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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Die Hospitaliterinnen.

Der Graf hatte eine furchtbare Nacht zugebracht, eine Nacht, die an Delirium und Tod grenzte. Aber seinen Pflichten getreu, erhob er sich, sobald er die Ankunft des Königs verkündigen hörte, und empfing, wie wir gesehen, den König am Gitter; doch nachdem er Seiner Majestät seine Huldigung dargebracht, die Königin-Mutter begrüßt und dem Admiral die Hand gedrückt hatte, schloß er sich wieder in seinem Zimmer ein, nicht mehr, um zu sterben, sondern um seinen Plan, den nichts erschüttern konnte, entschieden in Ausführung zu bringen.

Gegen elf Uhr morgens, als sich nämlich infolge der gräßlichen Nachricht, die sich verbreitet, der Herzog von Anjou sei auf den Tod getroffen, alles zerstreut hatte, während der König von diesem neuen Ereignis ganz betäubt blieb, klopfte Henri an die Tür seines Bruders, der sich, da er einen Teil der Nacht auf der Landstraße zugebracht, in sein Zimmer zurückgezogen hatte.

»Ah! du bist es,« fragte Joyeuse, halb eingeschlafen, »was gibt es?« – »Ich komme, um Abschied von Euch zu nehmen, mein Bruder,« erwiderte Henri.

»Wie, Abschied ... du willst fort von hier?« – »Ja, ich gehe, mein Bruder, denn ich denke, nichts hält mich hier zurück.«

»Wie, nichts?« – »Allerdings; da die Feste, denen ich Eurem Wunsche nach beiwohnen sollte, nicht stattfinden, so bin ich nun von meinem Versprechen entbunden.«

»Ihr täuscht Euch, Henri,« entgegnete der Großadmiral; »ich erlaube Euch ebensowenig heute abzureisen, wie ich es Euch gestern erlaubt hätte.« – »Es sei, mein Bruder, doch dann werde ich mich zum erstenmal in meinem Leben in die schmerzliche Notwendigkeit versetzt sehen, Euren Befehlen ungehorsam zu sein und es an der schuldigen Ehrerbietung gegen Euch mangeln zu lassen; denn von diesem Augenblick an erkläre ich Euch, Anne, daß mich nichts mehr zurückhalten wird, in einen geistlichen Orden einzutreten.«

»Aber die Dispensation, die von Rom kommen soll?« – »Ich werde sie in einem Kloster erwarten.«

»Wahrhaftig, Ihr seid entschieden ein Narr!« rief Joyeuse, indem er mit einem in seinem Gesichte sich scharf ausprägenden Erstaunen aufstand. – »Im Gegenteil, mein teurer und geehrter Bruder, ich bin der Weiseste von allen, denn ich allein weiß, was ich tue.«

»Henri, Ihr hattet uns einen Monat versprochen.« – »Unmöglich, mein Bruder.«

»Noch acht Tage.« – »Nicht eine Stunde.«

»Aber du leidest sehr, armes Kind!« – »Im Gegenteil, ich leide nicht mehr, und deshalb sehe ich, daß es für mein Übel kein Mittel gibt.«

»Aber, mein Freund, jene Frau ist doch nicht von Erz; man kann sie erweichen; ich will sie geschmeidig machen.« – »Ihr werdet das Unmögliche nicht tun, Anne; aber ließe sie sich auch erweichen, so würde ich doch nicht mehr willens sein, sie zu lieben.«

»Wie soll ich das verstehen?« – »Es ist so, mein Bruder.«

»Wie! wenn sie dich haben wollte, würdest du sie nicht mehr wollen? Das ist, bei Gott! Wahnsinn!« – »Oh! nein, gewiß nicht,« rief Henri mit einer Bewegung des Abscheus, »zwischen dieser Frau und mir kann keinerlei Gemeinschaft mehr bestehen.«

»Was soll das heißen?« fragte Joyeuse erstaunt, »und wer ist denn diese Frau? Laß hören, sprich, Henri, du weißt, daß wir nie Geheimnisse füreinander gehabt haben.«

Henri fürchtete, zuviel gesagt und vom Gefühl hingerissen, eine Tür geöffnet zu haben, durch die das Auge seines Bruders bis zu dem furchtbaren Geheimnis dringen konnte, das er in seinem Herzen verschloß. Er verfiel daher in ein entgegengesetztes Extrem und sprach, wie es in solchen Fällen oft geschieht, um das unkluge Wort, das ihm entschlüpft war, wieder zurückzunehmen, ein noch unklugeres aus.

