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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Achtes Kapitel.

Die alten Wälle Stralsunds waren in kurzer Zeit wieder aufgewachsen. Was seinem Gebote zugänglich, wurde von Schill zur Verteidigung der Stadt gezwungen. Nur wenige Tage hätte es noch erfodert, um die alte Festung wieder so zu verschanzen, daß sie, bei muthiger Vertheidigung, nur einer langwierigen Belagerung erlegen wäre. Das Ende sollte aber schneller herbeikommen.

Der Donner der Kanonen von allen Wallen der Stadt verkündete am 31sten Mai den Sturm der Feinde. Das Klein-Gewehrfeuer tönte näher und näher, und die ganze Gewalt des feindlichen Heerhaufens schien sich auf die eine Seite werfen zu wollen, wo aber Schills Kerntruppen und die starken Schanzen die Hoffnung der Stürmenden vereitelten. Aber immer mehr und mehr Punkte wurden dem Angriff ausgesetzt, und die Husaren, die größte starke des Corps, mußten unthätig auf dem Markte halten. Der unglückliche Mann, welcher das riesenhafte Unternehmen begonnen, ohne ihm gewachsen zu seyn, sprengte von einem Theile der Stadt nach dem andern, um überall persönlich zu helfen; er versäumte aber deshalb, mit dem ruhigen Blick des Feldherrn alle Punkte zu übersehen. »Muth, Muth! Es sind nur Holländer draußen, und vor denen wird doch ein Preuße nicht zagen?« rief er aus, als er bei der Hauptwache am Markte vorbeiritt; aber Theodor, der hier befehligte, las in dem blassen Gesichte des geliebten Anführers und in dem schwankenden Sitze des geübten Reiters auf seinem Pferde, daß ihm selbst, wenn auch nicht der Muth, doch die Hoffnung ausgehe.

Das Krachen des Geschützes und das Pelotonfeuer wurde immer stärker, und wildes Kriegsgeschrei schien beides übertäuben zu wollen. Schon fielen einzelne Musketenkugeln über die Wälle auf das Steinpflaster des Marktes, und Theodor verwünschte seinen Posten, der ihm verbot, in dieser Stunde der Entscheidung zu fechten. Auch die ihm gegenüber aufmarschirten Husaren drückten ihre Ungeduld auf mannichfaltige Weise aus. Plötzlich tönte das wildeste Schlachtgeschrei von einer Seite her, wo bis dahin Alles ruhig geblieben war. Das nur zubald bestätigte Gerücht, daß die Holländer bisher nur Scheinangriffe gemacht, jetzt aber mit ihrer ganzen Kraft gegen das noch wenig verschanzte Knieperthor andrängten, lief umher, und Schill kam wieder auf den Markt mit Blitzesschnelle zurückgesprengt. Sein Czackot hatte sich auf den Hinterkopf zurückgeschoben, sein Gesicht glühte. Theodor schickte einen Jäger an ihn mit der dringenden Anfrage, wohin er sich mit der Wache wenden solle? Der Unglückliche aber hörte ihn nicht, und rannte fast einen Flüchtling vor seinen Augen um. Das Schlachtgeschrei der Holländer war näher und näher gekommen, und hatte sich mit dem Todesgeheul der Verwundeten vermischt. Die Glocken läuteten, das Klein-Gewehrfeuer knallte nur noch zuweilen vom Kanonendonner unterbrochen, die Kugeln pfiffen von mehreren Seiten, und das Kreischen der Weiber tönte aus den verschlossenen Kellern und oben von den Böden der alterthümlichen Häuser herab.

