Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Raabe >

Die Gänse von Bützow

Wilhelm Raabe: Die Gänse von Bützow - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke (Braunschweiger Ausgabe), 9. Band, 2. Teil
authorWilhelm Raabe
year1976
publisherVandenhoeck & Ruprecht Verlag
addressGöttingen
isbn3-525-20120-6
titleDie Gänse von Bützow
pages61-143
created20010602
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Wilhelm Raabe

Die Gänse von Bützow

Eine obotritische Historia


Erstes Kapitel

Auctor stellt sich der Nachwelt vor. Der Herr Doktor Wübbke verläßt die Herrenstube im Erbherzog zu Bützow.

Möge ein anderer den Zorn des göttlichen Helden Achilleus oder die Irrfahrten des klugen Dulders Odysseus, ein anderer die Leiden und Freuden des tapferen Aeneas, des alten oder neuen Amadis, die Leiden des jungen Werthers oder der sündigen Menschen Erlösung singen; ich, J. W. Eyring, in wohlverdienter Ruhe nach langen, kläglichen, staubigen, ärgerlichen Jahren des Schuldienstes, singe im hohen, höhern und höchsten Ton mich selbst und die große Revolution zu Bützow, wie sie mit Gemurmel begann, mit Pauken und Posaunen ihren Fortgang nahm und glücklich zu Ende geführt wurde. Der Gänse und des Volkes Geschrei singe ich, der Mamsell Hornborstel Zorn, Unterdrückung, Rache und Sühne, Grävedünkels entsetzliches Geschick, der wilden Führer Mut und jakobinische Reden, des Magister Albus und des Doktor Wübbke Jubilationes und Tribulationes, eines hohen Senati und regierenden Bürgermeisters altrömische Tapferkeit, Herzoglicher Justizkanzlei und Serenissimi, meines Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, gnadenreiches Edikt, einer hochgelahrten höllischen Juristen-Fakultät treffliches Gutachten und hochweisen merkwürdigen Rechtsspruch – lectori benevolenti, einem wohlwollenden Leser, zu Nutz und Ergötzen, mir pro laurea, niemandem zum Schaden, als ein biederer, bescheidener Untertan, Patriot und Emeritus.

Wo die Fluten der Warnow das liebliche und nahrhafte Land der Obotriten, Welataben und Wagrier durchströmen, liegt im Arm der Nixe des Flusses die Stadt Bützow, jener Winkel der Erden, welcher »mir vor allen lacht«, wo ich eine Brodstelle und ein Weib fand, wo ich liebte und lebe, wo seit meinem Abtreten vom Schuldienst und dem Ableben meiner geliebten Friederike die Götter mir jene otia gaben (nur stellenweise verbittert durch podagristische Vexationes in der großen Zehen des linken Fußes), die jedem Menschen so wünschenswert erscheinen müssen, aber nicht einem jeden zuteil werden. In Bützow verlebte ich meine unschuldige Jugend mit Ausnahme jener Jahre, welche dem Studio auf der Universität zu Rostock geweihet waren, in Bützow war ich ein Mann, in Bützow wird man mich begraben; und sollte ich nach meinem Tode zur Strafe für meine Sünden einige Jahre oder Jahrhunderte lang nachts zwischen zwölf und ein Uhr zur Auslüftung hinausgeschickt werden, so werde ich in Bützow spuken und als schwarzer Schulmeister, mit schlechtgekämmter Perücke auf dem Schädel, dem Haselröhrchen unter dem Arm und meiner Abhandlung Latium in compendio in der Tasche, den kommenden Generationen mit Vergnügen jenen heilsamen Schrecken vor dem Unbegreiflichen, jenen Schrecken vor dem Geiste einjagen, welcher (ich meine den Schrecken) uns täglich mehr abhanden zu kommen scheint.

In Bützow an der Warnow ist mir ganz allmählich das Kleinste zum Größesten und das Größeste zum Kleinsten geworden, und wenn ich von meinem Museo aus den Gang der Dinge betrachte, so gehört es nicht zu den geringsten Vergnügungen, zu sehen, wie der Spaß den Ernst ablöset und wie die Welt ein gar jokoses und amüsantes Theatrum sein kann, vor welchem nur die Allerweisesten und die Allerdümmsten mit unbewegter Miene sitzen dürfen.

