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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Sechszehntes Kapitel.

Als er in die große Halle zurücktrat, beleuchtete die erlöschende Fackel nur noch spärlich die gestörte Scene. Jammernd und betend lag das Mädchen am Boden und machte fruchtlose Anstrengungen, ihre Hände aus den Banden loszureißen. Noch heftiger fuhr sie zusammen, als Theodor eintrat, und es kostete ihm alle Mühe sie zu überreden, daß er kein Geist sey, vielmehr ihr Retter, welcher den Gaukler verscheucht habe. Sie schien nur einzelne Worte seines, ihr fremden, Hochdeutsch zu verstehen, und erst als er ihre Bande zerschnitten, und nun, die Fackel wieder anfachend, vor sie hintrat, las das Mädchen aus seinem freundlichen Auge Trost. Eine Weile sah sie ihn an, und stürzte dann im Uebermaß der Freude und des Dankgefühls ihm zu Füßen. Von ihren Worten verstand auch er nur wenige; diese wenigen und ihre lebhaften Gebärden deuteten aber ihren Wunsch an, daß er mit ihr fliehen, und sie aus den Händen des alten Geizhalses erretten möge.

Mit der Fackel trat er jetzt zu diesem, um auch ihn aus seinen Banden zu erlösen. Der Greis war, übermannt von dem Schrecken bei der letzten Erscheinung, an dem Pfeiler niedergesunken. Theodor schnitt den Riemen entzwei, ohne ihn deshalb zu befreien. Die schwache, nur von der Geldgier noch angefachte Lebensflamme, war aus dem Körper entflohen, und das fleischlose Knochengerippe sank regungslos auf den Boden. Theodor fühlte in diesem Augenblicke mehr Entsetzen, als während der furchtbarsten Beschwörungs-Ceremonien. Der Greis, der, über den Rand des Grabes hinaus, von nichts Schönem und Edlem, was das Leben uns bietet, nur von einer freude- und genußlosen Sucht nach halbem Besitze daran festgehalten wurde, war im Tode ein fürchterlicher Anblick. Er konnte es nicht länger ertragen, die großen Augen offen zu sehen, die glanzlos noch immer mit unstäter Gier umherzusuchen schienen, und wandte sich um, nachdem er sie schnell zugedrückt hatte.

Auch auf das Mädchen schien nur der Schreck, nicht die Betrübniß um den Tod eines Verwandten, Eindruck zu machen. Sie wußte kaum anzugeben, wie sie mit ihm verwandt sey, und erzählte, daß ihr Großvater sie auf dem Sterbebette dem alten Triglaff, als seinem einzigen Verwandten, vermacht habe, daß ihr Großvater, obgleich über achtzig Jahr, ein viel jüngerer Mann als der eben Gestorbene gewesen, und sie diesem als Magd dienen müssen, wo es ihr sehr übel gegangen. Doch habe er ihr zuweilen gesagt, daß sie, da alle seine Blutsfreunde ausgestorben, dereinst sein Gut erben werde. Sie versicherte mehrere Mal, keine Schwestern, keine Brüder, Niemand zu haben, der sie anginge, und schmiegte sich dabei weinend an Theodors Brust, daß er die Sprache der Natur nicht verkennen konnte. Als er sie küßte, was sie ohne Sträuben zuließ, fragte sie ihn treuherzig: ob er bei ihr bleiben und das Gut bewirthschaften wolle? Er wußte nicht, daß eine Sitte auf Mönchgut den Erbinnen der meisten Höfe seit uralter Zeit vergönnt, sich selbst den Ehegefährten wählend, ihre Hand den jungen Burschen anzutragen. Er hielt es rein für den Ausdruck übermächtiger Gefühle, der ihm um so natürlicher und lieber vorkam, als er selbst allen Verhältnissen des Lebens den Krieg erklärt hatte.

