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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Ein und zwanzigstes Kapitel.

Als Theodor die Insel verließ, begleitet von den Segenswünschen aller Einwohner, vermied er es, Rügen und Mönchgut zu berühren. Er wollte den Schmerz nicht erneuen, und segelte über den Bodden sogleich nach dem festen Lande. Eilend durchflog er die Provinzen, und zögerte doch, als er der Heimath nahte. Er unterließ es, die Freunde aufzusuchen, welche in den Städten, durch die sein Weg ihn führte, wohnten. Alles kam ihm fremd und unbekannt vor, die Besitzer dünkten ihm an den meisten Orten gewechselt zu haben, und er machte die Bemerkung, daß es nur die Wirthshäuser waren, deren Eigenthümer, allen Zeiten sich fügend, dieselben geblieben schienen.

Er war elternlos aufgezogen, aber nahe Verwandte hatten Elternstelle an ihm vertreten. Er mochte nicht nach dem Oheim, nach der Tante im Städtchen fragen, da ihn selbst die Leute im Gasthof nicht zu kennen schienen. Zu Fuße machte er sich daher nach dem nahen Gute auf. Als die hohen Pappelalleen des Gartens ihm entgegen winkten, stand er herzklopfend still. Dann schlich er sich durch wohlbekannte Nebenwege nach der Hinterpforte. Sie war abgebrochen, ein Graben und eine lebendige Hecke schützten hier den Garten. Er sprang und kletterte hinüber, und schlich sich die Allee nach dem Schlößchen entlang. Es war Alles verändert. Ein dicker Mann mit grüner Mütze, den die Arbeitsleute Herr Amtmann nannten, schmauchte hier seine Pfeife. Theodor näherte sich ihm und fragte schüchtern nach dem Herrn Major, dem ehemaligen Besitzer. Sein Aeußeres hatte jetzt wenig Empfehlendes, und die schüchterne Art seines Benehmens gab ihm kein besseres Ansehen. Der Amtmann fand sich daher auch nicht bewogen, den Gruß im geringsten zu erwiedern, und redete ihn, nachdem er ihn etwas fixirt, barsch an: »Woher des Weges, guter Freund? – Ihr seyd wol lange nicht hier gewesen auf euren Wanderungen, oder habt Ihr so den Namen Major von einem guten Vordermann erfahren? Hier ist kein Major mehr, und es wird auch nichts mehr gereicht. Der Schenkwirth hat auch gemessenen Befehl, keinen ohne Paß zu beherbergen, widrigenfalls die Gensdarmerie – Verstanden?«

Um Gottes Willen der Major, was ist mit dem Major?

»Der Major ist schon vor'm letzten Feldzuge gestorben.«

Und seine Frau, fragte Theodor erblassend.

»Bereits vor ihm, und damit Ihr nicht länger nöthig habt Euch mit Fragen die Zeit zu verderben, sage ich Euch, daß der Major das Gut seinem Schwager, dem Herrn von Winkelmann, hinterlassen. Der hat es dem Herrn von Redern verkauft, und der an den seligen Hauptmann von Bredow, aus dessen Liquidationsmasse hatte es sub hasta der Kammerrath von Winterfeld erstanden. Als der aber die Kaufgelder nicht belegen konnte, kam es zur Resubhastation, – versteht sich auf seine Kosten – und da habe ich es erstanden, und auf Heller und Pfennig bezahlt. Ihr seht daher, daß ich mit der alten Sippschaft in keinem Fall etwas zu thun habe.«

