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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Zweites Kapitel.

Theodor eilte, unter den Tapfern sich einschreiben zu lassen. In einer Weinstube der Stadt feierten dann die Freunde mit Vielen, die ihre Begeisterung theilten, den schönen Tag, welcher dem Deutschen Vaterlande seine Freiheit wiedergeben sollte. Die Trinksprüche wurden mit jedem Glase kühner und wilder. Deutsche Regentenhäuser und Deutsche Fürsten! wurde von Einigen ausgebracht, aber ein Anderer sprang auf den Tisch, und rief mit weinerhitzter Stimme: »Schill und nur Schill, dessen Name mehr gilt als Feldherren und Heeresschaaren, Schill und nur Schill, der allein Kopf und Muth behielt!« Die Menge stimmte dem Toast bei, und man rückte auf Cassel, verjagte den König, verbrannte seinen lüsternen Palast, die Weser und Donau röthete sich von Feindes Blute, Leichen der Fränkischen Würger dämmten den Vater Rhein, und lange Schmach vergeltend stürzte die kühne Schaar über Frankreichs Gefilde. Jetzt sah Theodor den Freund mit Hast eine Schärpe aus dem Busen ziehen und aufspringen, indem er sie um den Arm schlang: »Bei diesem Heiligthum« – rief Julius – »gelobe ich, nicht eher zum väterlichen Heerde heimzukehren, nicht eher die zu umarmen, die mir in der Scheidestunde dies Pfand der Treue gab, bis ich das neue Babel brennend zu meinen Füßen erblicke, bis die Gassen von Paris in Blute strömen, bis ich das Angstgeschrei der gewürgten Kinder, der überwältigten Jungfrauen höre. Das Kind im Mutterleibe darf nicht geschont werden; lachen will ich dabei, denn auch ihre Würgerbanden lachten, während wir weinten und mit den Zähnen knirschten.«

Die Gesellschaft bezeigte dem Redner ihren Beifall. Theodor schauderte unwillkührlich zusammen, und entfernte sich, nachdem er vergeblich den von blinder Wuth ergriffenen Freund zu besänftigen versucht hatte. Es war schon spät in der Nacht, aber die Traumbilder, die ihn gestern am hellen Tage weit über die Wirklichkeit hinausgeführt hatten, durchglühten ihn auf seinem Lager in immer größeren und furchtbareren Gestalten so, daß er nicht länger zu schlafen vermochte, und schon früh hinauseilte, um in der Morgenluft Kühlung zu finden.

Alles schien noch in tiefer Ruhe den gestrigen Rausch zu verschlafen, und auf seinem Spatzirgange durch die öden Straßen traf er nur auf Ein menschliches Wesen, den Franzosen, welcher als Feldwebel in dem Freicorps diente. Theodor schrak anfänglich vor dem fremden Gesichte zusammen, beruhigte sich jedoch sogleich wieder, als der Andere ihn zuvorkommend anredete:

»Ausgeschlafen, Herr Camerad, den Rausch, die schönen Wünsche und Sprüche und alle die glänzenden Hoffnungen von gestern Nacht?«

Theodor erinnerte sich, den Mann in einer entferntern Gruppe der gestrigen Gesellschaft bemerkt zu haben, und fragte ihn, ob er noch länger ausgehalten habe?

»So lange es sich steigerte,« war die Antwort: »die Katastrophe war aber bald genug eingetreten, und dann wurde es so schnell matt, als es langsam gestiegen war. Man hat bekanntlich das Gleichniß von den Trinkern. Zuerst Tauben, dann Löwen, endlich das unsaubere Thier, das auf der Erde wühlt.«

Hier war doch von einem andern Rausche als dem gewöhnlichen von Wein und starken Getränken die Rede – entgegnete Theodor – dem Patriotismus!

»Gewiß« – war die Antwort – »nur daß Beide im Paroxismus übereinkommen.«

Ihre Aussprache und Ihre Züge verrathen, daß Sie ein Ausländer, ein Franzose sind – in diesem Fall kann ich mir leicht erklären, daß Sie an unserm Enthusiasmus einen Anstoß nehmen.