Schill hielt vor der Front seiner Husaren. Er gab Befehle, aber man verstand sie nicht. Er sprach von Schwefel und Pech, vom Rathhaus und Magistrat. Einige legten es aus, er wolle die Stadt anzünden, Andere, und wol richtiger, es gelte nur eine Brücke abzubrennen. Alles aber war zu spät. Die Verschanzungen am Knieperthor waren erstiegen, und die eindringenden Feinde fanden nur in den engen Gassen von den sich in die Häuser werfenden Soldaten Widerstand. Schill befahl noch immer nichts. Da stürzten mehrere Rotten der Husaren, und ihnen voran Julius, aus der Reihe, und sprengten ohne Befehl in die Straßen, woher das Gemetzel scholl. Auch Theodor glaubte jetzt handeln zu müssen, statt mit seinen unter dem Gewehr stehenden rüstigen zwölf Jägern ein müßiger Zuschauer zu bleiben. Er wollte durch andere Seitengassen sich nach jenem Thore durchschlagen, um wo möglich die dort noch immer Widerstand leistenden Freiwilligen zu unterstützen. Schon im Begriff um die Ecke zu biegen, hörte er fremde Trompeten schmettern; er sah einzelne Husaren aus der Gosse des Gemetzels zurückfliehen, unter ihnen seinen Freund, zugleich aber hieß es, die Engländer seyen gelandet und marschirten auf dem Marktplatze auf. Wirklich sprengten einige roth montirte Reiter aus dem engen Gäschen hervor. Hoch schlug das Herz des jungen Mannes von freudiger Erwartung, aber schon der nächste Moment sollte die Hoffnung wieder tödten. Die rothen Reiter hieben einen verwundeten Preußen nieder, – es waren Dänen, welche im Verein mit den Holländern das Knieperthor erstürmt hatten.

Mehr und mehr drängten sich hervor. Schon zeigten sich hohe feindliche Officiere am Ausgange des Gäßchens, und der Tag schien entschieden, als Schill allein seinem Pferde die Sporen gebend, auf das Gäßchen zusprengte. Achtlos auf die schon empfangene Schußwunde, trieb er sein Roß mitten in den feindlichen Haufen hinein. Blind hieb er mit dem Säbel um sich, und die vordersten Reiter wichen betroffen vor dem Verzweifelnden, welcher den ehrenvollen Tod suchte. So kam er bis zu dem Orte, wo die Generalität stand, und stürzte sich auf einen vornehmen Officier. Vom Säbel in die Brust getroffen, sank der General Carteret todt vom Pferde, und Schill rief ihm zu: »Bestelle drüben für mich Quartier!«

Weiter konnte er in dem von Soldaten dicht angefüllten Gäßchen nicht vordringen, er wandte sich daher um und sprengte über den Markt, auf dem das Gemetzel überhand genommen hatte, in die andere Seitengasse, durch welche Theodor sich eben mit den Seinigen gegen eine Compagnie Holländischer Jäger durchgeschlagen hatte. Als dieser eben in eine andere Quergasse einbiegen wollte, sah er weit hinter sich seinen Feldherrn allein, verwundet und auf dem nicht mehr von ihm gelenkten Pferde hin und her taumelnd in die eben verlassene Seitengasse reiten. Kaum aber war er wenige Schritte vorgedrungen, als der Schuß eines versteckten Jägers ihn traf. Er sank vom Pferde an einem Brunnen nieder, und von allen Seiten sprangen die versteckten Feinde herbei, ihn vollends zu tödten. Theodor, übermannt von Unwillen und Schmerz, daß der kühne Heldengeist, der es unternommen, eine Weltherrschaft allein zu stürzen, so von Allen verlassen fast meuchelmörderisch umkommen solle, wollte zurück, um, wenn er auch nicht vermöchte ihn zu retten, doch, seinen Leichnam vertheidigend, zu sterben. Seine eigenen Leute hinderten ihn aber an der Ausführung dieses Vorsatzes, der ihnen Allen, ohne weiter zu nützen, bei dem Herandringen der Feinde auf der andern Seite unmittelbaren Untergang gebracht hätte. Sie zogen ihn daher halb mit Gewalt auf verschiedenen Nebengassen fort, bis sie vermittelst eines Durchweges glücklich an das Knieperthor kamen, wo noch immer, trotz dem, daß die Feinde hier eingedrungen waren, das Gemetzel wüthete.