Theodor vermochte nicht zu sprechen. Wehmuth und Aerger bemächtigten sich seiner. Er setzte den Hut auf, und ohne ein Abschiedswort drehte er dem neuen Besitzer den Rücken. Allein der Amtmann hatte in Theodors Augen eine Thräne bemerkt, und als er ihn stolz sich fortwenden sah, leuchtete ihm sein Irrthum ein. Er eilte ihm nach, bat ihn um Vergebung für etwanige Beleidigung, da man sich jetzt vor allen Landläufern nicht genug hüten könne, und lud den Fremden ein, die Nacht bei ihm zu verweilen, indem er doch gewiß auf ein Unterkommen bei dem Major gerechnet habe. Als Theodor dankte, drang er heftiger, und bemerkte fragend: der Fremde kehre wol eben aus den Lazarethen zurück, nachdem er im großen Befreiungskriege mitgefochten? Dies war für Theodor ein Stich in's Herz. Als der Amtmann noch dazu wohlgefällig das eiserne Kreuz auf der Brust einknöpfte, hielt er es nicht mehr aus, und entfloh mit der Entschuldigung, daß ein Freund in der Stadt ihn erwarte.

Hier erfuhr er bald, daß sein Oheim ihm ein kleines Legat für den Fall seiner Wiederkehr ausgesetzt hatte. Es war ihm leicht, dieses zu erheben. Dann aber eilte er aus der Umgegend fort, denn Alles kam ihm fremd, öde und leer vor. An den Wirthstafeln, am Billard, überall sah er Gesichter mit Schnurrbärten und militairischen Abzeichen, und alles Gespräch drehte sich um die erlittenen Strapatzen und erfochtenen Siege. Ihm war es lieb, wenn ihn seine Bekannten nicht wieder zu erkennen schienen, denn auch die, welche ehemals als die Feigsten und Schwächsten galten, schienen, ihren Reden nach, Helden gewesen zu seyn. Er konnte dem Allen nichts entgegen setzen. Zuweilen hörte er auch wol ein bemitleidendes oder gar kränkendes Wort über Schills Unternehmen, meist aber schien es ganz vergessen. In Familienkreise mochte er nicht treten. Seine liebsten Bekannten waren todt oder weit verschlagen; die er niemals leiden konnte, waren am Leben. Man konnte sich seiner nicht recht erinnern, oder Einer sagte: »Ah so, Sie sind der junge Theodor, der damals, – wann war es doch? – auch mit ausriß – mit Schill. Ja, ja, wer nicht hören will, muß fühlen. Sie sind etwas spät wiedergekommen, aber immer besser als gar nicht.« Hie und da fand er wol noch einen alten Gefährten, der unter Schill gedient, es waren aber oft rohe, dem Trunk ergebene Leute, daß jeder Umgang unmöglich wurde.

Er reis'te eilig nach der Altmark. »Hier lebt das einzige Wesen auf der weiten Welt,« dachte er bei sich: »das innigen Antheil an mir nimmt.« Einen andern Gedanken wagte er nicht bei sich auszusprechen. Er wußte, daß der Präfect, er wußte, daß Agnes auf dem Gute waren, dennoch zauderte er, zum Hauptthor einzutreten und sich melden zu lassen. Er schlich in den Garten und wartete hier in einer Laube, ob das Glück ihn begünstige oder der Muth ihm wachse? Das erstere geschah, Agnes kam allein den langen Gang herauf. Er konnte mit voller Muße ihre schlanke reizende Gestalt, die schönen, Sanftmuth und Hoheit athmenden Züge, das seelenvolle Auge erblicken, und sein Herz schlug vernehmlicher, je näher sie ihm kam. Er gestand sich, daß sie ihm theurer sey, als er geglaubt, aber er trat nicht hervor, als sie an der Laube vorüberging, und als sie fern nach dem Schlosse zu verschwand, stützte er sein Haupt auf den Arm und sprach zu sich: »Thor! Und dieses edle, schöne Weib, glaubst Du, liebe Dich, Dich, einen Auswurf, einen Verzweifelten, den alle Welt für einen aus Gottes Barmherzigkeit verschonten Taugenichts hält? Sie, im Reize der Jugend, Schönheit, Bildung, Gesundheit, die Wittwe eines Generals, dessen Namen man mit Ehrfurcht nennt. Dich, einen namenlosen –« Er mochte es nicht aussprechen, und stürzte aus dem Garten heraus und fort aus dem Dorfe. »Was soll ich hier,« rief er, als der Wagen fortrollte: »wenn nichts anderes diese edleren Wesen an mich fesselt, als Dankbarkeit und Mitleid? – Nein, noch fühle ich mich zu gut, um ein elendes Gnadenbrot zu genießen. Zum Wirken ist mir das Thor im Vaterlande verschlossen, da ich im Befreiungskriege nicht mitgefochten, – ich will zurück nach der Oie, und dort das verpfuschte Leben wenigstens consequent beschließen.«

