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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 21
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Zwanzigstes Kapitel.

Man hatte der Unglücklichen den letzten Trost nicht verweigern mögen. Ein günstiger Wind blies, als die drei Reisenden in dem Boote eines geschickten Mönchgutischen Lootsen nach der Oie hinübersegelten. Noch war es Morgen, als sie drüben landeten, und den nicht unbeschwerlichen Weg nach dem Plateau der Insel hinaufstiegen. Ottiliens Blicke hatten schon lange am Ufer gehaftet. Jede Erhöhung sollte ein Grab seyn. Auch jetzt vom Uferrande aus suchte sie vergebens nach einer Stelle, wo der Schiffbrüchige hätte ruhen können. Dann wandte sich die Gesellschaft nach den Gehöften.

»Wie aber,« flüsterte Agnes, Ottilien sanft umschlungen haltend, der Freundin zu: »wenn wir nähere Nachricht von dem Unglücklichen einziehen, und, statt des einen, zwei Gräber finden? Sie erzählten drüben von einer schönen, jungen Bäuerin. Wenn er Dich in seiner letzten Stunde vergessen?« –

»Werde ich ihn in meiner letzten nicht vergessen,« fiel Ottilie heftig ein: »Möge er auch an ihrer Seite ruhen. Die Erde hat ja Raum, um alle Müden aufzunehmen, und ich fühle es, Agnes, dieses Eiland werde ich nicht verlassen.«

Die gastfreundlichen Insulaner nahmen die Fremden mit Herzlichkeit auf. Da selten ein Ausländer das Ufer der Oie betritt, kann noch die befremdende Erscheinung eintreten, daß sich die Hofbesitzer darum streiten, wessen Gast der Angekommene seyn solle? Besonders reizte die jungen Leute der Anblick der schönen vornehmen Frauen, und gleich Wundererscheinungen geleitete man sie in den größesten Hof, wo ihnen in der geräumigen Tenne alle mögliche Erfrischungen vorgesetzt wurden, während Jung und Alt des Eilandes durch Fenster und Thüren sich an ihrem Anblick weidete. Ottilie ließ indessen dem Präfecten, so nennen wir noch immer Agnes Vater, keine Ruhe, und er erkundigte sich bei den Aeltesten unter Anführung aller in Erfahrung gebrachten Umstände, ob kein Flüchtling zur Zeit nach Schills Untergang an dieser Insel verunglückt sey? Statt, wie er erwartete, ihre Bibeldeckel oder die alten Schrankthüren umzuschlagen, wo jene Leute die merkwürdigsten Ereignisse aufzunotiren pflegen, blickten sich die Alten verwundert an, und in ihren Blicken las er, daß eine Begebenheit, die sich vor so langen Jahren zugetragen, noch frisch in ihrem Gedächtniß leben müsse. Er drang weiter in sie, erhielt aber nur ausweichende Antworten. Endlich, als er mit allem Gewicht der Würde ihnen versicherte, daß er im Namen der Anverwandten des jungen Mannes über dessen Leben und Tod Nachricht einziehen solle, und nichts irgend Jemand Nachtheiliges daraus entstehen könne, blickten sich die Alten wieder fragend an, und zuletzt hub der Eine an:

»Wenn dem wirklich so ist, und es kann auch wol nicht anders seyn, denn die Franzosen, vor denen er flüchtete, sind ja längst aus dem Lande, so kann es ihm auch nicht schaden, wenn wir von ihm reden, da ohnedies ja der vornehme Herr von ihm weiß. Ja seit den langen Jahren ist der liebe, junge, unglückliche Herr auf unserer Oie –«

Ist? Er ist ja todt, fiel der Präfect ein. Das Fahrzeug, das ihn herüber trug, schlug um, und er starb in den Wellen.

»Nein, den Kahn haben sie mit Willen, daß Keiner von ihnen wüßte, umgeworfen. Er lebt nun wohl bis zum heutigen Tage.«

Wo? wo? fiel die fieberhaft glühende Ottilie ein.

