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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Drittes Kapitel.

Wie ein Donnerschlag bei heitern, Himmel den Wilden erschreckt, entmuthigte diese Nachricht das Häuflein der kühnen Abenteurer. Nur auf das Vordringen der Oesterreicher, und einen Zulauf der Mißvergnügten aus ganz Norddeutschland war der glückliche Ausgang von Schills Unternehmung berechnet. Frühere Versuche eines Aufstandes zwischen der Weser und Elbe waren mißlungen, und die strenge Bestrafung der Theilnehmer schreckte auch die erbittertsten Feinde der fremden Herrschaft vor neuen Versuchen, welche so wenig Sicherheit gewahrten, zurück, daß der Zulauf äußerst gering im Verhältniß zur Größe des Unternehmens blieb. Dazu war, außer der Bestätigung der Nachricht von dem Unfall der Oesterreicher, die von dem Anrücken eines großen Französischen Corps aus dem Süden von Deutschland eingelaufen. Im Kriegsrathe herrschten die aller verschiedensten Meinungen, und Schill selbst, der von den kühnsten Hoffnungen Berauschte, verlor, wenn auch nicht den Muth, doch den wagenden Geist; und man kann sagen, die Unternehmung selbst, welche nur auf kühnen Ueberfall berechnet war, wurde aufgegeben, als die Meinung der Cunctatoren durchging.

Theodor, der, früher ein Forstmann, jetzt bei den Schützen einrangirt war, kam vom Exercieren, welches ihn den ganzen Morgen über in den benachbarten Feldern aufgehalten hatte, gerade in dem Augenblicke zurück, als ein dichtgedrängter Menschenhaufe von der Gegend des Rathhauses her auseinanderströmte. Alle Gesichter schienen verstört. Theodor, gestern überaus liebreich von dem Anführer, einem Freunde seiner Familie, aufgenommen, glaubte auch jetzt, wo gemeinsamer Eifer und gemeinsame Noth die Theilnehmer an dem kühnen Wagestück so innig verband, berechtigt zu seyn, Schill selbst, der ohne Gefolge in einer kleinen Gasse ihm entgegentrat, nach der Ursache des Zusammenlaufs anzugehen. Schill blieb stehen, richtete sein bleiches, jetzt mehr als finsteres Gesicht auf, und sagte, ohne den Fragenden einer Antwort zu würdigen:

»Wie oft habe ich befohlen, daß der Hirschfänger nicht umgeschnallt, sondern umgehängt werden soll! Wenn morgen nicht die Ordnung beobachtet ist, werde ich, ohne Ansehn der Person, exemplarisch strafen.«

Er ging wie er gekommen fort. Theodor blickte ihm erstaunt nach, und eilte dann auf Julius zu, der in einiger Entfernung mit stürmischem Schritte durch eine Quergasse lief, um von diesem Aufklärung zu erhalten. Er holte ihn indessen erst ein, als der Freund bereits ihr Haus betreten hatte. Julius warf, als er in's Zimmer trat, ohne auf den mit ihm eintretenden Theodor zu achten, mit gleichem Ungestüm die Thüre zu, seinen Säbel auf den Boden, und sich selbst, wie völlig ermattet, auf das Bette.

»Um Gottes Willen, was giebt es?« fragte Theodor, ohne lange Zeit eine Antwort zu erhalten. – Endlich rief Julius, mit beiden Händen das Gesicht bedeckt haltend, barsch heraus: »Nichts!«

Theodor drang auf nähere Auskunft. Zuletzt sprang Julius in die Höhe und durchkreuzte einige Mal das Zimmer: »Es ist aus, es ist aus! das ist die ganze Neuigkeit, die Du früh genug erfahren wirst.«

Von Oesterreichs Unglück habe ich erfahren, Oesterreich ist aber darum noch nicht vernichtet, und auch ohne Oesterreich –