Aber schon in Stralsund änderte er seinen Entschluß. Als er der letzten Vertheidigung gedenkend, um die Wälle spazirte, musterte er auch nachdenkend den Thurm, den er einst so tapfer vertheidigt. Wie erstaunte er aber, als er an einem äußern Winkel einen Leichenstein an die Mauer befestigt fand, auf welchem die Worte standen: »Dem Andenken des unglücklichen Theodor von ***, gefallen in der tapfern Vertheidigung dieses Thurmes am 29sten Mai 1809, setzte diese Tafel Dankbarkeit und Liebe.«

»So liebt sie mich doch?« sagte er nach wenigen Minuten des Nachdenkens, und sein aufgefundener Leichenstein versetzte ihn in eine Freude, die den Entschluß, nach der Insel überzufahren, augenblicklich vernichtete. Dennoch kehrte er nicht nach der Altmark zurück. Die Aerzte riethen ihm, zur Wiederherstellung seiner Gesundheit die Bäder im südlichen Frankreich zu gebrauchen. Er entschuldigte in einem Briefe an den Präfecten damit sein Nichterscheinen, und reis'te nach Nizza. Hier aber fanden die Aerzte seine Krankheit gefährlicher als er es dachte, und zwei Sommer vergingen in Benutzung der Meeresbäder. Die Hoffnung, kräftig und frisch vor Agnes binnen kurzem zu erscheinen, mußte er aufgeben, und sein einziger Trost blieb, nicht in Deutschland siech zu liegen. Als er, an einem schönen Abende von einer einsamen Seefahrt heimkehrend, landete, begrüßten ihn zwei Gestalten. Es waren Agnes und der Präfect. Die erstere erröthete bei dem für Theodor so freudigen Zusammentreffen, und wartete kaum die ersten Begrüßungsformeln ab, um ihn zu benachrichtigen, wie die Aerzte bei der zunehmenden Schwäche ihres Vaters ihm die milde Seeluft des südlichen Frankreichs angerathen hätten.

»Sie liebt mich,« wiederholte er bei sich, nachdem er von ihnen geschieden, und ein glückliches Leben begann seit der Ankunft der Freunde für den Verlassenen. Täglich durchstreifte er mit Beiden die reizenden Umgegenden, oft, wenn den Vater Altersschwäche daran hinderte, mit Agnes allein. Er las mit ihr Dichterwerke, sie wurde seine Lehrerin in Allem, was im Gebiete des Schönen seit seiner freiwilligen Verbannung sich ausgebildet hatte. Es waren für ihn selige Stunden, er glaubte auch für sie; dennoch blieb das Bewußtseyn des eigenen Unwerths für ihn zu mächtig, um eine Erklärung zu wagen, die Beider Glück gefördert hätte.

