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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Zwölftes Kapitel.

Es war ein trüber Tag, und an einem solchen muß man über die schmale, einförmige Erdzunge hinauf nach der alten Stätte wandern, um Arkona in seinem eigenthümlichen Charakter zu erblicken. Die meisten Wanderer versäumen es, wenn sie das wunderbare Feenreich, von den hohen, von einer Buchennacht umschatteten Kreidepfeilern der Stubbenkammer herab, angestaunt haben, die düsteren und unbedeutenderen Höhen Arkona's zu besuchen. Der lange Weg, wo dem Wanderer auf dem weißen Sande kein anderes lebendes Wesen als die trägen Schaaren der Seemöwen begegnen, wo er keinen Ton vernimmt, als das monotone Schlagen der grünen Wellen an den flachen Strand, schreckt Viele zurück. Wer aber mit der Erinnerung an die Vorzeit dort auf der Höhe steht, dem verschwinden alle Reize des lieblichen Rügens vor der großartigen Wehmuth, die hier das Gefühl ergreift.

Auf der äußersten Spitze einer nordöstlich auslaufenden Erdzunge der Halbinsel Wittow stand das alte Arkona, die Burg der Wendischen Rügier, den reichen Tempel ihres Gottes Swantewit umschließend. Drei Seiten der Veste wurden vom Meere und den steilen Uferwänden unüberwindlich gemacht, die vierte gegen das Land gekehrte von einem hohen Erdwalle geschirmt. Der Name Arkona war lange verloren gegangen; Gelehrte fanden erst nach der Beschreibung im Saxo Grammaticus die Stelle wieder auf, wo das Heidenthum den letzten verzweiflungsvollen Kampf mit der Vernichtung stritt. Noch steht zum Theil der hohe Wall, noch sieht man den Eingang in das Thor, das 1168 zuerst erstürmt worden. Im Innern glaubt man noch die Stelle zu finden, wo der Tempel gestanden; wenn man aber den schroffen Uferrand umherschreitend, den geringen Umfang des innern Burgraums betrachtet, und dann hinaussieht auf die vom Meere umspülten kreidigen Ufer, auf die Steinmassen, welche durch Sturm und Wogen von oben herabgerissen sind, dann wird es klar, daß innerhalb sechshundert Jahren der größte Theil des Bodens der alten Veste von den Fluthen und Orcanen herabgespült und gerissen worden.

Ermattet kam Theodor hier an. Die Geschichte der Vorzeit des heiligen Ortes war ihm wohlbekannt. Die Erinnerung belebte wieder seine Kräfte. Arkona bildet die nördlichste Spitze des eigentlichen Deutschlands. Er stellte sich an den äußersten Rand, und ließ sein Auge über die graue Fläche zu allen Seiten hinausschweifen. Kein Segel zeigte sich auf dem Meere so weit sein Auge trug, kein Mensch auf den Wällen, kein weidendes Thier, selbst die Möwen, verirrten sich nicht in diese Region. Ja die Wälle und der innere Burgraum schienen noch so geheiligt von ihrer ehemaligen Bestimmung, daß außer dem kurzen Teppichgras nichts dort vegetirte, kein Baum, kein Strauch, und man selbst Distel und Nessel aufsuchen mußte.

Theodor legte sich lang auf den Boden nieder, und sah mit dem Kopfe über den scharf abgeschnittenen Rand hinunter in die Brandung, bis das ewig wiederkehrende Spiel der Wellen ihn ermüdete und schwindlig machte. Mechanisch streckte er die Hand in die Tiefe und fühlte umher an der Lehmwand, wo er bald ein Steinlager entdeckte, welches vermuthlich die Grundlage einer Mauer abgegeben hatte. Neugierig faßte er in eine Vertiefung, und glaubte vielleicht irgend eine alterthümliche Erinnerung zu erbeuten, als er auf einen verkohlten Balken stieß, und ein abgebrochenes Stückchen herauszog.

»Eine Kohle,« sprach er lächelnd: »das ist der letzte Ueberbleibsel der alten Herrlichkeit, die raubgierige Völker und Fürsten Jahrhunderte lang gegen diese Meeresburg lockte. In Gluth und Asche mußte ihr letztes Gut aufgehen, ehe diese kernigen Stämme unseren Vorfahren sich unterwarfen; wir, die Enkel der Sieger, capituliren lieber, ehe der Feind anrückt, um keine Fensterscheibe durch einen Schreckschuß einzubüßen!«

Er schleuderte die Kohle fort: »In's Meer! Es brauset unten, die Welle blickt verlangend herauf, der nächste Herbststurm reißt wol schon die Erde fort, auf der ich mich hinstrecke, und ehe Jahrhunderte vergangen, liegen die Wälle Arkona's im Meeresgrunde, – vergessen, wie jetzt die Namen der Helden, die auf ihnen für Religion, Vaterland, Freiheit, eigene Sprache, – die letzten – stritten und sanken.«