»Könnten wir Männer seyn,« fiel Julius ihm in's Wort, »aber wir sind es nicht. Himmel und Erde habe ich – haben wir Alle im Kriegsrath – aufgeboten; aber der Kopf, auf den wir Alle unsere Köpfe vertrauten, verlor den Kopf. Als ob die zehntausend Thaler, die Hieronymus Bonaparte dafür geboten, ihn um zehntausendmal schlechter gemacht hätten! Wir ziehen nicht das Rächerschwert, wir brechen nicht gegen den unvorbereiteten Feind nach der Weser auf, – wir retiriren – wir retiriren. – Ist es nicht zum Todtlachen, daß wir unsern Eid gebrochen, Gut, Ehre, Blut auf das Spiel gesetzt, Alles verlassen haben, was uns theuer war, um jetzt unser Leben möglichst zu schonen, und als Deserteurs, mit unseren Namen am Schandpfahl, dem Vaterlande den Rücken zu kehren, und ein Gnadenbrot in der Fremde zu erbetteln?«

Ein Schuß in einiger Entfernung unterbrach die unheimliche Stille, welche auf Julius heftige Rede gefolgt war. Dieser schnallte hastig den Säbel um, setzte die Mütze zurecht und antwortete auf Theodors Frage, wohin es gehe, daß der Verräther, welcher die feindliche Bekanntmachung anzuschlagen gewagt, seinen Lohn empfangen solle. Theodor folgte dem Freunde, und bald erreichten sie den Platz, wo der unglückliche gebunden seine letzte Stunde erwartete. Es war ein einäugiger Marketender, dem man schon lange nicht getraut, gegen den man aber erst in diesem Augenblicke die Beweise einer Verbindung mit dem Feinde aufgefunden hatte. Er stand in sich gekehrt, ohne Antwort zu geben, oder auf die Schmähungen der Soldaten zu achten, da. Als er aber die Leiter zu dem in der Schnelligkeit errichteten Galgen besteigen sollte, überkamen ihn die Schrecken des Todes. Er drehte sich mehrere Male um, und bat endlich um die ihm leicht ertheilte Erlaubniß, sprechen zu dürfen. Mit wenigen Worten verrieth er, worüber er früher alle Auskunft verweigert hatte, daß der Westphälische Präfect des Ortes beide von Cassel aus durch ihn, den Hausirer, ihm überbrachten Placate habe anschlagen lassen. Laute Verwünschungen gegen den Präfecten, und die Auffoderung, ihn zu suchen, ertönten von allen Seiten.

Auch Theodor war entrüstet über diesen Verrath eines Deutschen und stimmte in das allgemeine Urtheil ein, daß er mindestens den Tod verdient habe. Bald wurde seine Aufmerksamkeit auf einen entfernten Punkt gezogen, wo die, den ganzen Tag über rege Menschenmasse lärmend zusammenströmte. Er drängte sich hindurch, und sah, wie die rohesten des zusammengeströmten Fußvolkes einen Greis daherschleppten. Seine Gesichtszüge und der Schnitt der Kleider verriethen einen Mann von höherm Stande, die Kleider selbst aber waren zerrissen oder mit Schmuz bedeckt. Unbarmherzig hatten ihn drei bis vier Kerle am Kragen und Arm gefaßt, während Andere von hinten den Gefangenen stießen, so daß er häufig niederfiel.

»Haut ihn nieder, den Franzosenhund!« – scholl es von allen Seiten, und tausend Fäuste erhoben sich gegen den alten Mann, während Andere, vom Branntwein berauscht, ihn beim Kragen ergriffen, auf den Boden warfen und durch eine schmuzige Pfütze schleiften. Die Menge lachte, und Dupré zeigte sich unter den Reihen der Zuschauer, mit seinem gewöhnlichen höhnischen Gesichte. Theodor sah sich um, ob er nirgend einen Officier erblicke, als ein junges Mädchen, die seiner ansichtig wurde, auf ihn zu und ihm zu Füßen stürzte, mit dem Ausrufe: »Retten Sie ihn, retten Sie ihn, es wird Ihnen einst vergolten werden.« Der junge Mann sah nicht auf die Schönheit der Bittstellerin, noch fragte er, wer der zu Rettende sey, sondern stürzte unter die Menge, schleuderte den Menschen, welcher den unglücklichen Gefangenen eben in einen Rinnstein hinabstoßen wollte, mit solcher Gewalt zurück, daß der Betrunkene selbst unsanft hineinfiel, und hob den vom Alter und den Mißhandlungen Entkräfteten in die Höhe. Die Menschenmasse, eingeschüchtert von dem dreisten Benehmen, verstummte einige Augenblicke, und Theodor konnte, während die Tochter den Vater unterstützte, die Frage an die Masse richten: Weshalb sie so barbarisch mit dem Greise verführen?

