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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Sechstes Kapitel.

Die Hände auf den Rücken gebunden, marschirte Dupré in Theodors Zuge, der selbst etwas vorausritt, um nicht den traurigen Anblick eines Gefährten, dessen Schicksal der Zufall in seine Hand gegeben, beständig vor Augen zu haben. Als die Mittagshitze ihn indessen nöthigte, an einem freien Platze zu lagern, konnte er es nicht verhindern, daß der Gefangene sich nicht weit von ihm ab niederstreckte, indem die Unsicherheit vor feindlichen Ueberfällen dem Trupp gebot, sich nahe zusammen zu halten. Als einzelne Posten ausgestellt worden, und die anderen Soldaten in einen nahegelegenen Erlenbusch, um Wasser und Holz zu holen, sich zerstreut hatten, traf es sich, daß er allein mit Dupré und der Schildwacht, welche in einiger Entfernung vor den Gewehren stand, zurückgeblieben war. Der Gefangene wandte sich, so gut es sein Zustand erlaubte, zu ihm um, und fing an zu lachen. Als Theodor darauf nicht achtete, begann er:

»Es war ein alberner Kinderstreich, der mich in diese Lage versetzt hat. Ich verdiente von einem Schulmeister die Züchtigung, weil ich in blinde Wuth gerieth.«

Die Wuth, Dupré – sagte Theodor – möchte ich Ihnen vergeben, da Ihre Ehre angegriffen war, Ihr Frevel gegen die friedlichen Bauern war aber unverzeihlich.

»Aha, Sie wollen der Schulmeister seyn, und zwar der moralische; aber den lasse ich nicht passiren. Ich bin zu alt, um einen andern als mich selbst zu respectiren, und ich tadle mich nur wegen eines Vergehens, das mich wieder zum Schulknaben in der Weltkenntniß machte.«

Theodor bat ihn, da ihr gegenseitiges Verhältniß die Fortsetzung eines zu keinem Resultate führenden Gespräches für Beide nur peinlich mache, zu schweigen. Dupré legte sich auch einen Augenblick nieder, begann aber sehr bald wieder mit leiser Stimme:

»Wie, glauben Sie, daß Schill meine Uebereilung mich wird büßen lassen?«

Ich sollte meinen – erwiederte Theodor – daß man auf unsere Umstände und den von meinem Freunde Ihnen zugefügten Schimpf Rücksicht nehmen, und Sie gelinder bestrafen wird.

»So glauben Sie. – Ich glaube, daß er mich wird erschießen lassen. Ein Verzweifelter, der keinen Ausweg sieht, als sich in's Meer zu stürzen, zaudert nicht, wer ihm dahin im Wege steht, umzurennen. Die Wuth macht jene Buben blind gegen Gefahr und Gerechtigkeit.«

Lästern Sie nicht gegen Ihre Richter, wenn denn doch die Stunde der fürchterlichen Entscheidung herannaht.

Dupré lachte noch einmal wild in sich auf: »Lästern! gegen wen? Gegen die thörigen eitelen Anführer einer Bande, die ein Beispiel gegeben, wie alle Ordnung aufhören kann, wenn Jeder nur einen vermeinten heiligen oder großen Zweck vor Augen hat! Glauben Sie, daß mich die Namen täuschen? Kraft und Verstand schaffen freilich überall das Gesetz für den Pöbel, wer aber, von Geist und Besonnenheit gleich verlassen, auf die Faust vertrauend, in dummdreistem Dünkel es unternimmt, Reiche über den Haufen zu werfen, verdient die Peitsche, ehe man ihn niederschießt.«

Theodor wollte aufspringen, um den Lästerer nicht weiter anzuhören. Dupré bat ihn aber so dringend zu bleiben, daß er noch verweilte.

»Junger Mann! Von solchen Menschen, die sich den Schein des Rechtes beilegen, wie ein Missethäter gerichtet zu werden, das könnte mich schmerzen. Ihre Sache ist eine Verlorene, aber Sie sind auch selbst verloren. Ich weiß es so gewiß, als ich Ihr Gefangener bin, daß ehe noch Englische Schiffe zu Ihrer Rettung herbeieilen, der Feind Sie umzingelt hat, und ein Gericht, das fürchterlicher als der Tod in der Schlacht ist, alle Ueberbliebenen erwartet.«

Seinem Schicksal kann Niemand entgehen, äußerte Theodor.

»Aber dem offenen Verderben – um nichts – in die Arme laufen, gebietet das auch Ihre patriotische Philosophie?«

Zweifelte ich auch an der Gerechtigkeit unserer Sache, vermöchte ich es auch über mich, die Unglücksgefährten zu verlassen, so mag ich doch mein Vaterland nicht länger in seiner Schmach erblicken, ich will untergehen in dem Strudel, aus dem keine Rettung möglich ist.