»Der Himmel bewahre! Ich mache Passion vom Enthusiasmus. Der unserer Freunde blieb nur noch in den Kinderschuhen stecken, und ich fürchte, er wird nicht auswachsen, da er schon seinen Culminationspunkt erreicht hat. Wenn der Ingenieur eine Mine sprengen soll, zündet er weit von dem Pulverfasse die Pulverschlange an, und ohne Geräusch, kaum bemerkbar, glimmt es auf, bis mit einem Schlage die Masse bricht und auffliegt. So brach gestern nach ein Paar Gläsern versetzten Burgunders aller langverhaltene Groll und Ingrimm mit einem Male heraus. Wie ein gutes Brechmittel ließ der schlechte Wein auch keinen einzigen Gedanken in den Falten des Geistes zurück, und ein parteiloser Beobachter mußte bemerken, daß die Elemente dieser Begeisterung leichter Art waren. Es kamen zwar Worte heraus, die wegen ihrer Consonantenfülle so furchtbar tönen, daß Sie mir, als gebornem Franzosen, wohl vergeben, wenn ich sie nicht nachsprechen kann; allein auf die Materie gesehen, so reducirte sich der ganze Franzosenhaß und die grimmige Freiheitsliebe auf einige Prellereien der Einquartierung, Schüsseln mit Essen, die zum Fenster hinausgeflogen sind, zu hoch angesetzte Contributionsbeiträge und dergleichen Fatalitäten.«

Wie Sie auch in unserer Sprache bewandert sind, kennen Sie doch unser Volk, unsern Enthusiasmus noch wenig.

»Ich zweifle nicht daran, und hoffe ihn kennen zu lernen. Aber Sie begreifen selbst, ein Paar vorgestoßene entsetzliche Worte, grimmige Mienen, und endlich ein übertäubendes Geschrei, können einem Kenner nicht genügen. Betrachten Sie selbst die Gesticulationen Ihrer Freunde, ob sich darin etwas von wahrem Feuer zeigte. Auch in Arm und Bein des wüthendsten Trinkers bemerkte ich kein fieberhaftes Zittern, Keinem ging die Stimme aus; es war – Sie vergeben – durch und durch ein Deutsches Phlegma.«

Sie kritisiren den Enthusiasmus wie ein Produkt der Kunst. – Wenn, was dem Menschen das Heiligste ist, von frecher Willkühr höhnisch angegriffen, wenn sein Glaube schwankend gemacht wird; wenn ein Ausländer droht, ihm die alten Sitten zu rauben; wenn er die Sprache, welche seine Väter redeten, in Gefahr sieht, von einer verhaßten fremden verdrängt zu werden; wenn die alten Herrscherhäuser, an welchen der Deutsche mit heiliger Ehrfurcht hängt, wanken; wenn der Uebermuth sich unter den fremden Gesetzen des Eroberers verbirgt; wenn unsere Kinder fortgeschleppt werden zur Schlachtbank für eine fremde Sache – dann bricht der langunterdrückte Unmuth mit einem Male, wie Sie sagen, heraus, und in der Entladung ist Sieg oder Untergang.

»Bravo! Ihre Begeisterung ist auf bessern Wegen; es sind gute Anfänge in Ihren Gründen, obgleich Sie den trefflichsten aller Gründe ausgelassen haben, – wenn der Fremde die Geldbeutel angreift. Werden Sie nicht unwillig – das Gold liegt nicht auf der Oberfläche der Erde, man muß tief graben, um bis zu diesem Grunde zu gelangen. Es giebt köstliche Worte von Freiheit! Religion! Gleichheit! Eigenthum! Handel! die bei allen Revolutionen florirt haben, und Perlen im Munde des Enthusiasmus sind, aber das gemünzte baare Geld, klimpernd in den Taschen Derer die steuern sollen, oder in den Chatoullen der Herren oben, welche mit dem Staatsruder steuern, klang doch überall deutlicher als jene Worte hervor.«

Ich vergebe Ihnen diese Aeußerung – sagte Theodor unwillig – indem sie zu erkennen giebt, daß wahre Begeisterung noch nie Ihre Brust entflammt hat.