»Mein Bruder,« sagte er, »dringt nicht weiter in mich, diese Frau wird mir nicht gehören, da sie nun Gott gehört.« – »Torheiten, Märchen; diese Frau eine Nonne, sie hat dich belogen.«

»Nein, Bruder, diese Frau hat mich nicht belogen, sie ist Hospitaliterin; sprechen wir also nicht mehr von ihr, und ehren wir alles, was sich in die Arme des Herrn wirft.«

Anne hatte genug Gewalt über sich, um Henri die Freude nicht merken zu, lassen, die ihm diese Mitteilung verursachte.

Er fuhr fort: »Das ist etwas Neues, denn du sprachst nie hiervon.«

»Das ist in der Tat neu, denn sie hat erst kürzlich den Schleier genommen; doch ich bin dessen gewiß; wie der meinige, so ist auch ihr Entschluß unwiderruflich, haltet mich nicht zurück, Bruder, umarmt mich, da Ihr mich liebt, laßt mich Euch für alle Eure Güte, für alle Eure Geduld, für alle Eure unendliche Liebe für einen armen Wahnsinnigen danken, und Gott befohlen!«

Joyeuse schaute seinem Bruder ins Gesicht; er schaute ihn an wie einer, der tief gerührt ist und darauf rechnet, seine Rührung werde bei dem andern die Kraft der Überredung unterstützen. Doch Henri blieb unerschütterlich gegen diese Rührung und antwortete mit seinem traurigen, ewigen Lächeln. Joyeuse umarmte seinen Bruder und ließ ihn gehen.

»Geh,« sagte er zu sich selbst; »es ist noch nicht alles vorbei, und so große Eile du auch haben magst, so werde ich dich doch bald einholen.« Er suchte den König auf, der, mit Chicot an seiner Seite, in seinem Bett frühstückte.

»Guten Morgen! guten Morgen!« sagte Heinrich zu Joyeuse, »es freut mich sehr, dich zu sehen, Anne, denn ich fürchtete, du würdest den ganzen Tag liegenbleiben, Träger. Wie geht es meinem Bruder?« – »Ich weiß es nicht, ich komme, um mit Euch von dem meinigen zu sprechen.«

»Von welchem?« – »Von Henri.«

»Will er immer noch Mönch werden?« – »Mehr als je.«

»Er nimmt das Ordensgewand?« – »Ja, Sire.«

»Er hat recht, mein Sohn.«– »Warum, Sire?«

»Ja, man kommt auf diesem Weg schnell in den Himmel.«

»Oh! Sire,« sagte Chicot zum König, »man kommt noch viel schneller dahin auf dem Weg, den dein Bruder nimmt.«

»Sire, will mir Eure Majestät eine Frage erlauben?« – »Zwanzig, Joyeuse, ich langweile mich sehr in Chateau-Thierry, und deine Fragen werden mich ein wenig zerstreuen.«

»Sire, Ihr kennt alle geistliche Orden des Königreichs?« – »Wie die Wappen, mein Lieber.«

»Wie ist es mit den Hospitaliterinnen?« – »Das ist eine ganz kleine, sehr ausgezeichnete, sehr strenge Gemeinde, bestehend aus zwanzig Stiftsdamen von St. Joseph.«

»Legt man bei ihnen das Gelübde ab?« – »Ja, durch Begünstigung und auf Fürsprache der Königin.«

»Ist es eine Unbescheidenheit, wenn ich Euch nach der Stätte dieser Gemeinschaft frage?« – »Nein; sie ist in der Rue du Chevet-Saint-Landry in der Cité hinter dem Notre-Dame-Kloster.«