»Also der gerühmte Enthusiasmus läuft aus in einen feigen Selbstmord? – Sie verbergen es sich länger nicht, welcher schlechten Sache Sie dienten. Gesetzlose, geächtete Aventuriers, ehrgeizige Betrüger, erkauft durch Englisches Gold, spielten mit Ihnen. Wohlan, für sich mag Jeder sich selbst Rechenschaft ablegen; lassen Sie sich ferner betrügen, und täuschen sich mit der Vorstellung, es geschehe um Tugend und Vaterland; wollen Sie aber auch einen Dritten, der nicht mit Ihnen gespielt hat, dem goldnen Kalbe Ihrer Fieberphantasie opfern? Heiliger Verstand, wenn Sie thörig genug sind, in wahnsinniger Selbstaufopferung in die Wolfsgrube zu springen, können Sie es verantworten, wenn Sie mich, der keine solche Grillen hegt, mit hinabstoßen?«

Theodor blickte nachdenkend vor sich hin, Dupré fuhr fort:

»Mein Leben, wenn Sie mich ausliefern, ist unbedenklich verloren. Sie tragen die Schuld. Ihren Freunden schaden Sie nichts durch meine Freilassung, denn in acht Tagen ist das ganze Spiel ausgespielt. – Sie thun einen Akt der Gerechtigkeit, indem Sie den verzweifelten Thoren eine Blutschuld ersparen, die ihr Gewicht nur erschwert. – Schneiden Sie mit einem Messer verstohlen den Strick auf meinem Rücken entzwei, und das Entkommen soll dann meine Sorge seyn.«

Theodor dachte einige Augenblicke nach. Das letzte Argument schien ihm treffend. Was nutzte das eine Opfer der schon verlornen Sache? Es mußte bald gehandelt werden, und, von der Schildwacht unbemerkt, zerschnitt er dem Gefangenen die Handfessel, ohne daß dieser sich deshalb in seiner Stellung rührte. Dann, als seine Leute Wasser herbeigebracht, und er getrunken, legte er sich mit Denen, welchen kein Dienst oblag, zu einer kurzen Ruhe nieder. Aus dem Schlummer erweckte ihn indessen bald ein lautes Geschrei, verkündend, daß der Arrestat entsprungen sey. Als Theodor aufstand, konnte er noch Dupré's Gestalt in weiter Ferne erblicken. Auf seinem, Theodors, Beutepferde, goloppirte er über einen sonnenhellen Fleck, ohne daß an ein Nachsetzen zu denken war, und die Soldaten versicherten fluchend, daß einem Franzosen nie zu trauen sey.

Unruhe und wildes Toben waren im Hauptcorps. Ein Trupp Husaren sprengte den Nachzüglern entgegen, unter denen Schills Gestalt deutlich hervortrat. Als er den Anführer ansichtig wurde, fuhr er ihm schon von weitem heftig mit der Frage entgegen: »Wo ist der Gefangene?«

Theodor berichtete, wie er beim Rückzug durch den Wald Gelegenheit gefunden, seine Bande loszustreifen, und vermittelst des einzigen beim Trupp befindlichen Pferdes entkommen sey. Daß diese Botschaft nicht günstig werde aufgenommen werden, hatte er vorausgesehen; ganz unerwartet kam ihm aber die Wuth, in welche Schill gerieth. Unter Ausstoßung schwerer Verwünschungen beschuldigte dieser ihn nicht einer strafbaren Nachlässigkeit, sondern des Verrathes, des Einverständnisses mit dem Feinde, und drohte, wenn er ihn nicht augenblicklich niederstieße, ihn dem strengsten Kriegsgerichte zu überliefern. Er mußte den Degen abliefern, und wurde, statt wie er gehofft, mit Ehren, gleich den übrigen Vertheidigern von Dömitz aufgenommen zu werden, als Gefangener durch die gaffenden Haufen der von ihm so lange getrennten Kriegskameraden geführt.

Auf der Wache erfuhr er erst von einem dort wegen Malversation verhafteten Officier den Grund der Wuth, welche sich ihres Anführers bemeistert hatte.

»Durch die Gefangennahme eines Spions geringerer Sorte, aber mit wichtigen Depeschen, ergab es sich, daß unser Heer nicht allein von Spionen wimmelt, und zu diesen die patriotischesten Burschen gehören, sondern daß ein Hauptagent des Westphälischen Königs mit uns marschirte, mit uns focht, und so gut wie Schill Befehle unter den Soldaten, die seinigen unter der Spionengarde austheilte, correspondirte, ja sogar Einfluß auf unsere eigenen Bewegungen hatte. Tüchtige Peitschenhiebe erpreßten dem Schurken den Namen des feindlichen Directors in unserm Heere. Denken Sie, es war kein Anderer als Dupré, in dem wir einen Ausbund von Kenntniß und Haß gegen Napoleon zu besitzen hofften. Da Sie nun einen solchen Capitalmann veruntreut haben, wird Ihnen das mindestens eben so schwer zu stehen kommen, als das kleine Capital, welches in meiner Rechnung fehlte; eine Lumperei, auf die bei so großen Unternehmungen, wie unsere, zu sehen, eine wahre Schande ist!«