»Wenn Du mein willst werden, armes Mädchen,« sagte er sie an sein Herz schließend: »so mußt Du mit mir fliehen – weit in die weite Welt; ich bin ein Flüchtling, aus seinem Vaterland verstoßen. Die Feinde sind auf meiner Spur, und der schmähliche Tod ist, wenn sie mich finden, mein Loos.«

Davon verstand sie zwar wenig oder nichts, als er ihr aber deutlich machte, daß die Franzosen ihn verfolgten, und es ihm an's Leben gehe, wenn sie ihn einholten., daß er noch heute aus der Insel fort müsse, sprach sich ihre Sorge für ihn so lebendig aus, wie es der Verlassene lange entbehrt hatte. Sie sprach, drückte ihm die Hand, deutete auf's Meer, und gab ihm zu verstehen, daß sie selbst ihn fortschaffen wolle. Sie flog darauf mit unglaublicher Behendigkeit in die Kammer, kam in ihrem Sonntagsanzuge wieder, und brachte für Theodor, ihn vor der nächtlichen Kälte auf dem Meere zu schützen, mehrere Decken mit. Darauf holte sie Lebensmittel, füllte Theodors Kober, und lud sich selbst einen schweren Korb voll. Entzückt sah der Flüchtling ihrem emsigen Treiben zu, und als sie wieder neben ihm stand, stumm mit den Blicken ihn fragend: was er befehle, schloß er sie noch einmal mit unendlicher Inbrunst in seine Arme.

»Du reines, herrliches Kind der Natur, jedem ihrer Winke folgend: Dich der Welt rauben, wäre ein Frevel. Aber ich muß es, der Himmel selbst weis't Dich mir zur Gefährtin auf meiner Eremitenbahn. – Kind; willst Du mit mir fliehen, willst Du mich begleiten weit weg, und es für immer aufgeben dein Vaterland wiederzusehen?«

Halb hatte sie ihn begriffen; als er ihr durch Zeichen den Sinn seiner Rede völlig klar machte, versicherte sie, wohin er wolle, ihm zu folgen. Schon waren Beide im Begriff aus der Hütte herauszutreten, als das Mädchen sich umkehrte, und ihren Begleiter auf die ausgegrabenen Geldtöpfe aufmerksam machte. »Willst Du das nicht mitnehmen,« sagte sie in ihrer Sprache: »es ist ja alles mein.« Theodor stand einen Augenblick an. Es kam ihm unredlich vor, von diesem Gelde Gebrauch zu machen. Bald schwand indessen die Bedenklichkeit, da es seine heiligste Pflicht war, für ein Mädchen zu sorgen, das sich ihm so willig überließ, seine eigene Baarschaft aber kaum ihn in ferne Lande tragen konnte. Er band den nicht unbeträchtlichen Schatz zusammen, aber der Todte starrte ihn noch an, als er sich der Schwelle näherte. Das Mädchen las aus seinen Augen, was ihn zaudern machte.

»Sie werden ihn schon begraben,« sagte sie: »Das thun die Aeltesten im Dorf«. – Der Hahn hat schon gekräht, – wenn die Franzosen kommen –!«

Verleihe Dir Gott denn Ruhe dort oben und vergebe deinem Mörder! – Damit trat er, am Arm des Mädchens, aus der unheimlichen Hütte. Gertrud, so war ihr Name, machte sich aber noch einmal von ihm los, und schloß die von ihm offen gelassene Thüre fest zu, sie begnügte sich nicht damit, sondern setzte noch mit großer Anstrengung einen Balken dagegen. Auf seine Frage weshalb? antwortete sie: »Damit er uns nicht nach kann; denn der alte Urgroßvater liegt gewiß nicht still, er konnt' es ja nie im Leben, und nun laufen wir ihm noch mit dem Gelde fort. Sieh Dich ja nicht um, denn hinter mir raschelt es im Laub.« Theodor hatte über die Einfalt des Mädchens nicht lächeln können, und wäre er auch unter sorgenloseren Verhältnissen durch die öde Nacht gegangen. Es lag so viel Natur in ihrer Vorstellung. Haftete je eines Menschen Geist unnatürlich fest an der Erde, so war es der des Alten. Wie sollte dieser Geist nun, der schon längst über den Leib hinausgelebt hatte, plötzlich durch das zufällige Hinsterben der letzten Körperkraft von dem Gegenstande weichen, in dem er fast seit einem Jahrhunderte nur gelebt hatte?

Er sah sich nicht um, und wenn das Strauchwerk, durch welches sie sich Weg gebahnt, hinter ihnen zusammenschlug, und der Wind in den noch wenig belaubten Eichenästen rauschte, konnte der muthige Mann sich eines Schauders nicht erwehren. Indessen erreichte er unter der geschickten Leitung seiner landeskundigen Führerin bald das Meeresgestade. Der Sturm hatte sich etwas gelegt. Noch unruhig zwar, war doch die weite blaue Meeresfläche ein herzstärkender Anblick für den durch so wunderbar peinliche Auftritte Geängstigten. Gertrud war mit unglaublicher Behendigkeit vor seinen Augen den steilen Uferrand hinabgestiegen; er vermochte nur mit Mühe, obgleich weniger belastet, ihr zu folgen. Lächelnd kehrte sie sogar einige Schritte wieder zurück, und half ihm hinunter.

