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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Vierzehntes Kapitel.

Unter allen, Deutsche Lande bewohnenden Stämmen, hat keiner so die alten Sitten unverändert bis auf den heutigen Tag beibehalten, als die Einwohner der Halbinsel Mönchgut. Ihr buchtenreiches Land, durch eine schmale sandige Landzunge von Rügen getrennt, scheint bis auf die drei Gebirge dem Meere kaum abgewonnen, so vielfältig von Gräben durchschnitten und Teichen bewässert erscheint es von den Höhen beim Peerd, den Gebirgsrücken des großen und kleinen Zicker, und vom äußersten Tissower Vorgebirge aus übersehen. Schon die Bewohner des alten Reddevis, der ursprüngliche Name des Landes, galten für ein tapferes, in beständiger Feindschaft mit den anderen Rügiern, lebendes Volk. Die offene Feindschaft milderte sich im Verlauf der Jahrhunderte zu einer feindlichen Absonderung. Weder durch Heirathen noch andern geselligen Verkehr, als dem nothdürftigen Handel, mit den Pommern und Rügiern verbunden, sind die Mönchguter in der Sprache, Kleidung, Sitten, dem Bau ihrer Häuser und der Bestellung ihrer Felder um Jahrhunderte zurückgeblieben, und bilden bei allen rein sittlichen sie auszeichnenden Vorzügen ein wunderbares Völkchen gegen ihre Nachbarn. Nichts ist ihnen mehr verhaßt, als das Leben der Städter und der Soldaten; als Fischer und Lootsen sind sie dagegen die echten einzigen Nachkommen der seeräuberischen Rügier, welche das alte Element ihrer Väter nicht ganz vernachlässigt haben. Dieselbe Absonderung macht sie für den Aberglauben jeder Art empfänglich, und die reicheren Besitzer werden ein leichtes Spiel der Hausirer und Gaukler, welche sich die Vorstellungsweise und Sprache der schlichten Dorfbewohner angeeignet haben. Allmählig verschwindet, jemehr die Fremden, der Schönheit des Landes und der Eigenthümlichkeit seiner Bewohner wegen, eindringen, noch mehr aber, weil die jungen Männer als Soldaten die Welt kennen lernen müssen, die eigene Sitte. Die wunderbare und unförmliche Tracht der Weiber ist in der letzten Zeit schon merklich vereinfacht worden, und die Männer hören wol auf Erfahrungssätze begüterter Nachbarn, noch aber hangen die Aelteren – und ihre einfache Lebensart läßt sie ein hohes Alter erreichen – so fest wie vor Jahrhunderten an ihrem Glauben und ihren Sitten.

Vor der Dorfschenke eines der Mönchgutschen Oerter saß eines Abends der Wirth in stattlicher schwarzer Sonntagstracht mit einem Paar gleich gekleideter Landleute und einigen Gästen. Ihr Gespräch betraf die trüben Zeiten, und die Mönchguter hörten mit Kopfschütteln die übertriebenen Berichte eines fremden Hausirers von dem Siege bei Stralsund, von der unüberwindlichen Macht des großen Kaisers, und wie jedermann von achtzehn Jahren in der ganzen Welt Soldat werden solle. Besonders das letzte wollte den Männern nicht in den Sinn; sie verwünschten die Stadtratzen – wie man auf der Halbinsel die Soldaten nennt – und die Jüngeren meinten, sie wollten lieber ihre Kähne besteigen und auf und davonfahren.

»Als ob Euch das was helfen würde, Ihr einfältigen Jungen,« sagte der Handelsmann: »Der große Kaiser, dem die ganze Welt gehört, läßt Euch nachsetzen und aufknüpfen wo es ihm gefällt.«

Kann er das auch in Schweden? fragte ein Bursche.

»Freilich, da hat er einen eigenen König eingesetzt, weil ihm der alte nicht pariren wollte. Und wenn Ihr Euch auch wirklich dort in den Schluchten von dem Ratzennest, der Greifswaldischen Oie, verkröcht.« –

Da ist noch kein Franzose hingekommen, sagte der Wirth.