Er schloß die Augen; als er sie wieder aufschlug, glotzte ihn das bäurische Gesicht eines Hirten an, der seine Schafe in den Burgraum getrieben hatte. Furcht und Verwunderung über den bewaffneten Fremdling wurden durch dessen Fragen bald verscheucht, aber die Auskunft, welche Theodor von dem Burschen verlangte, fiel wenig tröstlich für ihn aus. Von Englischen Schiffen, die hier kreuzen sollten, wußte er nichts, versicherte auch, daß es von hier aus keine Gelegenheit gebe, nach Schweden zu entkommen, wogegen er aussagte, daß von Franzosen in der Nähe die Rede sey. Er theilte dem Flüchtling, gegen ein Stück Silbergeld, feinen Käse und ein Stück Brot mit, woran dieser nach langer Entbehrung sich labte, um nach kurzer Rast die Wanderung fortzusetzen. Der Schäfer lagerte sich neben ihn, und schien sich, wie alle Hirten in verlassenen Gegenden, der Gesellschaft zu freuen, wenn er auch unfähig zur Unterhaltung war. Theodor suchte ihn auszuforschen, ob noch eine Sage aus der Heidenzeit, aus Rügens Heldenalter, zu ihm herüber erklungen sey, aber vergebens. Was er von der Geschichte der Burg wußte, war nur ein Nachklang der Erzählung unterrichteter Reisender. Unwillig wandte Theodor sich von ihm ab, und sagte für sich, wie ja der Unglückliche bei jeder Begebenheit die Beziehung auf sein eigenes Leiden hervorsucht: »Das ist das Loos der Helden, die hier den letzten Blutstropfen für ihr Volk vergossen, daß den Enkeln ihrer unterjochten Söhne selbst das schwache Gedächtnis an die Großthaten der Ahnen erloschen ist. – Werden auch unsere Enkel einst in der dumpfen Gleichgültigkeit leben, werden sie nichts, nichts von uns wissen, froh, wenn sie ihr kümmerlich Brot im Schweiß des Angesichts erwerben?«

Aber, sagte der Bauer: da unten liegt eine Stadt, die vor uralten Zeiten einmal hier stand – die ältesten Leute wissen sich's nicht mehr zu erinnern – die ist versunken in's Meer mit Thürmen und Schlössern. Zur Herbstzeit, bei recht klarem Wetter, sieht man sie noch in der Frühe oder Abends bei Sonnenuntergange, sehr prächtig und schön. Es sind drei Leute im Dorfe, die sie mit eigenen Augen gesehen, und ein Studierter aus Bergen hat sie auch gesehen.

Die Worte wirkten wunderbar tröstend auf Theodor. »Wenn auch ihre Namen verschollen sind, ihr Gedächtniß untergegangen, so lebt doch die Spur ihres Daseyns noch im dunkeln Mährchen fort. Es waren keine Helden, die, wie Achill und Hector, aus ihrem Volke hervorstrahlten, darum hat kein Homer ihr schwaches irdisches Daseyn verherrlicht und verewigt; aber ihr Wesen ist zur Natur, mit der sie noch inniger verschwistert waren, zurückgekehrt, und die Poesie, welche in der erscheinenden Natur lebt, feiert auch ihr Andenken.«

Er machte sich auf den Weg. Puttgarten, das nächstgelegene Dorf, vermeidend, schlich er den gestrigen Weg entlang, um, endlich nach Mönchgut zu gelangen, wo, des Burschen Aussage zufolge, beim regeren Betriebe der Schifffahrt auch am leichtesten Gelegenheit zum Entkommen war. Er eilte über die lange Nehrung, scheu sich verbergend, sobald er mehrere Menschen erblickte, und strengte dergestalt seine Kräfte an, daß er bei Anbruch der Nacht schon Jasmund erreichte, und im Mondenscheine über die Quoltitzer Höhen in ungefährer Richtung nach dem Jasmundischen Hochlande zuschritt. Viele Reize der Gegend von jenen Hügeln aus entgingen ihm, doch erleuchtete der Mond die weite See, und strahlte silbern auf das Bobyner Binnenwasser, daß er den hohen Thurm des Fleckens darin erblicken konnte. Aber von den Höhen, da wo der große Opferstein liegt, in das Bruchland hinabsteigend, fiel er häufig umherirrend in Torfgräben und versank in Moräste. Allein immer diente ihm eines der Hünengräber auf den Strandhöhen als Compaß, und er gelangte glücklich, nicht ohne zuweilen die Angriffe der Hunde aus den einsamen Gehöften zu erdulden, bis über den hohen Grabeshügel beim Dorfe Nipmerow. Hier jedoch verließen ihn die Kräfte, und er sank, nachdem er kaum einen dicht bewachsenen Hohlweg erreicht, zu Boden. Der dichte Buchenwald schützte ihn vor den rauhesten Anfällen der Witterung, er schlief sehr fest, und doch erwachte er nur ermattet.

