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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Eilftes Kapitel.

Rügen, das letzte Deutsche, von den Franzosen noch nicht besetzte Eiland, immer vor Augen habend, schlenderte Theodor, unschlüssig was er unternehmen solle, am Strande des Sundes entlang. Sehnsüchtig blickte er hinüber nach den westlich hervorragenden Bergen von Hiddensö, nach Mönchguts Hügelketten zur Rechten, und nach dem freundlichen Waldberge der kleinen Insel Wilm. Von einzelnen Höhen herab entdeckte er wol auch in weiter Ferne die vorspringenden Felsufer der verschiedenen Buchten der Halbinsel Jasmund, und glaubte weit in's Meer hinaus die nördlichste Spitze der Deutschen Insel, das heilige Arkona, wenn die Sonne auf das kreidegelbe Felsufer schien, zu erblicken. Aber die Flügel fehlten ihm. Oft dachte er daran, sich in's Meer zu werfen; seine Kräfte hätten ihn aber bei der empfangenen Wunde kaum bis zur Hälfte der weiten Entfernung getragen. Während er aber nach Osten immer weiter unter den kleinen Dünen streifte, bemerkte er endlich ein Fischerboot. Geld und gute Worte schienen anfänglich verloren, den Fischer, welcher eben von einer Fahrt zurückgekehrt war, zur eiligen Ueberschiffung nach Rügen zu überreden. Er wandte ein, daß es ihm von den Franzosen übel gedacht werden möchte, daß er ganz allein den Segelkahn nicht regieren könne, ein Gehülfe aber unter einer Stunde nicht zu haben wäre, daß endlich der Wind zu stark gehe, und ein Sturm im Anzuge sey, der Beide verderben könne. Theodor aber war beredt, und als er eine gehörige Anzahl harter Thaler dem Schiffer in die Hand gedrückt hatte, entschloß dieser Tell sich endlich, dem See zu trotzen.

Kaum mochten Beide indessen fünf Minuten vom Lande abgestoßen seyn, als ein Piquet feindlicher Reiter sich dem Ufer näherte. Sobald sie des Kahns ansichtig wurden, spornten sie ihre Pferde an, und befahlen mit Flüchen dem Fährmann umzukehren. Theodor las auf dem Gesichte des Mannes den innern Kampf, der, wenn er den Drohungen der Feinde nachgegeben, zu seinem unausbleiblichen Verderben ausgefallen wäre. Da er zugleich bemerkt hatte, daß Worte weniger über den Mann vermochten, als reellere Gründe, und die Gefahr den anfänglichen Versuch gelinderer Mittel unzulässig machte, griff er zum letzten. Er spannte den Hahn seines Französischen Gewehrs, und legte auf die Brust des Schiffers an.

»Machst Du nur Miene umzukehren, so schieß ich Dich nieder.«

Wer soll dann aber den Kahn regieren – sagte zitternd der Fischer: Sie sehn ja, der Wind wird stärker, und Sie sind verloren, da wir zwei Beide kaum zum Ziel gelangen.

»So überlaß ich mich dem Wind und Meere, wo ich wahrscheinlich umkomme. Hier erwartet mich der gewisse Tod.«

Aus den peinlichen Zweifeln wurde der Fährmann sehr bald, ohne freien Entschluß, gerissen. Derselbe Wind, welcher die Kaperschiffe so schnell aus Theodors Augen fortgetrieben, warf sich mit einer Macht in das Segel des Bootes, daß der Fischer alle Anstrengung nöthig hatte, den Kahn aufrecht zu erhalten, und auch ohne seines Gefährten Widerstand an kein Umkehren denken konnte. Die Dragoner sprengten am Ufer entlang, und feuerten ihre Pistolen nach ihnen ab; der Kahn flog aber so schnell fort, daß keine Kugel ihn erreichte. Wie günstig der Wind auch zu der Rettung des Flüchtlings aus Feindes Händen gewesen, so war er es doch nicht zu seinem Zwecke, das jenseitige Ufer zu erreichen. Denn er wehte so stark südwestlich, daß die eigentliche Rügensche Küste pfeilschnell zu ihrer Linken vorüberflog; die Insel Wilm waren sie schon vorüber, und der Fischer strengte jetzt seine ganzen Kräfte an, eines der herausspringenden Vorgebirge der Halbinsel Mönchgut zu gewinnen, um nicht vom Sturme in's offene Meer getrieben zu werden.