»Drüben an der äußersten Spitze der Oie. Es ist ein herzensguter und lieber Mensch. In einer ganz kleinen Hütte lebt er, ob er es wol besser mag gewohnt seyn. Wir glauben aber kaum, daß er es noch lange aushält, denn er sieht kläglich aus –«

Ottilie hörte nichts mehr von den letzten Worten. Gluth und Frost überströmte sie abwechselnd, und man sah, wie ihr Geist mit dem Körper rang, bis sie über ihren Schwindel Herr wurde, und Agnes heftig umschlingend ausrief: »Wir wollen hin – zu ihm – jetzt gleich. Wer weiß, ob ich es nachher noch vermag.« Alle Vorstellungen des Präfecten und seiner Tochter blieben fruchtlos. Die Unglückliche drang darauf, den Geliebten sogleich wiederzusehen, und wenn es auch nur sein Gespenst wäre, das sie mit sich hinabrisse. Auf ihre dringende Bitte mußten alle Einwohner, die gern ihnen gefolgt wären, zurückbleiben, und sie machte sich allein an Agnes Arm auf den Weg. In einiger Entfernung folgte ihnen der Präfect mit dem Diener. »Wenn es nur nicht wieder eine Täuschung ist,« sagte Agnes leise zum Vater: »und doch flüstert mir eine innere Stimme zu, unser Gang wird nicht ganz fruchtlos seyn.«

Sie fanden leicht den vorgeschriebenen Weg zur Eremitenhütte. Ottiliens Herz pochte fühlbarer, und die ganze Gestalt zitterte zusammen bei jedem Schritte. Endlich hielt sie inne an einem einsamen Baum auf dem Felde. Sie stützte sich daran, ihr glühendes Gesicht verbergend, und sprach mit gedämpfter Stimme? »Agnes, siehst Du ihn? – Dort sitzt er auf dem Grabe – wie ich es im Traume gesehen. Er denkt nicht an mich, er denkt an die Geliebte, die drunten schlummert. – Wenn ich sterbe, begrabt mich neben ihr, daß er auch an mich zuweilen denken muß.« Agnes sah neben dem eingehegten Garten einen grünen Rasenhügel mit Blumen umpflanzt. Eine männliche Gestalt, in Trauer versunken, saß darauf. Er kehrte ihnen den Rücken zu, und hörte auch nichts, bis beide Frauen dicht neben dem Grabe standen.

Ottilie breitete zitternd die Arme aus, und rief mit schwacher Stimme: »Julius!« Langsam richtete sich der Trauernde auf und strich die verwilderten Haare aus dem Gesichte. Die Sonne beleuchtete ihn, daß keine Täuschung länger möglich blieb. »Er ist es nicht!« schrie Ottilie auf, und sank zusammen. Agnes vermochte sie diesmal nicht zu halten. Der herbeieilende Vater und der Trauernde hoben die Unglückliche empor und legten sie auf das Grab. Die vielfachen Täuschungen hatten zu stark auf den durch Leiden geschwächten Körper gewirkt, um, wo keine Hoffnung ihr entgegen lächelte, sich wieder zu erholen. Doch öffnete sie noch einmal halb die Augen, und drückte die Hand der Freundin: »Agnes! es war der letzte Schlag, der mich traf,« stammelte sie, »hier sehe ich ihn nicht wieder, aber drüben – gewiß, gewiß. Ich liege auf dem Grabe einer geliebten Gattin – versprich mir, daß sie auch mein Grab daneben graben.« Während Agnes und der Präfect zusichernd Ottiliens Hand drückten, erkaltete sie, und die Unglückliche schlug nicht mehr die Augen auf.

In stummer Trauer und thränenlos standen die Drei eine Zeitlang um das Grab und die Leiche. Man wollte sie in die nahgelegene Hütte schaffen. Agnes unterbrach zuerst das Schweigen, nachdem sie den Einsiedler eine Weile aufmerksam betrachtet hatte: »Kennen Sie die Unglückliche? Es war die Braut Ihres Freundes Julius.« Er starrte auf, und Agnes an. Ihre Züge schienen ihm bekannt, doch wußte er nicht, wo sie hinbringen. »Sie mögen mich vergessen haben, ich habe Sie nicht vergessen,« sagte Agnes, die Thränen unterdrückend: »Sie sind Theodor von ***, und retteten meinem Vater das Leben. Ich hoffte damals, Sie dereinst wiederzusehen, und diese Hoffnung ging in Erfüllung.«

