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Die Geächteten

Willibald Alexis: Die Geächteten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorWillibald Alexis
titleDie Geächteten
publisherDuncker und Humblot
year1825
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151204
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Zehntes Kapitel.

Beim nächtlichen Umherirren stieß Theodor auf mehr als einen Flüchtling, welche ihm Nachricht brachten von dem kühnen und mit so glücklichem Erfolge gekrönten Unternehmen des Restes der Schillschen Husaren. Nachdem sie, kaum dreihundert an der Zahl, sich aus der Stadt durchgehauen, stellte sie ihr eben so besonnener als kühner Anführer auf der Ebene wie zum Treffen auf, und erklärte, zum capituliren aufgefodert, sich nur unter der Bedingung bereit, die Feindseligkeiten einzustellen, wenn man ihm freien Abzug mit Waffen und Pferden zugestände. Als die übermächtigen Feinde natürlich zögerten diese Bedingung zu gewähren, gab er, wie ein Sieger, ihnen wenige Minuten Bedenkzeit, nach deren Ablauf er einzuhauen befehlen würde. Die Keckheit hatte gesiegt, und der feindliche General den freien Abzug unter der Bedingung zugestanden, daß der Anführer den Trupp in das Preußische Gebiet zurückführe, welchen Vertrag man auch treu gehalten hatte.

Theodor freute sich, daß Julius geborgen war, wie schmerzlich auch das Gefühl ihn übermannte, nun allein geächtet umher zu irren. Bald erkannte er jedoch seine Täuschung. Als er am grauenden Morgen zu einer öden Stelle des Meeresufers gelangt war, sah er einen Mann einsam auf einen Stein gestützt am Boden liegen. Tonlos sang er die Strophen eines Liedes ab, das er selbst einst in den Stunden der Begeisterung und des Unmuthes gedichtet hatte. Der Sänger war kein Anderer als Julius; aber seine Stimme verrieth jetzt weder Begeisterung noch Unmuth, sondern es schien nur, als recapitulire er sich in der Form des Liedes, was er einst gefühlt und gedacht hatte. Nur bei den letzten, Theodor unbekannten Strophen, welche Julius vermuthlich zugesetzt hatte, wurde die Stimme bewegter, und es es sprach sich eine bittere Verzweiflung aus. Der Gesang lautete:

Was bebt das alte Deutsche Land?
      Tobt ein Orkan vom Norden?
Brach ein Vesuv am Rheine aus?
      Nein, es sind Feindes Horden.

Die Fürstenkronen fallen ab,
      Das Reich verlor den Kaiser;
Die Scepter ohne Mark und Wucht,
      Schwach wie Hollunderreiser.

Die alten Häuser stürzen ein,
      Es stürzt der alte Glaube,
Und alles was uns heilig war,
      Es wird dem Feind zum Raube.

Sie wühlen alte Gräber auf
      Und plündern unsre Väter,
Die Männer, die noch Männer sind,
      Die schelten sie Verräther.

Wo schliefen denn die Völker all?
      Wo träumten denn die Fürsten?
Sah man die alten Krieger nicht
      Nach Frankenblute dürsten?

Das Raubgesindel sprach zu uns:
      Beugt Eure stolzen Nacken;
Sie aber waren klug und fein,
      Und zeigten ihm die Hacken.

Und wurden nicht durch Hornesklang
      Die Söhne all entboten?
Wohl tönte der Drommetenstoß,
      Doch weckt er nur die Todten.

Auf alten Leichensteinen sah
      Man Heldengeister sitzen,
Die Söhne thäten fein daheim
      Sich Federkiele schnitzen.

Die Pauke wirbelte durch's Land,
      Es kam kein Mensch gelaufen:
Ein Bärenführer trommelte,
      Da strömten sie in Haufen.

Die Geister schwangen unmuthsvoll
      Sich auf Gespenstermähren,
Und ritten aus dem Vaterland,
      Nie mehr zurückzukehren.

Es saus'te wie Octoberwind,
      Durch Haid' und Forst von hinnen,
Da hörte man die Heldenschaar
      Ein Klagelied beginnen.

»Weh über unser altes Land!
      Fluch unserm eignen Saamen.
Die Enkel erbten nicht den Muth,
      Nur ihrer Väter Namen.

Nicht Söhne ihrer Väter sind's,
      Bastarde sind's von Affen,
Sie schleudern, eh' man riecht den Feind,
      Schon fern von sich die Waffen.«

Saht Ihr sie durch die Lüfte fliehn?
      Sie schwangen alte Fahnen.
Wo man nicht ihre Särge schlitzt,
      Da weilen nicht die Ahnen.

Folgende Verse schien die augenblickliche Begeisterung der Verzweiflung Julius eingegeben zu haben:

Was lachst du Sonne, Mond und Stern,
      Die Welt ist abgelaufen;
Wie wollen andre Namen uns
      Und andre Ehre kaufen.