Sintemalen mir nun eine nicht ungütige Gottheit nach ihrem Gefallen einen annehmlichen Standpunkt zwischen Aufklärung und Dunkelheit angewiesen hat, so nehme ich mein Teil Lachen, wo ich es finde, und wenn ich den Kothurnus verstehe, so halte ich es doch nicht eines verständigen Mannes unwürdig, auch am Soccus Gefallen zu finden; es gibt gottlob voller gepfropfte Schubsäcke als den meinigen, und niemals habe ich über dem Senat und Volke von Rom den Rat und die Bürgerschaft von Bützow vergessen. Ich habe nicht nur die Grammatik gelesen, sondern auch Candide, habe das Leben und die Meinungen Tristram Shandys studiert, imgleichen die Musarion und die Abderiten des Herrn Hofrates Wieland – doch still! Auch eine hochehrwürdige Geistlichkeit zu Bützow gehört teilweise zu meiner Freundschaft und Bekanntschaft, und »ich kenne die Pastöre« gradeso gut wie der Herr Justizamtmann und Professor Bürger in Göttingen und weiß, daß sie nicht nur an der leiblichen Tafel oder Tafel des Leibes Messer und Gabel gut zu führen wissen. Folgendes aber ist der Verlauf des großen Gänse-Tumultes zu Bützow, dessen Beschreibung ich sogleich mit dem Ausbruch desselben begann, in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alles sonst in dieser Art Vorgefallene werden. (V. Thucydid. bel. Pel. Lib. I c. 1.)

Wir, die wir in der Zeit der allergewaltigsten Ereignisse, welche die Welt seit Jahrhunderten sah, leben, wir, denen der Postbote, ja jedes Botenweib täglich eine neue welthistorische Aufregung in der Ledertasche oder im Tragkorbe in den Erbherzog oder ins Haus bringt, wir mögen wohl mit Recht beneidet werden von manchem kommenden Geschlecht der Kannegießer.

»Ganz Welschland bebt und Sachsenland,
Das feste teutsche Reich;
Vom Gotthart bis nach Samarkand
Wird's Ziehens großer TeichEs soll mich wundern, was aus Mecklenburg wird, wenn des Superintendenten Ziehen Prophezeiung vom Untergang eintrifft.     J. W. Eyring.

Wir sangen das Lied vom Luftballon schon Anno 1785:

»Und Muhmeds grüne Fahne weht
Getränkt mit Christenblut,
Die Pforte knarrt, der Franzmann bläht,
Als wär's ihm rechter Mut.
Nein! länger harren will ich nicht!
Her mit dem Luftballon!
Wer mit mir will, eh alles bricht,
Der eile, und davon!« –

aber wer hätte damals geahnet, mit welchem ganz andern behaglichen Schauder sich die Haare des teutschen Mannes unter der Perücke aufrichten sollten? Wer hatte eine Ahnung von dem, was wir im verflossenen Jahr 1793 im neufränkischen Westen erleben würden? Und wer, der unter eines wohlweisen Magistrates zu Bützow und Serenissimi mildem und väterlichem Regimente lebt, konnte wissen, wie balde uns der erschreckliche jakobinische Greuel vor die eigene Tür rücken sollte?

Im Erbherzog hatten wir unsern Klub der Honoratioren! –

Wahrlich ist es nicht die Sache eines weisen Mannes, sich ganz und gar in seinem Museo verschlossen zu halten. »Vox viva docet« ist ein gutes Wort; denn »warum zögen wir auf den gelehrten Jahrmarkt der Akademien, um dort aus der ersten Hand für bares Geld Wissenschaft und Weisheit einzutauschen, wenn uns diese Artikel der Höckenkram unsrer Bücherschränke ebensogut liefern könnte?« sagte mein viel betrauerter Freund und weiland witziger Korrespondent, der Pagenhofmeister Musäus, und hat in den elysischen Gefilden, wo er wandelt, nichts dagegen, wenn ich hinzufüge, daß das Diktum: das lebendige Wort lehre, nicht nur von Jena und Halle, sondern auch vom Erbherzog, vom Rostocker Schiff, vom Goldenen Bären und Roten Löwen gelte und daß kein Student im Römischen Reiche Teutscher Nation, soweit es noch vorhanden ist, etwas dagegen einzuwenden habe. Seit dem seligen Hinscheiden meiner geliebten Friederike und dem siebenzehnten Junius 1789, allwo zu Versailles sich der dritte Stand zur Nationalversammlung erklärte und die Revolution anhub, war ich im Besitze clavis magnae sapientiae, des Hausschlüssels, und ging mit Diskretion in den Erbherzog.