Theodor blickte sie an, und warf sich dann am Fuß des Grabes mit allen Ausbrüchen der Verzweiflung nieder: Ich war jener Theodor, und jetzt bin ich nichts. Ich war ein Jüngling, ich bin ein Greis; gesund, jetzt krank: voll frischen Sinnes, jetzt welk, ohne Kraft zum Leben und Sterben. Die Träume des Glückes entwichen mit dem Leben, die Hoffnung ist hin, der Geist todt, nur die leere Schale wartet noch auf den Stein, der sie zerbricht.

Der Greis faßte theilnehmend Theodors Hand: »Als wir uns zuletzt sahen, trieb Sie ein übermüthig kühner Geist gegen den Strom. Wo ist dieses Feuer, dieses innere Bewußtseyn, das sich mächtiger dünkte als Gesetz und Ordnung? Ist alles verflogen?«

Vater, laß uns den Unglücklichen durch keine keine Rückerinnerung quälen. Das Grab sagt uns, daß er ein theures Wesen beweint.

»Es starb durch meine Schuld, und meine Kinder starben durch meine Schuld. Sprechen Sie mir tausendmal mein Schuldbekenntniß vor – täglich rufe ich es selbst mir in das Gedächtniß, damit es nie daraus erlösche, bis ich selbst, wie diese unglückliche Braut, den Weg finde zu dem einzigen Glücke. Ein Thor, glaubte ich mich so von der Welt zu scheiden, daß kein leiser Ton mich von drüben treffen könnte. Hier trotzte ich im selbstgeschaffenen Glücke, und ich sah nicht das Unglück voraus. Ein Fieber, das jenseits wüthen sollte, kam durch die Handelsleute auch auf diese Insel. Mein Sohn lief in die Gehöfte und brachte es mit. Er steckte die Schwester an, und die thätige Mutter war die einzige Pflegerin der Kinder. Wie sie auch Tag und Nacht an ihrem Krankenlager saß, die Kinder wurden schlimmer, weil sie aus falscher Zärtlichkeit jedes herbe Mittel, das meine geringe Kenntniß ihnen bereitete, schwächte, oder ganz aussetzte. Das Mädchen starb zuerst, der Knabe folgte. Hier unter diesen Blumen schlafen Beide, ohne zu wissen, was Leiden auf der Erde heißt. Die Mutter legte sich, als sie den Rasen auf dem kleinen Hügel geküßt, nieder, und jeder Trank, den ich ihr kochte, vergrößerte das Uebel. Keiner der guten Insulaner wußte bessere Mittel. Ich lief umher in den Gehöften, bat fußfällig die Schiffer, hinüberzusegeln nach Anklam, nach Stralsund, einen Arzt zu holen, vergeblich. Die See stürmte; im Angesicht der Insel drohte Jedem der Tod, es wäre auch kein Arzt herübergekommen. Da stand ich, da standen wir Alle, händeringend an ihrem Lager, und keiner konnte helfen. Ich war es, ich selbst, der das lieblichste Wesen, einen Engel, aus ihrer glücklichen Heimath herüber zu einem unglücklichen Leben gelockt, herüber auf dies unselige Eiland, wo sie von menschlicher Hülfe abgeschnitten, auf dem Krankenbette verschmachtete. – Ich habe sie nicht begraben.«

Er verbarg sein Gesicht in beiden Händen. Der Präfect bot ihm mit herzlichen Worten allen Beistand an, den der Fremde einem Trauernden leisten könne. Theodor wies ihn zurück: »Das Einzige, warum ich Sie bitte, ist, die trüben Aussichten bis zu meinem nahenden Ende nicht noch trüber zu machen. Seit 1809, wo unter Schill die letzten Deutschen dem Feinde widerstanden, weiß ich nichts von dem Continent; ich weiß nicht, wie das Elend in meinem Vaterlande mag gewüthet haben. Um die eine einzige Gunst flehe ich Sie an, verlassen Sie den Unglücklichen, ohne die Last, die er trägt, durch Aufzählung der neuen Unglücksfälle seines Vaterlandes zu erschweren. Ich will nichts, auch nichts, was den Anschein der Freude hat, wissen.«