Theodor schwieg, entrüstet über diese Nachricht. Verrath, Auflösung aller Ordnung, und ein Mißtrauen, entsetzlicher als alle jene Uebel, erschienen ihm als die moralischen Krankheiten, welche dem kühn begonnenen Unternehmen die Auflösung drohten. Noch sann er bei sich nach, ob es gut von ihm gewesen, den Elenden freizulassen, als ein neuer Gefangener tobend hereinstürzte. Er warf den Czackot heftig zu Boden, lachte laut auf, und setzte sich mit Ungestüm im Winkel auf einen Schemel nieder, den Kopf auf den Ellenbogen stützend. Bald erkannte Theodor seinen Freund, und der ältere Gefangene redete ihn an:

» Auch wegen einer Veruntreuung hier eincarcerirt, werthester Herr Bruder?«

Freilich, ich habe ein Menschenleben veruntreut, war die Antwort: Auf dem Streifzug gegen Westen rebellirt ein Kerl unter meinen Leuten, – Westermann war es – Ihr kennt ihn, den Unterofficier?

»Es war ein tüchtiger Bursch,« erwiederte der Andere: »Bei Colberg, weiß ich, rettete er einmal Schill selbst aus der Gefangenschaft.«

Pah! fiel Julius ein, was machte das aus? – Er rebellirte jetzt, murrte über die weiten Märsche, und äußerte zu den Anderen, so daß ich es hörte, wenn uns ein Unglück träfe, sey es gerechte Strafe für den Ungehorsam. – Er wäre im Stande gewesen, bei dem Ansehn, das er genoß, ein Paar Rotten aufsässig zu machen, daß sie umgekehrt wären. Da machte ich kurzen Prozeß mit dem Aufwiegler, und ließ ihn am ersten Fichtenbaum aufknüpfen.

»Du?« schrie Theodor vom Sitz emporspringend aus.

Ich habe es gethan, wiederholte Julius: und freue mich, daß ich es that, und werde es wiederholen, und wenn nur noch Drei von uns übrig sind, so drehen zwei den Strick, während der Dritte gegen den Feind Front macht.

»Und der Unglückliche verbrach weiter nichts, als daß er seine Meinung äußerte?«

Die vaterlandsverrätherisch war, fiel Julius ein. – Schill meinte, als ich zurückkehrte, ich hätte unrecht gehandelt, unbesonnen, unpolitisch, oder, – der Himmel weiß – wie er es titulirte. Schill meinte. Beim Allmächtigen droben, ich meine, daß Schill wankt. – Sie murrten, als er mich arretiren ließ. – Er denkt darauf zu entschlüpfen, wenn er nicht auf Aergeres sinnt. – Brüder (er sprang hier auf) wir sind verrathen, schändlich verrathen, Schill hat sich selbst verlassen – es ist der Gipfel aller Verrätherei. – Warum stürzten wir nicht Alle bei Dömitz auf die Feinde? – Es wird mir immer klarer. Wir sind unser Drei – Alle einig – wir müssen ihn verhaften – noch ehe die Sonne untergeht, und dann – umgekehrt – Sieg oder Tod – das Heer, unzufrieden mit ihm, jauchzt uns Beifall, wenn wir die Standarten umwenden.

»Ist es so weit gekommen, daß man der Seele des Unternehmens nicht mehr traut, daß Schill selbst verdächtig erscheint?« wollte Theodor sagen, als ihm der erstere Mitgefangene durch die Zeichensprache deutlich zu verstehen gab, daß der Wein in Julius die wahnsinnigen Anschuldigungen und Vorschläge vorgebracht habe, und wirklich deuteten seine Gebärden, die glühenden Wangen, die rollenden Augen und die fieberhafte Sprache auf einen solchen Zustand. Die Vermuthung bestärkte sich, als der Erhitzte sich bald darauf niederwarf und fest einschlief. Zur selben Zeit sah er vor dem Wachtfenster ein anderes Schauspiel. Der Anführer ließ seine Fußjäger vor sich exerciren; nicht die Recruten, sondern eingeübte Soldaten; nicht in Uebungen, wie sie zum unmittelbaren Gefecht nöthig sind, sondern in Parademärschen und künstlichen Stellungen. Während Adjutanten und Boten in der Nähe ängstlich mit Schreiben seiner wartend standen, ereiferte er sich über eine nicht blank genug geputzte Patrontasche, und gab erfahrenen Soldaten Anweisung, ihr Riemzeug schwarz zu halten.

Viele umher schüttelten bedenklich den Kopf, Theodor aber verließ seufzend das Fenster mit den Worten: »Es ist aus!« und legte sich zu einem unruhigen Schlummer nieder.

Der nächste Morgen, wo das Corps in Eile weiter aufbrach, befreite sämmtliche Gefangene aus ihrer Haft, und die heranstürmenden Ereignisse der folgenden Tage erlaubten es nicht weiter, über ihre Vergehen Gericht zu halten.

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