»Verdient habt Ihr's wol nicht,« sagte er, sich auf das Steuerruder stützend, zu Theodor: »daß ein rechtschaffener Mann und ein Vater vieler Kinder sein Leben wagt, Euch der gerechten Strafe zu entziehen; und wer weiß, wenn ich glücklich zurückkomme, ob mich nicht die Kugel dafür erwartet.«

Der Vorwurf traf den jungen Mann, doch suchte er ihn durch eine Frage zu entkräften: »Und würdet Ihr nichts aufopfern, wenn Euch das Vaterland gegen den gemeinsamen Feind riefe?«

Euch hat doch wol nicht das Vaterland gerufen, – entgegnete der Mann: Wir wissen von Niemand, der Euch gerufen hätte, denn an allen Ecken steht es angeschlagen, Ihr wärt fortgelaufen. Den Steckbrief auf euren Anführer, den nun der liebe Herrgott gestraft hat, hab' ich mit eignen Augen gelesen. Viel Jammer habt Ihr über's Land gebracht, aber das Bischen Armuth, das eure Leute uns genommen, davon behält keiner von Euch einen Schilling, denn auch das Letzte werden Euch die Franzosen wieder abnehmen. Seht da, wie die zurückfliehen, ich wette aber darauf, sie müssen alles herausgeben, so oder so.

Theodor sah zwei große, von Menschen gedrängt volle Böte, in der Richtung nach Anklam und Wolgast mit dem widrigen Winde kämpfen. Die hohen Wellen schienen oft über sie wegzuschlagen, und der Sturm trieb sie nach der Mönchgutischen Küste zurück. Ein heftiges Geschrei tönte durch Sturmgeheul und Wellengetöse hindurch, und als er sein Auge anstrengte, glaubte er Soldaten und befreundete Waffen und Kleider zu erblicken.

»Wißt Ihr, wer die Unglücklichen sind?« fragte er den Fährmann hastig. Die Antwort war:

Es werden von Denen seyn, die bisher auf Rügen gewirthschaftet. Da sie merken, daß ihr Regiment zu Ende ist, wollen sie mit vollen Händen in's Preußische fliehen. Aber das wird ihnen versalzen. Es wird wol so leicht Keiner davon kommen.

Der Sturm hatte beide Böte immer näher herangetrieben, und Theodor sah die Noth und augenscheinliche Gefahr seiner Schicksalsgenossen. Die von Menschen beschwerten Kähne gingen bis am äußersten Bord im Wasser, und die wenigen der Schifffahrt Kundigen schienen durch die Menge an der Lenkung und Regierung des Schiffes gehindert zu werden. Ein noch heftigerer Windstoß trieb beide Barken jetzt so zusammen, daß die eine umschlug, und die Mannschaft mit entsetzlichem Geschrei in's Wasser fiel. Die Meisten indessen hielten sich so weit über den Wellen, um, während ihr Kahn fortgetrieben wurde, den Bord des andern zu erreichen. Von allen Seiten klammerten sie sich fest, und strebten, trotz des Widerstandes der schon darauf Befindlichen, sich hinaufzuschwingen. Einigen gelang es. Die Meisten aber blieben auswärts, den Rand des Bootes fest mit ihren Händen anklammernd, daran hängen. Die Noth und der Untergang Aller war augenscheinlich, wenn die Schiffbrüchigen noch wenige Momente die Barke beschwerten. Man sah daher das schreckliche Schauspiel, daß Freunde ihre Freunde im Todeskampfe um die Rettung hinunterstießen, oder ihnen auf die Hände schlugen, damit sie von der Barke loslassen sollten. Theodor zauderte keinen Augenblick, dem Fischer zu befehlen, umzukehren, um den Unglücklichen beizuspringen. Aber es gehörten neue Drohungen, ihn zu bewegen, denn er schützte den Wind und die eigene Gefahr nicht mit Ungrund vor, wenn die Menge der Ertrinkenden sich in den kleinen Nachen würfe.

Seine Sorge blieb eitel. Als Beide mit großer Anstrengung sich der Barke näherten, sank sie, herabgezogen von der Wucht Aller, die sich daran festklammerten, in die Tiefe. Die Wogen schlugen heftiger, und als Beide an die Stelle gekommen zu seyn glaubten, bemerkten sie auch keinen Einzigen mehr, der lebend mit den Wellen kämpfte. Theodor verbarg auf einen Augenblick das Gesicht in seinen Mantel. Lange noch dröhnte ihm aus dem Sturme heraus das furchtbare Todesgekreisch der Untergehenden in die Ohren. Er schauderte, wenn er den Kampf der mit dem Tode ringenden Freunde vor Augen sah, und ihm schien es, als sähe er das Bild seiner Landsleute, die, dem feindlichen Verderben sich willig preis gebend, nur unter einander kämpften, wer aus dem allgemeinen Untergange am meisten für sich rette.