Der rüstige Geist des Alten hielt es aber nicht lange in Nizza aus. Er wollte reisend seine Gesundheit stärken, und willig nahm Theodor die Einladung an, mit ihm nach Neapel zu gehen. In Genua bestiegen sie ein Neapolitanisches Schiff; die Fahrt ging jedoch bei geringem Winde langsam, obwol des schönen Wetters wegen nicht unangenehm. Am dritten Tage bemerkten die Reisenden eine Unruhe unter dem Schiffsvolke. Es zeigte sich eine Galeere der Barbaresken, mit deren einigen die Neapolitanische Regierung nicht im besten Vernehmen stand. Der Wind war dem Raubschiff günstiger als den Reisenden, und bald war die feindliche Absicht der Barbaresken nicht mehr zu verkennen. Die Mannschaft auf dem Neapolitaner war nicht unbedeutend, und man beschloß, wenn die Piraten sich mit keiner geringen Abfindung begnügten, das Aeußerste zu wagen. Die Unterhandlungen zerschlugen sich, und der offene Kampf begann. Trotz des heftigen Kanonenfeuers der Christen gelang es ihnen nicht, die Ungläubigen von sich abzuhalten. Die Galeere enterte. Stärker bemannt als man vermuthete, hatte die kriegerische Besatzung des Raubschiffes bald festen Fuß auf dem Verdeck des Neapolitaners gefaßt, und es kam zu einem verzweiflungsvollen Gemetzel. Theodors kriegerischer Geist erwachte wieder, und wenn er auch keine Wunder der Tapferkeit verrichtete, so that er doch Alles, was Besonnenheit und Muth in solchen Augenblicken vermag. So lange der Kampf auf dem Verdeck geführt wurde, stritt er dort mit dem Feuergewehr, als er aber die Feinde in die Kajüten hinunterdringen sah, eilte er von der andern Seite eben dorthin. Mit zwei Französischen Officieren außer Dienst, welche dem constitutionellen Neapel ihren Arm anbieten wollten, langte er eben in der Kajüte an, als Agnes mit dem Vater vor den von der andern Seite einbrechenden Barbaren die Flucht ergriffen. »Retten Sie uns!« hörte er aus ihrem Munde, und stürzte auf die Piraten los. Den ersten, der mit der Thüre zugleich einbrach, hieb er nieder, seine Begleiter fochten nicht minder tapfer, und auch der alte Präfect kehrte, als er Agnes außer Schußweite gebracht, bewaffnet zurück. Das Gemetzel hier im innern Raum mochte, bald hitziger, bald lässiger geführt, und begleitet von heftigem Geschützfeuer draußen, eine halbe Stunde gedauert haben, ohne daß einer der verzweifelt fechtenden Parteien Hülfe von oben gekommen wäre. Endlich stürzten Bewaffnete die Treppe zu den Räubern herab, doch nicht zu ihrer Hülfe. Eingeschlossen von beiden Seiten, wurden die Wenigen bald niedergehauen, und lauter Jubel schallte durch das Schiff. Ein anderer Neapolitaner war zu Hülfe gekommen, die Barbaresken waren überwältigt und ihre Galeere genommen worden.

Als Theodor aus der Wuth des Kampfes zur Besinnung gekommen, sah er auf dem Boden der Kajüte Agnes sitzend, neben ihr lag der Leichnam ihres Vaters, in einiger Entfernung hingestreckt der eines Franzosen. Sonst war Niemand im innern Raume. Blutend trat Theodor an sie heran. Sie bemerkte ihn: »Die Wunde ist leicht, doch Alter und Ermattung haben ihn sinken lassen, um nie mehr aufzustehen, und ich stehe nun allein auf der Welt.« Nicht allein, rief Theodor: wenn Sie mir vergönnen, neben Ihnen zu stehen. Er hob sie auf und drückte die Willige an seine Brust. Erschrocken sah er, wie ihre feinen weißen Kleider von seinem Blute ganz befleckt worden, und wollte sie warnen. Sie erwiederte: »Soll dies Blut und diese Wunden mir nicht werth seyn, da sie einem Verzagten den Mund öffneten?« Als Beide die Leiche des Vaters auf eine Hängematte gelegt hatten, und Theodors Wunden, die nur leichter Art sich zeigten, von Agnes sorgsam verbunden waren, eilte er hinaus, um von dem Schicksal des Tages nähere Kunde einzuziehen.