Ich ging jeden Abend, den Gott werden ließ, in den Erbherzog, sah im Sommer dem Kegelschieben zu, saß im Winter mit der Tonpfeife auf dem dritten Stuhle links vom Bildnis Serenissimi, tat im Sommer wie im Winter mein möglichstes, auch für mein Teil Bewegung in die Weltbegebenheiten zu bringen, und ging mit nicht geringem Vergnügen dem Hange nach Mitteilung und geselliger Anmut im Kreise der tobakswolkenumwogten Honoratioren von Bützow nach. Wenn wir auch nicht weise, unsträfliche Äthiopen, Lieblinge der Götter sind, so gehören wir doch auch nicht völlig in die Kategorie der wüsten, ungefälligen Kymmerier, und der Berliner Doktor Herr Friedrich Kronemann, welcher in dem hier vor mir liegenden hunderteinunddreißigsten Stück des Intelligenzblattes zur Allgemeinen Literaturzeitung vom Jahre 1792 bekanntmacht, daß er eine Karte von »den Gegenden der verschiedenen Geisteskultur in Deutschland« herauszugeben gewillt sei, wird hoffentlich nicht die schwärzeste chinesische Tusche für unser Kolorit verwenden, oder wenn er's doch tun sollte, jedenfalls zu seinem eigenen Besten das Überschreiten der mecklenburgischen Grenze tunlichst vermeiden. Es klingt uns ein schönes französisches Lied – auch aus dem Jahre 1792 – noch immer in die Ohren:

»Savez vous la belle histoire
De ces fameux Prussiens?
Au lieu des palmes de gloire
Ils ont cueilli des raisins«;

ich will es aber nicht weiter nachsingen, denn es bringt mich auf unser eigenes Bundeslied im Erbherzog:

»Die Zeiten, Brüder, sind nicht mehr,
Wo Treu und Glaube galten;
Jetzt sind die Worte glatt und leer,
So hielten's nicht die Alten.
Wie mancher schwört jetzt Stein und Bein,
Und nie stimmt seine Tat mit ein.
    Wir wollen redlich sein!«

Ein poetisches Genie, welches mit der Post und mit zerrissenen Hosen von Weimar kam und nach Rostock ging, welches sich im Erbherzog festkneipte und welches wir Honoratioren von Bützow vermittelst einer Kollekte auslöseten und weiter spedierten, hat uns diesen Vers und manch andern dazu als Gratial zurückgelassen, und wir singen den Gesang mit großem Gusto zum Bischof bei jeglicher feierlichen Gelegenheit:

»Daß Vater Noah Wein erfand,
Muß jeder Zweifler glauben;
Er schnitt die Reben mit der Hand
Und kelterte die Trauben.
Oft, wenn sich seine Kinder freun,
Berauschen sie sich in dem Wein.
    Wir wollen mäßig sein!«

Diesen zweiten Vers intonieren wir gewöhnlich, wenn uns der Nachtwächter nach Hause geleitet oder während er das Schlüsselloch für uns sucht, und 's macht einen sehr angenehmen und soliden Effekt in den Gassen von Bützow. Noch viel moralischer aber würde die Wirkung sein, wenn das Pflaster ein wenig besser wäre und des Weges Unebenheiten den teutschen Biedermann samt seinem Gesang nicht so oft aus dem Gleichgewicht brächten. – –

Man schrieb den vierten November des Jahres 1794; von der See her hatte sich der gewohnte Nebel über das Obotritenland gelagert; wir hatten keine Ahnung davon, daß an diesem Tage Suwarow Praga mit Sturm nahm und zwölftausend Bürger, Weiber und Kinder niedermetzelte; wir hatten unsere eigenen Kämpfe zu bestehen und waren vollauf damit beschäftigt. Bürgerschaft und Magistrat lagen einander arg in den Haaren wegen der Verteilung des Gemeindeholzes.