Am Meeresrande stand ein kleiner Segelkahn; Ruder und was zum Fahren gehört, fand sich darin. Es wurde ihm nicht unwahrscheinlich, daß sein unseliger Freund, der, nach des Mädchens Aussage, als die Dänischen Kaper zwei Schiffe mit Schills Anhängern genommen, zu dem Alten heimlich geflüchtet war, diesen Kahn zu seiner eigenen Flucht mit dem Gelde, vermuthlich auch mit der geraubten Dirne, vorbereitet habe. Erst als Beide den von dem steinigen Gestade losgerückten Kahn bestiegen hatten, fragte er die Begleiterin: »Gertrud, kannst Du auch den Kahn auf der bewegten See regieren?« – Ich müßte ja nicht in Mönchgut geboren und mit dem Großvater oft zur See gegangen seyn, antwortete sie mit Lächeln das Segel aufziehend: Aber wohin soll es denn gehen?

Daran hatte Theodor selbst noch nicht gedacht. Er sah hinaus auf das weite Meer, und sein Auge traf auf einen weißen Felsenwall, der, von dem eben freigewordenen Monde beschienen, majestätisch aus der dunkelblauen Fluth hervorragte. »Sind das Klippen?« fragte er. – Nein, es ist eine ganze Insel. – »Wie heißt sie? Wer wohnt da?« – Es wohnen nur ein Paar Bauern darauf, es ist die Greifswaldische Oie.

Theodor erinnerte sich der Insel, die er vor wenigen Tagen von den Hünengräbern aus gesehen. Er vermuthete sie aber nicht so nahe liegend. »Steure dahin, liebes Mädchen, da wollen wir ruhen, und dann bedenken, wohin weiter.«

Sie lächelte ihn an: Du glaubst wol es ist so nahe? Wenn auch der Wind gut geht, kommen wir doch erst nach Sonnenaufgang an. Aber vor den Franzosen bist Du da sicher.

»Wie so, Mädchen?« fragte er begierig.

Da traut sich keiner hin. Die Englischmänner legen oft an; und mit diesen nehmen es die Franzosen nicht auf. Es kommt auch von uns selten einer auf die Oie.

»Dorthin, dorthin, liebes Mädchen!« rief er froh aus, und Gertrud faßte das Steuer und zog die Segelstange. Der Wind blies günstig. Der Kahn durchschnitt die noch hohen Wellen, und bald waren sie auf offener See. Der Mond strahlte immer heller, und ihnen das Eiland entgegen. Theodor erhob sich von seinem Sitze, und an den Mast gelehnt, rief er aus:

»Willkommen, glänzendes Eiland! Von allen Banden der trüben, hoffnungslosen Wirklichkeit löset mich der Himmel, um mir Alles, was ich wünschte, im Reiche seliger Abgeschiedenheit zu schenken. Ein Mädchen, das, mich liebend, die Welt verläßt, ein stilles Fleckchen, wo ich mein Leben in der Vergessenheit alles dessen, was es einst aufregte, leidenschaftslos verbringe, und, – ein Grab dereinst dem friedlichen Wanderer; – ihr Thoren dahinten, beneidet mein Glück.«

Da faßte ihn aber von hinten eine starke Hand an der Schulter und zog ihn nieder: »Herunter, und setz' Dich auf den Boden, denn Du thust ja doch nichts am Mast, und hinderst mich nur, daß ich nicht geradeaus sehen kann. Der Wind geht viel stärker und wir müssen Obacht haben.«

Schon vor Sonnenaufgang hatte sich der Hausirer aus dem Belte und der noch dunkeln Stube fortgeschlichen, und auf den Weg nach Putbus gemacht. Nachdem er kaum eine Stunde gegangen, fand er bereits den Zweck seiner Wanderung erfüllt. Ein Trupp Französischer Soldaten kam ihm entgegen, bestimmt zur Besetzung der Halbinsel Mönchgut, und unter ihrer Escorte ein höherer Beamter, welcher die natürlichen Häfen der Insel besichtigen und mit den Befehlshabern der Dänischen Schiffe wegen der gefangenen Ausreißer des Schillschen Corps Rücksprache nehmen sollte. Ehrerbietig zog der Hausirer die Mütze ab, und berichtete in aller Kürze, daß in der Dorfschenke ein Flüchtling übernachte, den er für einen dem Herrn Commissair sehr wohlbekannten Officier des ehemaligen Freicorps halte.