Ein hoher Thurm an der Seite des Thores war von den alten Verschanzungen der Stadt übrig geblieben. Aus dem Pulverdampf, welcher Freunde und Feinde umhüllte, ragte das Monument der Vorzeit hervor. Theodor faßte einen Entschluß, und führte ihn im nämlichen Momente aus; er stürzte sich mit seinen Jägern durch die Fechtenden hindurch und besetzte den Thurm, in dessen unterm Raume nur einige sterbende Preußen lagen. Schnell wurde das kleine Thor mit Balken und Steinen verrammelt, er verteilte seine Leute an den unteren Schießscharten, und sprach zu ihnen: »Kinder, an Rettung ist nicht zu denken, Pardon erhält keiner, die Galeeren oder die Kugel vor den Kopf erwartet uns, wenn wir lebendig gefangen werden. Es gilt nur, wie wir unser Leben am teuersten verkaufen. Betet, wenn Ihr könnt, und dann ziele Jeder gut und schieße nicht eher, bis er einen Feind, der es werth ist, auf's Korn genommen hat. Sterben müssen wir alle, aber je mehr Feinde des Vaterlandes wir mitnehmen, um so leichter wird der Abschied seyn.«

Alle jauchzten ihm Beifall, gelobten sich nicht zu ergeben, und bis auf den letzten Mann Franzosenblut zu vergießen. Theodor kletterte, nachdem er die Schießscharten, so weit die Treppe des Thurmes ging, besetzt hatte, über die morsche und hie und da zerbrochene Leiter bis auf die Zinne des Thurmes. Von hier übersah er das Blutbad weithin. Von allen Seiten waren Holländer und Dänen eingedrungen, in allen Straßen tummelten sich die rothen Husaren; die Anhänger Schills verkauften aber theuer ihr Leben, indem sie aus Fenstern und von den Böden herabschossen und warfen. Wenige ergaben sich. Indessen zeigte sich von der andern Seite noch ein unermeßliches Heer der Feinde, welche nach und nach durch das Thor in die Stadt einströmten. Schon war der Thurm von allen anderen Schillschen Häuflein völlig abgeschnitten, die Besatzung aber wirkte mehr als nachtheilig auf die Stürmenden, da diese sämmtlich in einem geringen Raume bei demselben vorüber mußten. Jeder Schuß traf, und jeder Schießende zielte nur auf einen Officier. Mit starrer Mordlust sah Theodor dem Schauspiele zu und theilte seine Befehle ruhig aus, ohne zu wissen, wohin dieses Morden führen sollte.

Während er über die Mauerbrüstung gelehnt auf die dicht an einander gedrängten Federbüsche und Bajonetspitzen herabsah, bemerkte er eine plötzliche Stockung, und darauf eine rückgängige Bewegung. »Was soll dies bedeuten?« rief eine ihm wohlbekannte Stimme, und er sah mitten im Gedränge einen Reiter, dessen Gesicht nur das Dupré's seyn konnte. Eine ungeheure Wuth ergriff ihn. Seinen Leuten befehlen, daß sie auf ihn zielten, würde den günstigen Moment vielleicht haben verloren gehen lassen. Er brach deshalb einen losen Stein von dem Thurme ab, und schleuderte ihn auf den Verhaßten. Nur das Pferd Dupré's bäumte sich getroffen zurück, und der Blick des wider Willen aufgerichteten Reiters traf den Werfenden, wie er noch in aufgerichteter Stellung an der Mauerbrüstung stand. Theodor glaubte ein höhnisches Lächeln in dem Gesichte des Bösewichtes zu lesen, ein anderer Vorfall zog jedoch seine Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande ab.