Die schnell eingetretene Kälte hatte diesen faulen Fleck der städtischen Verwaltung zu einer brennenden Frage gemacht; die Gemüter waren um so erhitzter geworden, je mehr das Wetterglas gefallen war; die Ratssitzung am Morgen hatte einer Pariser Konventssitzung geglichen, am Abend zankte man in der Honoratiorenstube des Erbherzogs sich weiter. In Anbetracht aber, daß ich mein Deputatholz eingezogen hatte, und in Anbetracht, daß der bekannte Mister Edmund Burke in seinem Buche Vindication of natural society berechnet, daß seit Anfang der Historie sechsunddreißigtausend Millionen Menschen durch Kriege der Könige und Eroberer umgekommen seien, saß ich den Tag über ruhig, las Mangelsdorfs Hausbedarf aus der Geschichte (Halle und Leipzig bei Ruff) und Ephraim Moses Kuhs hinterlassene Gedichte (Zürich, bei Orell, Geßner, Füßli und Compagnie 1792) und ließ mich nichts anfechten.

Erst um acht Uhr abends ging auch ich in den Gasthof, und wenn es mit Recht heißt: »nulli vitio unquam defuit advocatus«, keinem Laster fehlte jemals ein Advokat, so bin ich gern in diesem Punkte mein eigener Rechtsbeistand und brauche keinen andern.

Durch den Nebel schienen rötlich die Lichter des Städtleins, einen rötlichen Schein warf meine Laterne in die bützowsche Finsternis, mit unheimlichem Gegurgel suchte die Warnow ihren Weg durch die Nacht, und an der Ecke des Marktes stieß ich auf einen andern bemäntelten Laternenträger, der ebenfalls den Dreimaster tief in die Stirn gezogen hatte und mit seinem messingbeknopften Stabe vorsichtig die gefährlichen Stellen seines Pfades austastete.

Und wir erhoben beide die Laternen, uns zu beleuchten, und wir sprachen beide:

»Allerschönsten guten Abend, Herr Kollega!«

Auch der Kollaborator Magister Albus befand sich auf dem Wege zum Erbherzog.

Der arme Teufel! Er saß nirgends so warm als in seiner Schulstube oder im Klub der Honoratioren; seine Großmutter hatte ihn in Greifswalde studieren lassen und den Rest ihres Vermögens seiner Schwester vermacht, er hatte sich kümmerlich als Präzeptor, Korrektor oder dergleichen durchgeschlagen in Pommern, Mecklenburg, im Lande Sachsen und war als ausgehungerter Wandersmann bei uns angelanget, um daselbst weiter zu hungern. Sein schwarzes Röcklein hatte längst die Wolle an den Dornbüschen des Lebens zurückgelassen; seine Kniehosen waren des Rockes würdig, seine schwarzen Strümpfe waren gestopft und seine Schuhe geflickt, und er war nach mir der gelehrteste Mann in Bützow. Deputatholz bekam er jedoch nicht, und die Verteilung des Gemeindeholzes konnte auch von keinem Einfluß auf seine Behaglichkeit sein. Er pflegte zweimal in der Woche bei mir zu essen und hatte keine Geheimnisse vor mir; ich aber hatte mir längst vorgenommen, seine Umstände durch Rat und Tat verbessern zu helfen, hatte jedoch leider noch nicht die Gelegenheit dazu gefunden.

Wir setzten unsern Weg natürlich Arm in Arm fort und näherten uns dem Erbherzog, dessen Fenster nach gewohnter Weise feurig in der Nacht erglänzten, in dem man aber an diesem Abend nicht sang:

»Die Pflicht befiehlt, das Wohlergehn
Des Nächsten nicht zu neiden,
Man soll, wenn Arme hülflos stehn,
Sie speisen, tränken, kleiden.
Der wahre Mensch sieht ihre Pein,
Um Trost und Hülfe zu verleihn;
    Wir wollen Brüder sein;«

Im Gegenteil, auf der weiten Hausflur stand die Gastpatronin inmitten eines aufgeregten Haufens ergrimmter Plebejer aus der Bürgerstube, vergeblich bemüht, die Erregtheit derselben durch sanfte Worte oder durch drohend erhobene Fäuste zu beschwichtigen.