Die Sonne lacht uns oben aus,
      Daß wir so thörig waren,
Und daß es giebt kein Strafgericht,
      Erst jetzt so spät erfahren.

Juchheißa: Sonne, Mond und Stern,
      Wir wollen klüger werden,
Und nun, da Scham und Schande wich,
      Recht lustig seyn auf Erden.

Als er fertig war, sprang er auf, und Theodor gewahr werdend, rief er ihm zu: er käme zur rechten Zeit, das brillante Schauspiel mit anzusehen. Da er das Seitengewehr herauszog, glaubte dieser nicht anders, als daß es einen Selbstmord gelte. Er mochte und konnte in dem Augenblicke einen solchen Schritt nicht hemmen, dagegen wollte er dem Freunde ernste Vorstellungen machen, die entscheidende Wichtigkeit der That nicht zu vergessen. Kaum aber hatte er seine Vermuthung geäußert, als Julius laut auflachte und ihm in die Rede fiel.

»Selbstmord! – Wer denkt an Selbstmord, wenn nichts weiter verloren ist, als die Ehre? Ich will das lustige, schöne Leben nun ganz frei haben, und darum die lumpigen Anhängsel der Ehre umbringen. – Das ist mein Schwert – ich hatte geschworen, damit nur dem Vaterlande und der Ehre zu dienen, und nicht eher heimzukehren, als bis es siegend Feindesblut getrunken. Ein alberner Schwur; weil der an dem alten Eisen klebt, kann ich es zu nichts mehr brauchen, und deshalb Ade.« – Er setzte die Spitze in die Höhlung eines Steines, bog es, stemmte den Fuß dagegen, und zerbrach die Klinge mit großer Anstrengung in zwei Stücke. Dann fuhr er fort, und seine Stimme verrieth oft das Hervorbrechen der durch den kalten Hohn nur unterdrückten Wuth und Leidenschaft.

»Ich habe sechzehn Ahnen, und noch mehr – ich rief sie alle an, und mein reiner Adel sollte mich anfeuern im Gemetzel gegen die Hunde. Besiegt, beschimpft, flüchtig, so kann ich ihnen doch keine Ehre bringen? Wenn mein uralter Name am Galgen hängt, so müssen sie sich in den Särgen umkehren. Nein, das sollen sie nicht, ich streiche mich selbst aus ihrer langen, würdigen Reihe aus. Geschändet, geschändet ist die Vorwelt durch ihre Enkel – Wir haben nichts mit ihr zu schaffen, wir sind Bastarde. Wir leben in das Leben hinein, und der Vortheil ist unser Gott. Die graubärtigen Männer von Rückwärts haben, wollen wir uns nicht auf sie stützen, auch nichts von uns zu fodern, deshalb, mein werther Freund, wollen wir das Band zerreißen, das uns an jene ehrenwerthen Herren knüpft. Der Adel, was ist mein Adel, was ist Dein Adel? Er hindert uns am honetten Stehlen und Beutelschneiden, das uns vielleicht das Kreuz der Ehrenlegion verschaffte. Das ist albern. Wollen wir in's Meer springen, wie die beiden Fähndriche nach der Schlacht bei Jena? – Bester Mathematiker, dein Schluß ist logisch falsch, denn wir haben keine Fahnen, wir sind schon geächtetes Lumpengesindel, und das Gerathenste ist, unsere verschimmelnde Waare, so schnell es geht, loszuschlagen.«

Er riß hierauf den Ring vom Finger, auf welchem sein Familienwappen kunstvoll gestochen war, legte ihn auf eine Steinplatte, und ergriff einen großen vom Meere abgerundeten Kies, den er einige Male mit solcher Gewalt auf die Steinplatte niederwarf, daß das Gold des Ringes breit gedrückt und der Carniol zersplittert wurde. Die gesammelten Stücke des letztern schleuderte er in das Meer.

»Victoria, Herr Bruder! – Jetzt bin ich würdig des Lumpenpacks, ein Freiherr eigener Art. – Mach' es mir nach. – Es kostet nur den Entschluß. Die Welt liegt offen. Alle Rücksichten sind verbannt, und der Weg zum Glück hat keine Gränze.«

Unseliger, entgegnete ihm Theodor: ich hoffte, Du wärest mit den Glücklichen zurück in's Vaterland entkommen. Du brauchst einer Pflege, eile ihnen nach.

»Ich habe mich von ihnen losgerissen, weil sie Pardon genommen. Damals galt es noch, die Ehre vertheidigen. Jetzt habe ich keine Ehre und kein Vaterland mehr, und ich rufe mit Fähndrich Pistol:

So ist die Welt denn meine Auster,
Die mit Schwert ich öffnen will.«

Er hat den Verstand verloren! äußerte Theodor für sich, aber Julius griff das Wort auf.