Der Sturm hatte während des vergeblichen Rettungsversuches den Kahn immer weiter nordöstlich geschleudert, daß Mönchguts Hügel schon weit hinter ihnen zu ihrer Linken geblieben waren. Es galt jetzt alle Anstrengung, um nicht in's offene Meer rettungslos verschlagen zu werden, und ihre Hoffnung beschränkte sich darauf, an einem Punkte der Prora oder der Jasmundschen Küste zu landen. So schifften sie vorüber an den hügligen oder niederen Ufern bis an Jasmunds Halbinsel. Hier gingen, im pfeilschnellen Vorübertreiben, für Theodor all die Reize verloren, welche die beliebte Wasserfahrt von Sassenitz bis Stubbenkammer den Besuchern der Insel gewährt. Er sah wol die majestätische Wand der Kreidefelsen, dieses Bollwerk der schönen Insel gegen die Seestürme von Osten her, den Reiz der mannichfachen Gestaltung, und des allmähligen Emporsteigens der Felsen bis zur Stubbenkammer, sein Auge aber war ängstlich und erwartungsvoll auf die weite Meeresfläche gerichtet, welcher sie zusteuerten.

»Dreht sich der Wind nicht mehr, daß wir in Arkona anlegen können, – und es sind noch vier Meilen über den Tromper Wyk,« sagte der Fischer: »so hat uns der ›Gott sey bei uns‹.«

Theodor blickte besorgt um sich, als zu ihrer Linken die allmählig grün gewordene hohe Uferkette Jasmunds aufhörte, und das Land, eine tiefe Bucht bildend, weit zurückwich. Plötzlich aber jauchzte sein Schiffer, nachdem er einige Zeit aufmerksam den Kopf in die Luft gehalten, laut auf, und sagte: »der Wind kehrt sich, wir können zurückkehren und anlegen.« Wie durch ein Wunder hatte sich das Wetter verändert. Der regnichte Südwest war allmählig zum Südwind geworden, und jetzt blies es kalt von Osten. In wenig Zeit landeten sie am äußersten Ende von Jasmund, und der Schiffer ließ kaum den Flüchtling aussteigen, als er auch schon, den Wind benutzend, in die See stach, um noch heute wenigstens Mönchgut zu erreichen.

Theodor stand verlassen an der Küste eines fremden Eilandes. Er wußte nicht, wohin seine Schritte richten, ob nicht schon der nächste ihn in die Gewalt des unerbittlichen Feindes zurückführte? Aber, gleich ihm verlassen, schien ihn das über der blauen weiten Bucht in's Meer hinauslaufende Arkona, fernhin zu locken. Auf dem äußersten Ende des Landstrichs erkannte er die erhöhten Wälle der alten Veste, auf der die Wendischen Rügier so lange ihre Unabhängigkeit und ihren alten Glauben vertheidigt hatten, bis die hohen Wälle der vereinigten Macht der Dänen, Pommern und Sachsen erlegen waren. Langsam wanderte er am kreisförmig gebogenen Strande jenem Ziele zu, und erkannte erst, als die Nacht ihn mitten auf der schmalen Erdzunge, welche Jasmunds Halbinsel mit der Wittowschen verbindet, überraschte, daß er, getäuscht vom Augenschein, es unternommen, die Entfernung eines vollen Tagesmarsches in wenigen Stunden zurückzulegen. Keine Hütte zeigte sich weit und breit auf der langen Steppe weißen Sandes, die links von dem Binnenwasser, rechts von den grünen Wogen der Tromper Wyk bespült wurde. Der Ostwind wehte scharf vom Meere her, und Theodor würde sein Schicksal, schon in der Nacht zu erstarren, vorausgesehen haben, hätte er nicht auf der andern Seite des von einigem Weidengestrüpp zusammengehaltenen Sandwalles, der sich längs des Erdstrichs fortzieht, wenigstens Schutz vor dem Sturme gefunden. Erschöpft warf er sich auf den Flugsand, wo er von mehreren Seiten glaubte geschirmt zu seyn, und überließ sich seinem Schicksale. Die Müdigkeit siegte über Kälte und Entbehrung. Am frühen Morgen konnte er, wenn auch wenig gestärkt, doch aufstehen, um seinen Marsch fortzusetzen.

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