»Thut nichts, Gevatter, weil er zu den drei Bauern nicht mag, wo eine Feldmaus verhungern muß. – Ich sage, wenn Ihr Euch auch dort verkröcht, wie die Seemöven, es hülfe Euch nichts, denn indessen decken die Commissarien die Häuser eurer Eltern ab, daß Hagel und Schnee in die Stube fließt, und vorn an wird ein Schild gehängt, und darauf geschrieben: »Hier wohnt ein Verräther!« Das heißt so viel, als Einer hat ein Majestätsverbrechen begangen, was sehr viel ist, und jeder kann dem Menschen fortnehmen was er will, und ihn schlagen, alles so lange, bis der entlaufene Sohn wiederkommt und sich conscribiren läßt.«

Aber die Englischmänner, sagte der Wirth,: als die hier auf Rügen lagerten, und die ganze Admiralitätsflotte beim Peerd versammelt stand, die sagten immer – und es waren reiche Leute – ihnen könnte der große Kaiser Napoleon nichts anhaben, weil er keine Kriegsschiffe hätte, und keine Matrosen, und in England Geld vollauf wäre ihn zu bekriegen.

»Dumme Menschen,« fiel der Hausirer ein: »Das gab ihnen die pure Furcht ein. Als ob solch ein Kaiser, wie der Napoleon, der sechs Regimenter Mamelucken hat – das sind schwarze Neger, alle zu Pferde, die Menschen fressen, und gegen Schuß und Hieb fest sind – als ob der eine Handvoll Wasserratzen zu fürchten brauchte? Die Mamelucken lehren jetzt ihre Pferde, die alle aus dem volhynischen Arabien sind, schwimmen, und wenn der Kaiser pfeift – sie nehmen nämlich keine andere Befehle an, als aus des Kaisers eigenem Munde mit einer kleinen silbernen Pfeife – wenn er dreimal darauf pfeift, so setzen alle sechs Regimenter schwadronenweis in's Meer, schwimmen hinüber, und hauen in England ein, und ich möchte dann kein Engländer seyn, und wenn sie ihnen auch ihre beiden Regimenter, die dort aber Parlamenter heißen, entgegenstellen.«

Als der Hausirer das Staunen der Landleute über seinen wunderbaren Bericht bemerkte, fuhr er nach einer kleinen Pause fort: »Aber erst will der Kaiser, der immer Ihro Kaiserliche Majestät titulirt wird, von den anderen Souverainen aber Sir, was so viel heißt, als: ›Aller Durchlauchtigster‹ – erst will er den Weg der Güte versuchen, und deshalb die Engländer aushungern lassen, was man das Continentalsystem nennt.«

Aber, wie kann er denn das machen, da die Englischmänner so reich sind, und uns selbst so viel zuführen?

»Das versteht Ihr nicht, weil Ihr nicht auf Schulen gewesen seyd. Erinnert Ihr Euch nicht, daß die Englischen Capitaine, als sie hier vor Anker lagen, alle Böte an's Land schickten mit leeren Tonnen, um Trinkwasser zu holen? – Seht, das bedeutet, daß sie in ganz England kein Trinkwasser haben, weil England bloß aus Steinkohlen besteht. Daher bauen sie auch dort kein Getreide, sondern kaufen es in Portugal und Spanien. Beides nun, weil die Engländer es nicht im Lande haben, heißt Colonialwaare, und deshalb hat der große Kaiser Napoleon Portugal und Spanien unterjocht, um ihnen das Getreide abzuschneiden, die Küsten von Hamburg bis Memel aber läßt er besetzen, damit sie kein Trinkwasser holen, worin ihr größter Handel besteht.«

Während dessen hinkte keuchend ein hochbejahrter Mann heran, dessen seltsame Erscheinung bei Allen, die ihn noch nicht gesehen, die höchste Verwunderung erregte. Mehr als neunzig Jahre schienen seinen Rücken gebeugt und in seine Hände die hohe unförmliche Krücke gegeben zu haben, auf die er sich bei jedem Schritte stützte. Unregelmäßig sproßte der weiße Bart auf seinem von grauen Runzeln zerschnittenen Gesichte, aber aus den rothen, triefenden Augen strahlte ein Feuer, das gesparte Jugendkraft und ein irres, wahnsinniges Streben verrieth. Sein Anzug, obgleich entsprungen aus dem gewöhnlichen der Mönchguter, verlieh der Erscheinung den höchsten Anstrich des Wunderbaren. Auf dem Kopfe trug er eine dunkle, melonenartig gefurchte Spitzmütze, und sein kurzes braun und roth gestreiftes Wamms schmiegte sich knapp an den eingefallenen Körper. Darunter trug er die gewöhnlichen bis an's Knie reichenden grau leinwandenen Schifferhosen, aber so weit, daß drei wohlbeleibte Männer sich in jedem Schenkel einhüllen konnten. Die vom Knie an nackten Beine waren nur um die Füße bis zur Hälfte der Waden mit dunkelen Lappen unförmlich dick umwunden, und die ganze Gestalt starrte vom Schmutz des Alters und der Unreinlichkeit.