Aber Sie sollen es hören, junger Mann, hub der Greis heftig an, indem er Theodors Hand fast unwillig fahren ließ. Weil Sie noch jung sind, weil Sie noch nicht Ihre Kräfte begraben sollen, weil Niemanden der Schöpfer das Recht gab in süßer Wehmuth seinem krankhaften Schmerze nachzuhängen, als wäre er zu gut für die Welt: darum will ich Sie aufwecken aus ihrem Schlafe. Nie die Posaune des jüngsten Gerichtes soll meine Kunde in Ihr Ohr schallen, bis Sie erschreckt auf Ihre Knie fallen, und den Aberwitz bereuen, der Sie Ihr Vaterland verlassen hieß, weil einige Tollköpfe es für verloren erklärt.

»Vater!« fiel Agnes bittend ein: »Wer deshalb Strafe verdient, hat sie überreichlich erduldet, wenn er, wie dein Lebensretter, lange Jahre hoffnungslos hier schmachtete.«

Weil er mein Leben gerettet, will ich auch seines aus der Schwachheit und Starrsucht retten. Das Vaterland hat den Dünkel und Aberwitz der Wenigen vergessen, die sich unberufen zu seinen Paladinen aufwarfen. Das Vaterland ist nach langen Jahren der Schmach auferstanden. Es hat gesiegt, glorreich gesiegt. Die Schrecken langer Jahre sind verschwunden, die furchtbaren Namen sind verklungen, und von jener Zeit ist nicht mehr als die Erinnerung eines Traumes übrig geblieben.

Mit wenigen kräftigen Worten erzählte der eifernde Greis die gewichtigen Begebenheiten fast zweier Lustren, und schloß mit der Nachricht: »Der gefürchtete Held und Eroberer, das Schrecken der Völker, der Unüberwindliche liegt gefesselt auf einer Insel in fernen Welttheilen, und das alles haben Sie auf Ihrer Insel – verträumt.«

Wie ein aus langer Dunkelheit plötzlich an's Tageslicht Geführter verblendet die Augen schließt, senkte Theodor den Kopf zu Boden. Fast schienen Geist und Leib zu schwach für Nachrichten, deren zehnter Theil einen Gesunden berauschen konnte. Er wiederholte sie für sich, ohne den Zusammenhang halten zu können, und brachte endlich sein Selbstgeständniß zögernd hervor: »Ja, ich habe geschlafen, fast zehn lange Jahre geschlafen – und wie kurz ist das Menschenleben? Lust und Schmerz sind so unbeständig wie wir, und weil uns die Kunst fehlt, ihren Wechsel wie die ewigen Bahnen der Gestirne voraus zu berechnen, verzweifeln wir!«

Der Präfect wollte mit einer heftigen Bemerkung das entschuldigende Raisonnement des Unglücklichen unterbrechen, als Agnes mit stummer Gebärdensprache dringend bat, ihn zu schonen. Indessen waren, von des Präfecten Diener herbeigerufen, einige Bauern gekommen, um die Leiche fortzutragen. Theodor hatte noch immer in sich versunken dagestanden, bis man sie aufnahm. »Halt!« rief er plötzlich: »Wohin wollt Ihr sie bringen? – Sagte sie nicht, sie wolle hier bei meinem Weibe ruhen? Tragt sie nicht fort, es ist Raum genug für einen ganzen Kirchhof, und Unglückliche gehören zusammen. – Ich kenne sie jetzt recht wohl. – Es ist seine Braut. Damals sah sie schöner aus; aber sie ist glücklich, daß sie starb, ohne zu wissen, was besser verschwiegen bleibt.«