»In Paris?« – »In Paris.«

»Ich danke, Sire.« – »Doch warum, zum Teufel, fragst du danach? Sollte dein Bruder seinen Willen verändert haben und, statt sich zum Kapuziner zu machen, nunmehr Hospitaliterin werden wollen?« »Nein, Sire, ich würde ihn dann nach dem, was mir Eure Majestät zu sagen die Gnade hatte, nicht so verrückt finden, sondern ich habe den Verdacht, daß ihm von einem Mitglied dieser Gemeinde der Kopf verrückt worden ist, und ich möchte folglich diese eine entdecken und mit ihr sprechen.«

»Bei Gott!« sagte der König, »ich habe dort vor bald sieben Jahren eine Superiorin gekannt, die sehr schön war.«

»Nun! Sire, es ist vielleicht noch dieselbe.«

»Ich weiß es nicht; auch ich, Joyeuse, bin seit jener Zeit gleichsam in den geistlichen Stand eingetreten.«

»Sire,« sagte Joyeuse, »ich bitte Euch, gebt mir auf jeden Fall einen Brief an diese Superiorin und einen Urlaub auf zwei Tage.« – »Du verläßt mich!« rief der König, »du läßt mich ganz allein hier!«

»Undankbarer,« sagte Chicot, die Achseln zuckend, »bin ich nicht da?« – »Meinen Brief, Sire, bitte!« sagte Joyeuse.

Der König seufzte, schrieb aber trotzdem.

»Doch du hast nur in Paris zu tun?« sagte Heinrich, indem er Joyeuse den Brief zustellte. – »Verzeiht, Sire, ich muß meinen Bruder geleiten oder wenigstens bewachen.«

»Das ist richtig; geh also, und komm bald zurück.«

Joyeuse ließ sich diese Erlaubnis nicht wiederholen; er bestellte schnell seine Pferde und ritt, als er sich versichert hatte, daß Henri schon fort war, im Galopp bis an den Ort seiner Bestimmung.

Ohne die Stiefel zu wechseln, ließ sich der junge Mann unmittelbar nach der Rue du Chevet-Saint-Landry führen. Diese Straße mündete nach der Rue d'Enfer und der damit parallel laufenden Rue des Marmouzets aus.

Ein schwarzes, ehrwürdiges Haus, hinter dessen Mauern man die Gipfel einiger hohen Bäume erblickte, spärliche, vergitterte Fenster, eine kleine Pforte, dies war das Äußere des Klosters der Hospitaliterinnen. Auf den Schlußstein des Bogens über der Pforte hatte ein plumper Handwerksmann mit dem Meißel die lateinischen Worte:

MATRONAE HOSPITES

eingegraben. Die Zeit hatte die Inschrift und den Stein ganz zernagt.

Joyeuse ließ seine Pferde in die Rue des Marmouzets führen, aus Furcht, ihre Anwesenheit in der Straße könnte ein zu großes Aufsehen erregen. Dann klopfte er an das Gitter des Turmes und sagte, als sich jemand zeigte: »Wollt der Frau Superiorin melden, der Herzog von Joyeuse, Großadmiral von Frankreich, wünsche sie im Auftrag des Königs zu sprechen.«

Das Gesicht der Nonnen die hinter dem Gitter erschienen war, errötete unter ihrem Schleier, und der Turm schloß sich wieder. Fünf Minuten nachher öffnete sich eine Tür, und Joyeuse trat in das Sprechzimmer. Eine schöne Frau von hoher Gestalt machte Joyeuse eine tiefe Verbeugung, die der Admiral gebührend erwiderte.