Die Mundwinkel seines Begleiters verzogen sich hier zu einem bittern Gelächter. Nach einer Weile hub er ernster an: »Junger Mann, ich zähle doppelt Ihre Jahre, ich bin ein Franzose, ich war feurig wie Einer meiner Nation, ich war mit Geist und Arm bei Allem, was in meinem Vaterlande während zwanzig Jahren gährte und flammte; ich habe Lehrgeld für den Enthusiasmus gezahlt, und glaube daher mitsprechen zu können.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Als das erste Geschrei von Freiheit und Gleichheit über Paris in alle Provinzen drang, schwang ich meine Mütze vor den Helden des Tages, und das Gesetz war der Götze, dem die heiligste Lebensflamme mußte geopfert werden. Bald fand sich's aber, daß das Gesetz eine zu phlegmatische Gottheit war, und wir animirten uns für die Menschenrechte in den verschlossenen Sitzungen der Jacobiner-Clubs. Es waren Explosionen anderer Art wie die gestrigen in der Weinstube, als der ganze alte Enthusiasmus von Wilhelm Tells Kindern am zehnten August vor unserm jüngern Enthusiasmus über die Klinge springen mußte, und als wir in den Septemberscenen die wieder vom Himmel herabgestiegene Asträa erblickten, welche die Gefälligkeit hatte, Jedem, der keine Hosen trug, ihr Richterschwert zu leihen. Es war ein heiliger Enthusiasmus, welchen Keiner begreift, dem nicht unsere wahre Begeisterung von damals die Brust entflammt hatte, als ich in's Theater, wo man die Narrheit hatte, den Spruch: das Gesetz und kein Blut! zu applaudiren, mit Stentorstimme hinabrief: Blut und kein Gesetz! Die profanen Zuhörer stutzten, aber wo begreift je die Menge wahren Enthusiasmus? Die Krone aller Begeisterung trugen jedoch die Wohlfahrtsausschüsse, und als wir Robespierre's Willen mit dem Bajonet in der Hand im freien Nationalconvent durchsetzten, war unser Enthusiasmus so hoch gespannt, daß es auch nach der Hinrichtung des Menschenfreundes noch in uns glühte. – Dann kam etwas Ruhe. Man vertauschte die Namen, aus Gleichheit wurde Nationalruhm und aus Freiheit Ambition. Für den Helden und für den Kaiser war ich Feuer und Flamme, aber er ist schon allzulange Kaiser, und der Paroxismus verlangt nach einer Steigerung.«

Theodor sah den Redner bedenklich an, und fragte: Was veranlaßte Sie, zu uns zu kommen?

»Die Langeweile. Auch die hochtrabendsten Worte der kaiserlichen Bulletins – dieses höchstgerechten Napoleons! – vermochten nicht länger die Begeisterung zu steigern. Ich hörte davon, in Deutschland habe sich ein Geist geregt, der, von Haß, Glaube, Liebe, Hoffnung, oder wie die Worte heißen, angespornt, Alles überbiete, was wir in Frankreich von dergleichen Erscheinungen sahen; und da mein Leben nun einmal dem Enthusiasmus gewidmet ist, kam ich her, um das neue Landwunder in Augenschein zu nehmen.«

Theodors Auge glühte. Unwillkührlich griff er an das Seitengewehr, und rief aus: Sie werden Erscheinungen sehen, die gar nichts Theatralisches haben, aber zeigen, daß auch der Deutsche, wenn er lange gereizt worden, endlich den Menschen vergessen und –

»Gewiß« unterbrach ihn der Franzose. – Beide waren unvermerkt an das Haus gekommen, in dessen Erdgeschoß gestern das Bacchanal gefeiert worden. Dupré ergriff Theodors Arm und führte ihn an das Fenster. Noch brannten, obgleich der Tag schon vorgerückt war, die Lampen und ungeputzten Lichte, welche den nächtlichen Schwärmern geleuchtet hatten. Zerbrochene Gläser und Flaschen bedeckten den nassen Fußboden. Tisch und Bänke waren umgeworfen, und die Zecher lagen oder saßen, meist mit erloschenen Pfeifen im Munde, auf den Bänken oder unter denselben. Der wüste Schlaf der Ermattung hatte fast Alle übermannt; nur Wenige lallten noch in einem Winkel, ohne daß Einer auf den Andern zu achten schien.

Theodor schauderte unwillkührlich zusammen und eilte weiter. Sein Begleiter folgte ihm, und fuhr, als wäre nichts vorgefallen, im Gespräche fort.