»Den Verstand!« rief er heftig aus, und faßte den Freund an der Brust, daß ihm peinlich zu Muthe ward. »Wenn Du das Verstand nennst, den Glauben aus der Ammenstube an den regelrechten, moralischen Gang der Welt, wo, wie mein Pastor sagte, auf jede gute und jede schlechte Handlung innerhalb vier und zwanzig Stunden bis höchstens sechs Wochen die Strafe und Belohnung folgen muß, – ja den Verstand hab' ich verloren, Bruderherz sieh, sieh – ich habe es ja mit meinen eigenen Augen gesehen wie sie damals in unser Schloß drangen. Die Tapeten rissen sie nieder und die Fenster stießen sie ein, – warum nicht? Das konnten sie Jedem thun, Tapeten und Fenster sind Freigut. – Aber sie hieben mit dem Säbel die alten Bilder meiner Ahnen in Stücke, das konnten sie nicht Jedem thun, denn nicht Jeder hat Ahnen. Sie brachen die Familiengruft auf – heiliger Gott, sie plünderten die Todten. Da hielt ich mich nicht mehr – ich war nach der Jenaer Schlacht zurückgekehrt – ich packte mit dem gesunden Arm die eine Bestie, und stieß ihn auf das Pflaster – jetzt, Bruderherz, darf ich's sagen, denn ich habe keine Ehre mehr – sie schlugen mich. Blut, Blut, schrie ich, dachte ich, träumte ich seitdem. Der Wein, den ich trank, war Blut, jedes Glas ein Gelübde der Rache. Sieh, Bruder, und die Rache blieb aus. Keine Blitze, kein Erdbeben! Männer standen auf – sie erlagen. Sieh nun das große Chaos der Bestialität. Wer soll ferner glauben, wer Muth haben, wenn er sieht, wie nur Büberei zu Ehren kommt. Giebt es, sprich, kann es ein größeres Elend geben, kannst Du Dir eine Schmach denken, größer als unsere? – Nein, der Betteltanz ist unser geschickter Lehrmeister, es waren alberne Träume. Nun steht nichts mehr in der unendlichen Nacht auf, Castraten sind die besten Männer, und den Andern verreden, vergeben, ihm ein Bein unterschlagen, sind die Heldenthaten der kommenden Geschlechter. Ich wollte, die Zeit käme bald, wo sie auch unsere Sprache verlernt haben.«

Deine Braut, Julius?

»Braut, Himmel, Gott, Vaterland – Alles verscherzt. Zähl' mir die hübschen Mädchen in der Welt – je frecher das Leben wird, je schöner sie. In jedem Land vor uns ist jede unsere Braut, hinter uns keine.«

In dem Augenblicke fiel in einiger Entfernung ein Schuß. Julius starrte auf. »Das Signal! Ich muß fort.«

Wohin, ich bitte dich?

»In die weite Welt. Willst du mit?«

Willst du nach Rügen hinüber?

»Was nutzt uns die arme Insel! Bruderherz, der tollkühne François hat zwei kleine Kauffahrteifahrer aus Stralsund gekapert, verwegene Leute sind drinnen; keiner ergibt sich, weder dem Franzosen, noch dem Dänen und Preußen. Die freisten Männer von der Welt. Vor der Hand kapern wir etwas in der Ostsee. – Sie schießen schon zum zweiten Male. Willst Du?«

Diesen Widerstand halte ich für thörig und widerrechtlich.

»So bleibe selbst ein Thor – und wolltest du mir den Himmel aufschließen, ich kann nicht länger warten.«

Es schoß zum dritten Male, Julius preßte Theodor noch einmal heftig ans Herz, und stürzte fort mit den Worten: »Auf nimmer Wiedersehn.«

Von einer kleinen Anhöhe sah der Zurückbleibende den Freund, nachdem er athemlos das Ufer erreicht hatte, sich in's Wasser stürzen, um der schon absegelnden Schaluppe nachzueilen.

Glücklich ereilte er sie, und die Schaluppe mit ihm die beiden Schiffe, welche bei günstigem Winde nordöstlich davonsegelten.

»Lebe wohl!« rief er aus, als die Segel für ihn endlich verschwanden. »Du stürmst, um deinem Verderben zu begegnen; ich will es ruhig erwarten, weil ich weiß, daß keine Abwehr und keine Hülfe für unser gemeinsames Leiden möglich ist; das ist der Unterschied zwischen uns. – Aber ich habe einen Trost mehr. An einem andern Orte werden wir uns wiederfinden, und dann wissen, weshalb wir hier so ungerecht leiden und in so trostlosem Zweifel von der Welt scheiden mußten.«

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