Hinter ihm ging ein zartes Mädchen, kaum siebzehn Jahr alt, von einer Schönheit und einem schlanken Wuchse, der selbst ihre unförmliche Tracht überwand. Unbefangen und ihrer Reize sich nicht bewußt, schritt sie mit einem silbern beschlagenen großen Gesangbuche dem Alten nach, und blieb stehen, wo er stehen blieb, ohne vor den Blicken der Männer, die sich an ihrer Gestalt weideten, zu erschrecken.

Der Greis hielt vor der Schenke still, streckte, ohne ein Wort des Grußes, seine hagre Rechte den Leuten auf der Bank entgegen und murmelte: »Ein alter Mann, eine kleine Gabe.« Der Hausirer sagte: »Ei Vater, wer solche Begleiterin hat, der braucht nicht zu betteln, wenn er seinen Vortheil versteht.« Der Alte ließ sich aber dadurch nicht abweisen, sondern streckte die zitternde Hand dem Handelsmann so dicht entgegen, daß diesem zu grauen anfing, und er ihm einen Schilling gab. Er besah ihn sich, steckte ihn in die Tasche, und hielt noch einmal dem Manne die Hand entgegen: »Schenk mir einen Vierling, einen Vierling.«

Verwundert über die Dreistigkeit des Bettlers fragte der Mann, wer er denn sey, worauf der Wirth lächelnd erwiederte: »Kennt Ihr denn nicht den alten Triglaff. Es ist der älteste und reichste Mann in Mönchgut, er hat aber nie genug. – Schämst Du Dich denn nicht, alter Nimmersatt, jeden Fremden anzubetteln? Wie viel Stieg hast Du wieder voll gemacht?«

Der Greis ließ sich aber dadurch nicht abschrecken, er hielt murmelnd die zitternde Hand dem Hausirer entgegen, und packte ihn endlich so fest, daß dieser, wie von einem eisigen Druck durchschüttelt, zurückfuhr, und schon Willens war, so ungern es geschah, ein neues Geldstück hervorzulangen, als der Wirth ihm davon abrieth: »Gebt ihm doch keinen Pfennig mehr, er nimmt viele hundert Thaler des Jahres ein und giebt keinen Groschen aus. Alles schöne blanke Geld vergräbt er, das cirkuliren könnte. Sprich, Hans, wie viel tausend Thaler liegen unter der Erde.«

Der böse Geist, murmelte der Alte: hat sie so tief gesenkt, – ich kann sie nicht finden.

»Hast Du denn noch keinen Zauberbanner gefunden, der sie Dir wieder hebt.«

Sie liegen schon so tief – wir können nicht mehr herunter, – ich bin ein alter Mann.

»Aber die Leute sagen, es wohnte jetzt einer bei Dir, im Erkerstübchen, – der fremde Mann, seit ein Paar Tagen.«

Sichtlich verkündete der Blick des Greises eine entsetzliche Angst bei diesen Worten. Er starrte den Wirth an, schüttelte den Kopf, und streckte von neuem die Hand verlangend aus. Die Dirne aber klopfte ihm von hinten auf die Schulter und mahnte zum Fortgehen: »Alter Vater, die Sonne geht unter. Du mußt noch lange gehen bis wir nach Hause kommen, und Du sagtest in der Kirche nach dem Abendmahl, wir müßten vor dem Abend da seyn.« Dies befreite den Hausirer, der Alte besann sich, stützte sich auf das Mädchen, und wankte ohne Abschiedsgruß mit ihr von dannen. Wohlgefällig sah ihr der Hausirer nach, und rief aus: »Wenn der Alte noch gescheut wäre, verließe er Euer Ratzennest, und könnte sein ehrliches erwerben mit dem schmucken, frischen Mädel.«

Die ist so ehrbar wie eine, entgegnete der Wirth.