»Es ist der Präfect, der Hund, der Verräther, der Spion, der Franzose!« steigerte sich der Ausruf der brüllenden Menge, und Theodor fühlte, daß er nur einem dem Tode Geweihten das Leben gefristet habe. In eigener Bestürzung that er eine Frage an den Haufen, deren Antwort er längst wußte, und welche die Menge nur noch mehr erbittern mußte; er fragte was der Gefangene verbrochen habe?

»Er hat Deutschland, er hat Schill verrathen, er hat den Tod tausendfach verdient!« brüllte es abermals entgegen, und man rüstete sich zu einem neuen Angriffe. Indessen hatte sich der Greis aufgerichtet, und mit dem rechten Arm an einen Brunnen gelehnt, mit dem linken seine Tochter umfassend, bewegte er den Mund, als wolle er sprechen. Es lag etwas so würdevolles und strenges in seinem Gesichte, daß die Masse wirklich im Momente verstummte und ihn zu Worte kommen ließ.

»Also den Tod habe ich verdient,« hub er an, »und Ihr wollt ihn mir zuerkennen! Das eine so nichtig, als das andere frevelhaft. – Ein Deutscher, wie Ihr, blutete mein Herz, als das Vaterland seine Unabhängigkeit verlor. Ich trage Narben aus den Kriegen gegen die Fremden. Aber die Vorsehung wollte es anders, und weil ich Unterthan eines ausländischen Fürsten wurde, weil ich ihm Treue schwören mußte, und weil ich die Treue nicht brach, darum habe ich den Tod verdient? Was verbrach ich denn? – Was mir befohlen wurde, hab' ich ausgerichtet. Wäre es unter dem Schutz Französischer Bajonete geschehen, so würdet Ihr mir auch nachher nichts vorgeworfen haben, aber weil ich es wagte, meine Pflicht mit Gefahr meines Lebens zu thun, darum bin ich ein Verräther!«

Um Gottes Willen, Vater, rief die Tochter, sich an ihn schmiegend: Du reizest die Trunkenen immer mehr. – Der Vater hörte aber nicht darauf, sondern fuhr, wie noch mehr erbittert, in heftigerem Tone fort:

»Ich bin ein Westfälischer Unterthan, und wenn ich Euch ansehe, so bin ich stolz darauf, mich deß rühmen zu können. Ich sage Euch noch mehr, ich habe das Placat gegen ein Gesindel, das keinem König und keinen Gesetzen gehorcht, das ohne Befehl, ohne Ordnung, um nach seinen Lüsten zu stehlen und rauben, zusammengelaufen ist, das mein Gut geplündert, meine Bauern gemißhandelt, Weib und Kind verjagt hat – ich habe das Placat mit Herzenslust angeschlagen, und ich wünsche Euch und sage Euch voraus – daß die Strafe nachkommen wird. Den man die Geißel der Völker nennt, er wird nicht nöthig haben, sein Schwert zu ziehen, Ihr werdet wie Landplagen und Räuber erschlagen werden, ehe es zu einem Schlagen kommt.«

»Hören Sie ihn nicht,« unterbrach hier die Tochter den Vater, welcher seine letzten Kräfte zur Strafrede aufzubieten schien, und umschlang Theodor: »hören Sie ihn nicht; der Verlust seines Gutes, die Kränkung seiner Familie hat ihn außer sich gebracht, er redet irre.«

Der alte Mann aber ließ noch nicht ab, sondern stieß die Worte hervor: »Ihr Landstreicher wollt nun ein Gericht bilden und die Stimme Deutschlands abgeben. Deutschland, wenn es je erwacht, wird Euch niemals anerkennen, Eurer schämen muß es sich.«

Man kann sich denken, daß dieser unbesonnene Ausbruch der Wuth die anwesende Menge, welche in der That nur aus dem schlechtern Theile des Corps bestand, noch mehr entflammen mußte. Nur mit gezogenem Hirschfänger konnte Theodor die ersten Andringenden zurückhalten, und er würde unfehlbar bei fortgesetzter Vertheidigung selbst unterlegen seyn, da man die Stimmen vernahm: «Wer ist es denn? – Kein Officier – Niemand kennt ihn – vielleicht selbst ein Spion – ein Franzose!« – wenn nicht zu rechter Zeit eine Patrouille Husaren unter Julius Anführung den Haufen zerstreut, und den Präfecten in ihre Mitte genommen hätte.