»Madame,« sagte er, »der König weiß, daß Ihr unter die Zahl Eurer Kostgängerinnen eine Person, die ich sprechen muß, aufgenommen habt. Wollt mir eine Unterredung mit dieser Person verschaffen.«

»Mein Herr, wäre es Euch gefällig, mir den Namen dieser Dame zu sagen?« – »Ich weiß ihn nicht, Madame.«

»Wie soll ich dann Eurem Wunsche entsprechen?« – »Nichts kann leichter sein. Wen habt Ihr seit einem Monat aufgenommen?« – »Ihr bezeichnet mir diese Person zu bestimmt oder zu wenig,« sagte die Superiorin, »und ich vermöchte Eurem Verlangen nicht Genüge zu leisten.

»Warum nicht?« – »Weil ich seit einem Monat niemand aufgenommen habe, außer diesen Morgen.«

Diesen Morgen?« – »Ja, Herr Herzog, und Ihr begreift Eure Ankunft zwei Stunden nach der ihrigen gleicht zu sehr einer Verfolgung, als daß ich Euch die Erlaubnis, mit ihr zu sprechen, gewähren könnte.«

»Madame, ich bitte Euch.« – »Unmöglich, mein Herr.«

»Zeigt mir nur diese Dame.« – »Unmöglich, sage ich Euch; Euer Name hat genügt, um Euch die Pforten meines Hauses zu öffnen, doch um mit irgend jemand, außer mir, hier zu sprechen, bedürft Ihr eines Befehls des Königs.«

»Hier ist dieser Befehl, Madame,« erwiderte Joyeuse und überreichte den vom König unterzeichneten Brief.

Die Superiorin las ihn und verneigte sich.

»Der Wille Seiner Majestät soll geschehen, selbst wenn er dem Willen Gottes entgegensteht,« sagte sie und wandte sich nach dem Hof des Klosters.

»Ihr seht nun, Madame,« sagte Joyeuse, der sie mit aller Höflichkeit zurückhielt, »Ihr seht, daß ich das Recht habe; doch ich befürchte einen Mißbrauch oder einen Irrtum, vielleicht ist diese Dame nicht die, welche ich suche, habt also die Güte, mir zu sagen, wie sie gekommen ist, warum sie gekommen ist, und wer sie begleitet hat.«

»Dies alles ist unnötig, Herr Herzog,« entgegnete die Superiorin, »Ihr irrt Euch nicht, die Dame, die erst diesen Morgen angekommen ist, nachdem sie vierzehn Tage auf sich warten ließ, diese Dame, die mir von einer Person empfohlen worden ist, die alles Ansehen bei mir hat, ist sicher die, welche der Herr Herzog von Joyeuse sprechen muß.«

Bei diesen Worten machte die Superiorin dem Herzog eine neue Verbeugung und verschwand. Nach zehn Minuten kam sie zurück mit einer Hospitaliterin, deren Schleier ganz über ihr Gesicht herabgeschlagen war. Es war Diana, die schon das Ordenskleid genommen hatte. Der Herzog dankte der Superiorin, bot der fremden Dame einen Stuhl, setzte sich selbst, und die Superiorin ging hinaus, indem sie mit ihrer Hand die Türen des öden, düsteren Sprechzimmers schloß.

»Madame,« sagte Joyeuse, »Ihr seid die Dame der Rue des Augustins, die geheimnisvolle Frau, die mein Bruder, der Herr Graf du Bouchage, wahnsinnig liebt.«

Die Hospitaliterin neigte den Kopf, um zu antworten, sprach aber nicht. Dieses Benehmen erschien Joyeuse als eine Unhöflichkeit; zuvor schon nicht sehr gut gegen die Fremde gestimmt, fuhr er fort: »Ihr konntet unmöglich glauben, Madame, es genüge, schön zu sein oder schön zu scheinen, kein Herz unter dieser Schönheit verborgen zu haben, eine beklagenswerte Leidenschaft in dem Gemüte eines jungen Mannes meines Namens entstehen zu machen und eines Tages zu diesem jungen Mann zu sagen: ›Schlimm für Euch, wenn Ihr ein Herz habt, ich habe keines und will keines haben.‹«

»Das habe ich nicht geantwortet, mein Herr, und Ihr seid schlecht unterrichtet,« sagte die Hospitaliterin mit einem so edlen und so rührenden Ton ihrer Stimme, daß sich Joyeuses Zorn einen Augenblick milderte.