Man war beschäftigt, die Galeerensclaven auf der genommenen Barbareske, so weit sie als gefangene Christen sich auswiesen, loszulassen. Theodor stieg hinab, und schauderte beim Anblick der entarteten Unglücklichen. Zwei oder drei waren an jedes Ruder gefesselt, meist bejahrte Männer mit wild verwachsenen Haaren und Bärten, die an Ruder und Kette ergraut schienen. Ihre Lust, als sie loskamen, äußerte sich meist viehisch. Sie sprangen und wälzten sich auf dem Boden, oder warfen die abgefeilten Ketten gegen ihre ehemaligen Tyrannen. Schon wollte Theodor, verstört von diesem Anblick, sich abwenden, als die Stimme eines Sclaven, an dessen Handschellen man eben feilte, ihn zurückrief:

»Was gebt Ihr Euch die unnöthige Mühe? Die Kugel beim Gefecht ging in die Schulter hinein. – Laßt mich in der Kette sterben. Ob eine eiserne Kette, oder eine andere, wie sie jeder in der Welt trägt, es ist im Grunde einerlei. Ich werde es nicht mehr lange machen.«

Der Franzose, Theodors Kampfgenoß, trat plötzlich an den hingesunkenen Ruderknecht heran, und ihm in's Gesicht blickend, rief er aus: »Heiliger Gott, ist's möglich, Dupré, Ihr?« Auch Theodor glaubte den Mann zu erkennen, der sich jetzt, mit seiner Verwundung kämpfend, aufzurichten bemühte. Mit halberloschenem Blick starrte er Beide an, noch aber preßte er die wenige Lebenskraft zusammen, und redete in einem Tone, der Scherz bedeuten sollte:

»Capitain Dumatin, willkommen in meinem Hause! Ja, ich bin es, Dupré, cidevant Generalcommissair, jetzt aber Galeerensclave, und das ist nicht schlimmer, als wenn ich im heutigen Frankreich wäre, wo Napoleons Commissaire nicht viel mehr gelten sollen. – Denkt nicht so schlecht vom Zustande eines Galeerensclaven, – er ist ein nützliches Mitglied in der Gesellschaft. – Galeerensclaven, das sind die wahren Republikaner. Hier herrscht Einheit, hier Gleichheit. Neben mir sitzt Einer, der einst mein Todfeind war, aus so altem Deutschen Adel, daß er tausend Jahr vor Karl dem Großen anfängt, und doch lernten wir auf gleiche Art das Ruder schlagen, um uns nicht einander zu schlagen, und sind Herzensbrüder geworden. Nicht so, Julius?« –

Der Sclave neben Dupré, welcher bisher mit gesenktem Kopfe dagesessen, richtete sich auf. Er war fürchterlich verwildert, aber Julius Züge starrten Theodor entgegen. »Julius! Du! wirklich?« Er stürzte auf den Unglücklichen, der, mit Dupré an ein Ruder geschmiedet, zwischen diesem und dem Schiffsrande saß. Er berührte seine Hand, seinen Kopf, es war Julius, der auch ihn wiedererkannte, ohne von der Wallung der Freude übermannt zu werden: »Zurück, ich kenne Dich, wir hier sind Galeerensclaven. Was Galeerensclaven sind, begreift man nicht auf den ersten Anblick. Wir sind nicht Unglückliche, wir sind Thiere. Wenn Du noch lebst, und Dir das Leben werth ist, besudle Dich nicht mit ihnen.«

Ich erkenne Dich jetzt auch, sagte Dupré: Du bist Theodor von ***, und wir machten einmal eine Rechnung mit einander ab. Das waren Alles Kindereien gegen unser jetziges Leben, und Du hast hoffentlich nun auch die thörichten Hörner abgelaufen. – Mein Bruder hat Recht, wenn er sagte, wir sind Thiere, aber Thiere sind die glücklichsten Geschöpfe, weil sie um gar nichts sich zu kümmern haben. Ein Glas Brantwein über das Maaß ist unser größtes Glück. Von Begeisterung bekommt man erst hier einen Begriff, wenn sie uns Opium geben, um im Rausche stärker zu rudern. Oft, wenn es dann auf ein Christenschiff losging, das uns befreien wollte, schlugen wir mit Ingrimm und Lust in die Wellen hinein, daß ein Anderer hätte denken sollen, es ginge um Leben und Liebe, und es ging doch um nichts. Das nenne ich mir rücksichtslosen Enthusiasmus, wie man bei keinem Volk ihn findet.