Das Gemetzel erneute sich in der Stadt. Säbel klangen, und die Einziehenden wurden plötzlich zurückgedrängt. Eine nicht unbedeutende Abtheilung der Schillschen Husaren stürzte durch mehrere Gassen auf das Thor zu, und hieb nieder was ihr in den Weg kam. Es gelang ihnen, die Feindesmasse auf einen Augenblick zu werfen, und mit dem Muthe der Verzweiflung schlugen sich die Meisten mitten durch die Sieger in's Freie. Theodor erkannte unter ihnen seinen Freund, er sah noch, wie er auf Dupré im Vorbeireiten einen kräftigen Hieb führte, laut rief er zu ihm hinunter: »Victoria, jenseits das Wiedersehn!« sank aber dann selbst, von einer Flintenkugel im Arme getroffen, zurück.

Auf die Entscheidung des blutigen Tages hatte das glücklich beendete Zwischenspiel keinen Einfluß. Noch während des Kampfes in der Stadt wurde die Pforte des Thurmes, welcher so vielen Feinden verderblich gewesen, erbrochen. Die Jäger vertheidigten sich, obgleich alle Patronen verschossen waren, noch mit den Büchsenkolben und Hirschfängern Schritt für Schritt auf der steinernen Treppe, und Ströme Blutes flossen in dem Gemetzel. Immer weiter hinaufgetrieben, wollten sie auch die Leiter nach dem obern Thurme ersteigen, sie brach aber unter ihnen ein, und alle zwölf kamen nach einer verzweiflungsvollen Gegenwehr um. Theodor hörte in halb bewußtlosem Zustande das Gemetzel unter sich. Er konnte aber weder den Seinigen helfen noch sich selbst, und erwartete in physischer Apathie sein endliches Schicksal. Die Würger verließen jedoch, in der Meinung, Alles was im Thurme geathmet, getödtet zu haben, gern eine mit Leichen angefüllte Behausung, welche auch in anderm Zustande nichts Lockendes darbot.

Noch war dem Verwundeten ein Schauspiel, für ihn schrecklicherer Art, als die eben erlebten, aufgespart. Ein Schwedischer Officier, der sich erst vor kurzem dem Freicorps angeschlossen, und das Knieperthor muthig vertheidigt hatte, war beim Sturme, verlassen von der gezwungenen Rügenschen Landwehr, lebend gefangen worden. Ein schnell festgesetztes Kriegsgericht hatte ihn zum Tode verurtheilt, und er sank, an derselben Stelle, wo er tapfer gestritten, von mehreren Musketenkugeln durchbohrt, leblos zu Boden. Alles dies sah der Verlassene von seiner Höhe herab, er hätte gewünscht, an der Stelle des Braven gestanden zu haben, er wollte hinunterrufen, daß man ihn herabholen und ihm ein gleiches Loos bereiten solle; die Kräfte zu einem ernsten Entschlusse fehlten ihm aber eben sowol, als die, um rufend in dem Getöse umher verstanden zu werden.

Zu der Erschöpfung gesellte sich Durst und Hunger, und, was die körperlichen Leiden hundertfältig überbot, die trostlose Aussicht auf die Zukunft. Bald ward er darüber mit sich einig, jeden Gedanken an Flucht aufzugeben, und mit seinem Vaterlande zu sterben. Die Höhe des Thurmes war so bedeutend, daß ein Sprung über die Zinnen ihm den gewissen Tod bringen mußte. Er wollte nur einen Augenblick ausruhen, um sich zu einem Schritte zu sammeln, der, wenn er ihm auch nur ein werthloses Daseyn raubte, ihn doch auf immer von der irdischen Hoffnung, vielleicht auch von der auf ein jenseits trennte. Seine Feldflasche bot ihm noch einige Tropfen, die er gierig aussog, und sich darauf, den verwundeten Arm mit dem Taschentuche umwindend, zur Ruhe, so gut es auf der Platte des Thurmes anging, niederlegte.

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