»Die Worte tun nichts zum Sinn, Madame; Ihr habt meinen Bruder zurückgestoßen und in Verzweiflung gebracht.«

»Ohne meine Schuld, mein Herr, denn ich habe stets Herrn du Bouchage von mir zu entfernen gesucht.«

»Das nennt man den Kunstgriff der Koketterie.«

»Niemand hat das Recht, mich anzuklagen; ich habe keine Schuld; geratet Ihr gegen mich in Zorn, so werde ich Euch nicht antworten.«

»Oho!« rief Joyeuse, der sich immer mehr erhitzte, »Ihr habt meinen Bruder ins Verderben gestürzt und glaubt, Euch mit dieser herausfordernden Majestät rechtfertigen zu können. Nein, nein, der Schritt, den ich tue, muß Euch Licht über meine Absichten geben; ich spreche im Ernste, das schwöre ich Euch, und an dem Zittern meiner Hände und meiner Lippen seht Ihr, daß Ihr guter Beweisgründe bedürfen werdet, um mich zu besänftigen.«

Die Hospitaliterin stand auf und sagte mit derselben Kaltblütigkeit: »Wenn Ihr gekommen seid, um eine Frau zu beleidigen, so beleidigt mich, mein Herr; wenn Ihr gekommen seid, um mich von meinem Willen abzubringen, so verliert Ihr Eure Zeit. Entfernt Euch.«

»Ah! Ihr seid kein menschliches Geschöpf,« rief Joyeuse außer sich, »Ihr seid ein Dämon.«

»Ich habe gesagt, ich würde nicht mehr antworten; doch das ist nicht genug, und ich gehe.«

Und die Hospitaliterin machte einen Schritt nach der Tür.

Joyeuse hielt sie zurück.

»Ah! wartet einen Augenblick, ich suche Euch schon zu lange, um Euch so entfliehen zu lassen, und da es mir endlich gelungen ist, Euch zu finden, da mich endlich Eure Unempfindlichkeit in dem Gedanken bestätigt hat, Ihr seid ein höllisches Geschöpf, abgesandt von dem Feinde der Menschen, um meinen Bruder zu verderben, so will ich dieses Gesicht sehen, auf das der Abgrund seine schwärzesten Drohungen geschrieben hat; ich will das Feuer dieses unseligen Blickes sehen, der die Geister verwirrt. Es ist nun an uns, Satan!«

Und während Joyeuse mit einer Hand das Zeichen des Kreuzes in Form einer Teufelsbeschwörung machte, riß er mit der andern den Schleier ab, der das Gesicht der Hospitaliterin bedeckte; doch stumm, unempfindlich, ohne Zorn, ohne Vorwurf, heftete diese ihren sanften, reinen Blick auf den, der sie so grausam verletzte, und sagte: »Oh! Herr Herzog, was Ihr da macht, ist eines Edelmanns unwürdig,«

Joyeuse war im Herzen getroffen, so viel Sanftmut beschwichtigte seinen Zorn, so viel Schönheit brachte seine Vernunft in Verwirrung.

»Es ist wahr,« sagte er nach langem Stillschweigen, »Ihr seid schön, und Henri mußte Euch lieben; doch Gott hat Euch die Schönheit nur gegeben, um sie wie einen Wohlgeruch über ein an das Eure gefesseltes Dasein auszubreiten.«

»Mein Herr, habt Ihr nicht mit Eurem Bruder gesprochen? Oder wenn Ihr mit ihm gesprochen habt, so hielt er es nicht für geeignet, Euch zu seinem Vertrauten zu machen, denn sonst hätte er Euch erzählt, daß ich getan habe, was Ihr sagt; ich habe geliebt, ich werde nicht mehr lieben; ich habe gelebt, ich muß sterben.«

Joyeuse hatte Diana unablässig angeschaut. Die Flamme dieser allmächtigen Blicke war bis in die Tiefe seiner Seele eingedrungen, jenen vulkanischen Feuerausbrüchen ähnlich, die das Erz der Bildsäulen schmelzen, wenn sie nur an ihnen vorüberkommen.