Die Rede des Schwerverwundeten, so wie der Zustand der meisten Gefangenen bestätigte, was er angeführt, daß man den Sclaven Opium gegeben, um sie mit augenblicklich vermehrter Kraft rudern zu lassen. Die meisten entschliefen bald nach dem wildesten Ausbruch ihrer Lust. Dupré's Verwundung und Rausch führten seinen Tod herbei. Auf Julius hatte die plötzliche Befreiung dagegen eine andere Wirkung. Aus der Berauschung war er in den finstersten Trübsinn verfallen, und warf sich, kaum von der Kette befreit, zu Boden, ohne andere Antwort als durch tiefes Stöhnen von sich zu geben.

Wider Theodors Willen erfuhr Agnes von dem Zusammentreffen, und ihre Phantasie hatte ihr alle Bilder des Schreckens vorgemahlt als er zu ihr zurückkehrte. »Erbarme Dich seiner,« rief sie ihm entgegen: »aber verlaß mich nicht, laß den Wilden nicht zwischen uns treten, unser junges Glück zu zerstören. Das Schiff, das uns errettet, segelt weiter. Wir wollen ihn mit allem versehen, was er bedarf; der Galeerensclave darf sich aber nicht mit Zufriedenen gesellen.«

Der größte Theil der Befreiten bestand aus Leuten ohne Heimath und Besitz; sie mußten ein neues Leben beginnen. Hierzu bot sich sogleich Gelegenheit. Das herzugekommene Schiff trug Neapolitanische Militairs, welche nach dem schnell erfolgten Sturz der neuen Verfassung ihr Heil in Morea suchen wollten, wo allen Nachrichten zufolge ein Sturm im Losbrechen war. Der größere Theil der Christensclaven gesellte sich willig ihnen zu, um den lange unterdrückten Groll in furchtbarer Wiedervergeltung die Ungläubigen fühlen zu lassen. Der Französische Officier zeigte, von der Besichtigung der Sclaven zurückgekehrt, Theodor an, daß er dieselbe Partie ergriffen, und der Deutsche Officier, aus seinem Rausche erwacht, sich bereit erklärt habe, ihm zu folgen. Am Abend desselben Tages – beide Schiffe segelten mit ihrer Beute noch eine Zeitlang in gleicher Richtung – trat Julius, gereinigt und in freiem Anzuge, in Theodors Kajüte. Leidenschaften und Alter hatten sein Gesicht in Runzeln gelegt, die Sonne hatte es kupferfarben gebräunt, und die Haare waren weiß geworden. Seine Augen schossen zwar noch wilde Blicke, aber er senkte sie zu Boden als er vor den Freund hintrat. Er blieb halb schüchtern, halb unbeholfen stehen, bis Theodor ihn in die Arme schloß und die Frage an ihn richtete: »Wie lange, Unglückseliger, littest Du in dem Zustande?«

Ich habe die Jahre nicht gezählt, erwiederte er: wie denn Alles, was menschlich ist, auf der Galeere dem Sclaven verschwindet. Ich wollte von Dir Abschied nehmen; denn morgen denke ich abwärts mit den Anderen nach Griechenland zu segeln, um die lange Schmach, das Elend und eine Verruchtheit ohne Gränzen, geht es noch, abzuwaschen und zu baden im Türkenblute.

Seinem Entschlusse wußte der Freund nichts entgegenzusetzen, er nöthigte aber den Unglücklichen, wenigstens die letzten Stunden in Freundesgespräch zu verbringen. Bei einigen Erfrischungen, wie sie Julius seit lange nicht genossen, ließen sich Beide nieder, und als der ungewohnte Wein den Sclaven angefeuert hatte, berichtete er auf Theodors Fragen Bruchstücke aus seinem Lebenslauf, die zusammengesetzt ungefähr dahin lauteten:

»Wie ich lebte, seitdem wir schieden, halb Thier, halb Mensch, darüber laß mich schweigen. Gefangen von den Dänen, entkam ich auf Rügen, und trieb mich als Gaukler, Hausirer, auf der Insel umher, bis es mir gelang, auf's feste Land zurückzukehren. Ich schwelgte und darbte umher in den Städten, und lauerte endlich in Hamburg auf Gelegenheit in's Ausland, als Dupré mich trotz der Lumpen erkannte und aufgreifen ließ. Man hatte dazumal die wackern elf Burschen schon in Wesel erschießen lassen, und es lohnte ihnen nicht der Mühe um einen Einzigen den Prozeß wieder anzufangen. Deshalb condemnirte man mich kurzweg zu den Galeeren. Wie der gemeinste Missethäter wurde ich durch Frankreich geschleppt.