»Laß nur die Franzosen kommen, Gevatter. Gehört denn das Kind dem grauen Filz zu, oder hat er selbst noch Lust an ihr?«

Behüte, der alte Nimmersatt hat nur Lust am Gelde. Es ist die einzige Verwandte, die er noch auf der Welt hat; ich glaube seines Bruders Enkelin, und dermaleinst seine alleinige Erbin, wenn nicht der Alte auch die noch überlebt, oder sie verhungern läßt, oder sie dem bösen Feind übergiebt um seiner Schätze willen.

»Also er hat wirklich Schätze?« – fiel der Handelsmann mit gierigen Blicken ein.

Mein Gott, kennt Ihr denn nicht den Alten, da Ihr doch viele Jahre hier wart? – Freilich, ich erinnere mich, das Jahr, wo Ihr Euren ganzen Kram hier absetztet, lag er krank danieder. Daß er nicht aufstehen konnte, wie er sonst jede Nacht that, um nach seinen Schätzen zu sehen, machte ihn noch immer kränker. Ihr müßt nämlich wissen, daß er jedesmal, wenn er zwanzig Thaler, oder einen Stieg, gesammelt – denn weiter kann er nicht zählen – das Geld in einen Topf thut, und es vergräbt. Er hatte nun schon so viel Töpfe vergraben, daß er es selbst nicht mehr wußte. Als er sich aber erholte, und in der ersten Nacht nachgrub, waren alle Töpfe verschwunden. Es mag wol einer seiner Verwandten sich das Geld geholt haben; er aber glaubt steif und fest, der Erdgeist hätte sie versenkt, und seitdem gräbt er und läßt graben von allen Geisterbannern, die er auftreiben kann, meint aber, die Töpfe sänken mit jedem Jahre tiefer hinab.

»Also dann hat er kein Geld mehr?« fragte der Hausirer.

Doch – manches mag er wol behalten haben; auch hat er seitdem zusammengebettelt und gespart.

Der Handelsmann verfiel in Nachdenken, als der Wirth ausrief: »Seht, da begegnet er einem Fremden am Kreuzweg. Es scheint ein armer Mensch zu seyn, er sieht so verwildert und blaß aus, der Filz spricht ihn aber doch an.«

Die Armuth ist nicht groß, bemerkte nach einer Weile der Andere: denn der alte Mann sprach ihn nicht zum zweiten Male an, sondern ging zufrieden nach der ersten Gabe davon.

»Sieh auch mal!« sagte ein junger Bursch: »wie er stehen bleibt und der Dirne so lange nachsieht, jetzt kommt er erst hieher.«

Der besprochene Wanderer trat langsam zu den Versammelten. In einem grauen mantelartigen Oberrocke, einer grünen Mütze, welcher die Borte abgetrennt war, zerrissenen Stiefeln, und dem mit einem Strick um den Rücken gehangenen Kober wäre er, zumal da auch sein Gesicht bei dem vorgeschossenen Barte wenig für ihn sprach, einem Hotelwirthe kein eben willkommener Gast gewesen. Freundlich wurde er jedoch von dem der gastlichen Schenke aufgenommen, als er sich für einen Boten ausgab, der, von Wyk auf Wittow nach Anklam bestimmt, hier in Mönchgut Gelegenheit zum Ueberschiffen suche. Daß er einen kostspieligern und ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, fand leicht Entschuldigung, weil jeder Bürger in diesen unruhigen Zeiten gern die gewöhnlichen Ueberfahrten, wo die Soldaten ihr Wesen trieben, vermied. Der Wanderer mußte aber lange einer ordentlichen Kost entbehrt haben, denn er verschlang mit seltener Heißgier die auf sein Dringen eiligst zubereitete Suppe, und sprach mit gleichem Eifer den warmen Speisen und stärkenden Getränken zu. Doch mischte er sich zuweilen in das Gespräch der Anwesenden, und warf die Frage gelegentlich hin, ob fremde Schiffe in der Nähe vor Anker lägen? Als er erfuhr, daß es nur einige Dänische Kaper seyen, die eingefangene Flüchtlinge des Schillschen Corps zurückgebracht hätten, schwieg er davon, und erkundigte sich nur nach dem Preise für die Ueberfahrt nach Mönchgut. Auch hier wurde ihm wenig Tröstliches geboten, indem die Eingebornen meinten, beim Sturme, und da die See unruhig gehe, würde sich schwerlich ein Fischer zu der gefährlichen Fahrt entschließen. Sobald er gegessen, verlangte er nach einem Bette, weil er sehr müde sey, und wurde sogleich vom Wirthe in ein geräumiges Zimmer des Bodengeschosses geführt.

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