Dieser Strahl hatte alles Üble im Herzen des Admirals verzehrt, das reine Gold verblieb darin, und dieses Herz brach aus wie der Tigel unter dem Flusse des Metalls.

»Oh! ja,« sagte er noch einmal mit leiserer Stimme, indes er fortwährend seinen Blick auf sie heftete, in dem das Feuer des Zornes immer mehr erlosch; »oh! ja, Henri mußte Euch lieben ... Oh! Madame, habt Mitleid, auf den Knien flehe ich Euch an, liebt meinen Bruder.«

Diana blieb kalt und schweigsam.

»Treibt nicht eine Familie bis zum Todeskampf, richtet die Zukunft unseres Geschlechtes nicht zugrunde, laßt nicht den einen aus Verzweiflung, die anderen aus Kummer sterben.«

Diana antwortete nicht und schaute nur fortwährend den vor ihr gebeugten Flehenden traurig an.

»Oh!« rief Joyeuse endlich, indem er wütend seine krampfhaft geballte Faust an sein Herz preßte, »oh! habt Mitleid mit meinem Bruder, habt Mitleid mit mir, ich brenne, dieser Blick versengt mich ... Gott befohlen, Madame, Gott befohlen!«

Er erhob sich wie ein Wahnsinniger, riß die Riegel der Tür des Sprechzimmers auf und entfloh ganz verwirrt bis zu seinen Leuten, die ihn an der Ecke der Rue d'Enfer erwarteten. Seine Hoheit Monseigneur der Herzog von Guise

Am Sonntag, den 10. Juni, ungefähr um elf Uhr, war der ganze Hof in dem Zimmer vor dem Kabinett versammelt, wo seit seinem Zusammentreffen mit Diana von Meridor der Herzog von Anjou langsam und unglücklich hinstarb. Weder die Wissenschaft der Ärzte noch die Verzweiflung seiner Mutter noch die vom König befohlenen Gebete hatten das unselige Ereignis zu beschwören vermocht. Am Morgen des 10. Juni erklärte Miron dem König, es gebe kein Mittel für die Krankheit, und Franz von Anjou würde den Tag nicht überleben.

Der König legte einen großen Schmerz zur Schau und sagte, indem er sich an die Anwesenden wandte:

»Das gibt unsern Feinden viel Hoffnung.«

Worauf die Königin-Mutter erwiderte: »Unser Schicksal liegt in den Händen Gottes, mein Sohn.«

Chicot, der ganz demütig und zerknirscht in der Nähe des Königs stand, sagte ganz leise zu diesem: »Helfen wir Gott, wenn wir können, Sire.«

Nichtsdestoweniger verlor der Kranke gegen halb zwölf Uhr die Farbe und das Gesicht; sein bis dahin offener Mund schloß sich; der Blutfluß, der seit einigen Tagen alle Anwesenden erschreckt hatte, wie einst der Blutschweiß Karls IX., hörte plötzlich auf, und alle Glieder wurden kalt.

Heinrich saß zu den Häupten seines Bruders. Catharina hielt, neben dem Bett sitzend, eine eisige Hand des Sterbenden. Der Bischof von Chateau-Thierry und der Kardinal von Joyeuse sprachen Sterbegebete, die die Anwesenden kniend und mit gefalteten Händen wiederholten.

Gegen Mittag öffnete der Kranke die Augen; die Sonne befreite sich von einer Wolke und übergoß das Bett mit einer goldenen Glorie. Franz, der bis dahin nicht einen Finger hatte rühren können, und dessen Geist wie die Sonne, die wieder erschien, verschleiert gewesen war, Franz hob einen Arm mit der Gebärde eines erschrockenen Menschen zum Himmel empor.