Als ich in Marseille durch den vollgedrängten Hafen mit meinen Brüdern, dem Auswurf der Menschheit, einherschritt, um auf der Galeere angeschmiedet zu werden, und Dupré, der am Wege stand, mir höhnisch eine gute Reise wünschte, wandelte mich zum letzten Male der Kitzel der Ehre an. Ich sprang aus der Reihe, riß meinen Kettenbruder mit mir, und hätte ihn erdrosselt, wäre er nicht pfeilschnell in den Haufen entwichen. Man holte mich zurück, und peitschte mich vor Aller Augen. Seitdem war die letzte Spur der Ehre verschwunden. An die Arbeit gewöhnt sich ein starker Körper bald, und da es ein sicheres Mittel ist den Geist zu tödten, empfindet auch der Galeerensclave, so lange er nichts weiter sieht, als den barbarischen Aufseher und das rohe Schiffsvolk, wenig sein Elend. Kaum war ich aber einige Zeit auf der Galeere, als sie ein Tuneser nahm. Dies verbesserte nichts in unserer Lage, ja wir wurden von den gegen alle Christen erbitterten Barbaresken weit strenger behandelt, doch aber freute es mich, keinem Franzosen weiter zu dienen. Das war das letzte reine Gefühl. Eine größere Rachelust wartete noch meiner. Wir enterten ein Schiff, das nach Sicilien bestimmt war. Der Kampf war lange zweifelhaft und mörderisch. Viele meiner Cameraden sanken von den Kugeln, die ihnen nicht galten. Endlich siegten wir, hatten aber solchen Verlust, daß man die wenigen nicht verwundeten Gefangenen sogleich an die Stelle der gefallenen Ruderer anketten mußte, um nur einer Fregatte, die sich in der Entfernung zeigte, zu entkommen. Auch mein Nebenmann war gefallen, und ich bekam einen andern. Es war Dupré, den die Vergeltung für das mir zugefügte Leid ereilt hatte, während er als Emissair seines Kaisers nach Sicilien ging. Wir erkannten uns sogleich; ich wies ihm die Zähne, und Wuth sprühte aus seinen Augen. Wir fügten uns in den ersten Tagen alles Leidwesen zu, was zwei an ein Ruder Gekettete vermögen. Die Peitsche des unbarmherzigen Aufsehers und die Noth zwangen uns aber bald zur Einstellung der Feindseligkeiten. Da jeder sich nur selbst den Stößen des Mechanismus aussetzte, wenn er im Rudern nachließ, äußerten wir unsern Grimm umgekehrt durch übergroße Anstrengung, wodurch Jeder den Andern zwang, sich einer ähnlichen zu unterziehen. Bald ermüdete auch dies, und wir begnügten uns, stumm neben einander zu sitzen. In Jahresfrist hörte auch dieser thörige Trotz auf, und es kam dahin, daß wir über unsere grimmige Feindschaft lachen konnten. Wer es noch nicht ist, wird ein Teufel auf der Galeere. Selbst der Räuber erkennt Gesetze des freien Willens, hier herrscht gar kein Gesetz als die äußere Nothwendigkeit, und die Verworfenheit kann die letzte Maske abwerfen. Dupré's kühne Aussichten waren vernichtet, nachdem merkwürdiger Weise alle Gelegenheiten zur Auslosung sich zerschlagen hatten und seine Gönner gestorben waren. Er ras'te, und sein Wahnsinn nahm die Gestalt des Scherzes an. Alle Verhältnisse des Lebens, das Heiligste und Würdigste wurde in unsern Kreis herabgezogen und verhöhnt, auf eine Art, wie ich sie nicht wiederholen mag. Zehn Jahre lebte ich so mit meinem Todfeinde an Einer Kette, was Wunder, wenn in dieser Gesellschaft aller Glaube an etwas Göttliches verschwand. Im wildesten Taumel des Uebermuthes, im gänzlichen Eingehen in diese Verworfenheit lag die einzige Lust. Wir arbeiteten uns daher immer tiefer in das ruchlose Leben hinein, um, was wir mehr als Alles fliehen mußten, die Rückerinnerung an einen andern Zustand zu verbannen. Es gelang mir, ich dachte, in Vergessenheit alles Vergangenen, selbst von Allen vergessen, auf der Ruderbank mein Leben zu enden, als vor einem Jahre der Zufall uns Nachricht brachte von den Veränderungen in Europa. Der große Tag des Gerichtes – ein Gedanke, dessen Thorheit ich verhöhnt hatte – war eingetreten. Ich knirschte wieder mit den Zähnen, und Dupré that das nämliche; jeder aus verschiedenen Gründen. Schon waren wir daran, unsere alte Feindschaft zu erneuern, als er lachend sagte: Thorheit, um des Kaisers Bart zu streiten. Für jene Fürsten und Könige mag solch ein belohnender und vergeltender Gerichtstag schlagen, um Bettler und Galeerensclaven kümmern sie sich nicht. Wir bleiben, was wir waren, bis wir in das Nichts übergehen. – Aber seitdem schmeckte das Bittere durch, wenn ich in die rüde Lust einstimmte, und es war mir, als könne auch mir einst der Tag der Freiheit und der Rechenschaft schlagen. Er ist gekommen; Alles worauf ich einst stolz war, ist vernichtet, Schmach, unauslöschbar in meinen Augen, klebt an mir. In's Leben mag ich, darf ich nicht zurücktreten. Darum will ich versuchen, wo auch ein Volk aus langer Ruchlosigkeit sich zu erheben kämpft, den alten Fluch abzuschütteln, und dann versuchen, dem Himmel zu danken, daß er mir noch die Zeit dazu, und mich nicht als Galeerensclave sterben ließ.«

