüetent iuwer ougen
    offenbâr und tougen,
    lânt si guote site spehen
    und die bœsen übersehen.
    und die bœsen übersehen
    lânt si, guote site spehen:
    offenbâr und tougen
    hüetent iuwer ougen.

IV. Achtet auf eure Ohren, oder ihr seid Toren. Laßt ihr schlechte Worte herein, das entehrt euren Geist. Das entehrt euren Geist, laßt ihr schlechte Worte herein. Oder ihr seid Toren; achtet auf eure Ohren.

Hüetent iuwer ôren,
    oder ir sint tôren.
    lânt ir bœsiu wort dar in,
    daz gunêret iu den sin.
    daz gunêret iu den sin,
    lânt ir bœsiu wort dar in.
    oder ir sint tôren,
    hüetent iuwer ôren.

V. Achtet gut auf die dreie, die leider allzu ungebunden sind. Zungen, Augen, Ohren sind oft argsinnig, blind für das Ehrenhafte. Oft argsinnig, blind für das Ehrenhafte sind Zungen, Augen, Ohren. Die leider allzu ungebunden sind, achtet gut auf die dreie!

    Hüetent wol der drîer
    leider alze frîer.
    zungen ougen ôren sint
    dicke schalchaft, zêren blint.
    dicke schalchaft, zêren blint,
    zungen ougen ôren sint.
    leider alze frîer
    hüetent wol der drîer.

22,33-23,10. Junker-Lehre

Junker, wes Standes du auch bist, ich will dir eine gute Lehre geben. Quäle dich nicht zu sehr um Besitz, verachte ihn anderseits auch nicht zu sehr. Folgst du meinem Rat, so sei gewiß, daß es dir zur rechten Gesinnung verhilft. Was ich gesagt habe, will ich dir deutlicher erklären. Läßt du dir den Besitz zu sehr verleiden, so ist, wenn er verloren geht, deine Freudigkeit tot. Willst du ihn aber zu sehr lieben, dann kannst du Seele und Ehre einbüßen. Daher folge meinem Rat: leg auf die Wage ein genaues Gewicht und richte beim Wägen auch deinen ganzen Geist darauf, – wie es uns das Maßhalten immer gebot.

Junc man, in swelher aht dû bist,
    ich wil dich lêren einen list.
    dû lâ dir niht ze wê sîn nâch dem guote,
Lâ dirz ouch niht zunmære sîn.
    und volges dû der lêre mîn,
    sô wis gewis, ez frumt dir an dem muote.
Die rede wil ich dir baz bescheiden.
    lâst dû dirz ze sêre leiden,
    zergêt ez, so ist dîn fröide tôt:
    wilt aber dû daz guot ze sêre minnen,
    dû maht verliesen sêle unt êre.
    dâ von volge mîner lêre,
    leg ûf die wâge ein rehtez lôt,
    und wig ouch dar mit allen dînen sinnen,
    als ez diu mâze uns ie gebôt.

22,3-17. Nächstenliebe

Will einer, frei von knechtischer Angst, zwar deine zehn Gebote, Herr Gott, aufsagen, und übertritt dabei das folgende, so ist das nicht die wahre Liebe. Dich nennen zwar sehr viele Vater; wer mich aber nicht zum Bruder haben will, der spricht die starken Worte in schwächlichem Geist. Wir sind aus gleichem Stoffe gemacht; Speise nährt uns; die wird ekel, sowie sie durch den Mund geht. Wer vermag den Herren von dem Knechte zu unterscheiden, und hätte er sie noch so gut im Leben gekannt, fände er irgendwo ihr nacktes Gebein, wenn Würmer das Fleisch verzehren? Christen, Juden und Heiden dienen ihm, der alle lebenden Wunderdinge erhält.

Swer âne vorhte, hêrre got,
    wil sprechen dîniu zehen gebot,
    und brichet diz, daz ist niht rehtiu minne.
Dich heizet vater maneger vil:
    swer mîn ze bruoder niht enwil,
    der spricht diu starken wort ûz krankem sinne.
Wir wahsen ûz gelîchem dinge:
    spîse frumet uns, diu wirt ringe,
    sô si dur den munt gevert.
    wer kan den hêrren von dem knehte scheiden,
    swa er ir gebeine blôzez fünde,
    het er ir joch lebender künde,
    sô gewürme dez fleisch verzert?
    im dienent kristen juden unde heiden,
    der elliu lebenden wunder nert.

22,18-32. Toren und Weise

Wenn einer wissentlich Todsünde und Schandtat begeht, um reich zu werden, muß man den zu einem Weisen erklären? Wenn einer durch diese beiden Reichtum besitzt, so muß jeder, der das bei ihm weiß und wahrnimmt, ihn eher für einen Toren halten. Der Weise liebt nichts so sehr wie Gnade bei Gott und Ehrenhaftigkeit. Leib, Weib und Kind läßt er eher dahinfahren, als daß er diese beiden verlöre. Jener Tor kommt mir nicht weise vor; ebensowenig wer seine Ehrenhaftigkeit rühmen würde; mir scheint, sie sind beide Toren. Ein Narr, der jenen beiden Gütern ein anderes vorzöge! Der ist nicht bei vollem Verstand.

Swer houbetsünde unt schande tuot
    mit sîner wizzende umbe guot,
    sol man den für einen wîsen nennen?
Swer guot von disen beiden hât,
    swerz an im weiz unt sichs verstât,
    der sol in zeinem tôren baz erkennen.
Der wîse minnet niht sô sêre,
    alsam die gotes hulde unt êre:
    sîn selbes lîp, wîp unde kint,
    diu lât er ê er disiu zwei verliese.
    er tôre, er dunket mich niht wîse,
    und ouch der sîn êre prîse:
    ich wæn si beide tôren sint.
    er gouch, swer für diu zwei ein anderz kiese!
    der ist an rehten witzen blint.

20,16-30. Reichtum und edler Sinn

Wie wunderlich geht es doch in der Welt zu! Wie verschiedenartige Begabung ist uns von dem zugeteilt worden, der uns aus dem Nichts geschaffen hat! Dem einen gibt er edlen Sinn, dem andern Reichtum – aber mit dem Gewinn, daß er durch seine eigene Gesinnung sich entehrt. Den Armen, aber Gutgesinnten soll man mehr lieben als den Reichen, wenn dieser nicht nach Ehrenhaftigkeit strebt. Wahrhaftig, es gibt nichts als Gnade bei Gott und Ehrenhaftigkeit, um die der Edle ringt und kämpft. Wer sich dem Reichtum derart verkauft, daß er dieser beiden Güter verlustig geht, der soll dann auch weder hier noch im Jenseits einen weiteren Lohn empfangen, sondern habe eben hier schon sein Teil gehabt.

Waz wunders in der werlte vert!
    wie manic gâbe uns ist beschert
    von dem der uns ûz nihte hât gemachet!
Dem einen gît er schœnen sin,
    dem andern guot unt den gewin,
    daz er sich mit sîn selbes muote swachet.
Armen man mit guoten sinnen
    sol man für den rîchen minnen,
    ob er êren niht engert.
    ja enist ez niht wan gotes hulde und êre,
    dar nâch der werde sêre vihtet:
    swer sich ze guote alsô verpflihtet
    daz er der beider wirt entwert,
    dern habe ouch hie noch dort niht lônes mêre,
    wan sî eht guotes hie gewert.

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