Es wurde verabredet, die Leiche in die Hütte des Einsiedlers zu tragen, bis das Grab bereitet sey. Theodor mußte indessen Vater und Tochter in das nächste Gehöft begleiten. Ausbrüche des Schmerzes und der Freude wechselten. Wie Einer, der lange des Vergnügens einer geselligen Unterhaltung entbehren müssen, der Zunge freien Lauf läßt ohne Ordnung der besprochenen Gegenstände, klagte er sein Leid und erzählte untermischt die geringfügigsten Umstände seiner Wirthschaft, bis die Neugier mächtiger werdend das alte Gelübde und den Faden seiner Erzählung ihn vergessen ließ und zu Fragen über Fragen trieb, ohne daß er auf deren Beantwortung Acht gegeben hätte. Es gab keinen Gegenstand der Geschichte, des öffentlichen Lebens und der Privatverhältnisse, wo er nicht einige Fragen aufgeworfen, und Agnes Vater benutzte die Antworten, um so viel er Rede stehen konnte, die Lebensgeister und den Muth des Unglücklichen anzufeuern.

Die Beschäftigungen und Aemter des Lebens wechseln nach einem alten Herkommen unter den Hofbesitzern der kleinen Insel. Das Amt des Predigers, vornämlich im Vorlesen von Abschnitten aus der Bibel und einzelnen Erbauungsschriften bestehend, war in dieser Woche an einem Greise, demselben, welcher Theodor einst so freundlich die Dienste der jungen Burschen angeboten. »Ich habe es dem jungen Herrn oft vorgestellt,« sagte er zum Präfecten, als dieser alle Anordnungen wegen des Begräbnisses mit ihm getroffen: »daß für ihn das stille Leben bei uns nicht paßte, aber was konnte ich ungelehrter Mann gegen seine Gründe einwenden? Und mit tiefem Schmerz mußten wir es ansehen, wie es Jahr für Jahr mit ihm abnahm und alle Kraft ausging. Zuletzt that er, was man ihm sagte, aber das that unser einem noch mehr wehe.«

Am Abende desselben Tages fand das Begräbniß statt. Theodor hatte es angeordnet, daß der Leichnam mit der untergehenden Sonne zugleich in die Grube gesenkt wurde. Lange herrschte eine feierliche Stille, nicht einmal durch Thränen unterbrochen. Selbst die Natur schien den Augenblick mit zu heiligen. Es rauschte kein Lüftchen, das Meer, so weit man es von dem hohen Standpunkte übersehen konnte, lag fast wellenlos im Abendrothe da, und nur einzelne Lerchen kreis'ten in den fernsten Lüften. Der Prediger sprach ein kurzes Gebet, und dann schaufelten sie das Grab zu und belegten den Hügel mit dem herbeigebrachten Rasen.

Auf dem stillen Heimwege mußte Theodor Agnes berichten, was er von Julius Schicksalen in Erfahrung gebracht. Er that es mit Schonung. An den Gehöften angelangt, wollte er von den Glücklichen, wie er sie nannte, Abschied nehmen, um in seine verlassene Hütte zurückzukehren, aber Agnes Vater ließ es nicht zu: »Sie dürfen nicht in das Haus des Todes zurück, Sie müssen uns, wir Ihnen Kraft geben, das Bittere, was uns Alle traf, zu ertragen. Es soll, es kann kein Mensch allein dastehen; wer hilft, dem wird geholfen, wer tröstet, empfindet Trost.« Es war das erste Mal seit seiner Ankunft auf der Insel, daß Theodor in den Gehöften eine Nacht zubrachte.

Am frühen Morgen weckte ihn der Präfect und nahm ihn mit sich an das Meeresufer. Die Sonne stieg aus der Fluth empor. Feurig drückte er Theodors Hand, und foderte von ihm das Versprechen, dem Leben wieder anzugehören: »Ich selbst bin ein Greis, dem Grabe nahe, aber noch denke ich zu leben, viel zu sehen, Theil an Allem zu nehmen, und vielleicht noch zu wirken.« Das frühere Gelübde verschwand in seiner Nichtigkeit, Theodor drückte gelobend dem Greise die Hand, und der Greis versprach, als Vater ihm zur Seite zu seyn. Nur eine Woche noch auf der Insel zu bleiben, mußte er ihm nachlassen, und Theodor sah vom Uferrande den Kahn mit den würdigen Freunden nach dem Lande fahren. Er kehrte zu seinem Grabe, zu seinem Schmerze zurück, um beiden in der Einsamkeit für immer Lebewohl zu sagen.

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