»Es ist ganz natürlich, daß eine Nation, die bis zum äußersten gebracht worden, endlich alle Menschlichkeit bei Seite wirft. So sind Griechen und Juden tief gesunken, und die Leibeigenen in Polen wollen Naturforscher kaum als Menschen gelten lassen. Komme ich glücklich aus dieser Krisis heraus, denke ich ein Buch über die Behandlung der Enthusiasten zu schreiben.«

Theodor fühlte, er müsse seine Gefährten vor dem Fremden rechtfertigen: Sie haben Schill, den Mann, der für Deutschland denkt und handelt, dessen Name ein Heer ist, noch nicht in seiner Glorie gesehen. Morgen erhebt er sein Banner, wir brechen nach der Weser auf, und wenn Sie den Vater seine Kinder, den Bräutigam die Braut, den einzigen Sohn die verwittwete Mutter verlassen sehen, um dem Rufe des Vaterlandes zu folgen; wenn unser Häuflein wie eine Lawine im Fortstürzen wächst, wenn Oesterreich den Feind zermalmt hat, Preußen, das ganze Preußen uns folgt, dann lernen Sie besser von unserer Nation denken.

»Das Eintreten dieses verschiedenartigen Wenn thut auch noth, denn so lange ich hier verweile, sah ich wohl viele vater-, mutter-, braut- und obdachlose Leute zu den Fahnen laufen, von der Lawine bemerkte ich indessen nichts. – Sehen Sie, ein weißes Placat an der Mauer, vielleicht die offene Kriegserklärung Ihres Königs.«

Theodor trat heran und las:

»Zufolge von mehreren Seiten einlaufenden Berichten hat der Königlich Preußische Major v. Schill Berlin am 28sten April d. J. heimlich verlassen, und, nachdem er mit einem Trupp bewaffneter, mit ihm zugleich desertirter Husaren, über die Elbe gegangen, das Gebiet Sr. Majestät des Königs von Westphalen räuberischer Weise betreten, indem er mit bewaffneter Hand verschiedene Kassen erbrochen, die Beamten Sr. Majestät gemißhandelt, auch sich anderer Gewaltthätigkeiten hat zu Schulden kommen lassen. Da nun besagter v. Schill von dem Könige von Preußen gänzlich dessavouirt worden, ihm auch Steckbriefe nachgesandt worden, mithin selbiger, da er ohne alle Autorität den Frieden gebrochen, als Straßenräuber zu betrachten, und an der Habhaftwerdung dieses gefährlichen Menschen viel gelegen ist, so werden alle Beamte wie auch jedermann angewiesen, wo sie besagten von Schills habhaft werden können, denselben todt oder lebendig einzufangen, und gegen eine Belohnung von zehntausend Thalern an uns abzuliefern.

Von Sr. Majestät dem König von Westphalen verordnete &c.« –

Theodor hatte kaum das Blatt durchflogen, als er instinctartig das Placat abriß und das Papier zusammenballte. »Wer gab ihnen diese unerhörte Frechheit, zur Stunde, wo das Racheschwert über ihrem Haupte schwebt?«

Vielleicht ergiebt sich das – sagte Dupré – aus dem kleinern daneben angeschlagenen Blatte.

Theodor bemerkte es jetzt erst, und taumelte zurück, als er die Worte las:

»Gott erhalte den Kaiser, den König und sein ganzes Haus! Eben bringt ein Courier aus dem Hauptquartier Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen die erfreuliche Nachricht, daß die Oesterreichische Armee bei Regensburg geschlagen worden. Der Sieg war vollständig. Die Oesterreicher sind in voller Flucht nach Böhmen, die große Armee folgt ihnen auf dem Fuße, und wir hoffen, mit nächstem von dem Einzuge des Kaisers in Wien zu vernehmen.« –

»Gerechter Gott, unsere Hoffnungen!« rief Theodor.

Es mag nur eine Lüge seyn, verehrter Camerad. – Zwei Enthusiasmen, die sich etwas balanciren wollen. Jedenfalls bleibt ja noch Ihr großer Schill, ein Mann, dessen Name ein ganzes Heer ist, Deutschlands Stolz, der eine Lawine fortwälzt, die den Despoten und seine Heerschaaren erdrücken kann!

»Wenigstens darf niemand durch diese Schandschrift entmuthigt werden,« sagte Theodor, und riß auch dieses Placat ab.

O weh! mit dem Enthusiasmus steht es schwach, wenn ein kleines, bedrucktes Papier ihm ein Bein unterschlagen kann.

Beide trennten sich als es lauter auf den Straßen wurde.

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