Ein wildes Feuer sprühte aus den Augen des Beamten. »Spitzberg,« sagte er: »wenn Du Wahrheit berichtest und dieser Mensch gefangen wird, kannst Du auf meine Dankbarkeit rechnen. Es ist doch der Julius von ***?«

Die Namen beim Corps, Herr – Dupré, habe ich nie behalten können; aber es war der junge Officier, auf den Sie immer Ihr besonderes Augenmerk hatten. Er sah Sie oft ziemlich scheel an, und wies Ihnen häufig den Rücken recht offenkundig.

»Er ist es, – er mußte unter den Elenden seyn, welche die Dänen fingen, und doch wurde er nicht ausgeliefert. Es trifft zusammen. Schaff' ihn mir – den Todfeind,« murmelte er leiser – »und ich will kein Geld sparen.«

Man besetzte mit aller Eil und Vorsicht das Dorf und umzingelte die Schenke. Die Soldaten drangen mit dem Bajonet in die obere Schlafstube. Noch lagen der Schleifer und die anderen Gäste im festen Morgenschlafe, das Bette des Geächteten aber stand leer. Dupré überließ sich den Ausbrüchen einer Wuth, wie sie der Hausirer an dem Manne, der so ganz Herr seiner selbst war, nie bemerkt hatte. Man entdeckte das offene Fenster, seine Fußtapfen in den Beeten des Gartens, und dem erfindungsreichen Handelsmann gelang es bald seiner fernern Spur zu folgen.

Die Thür der Hütte des Greises wurde erbrochen, und man fand dessen Leichnam auf dem hier und dort aufgewühlten Boden. Die Knochen und anderen Präparate verriethen deutlich, was vorgegangen war, und die Nachbarn kreuzten sich, als sie die einzige Hausgenossin des Alten vermißten. »Er hat sie dem Leibhaftigen geopfert,« raunte man sich in's Ohr. Oder, sagte der Hausirer: sie ist mit dem Gaukler davon gelaufen. – »Wohin?« rief Dupré aus, dem der Zusammenhang im Augenblicke klar geworden. – Auf der Insel wird er nicht geblieben seyn, meinte der spürende Agent: drum laßt uns nach den Kähnen sehen.

Am Gestade vermißte man das größte der Böte. »Wohin können sie in der stürmischen Nacht entflohen seyn, auf einem offenen Boote?« fragte Dupré, unwillig die Meeresfläche musternd. Der Wind ging Nordwest, antwortete man: sie können daher nur nach der Oie oder in's offene Verderben gesegelt seyn. Dupré stampfte auf den Boden, und befahl, die beiden übrigen Kähne in Stand zu setzen, um sogleich ein Detaschement überzufahren. Man erwiederte ihm: die Oie bilde häufig einen Stapelplatz für Englische Fregatten, noch nie habe sich ein Franzose hinüber gewagt, das Meer sey gefährlich dazwischen. Er hörte kaum auf den Einwand, dessen Grund ihm der Augenschein lehrte: der Wind hatte sich so total gewendet, daß er fast im Südost von der Insel herwehte.

Als er, um sich zu überzeugen, auf das äußerste Vorgebirge trat, glaubte er etwas Schwarzes, von den Wellen getragen, zu erblicken, das der Wind gerade auf die Küste zutrieb. Es war ein umgeworfener Kahn. Die Bauern am untern Strande fingen ihn auf, und erklärten ihn für den aus ihrer Bucht gezogenen. Man äußerte die Vermuthung, daß der am Morgen mit erneuter Stärke ausgebrochene Sturm die Fliehenden in offener See ereilt und den Kahn umgeworfen habe. Sonst fand sich nichts, was diese Vermuthung hätte bestärken oder entkräften können. Dupré sah lange mit starrem Blick in die Wellen, und stieß dann für sich tonlos die Worte aus:

»In dem Elemente sollte er also sein Grab finden! Ich hoffte von ganzem Herzen, mit dem Thoren noch einmal, ehe wir Beide schieden, zusammenzutreffen. Ich hätte dann anders mit ihm gesprochen, diesem einen einzigen, den ich auf dieser erbärmlichen Erde meines ganzen Hasses werth hielt.«

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