»Junger Mann!« sagte dieser beim Scheiden zu Theodor: »Ihr scheint unter den Schlechten ein Besserer zu seyn. Mir habt Ihr nichts genutzt, denn Sie werden mich zum Tode verurtheilen, und es wäre mir lieber gewesen von Straßenräubern im Gemetzel umzukommen, als wenn sie die Formeln des Gesetzes erlügen. Merkt Euch, wenn ich todt bin, daß alle, auch die schlechteste Ordnung mehr werth ist, als das wilde, dünkelhafte Toben, das man Begeisterung für die gute Sache nennt. Komm Agnes!«

Er wandte sich um, Agnes drückte aber noch einmal Theodors Hand, und rief ihm, mit einer Thräne in ihren großen Augen, zu: »Und ich bitte Sie, verzagen Sie nie; mir ist, als müsse es hier und überall noch einmal gut werden, als sähe ich Sie dereinst wieder, um für die Rettung meines Vaters thätiger als mit Thränen zu danken.«

Julius trieb, mit dem herben Ernste eines Beamten vor dem Zuge zur Richtstätte, zum Aufbruch an, und flüsterte nur mit einer metalllosen Stimme zum Präfecten herunter: »Sie sind ein Deutscher Edelmann und ein Französischer Präfect? – Wenn Deutschlands Erlösungsstunde schlägt, müßte man vor dem ganzen versammelten Adel Ihr Wappen zerbrechen.«

Der Gefangene würdigte ihn keines Blickes und keiner Antwort.

»Sie haben einen Fauxpas gemacht,« sagte Dupré zu Theodor, als er langsam den Reitern folgte. »Die Volkswuth war so schön im Gange, da mußten Sie dazwischen treten, und den Beschützer der Unterdrückten spielen!«

Ich that was jedem Manne, jedem Deutschen obliegt, erwiederte Theodor.

»Oh weh, wenn Sie mit Ihrer Allemanderie kommen, bringen Sie mich immer zum Schweigen. Ich bitte Sie, das grimmige harte Wort Deutsch, wo man erst Zunge, Lippe und Zähne anflehen muß, um den Zischlaut herauszubringen, taugt nie und nimmer zur Begeisterung, da seiner Comparation unübersteigbare Hindernisse im Wege stehen. Wenn ich vom Deutschthum höre, möchte ich mir immer die Ohren zuhalten.«

Nun so hätte auch jeder redliche Ausländer wie ich gehandelt.

»Auf dem Theater. Ihr Kotzebue hat den Edelmuth aller Nationen auf die Bühne gebracht, wo auch die gutmüthigen, auflodernden Menschenfreunde mit ellenlangen Tugendfloskeln hingehören, aber im Leben stören sie nur das bunte rege Spiel.«

Ich spielte nicht, mein Herr, den Menschenfreund, sondern handelte als Mensch unter wilden Bestien, fuhr Theodor auf.

»Wer das Rad, wenn es bergunter rollt, aufhalten will, wird umgeworfen, und die Menge lacht ihn aus; darum ist die Regel für den klugen Mann, dem Rollenden einen Stoß zu versetzen, daß es noch schneller stürzt, und die Zuschauer Bravo rufen.«

Was aber wird am Ende daraus?

Dupré schwieg einen Augenblick, endlich antwortete er: »Das Rad rollt, bis die Kraft ausgeht, und es umsinkt. – Es ist aber ein schlechtes Gleichniß. Ist die Erde nicht selbst das Rad, das um sich und um die Sonne schwirrt, der Mond läuft um die Erde, und das ganze System kreis't um eine andere Sonne. Niemand wird aus dem kuriosen Gewirre klug; aber es rennt immerfort, und das Ende ist, daß es kein Ende hat.«

Aber eine ewige Ordnung! entgegnete Theodor. Dupré stimmte ein Liedchen an, ohne das Gespräch fortzuführen.