Als sie uns erblickte, machte sie sich und uns mit den Ellenbogen Raum durch das Volk und rief:

»O meine Herrens, meine Herrens, is dat eine Welt, is dat eine Welt!... Nu holt dat Muul, ji Dicksnuuten, will ji?! O meine Herrens, der Herr Doktor Wübbke sind drinnen bei die Herrens ans Wort von wegen dem Holze; aber wat helpt't Reden? seggt Spölk; das Holz is verteilet, und wer was gekriegt hat, hält's fest, und den Herrn Doktor Wübbke haben sie vor'n Jakobiner aufgesetzet und woll'n 'n aus'm Klub schmeißen, und – Vadder Nuddelbeck, ick schla' ihm noch die Näse in, wenn bei keine Ruh givt! – und diese hier stehn vor'n Doktor Wübbke und wollen mich in meine eigene vier Wände die Marselljäse und Karmanjole singen, und hier Schmidt der Schneider, und Holzrichter und Compeer und Scherpelz und so viel ihrer der Deubel aus dem Loch gelassen hat, brüllen mich und die Herrens die Ohren voll, als wären alle Pariser Satans hier in Bützow und im Erbherzog losgelassen, und wollen mich hier 'nen Konvent und 'nen Berg aufsetzen –«

»Dat will wi! dat will wi! un'n Vivat für'n Herr Doktor Wübbke!« schrie der Haufen, und die Gastpatronin stemmte die Arme in die Seiten, stellte sich fester auf ihren Füßen, aus weitgeöffneten Nasenlöchern Trotz, Hohn und Verachtung blasend.

»'n Vivat für'n Doktor Wübbke!« brüllte die Bürgerstube, »und nochmals, und abermals! und Freiheit! und Gleichheit, und –«

Alle aufgesperrten Mäuler blieben aufgesperrt – die Tür der Herrenstube war plötzlich mit großem Gepolter aufgerissen worden; schwere Tabakswolken und ein Getümmel streitender Männer drängten sich hervor; – aus dem Dampf flog gleich einem schwarzen Kometen eine zerzauste Beutelperücke unter das Volk auf der Hausflur, und ihr nach folgte der Doktor Wübbke, der Advokat und Bützower Danton, im hohen Schwung geschleudert von den kräftigen Armen der Patrizier. Mit Sausen fuhr er aus den Lüften herab in die Arme der Wirtin, welche in ihrem Fall den Schneider Schmidt, den Schuster Haase und den Fuhrmann Mertens mit sich zu Boden riß. Über dem Gezappel und Gezerr aber stand großartig und würdig auf der Schwelle der Honoratiorenstube der dirigierende Bürgermeister Dr. Hane und rief mit gewaltiger Stimme:

»Silentium! Man schweige – man brülle, man räsoniere nicht! Man respektiere seine von Gott eingesetzte Obrigkeit, halte seine ungewaschenen Schnauzen und verfüge sich nach Hause, ein jeglicher zu seiner Frau, daß sie ihm nach Verdienst den Buckel und den Kopf wasche.«

Und neben dem dirigierenden Herrn erschien der Pastor Primarius Ehrn Jobst Klafautius, erhob die Hände und in ihnen das geistliche Schwert, indem er milde Georg Beiers Geistliche Schlafhaube, mit tröstlichen Sprüchen aus der Heiligen Schrift zusammengenähet, zum Besten des Bützowschen Stadtfriedens dem tumultuierenden Haufen über die Ohren zu ziehen strebte.

Ob diese erwünschte Ruhe aber ohne den harten Fall des Doktor Wübbke so bald eingetreten wäre, steht dahin. Er ist ein gescheiter, ein kluger, ein mundfertiger Mann, der Herr Doktor; aber er war augenblicklich auf den Kopf gefallen und ließ sich ohne weiteres Geschrei nach Hause abführen. Auch dem wilden Volke seiner Anhänger – dem Schwanz Robespierres – imponierte die patrizische Gewalttat; man verlief sich mit dumpfem Gemurr, es gab Ruhe im Erbherzog, und ich durfte mit dem Magister Albus ohne weitere Verhinderung meinen Platz am Tische in der Herrenstube einnehmen.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.