Er schaute umher, hörte die Gebete, fühlte sein Übel und seine Schwäche und erriet seine Lage, vielleicht, weil er schon halb jene finstere, unselige Welt erblickte, wohin gewisse Seelen gehen, nachdem sie die Erde verlassen haben. Dann stieß er einen Schrei aus und schlug sich mit solcher Gewalt vor die Stirn, daß die ganze Versammlung erbebte. Die Stirn faltend, als ob er in seinem Innern eines von den Geheimnissen seines Lebens gelesen hätte, murmelte er: »Bussy ... Diana!«

Dieses letzte Wort hörte niemand als Catharina, mit so schwacher Stimme sprach es der Sterbende. Mit der letzten Silbe dieses Namens gab Franz seinen Geist auf.

Durch ein seltsames Zusammentreffen verschwand in demselben Augenblick die Sonne, die das Wappenschild von Frankreich und die goldenen Lilien bestrahlte; so daß diese Lilien, einen Augenblick zuvor noch glänzend, ebenso düster wurden wie der Azur, den sie vorher mit einem Gestirn schmückten, das nicht minder schimmerte als das, welches das träumerische Auge am Himmel sucht.

Catharina ließ die Hand ihres Sohnes fallen. Heinrich III. schauerte und stützte sich zitternd auf die Schulter Chicots, der ebenfalls schauerte, doch nur wegen der Ehrfurcht die jeder Christ den Toten schuldig ist. Miron hielt einen goldenen Kelchdeckel an Franz' Lippen und sagte, nachdem er ihn einige Sekunden aufmerksam betrachtet hatte: »Monseigneur ist tot.«

Worauf sich ein langer Seufzer in den Vorzimmern als Begleitung des Klagepsalms erhob, den der Kardinal murmelte.

»Tot!« wiederholte der König, der sich in seinem Lehnstuhl bekreuzte. »Der einzige Erbe des Thrones von Frankreich,« murmelte Catharina, die, ihren Platz neben dem Toten verlassend, schon zu dem einzigen Sohn, der ihr blieb, zurückgekehrt war.

»Oh!« sagte Heinrich, »dieser Thron von Frankreich ist sehr weit für einen König ohne Nachkommenschaft; die Krone ist sehr weit für ein einziges Haupt ... Keine Kinder, keine Erben, wer wird mir in der Regierung folgen?«

Als er diese Worte vollendete, erscholl ein gewaltiger Lärm auf der Treppe und in den Sälen.

Nambu stürzte in das Sterbezimmer und meldete: »Seine Hoheit Monseigneur der Herzog von Guise.«

Bestürzt über diese Antwort auf die Frage, die er an sich selbst gerichtet, erbleichte der König, stand auf und schaute seine Mutter an.

Catharina war noch bleicher als ihr Sohn. Bei der Ankündigung dieses furchtbaren Unglücks, das ein Zufall seinem Geschlechte weissagte, ergriff sie die Hand des Königs und drückte sie, als wollte sie ihm sagen: »Hier ist die Gefahr ... doch fürchtet nichts, denn ich bin bei Euch!«

Der Sohn und die Mutter hatten sich in demselben Schrecken und in derselben Drohung begriffen.

Der Herzog trat mit seinen Kapitänen ein. Er erschien mit erhobener Stirn, wenn auch seine Augen den König und das Sterbebett seines Bruders mit einer gewissen Verlegenheit suchten.

Mit jener erhabenen Majestät, die er allein vielleicht in gewissen Augenblicken in seiner so seltsam gemischten Natur fand, hielt Heinrich III. den Herzog durch eine fürstliche Gebärde auf, durch die er ihm den königlichen Leichnam auf dem durch den Todeskampf zerkrümpelten Bett zeigte. Der Herzog beugte sich und fiel langsam auf die Knie. Alles um ihn her neigte das Haupt und bog das Knie. Heinrich III. allein blieb aufrecht bei seiner Mutter stehen, und sein Blick glänzte zum letzten Male vor Stolz.

Chicot erschaute diesen Blick und murmelte ganz leise den andern Vers aus den Psalmen: »Er wird die Mächtigen vom Throne stürzen und die Demütigen erheben.«

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