Agnes flog weinend an Theodors Brust, als Julius ihm Lebewohl gesagt: »Viel hast Du leiden müssen, aber es war ein Scherz gegen den Fluch, der den Abtrünnigen traf. Ottilie, wie glücklich, daß Du ihn nicht mehr in dieser Erniedrigung erblicktest!« Am nächsten Morgen, als Theodor mit seiner Braut das Verdeck betrat, war das andere Schiff schon von ihnen getrennt. Er wehte mit dem Tuche dem Freunde eine glückliche Fahrt zu, und glaubte das Zeichen erwiedert zu sehen. Noch am selben Tage landeten sie in Neapel, und ließen es ihr erstes Geschäft seyn, die Leiche des Vaters in stiller Feier zu bestatten. Agnes hatte sich eines Morgens ganz früh hinausgeschlichen und betete auf dem schönen Rasenhügel. Doch als sie sich aufrichtete, stand Theodor schon hinter ihr. Der stille Morgen, die weite Aussicht, die feierliche Stelle übten einen magischen Reiz aus. »Agnes! Wir haben noch eine weite gefahrvolle Reise bis in unsere Heimath, und wer das Leben gleich uns kennen lernte, darf nicht zögern, wenn das Glück ihm nahe liegt. Unsere Maienzeit ist verblüht. Wer sieht voraus, ob nicht die Herbststürme bald den Sommer kürzen. Ich fand gestern Abend einen jungen Geistlichen aus unserer Heimath hier; dort kommt er den Hügel herauf.«

Laß ihn schnell uns auf ewig vereinigen, daß wir, verbunden, den Stürmen aller Jahreszeiten können entgegentreten, antwortete Agnes. Der Geistliche nahte sich ihnen, und auf dem Grabe des Vaters sprach er den Segen seiner Kirche über ihren Bund.

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