Der Hohlweg führte ihn gerade in ein kleines mitten im Walde gelegenes Dorf. Es war noch sehr früher Morgen; Hunger, Durst und Ermattung peinigten ihn furchtbar und siegten über die Besorgniß. Er legte Waffen und Soldatenmantel in einer Hecke nieder, und wagte sich so in ein Gehöft. Ein junger Schmidt, den er eben bei der Arbeit fand, empfing ihn anfangs mißtrauisch, nahm ihn aber bald freundlich auf, als er den Flüchtling in ihm entdeckte. Bis hieher war die Kriegesnoth noch nicht gedrungen, weder Schills Soldaten noch Franzosen; selbst die Kunde über Beide war ungewiß. Theodor stärkte sich, so viel die Gelegenheit ihm bot, und ließ die ihm nur lästige Flinte dem Wirthe gegen einige Lebensmittel und eine gefüllte Flasche, mit denen er seinen Weg verfolgte, zurück.

Durch den schönen Buchenhain, welcher den Namen Stubbenitz noch aus der Wendischen Vorzeit trägt, führte ihn ein romantischer Pfad, mitten auf dem Rücken eines Bergzuges. Aus der anmuthig grünen Nacht des dichten Laubwaldes trat er nach einer halben Stunde in einen wunderbar heimlichen Ort. Zu seiner Rechten senkte sich ein stiller See aus den grünen Hügelufern in die Tiefe. Keine Welle bewegte ihn, kein Nachen war darauf zu sehen, kein Fisch spielte auf der vom Sonnenlicht erwärmten Oberfläche. Zur Linken umschloß zirkelförmig ein hoher Erdwall den See, und bildete einen weiten Saal, dessen Laubdach von vielen schlanken Buchenstämmen getragen wurde. Eignet sich ein Ort zur Verehrung der Naturkräfte, so ist es dieser, und der Flüchtling erkannte sogleich den See, welchen die Sage zu dem der Göttin Hertha macht. Mag es auch unerwiesen bleiben, ob dies der heilige Hain und der See ist, in dem die Germanen nach Tacitus ihre Göttin Erde verehrten, so drängt sich doch jedem Beobachter die Gewißheit auf, dies sey ein heiliger Ort gewesen, wo Völker der Vorzeit einen geheimnißvollen Gottesdienst gepflogen. Wer die hohen, schlanken Erdmauern. wer den Bau der Veste betrachtet, den lehret der Augenschein, daß weder die Natur in ihren Revolutionen so spielend bauen könne, noch daß Kriegsvölker oder Räuber so ihre Burgen oder Schlupfwinkel anlegen. Noch zeigt man außer dem Thor für den Wagen die Stelle, wo die Göttin hinab in den See versenkt worden. Eine spätere Sage berichtet, nicht Sclaven, sondern die edelsten Jungfrauen des Landes seyen hier geopfert worden. Mögen diese Sagen auch dem Gelehrten mehr als zweifelhaft scheinen, Theodor glaubte daran, er fühlte sich wohl in diesen dunkelen Hallen, und konnte wieder einer freudigen Hoffnung Raum geben, wenn ihn aus dem Frühlingsdache die Gipfel der Bäume, vergoldet von der Morgensonne, anwehten.

Aber ein neues, nie gesehenes Reich schloß seinem Auge sich auf, als er, höher und höher aus dem Walde steigend, endlich auf der hohen Felskuppe stand, zu deren Füßen unermeßlich weit das Meer sich ausbreitet. Wer an einem heitern Sommertage auf Stubbenkammer stand, und den weiten Spiegel der Ostsee staunend anblickte, dem dünken alle Schönheiten der Insel, gegen diesen majestätischen Anblick gehalten, nur unbedeutend; selbst bei weitem reichbegabtere Gegenden scheinen gegen diese große Aussicht gehalten, an Reiz zu verlieren. Wer aber alle Schönheiten, welche dieser Standpunkt gewährt, genießen will, muß Tagelang auf dem vortretenden Kreidepfeiler ausdauern, um die mannichfache Färbung des Meeres zu bewundern, die feierliche Beleuchtung beim Aufgang der Sonne – sie taucht gerade vor dem Königsstuhl aus dem Meere, – bei ihrem Untergange westlich hinter Arkona, und wenn der Mond einen silbernen Streifen über die Meeresfläche zieht und die weißen senkrechten Felsen bescheint. Einmal gesehen, läßt es den Eindruck einer Feenlandschaft zurück, und Theodor floh bald von dannen, da ihm der majestätische Anblick der Natur in ihrer Reinheit und Größe für den Zustand seiner Zerrüttung wie vernichtend dünkte. Damals entweihte den heiligen Platz noch keine Schenkwirthschaft. Der Wanderer mußte sich durch den dichten Buchenwald hinaufführen lassen, um das Heiligthum zu entdecken. So fand auch Theodor hier keine Weisung, sondern irrte durch das Dickicht des Forstes in südlicher Richtung weiter fort.

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