Sie waren an den Markt gekommen, wo ein schnell eingesetztes Kriegsgericht den Präfecten zum Tode verurtheilt hatte. Nach dem Verlaufe von kaum einer halben Stunde wurde der Gefangene an den erhöhten Platz geführt, um erschossen zu werden. Theodor sah mit innerer Bewegung, wie der Greis sich, aus den Umarmungen seiner Tochter riß, und trotzig an den Pfahl stellte. Agnes hob die Arme nach einem Retter gen Himmel, und Theodor glaubte, daß ihr Blick auf ihn fiel.

»Es ist ungerecht, höchst ungerecht!« rief er, und wollte, ohne zu bedenken was er that, durch die Menge hindurchstürzen, als Dupré ihn noch zu rechter Zeit umfaßte, und ihm mit wenigen eindringenden Worten bemerklich machte, daß er, ohne zu retten, nur in sein eigenes Verderben renne. Die Musquetiere legten an, Und man erwartete das Commando zum Feuern, als plötzlich ein Adjutant herangesprengt kam, ein weißes Tuch hoch in die Luft schwenkte, und Gnade! Gnade! ausrief, ein Wort, das von tausend Zungen wiederholt, und von einem Tusch der in der Nähe postirten Trompeter begleitet wurde. Schill sprang im nämlichen Augenblicke vom Pferde und trat zu dem Greise. Er hob die Hand in die Höhe und rief aus:

»Da sey der Himmel für, daß ich unser großes Werk durch das Versprützen Deutschen Blutes beginne! – Sie sind frei, – Sie sind unschuldig. Als Westphälischer Unterthan erfüllten Sie Ihre Pflicht, jetzt sind Sie es nicht mehr, Sie sind fortan ein Preuße, und rufen mit mir aus vollem Herzen und voller Brust: Es lebe der König!«

Unendlicher Jubel tönte ringsum, als Schill vor Aller Augen den Greis in seine Arme schloß. Auch der Präfect, welchen der Tod nicht hatte erschrecken können, schien gerührt, er umarmte die Tochter, drückte den Umstehenden die Hand, und rief mehrere Male vernehmbar aus: «Es lebe der König!«

Wenn er unschuldig war – wie das auch mir scheint, murmelte Theodor vor sich hin, bedurfte es ja nicht erst dieser harten Prüfungsstunde für den Greis.

»Wiederum zu vorschnell., mein Deutscher, edelsinniger Degen,« raunte ihm Dupré zu: »das war die erste That, die ich von diesem Manne des Volkes, diesem Normalhelden, diesem Lawinenstoßer, dieser Glocke für Deutschland, gesehen habe. Es kann etwas aus ihm werden. Ich hielt ihn bisher nur für einen vorgeschobenen Husaren; das Schauspiel aber, was er uns heut gegeben, zeugt von einem ordentlichen Studium des Enthusiasmus. Brachte er es doch so weit, daß jene eingefleischte Caricatur von eisernem Diensteifer sich übertölpeln ließ und in Thränen ausbrach! – Sehen Sie, solch ein Schauspiel von Edelmuth, der nicht theuer, und Begnadigung, die nothwendig ist, zeugt vom großen Manne. Hätte er den Präfecten erschießen lassen, was vielleicht seine Freunde nicht einmal zugegeben hätten, würde das die verzagteren Seelen von ihm zurückgeschreckt und seinen Namen in Unehre gebracht haben. So aber hat er einen alten, mürrischen Mann, der hier in der Gegend für einen Leithammel der Rechtlichkeit gilt, für sich gewonnen; man preis't ihn als einen milden Mann, glaubt, er besitze Mittel genug, um nicht nöthig zu haben, strenge zu seyn, und hat Summa Summarum einige Anker Rum gespart, indem der gelungene Coup seine Leute allein schon in's gehörige Feuer gesetzt hat.«

Dupré sagte dies mit weit mehr Ernst als sonst, und auch Theodor glaubte, wiewol ihn die Auslegungsart des Franzosen von einer so schönen That kränken mußte, nichts darauf erwiedern zu können, da mindestens ein Kern der Wahrheit aus Dupré's Ansicht hervorleuchtete.

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