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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Wie Chicot in dem Briefe des Herzogs von Guise klarzusehen anfing.

Chicot glaubte wohl irgendwo die Gestalt dieses so gefälligen Kavaliers gesehen zu haben, vermochte sich aber der Persönlichkeit nicht genau zu erinnern. Während er aber noch, im Schatten verborgen, die Augen auf das beleuchtete Fenster geheftet, sich fragte, was dieser Mann und diese Frau jetzt unter vier Augen im Kühnen Ritter machten, sah unser würdiger Gaskogner, wie sich die Tür des Wirtshauses öffnete, und in dem Lichtstreifen, der aus der Öffnung hervordrang, etwas wie der schwarze Umriß eines Mönchleins erschien.

Dieser Umriß hielt einen Augenblick an, um nach demselben Fenster zu schauen, nach dem Chicot schaute.

»Oho!« murmelte er, »das scheint mir ein Jakobinerrock zu sein; läßt Meister Gorenflot in der Zucht nach, daß er seine Schafe zu einer solchen Stunde der Nacht und in einer solchen Entfernung von der Priorei umherschweifen läßt?«

Chicot folgte mit den Augen dem Jakobiner, während er die Rue des Augustins hinabging, und ein besonderer Instinkt sagte ihm, er würde in dem Mönch den Schlüssel zu dem Rätsel finden, den er bis jetzt vergebens gesucht hatte.

Wie Chicot die Gestalt des Kavaliers bekannt vorkam, so auch die des Mönchleins.

»Ich will verdammt sein,« sagte er, »wenn dieses Mönchsgewand nicht dem kleinen Ungläubigen angehört, den man mir als Reisegefährten geben wollte, und der mit der Büchse und dem Rapier so gut umzugehen weiß.«

Um seiner Sache gewiß zu werden, verlängerte Chicot seine an sich schon langen Schritte. Bald hatte er auch den sich beständig sehnsüchtig nach den erhellten Fenstern umschauenden Mönch eingeholt und sah nun, daß er sich nicht getäuscht hatte.

»Holla! kleiner Bursche,« sagte er; »holla, mein kleiner Jacques; holla, mein kleiner Clement. Halt!«

Dieses letzte Wort sprach er so militärisch scharf, daß der Mönch bebte.

»Wer ruft mich?« fragte er mit einem heftigen und mehr herausfordernden als wohlwollenden Ton.

»Ich!« erwiderte Chicot, indem er sich vor dem Jakobiner hoch aufrichtete; »ich, erkennst du mich nicht, mein Sohn?« – »Ah! Herr Robert Briquet,« rief das Mönchlein.

»Ich selbst. Kleiner. Und wohin gehst du so spät, liebes Kind?« – »In die Priorei, Herr Briquet.«

»Gut; doch woher kommst du?« – »Ich?«

»Allerdings, kleiner Nachtschwärmer.« – Zitternd erwiderte der junge Mensch: »Ich weiß nicht, was Ihr da sagt, Herr Briquet; ich bin im Gegenteil in einem wichtigen Auftrag von Dom Modeste abgeschickt, und er selbst wird Euch dies bezeugen, wenn es nötig ist ...«

»Ruhig, ruhig, mein kleiner Heiliger; wir fangen Feuer wie eine Lunte, wie es scheint.« – »Ist kein Grund dazu vorhanden, wenn man sich nennen hört, wie Ihr mich nennt?«

»Ah! siehst du, wenn ein Gewand wie das deinige zu einer solchen Stunde aus einer Schenke herauskommt ...« – »Ich, aus einer Schenke!«

»Ei! gewiß, ist das Haus, aus dem du kommst, nicht das zum Kühnen Ritter? Ah! du siehst wohl, daß ich dich ertappe.« – »Ihr habt recht,« erwiderte Clement; »doch ich kam nicht aus einer Schenke.«

»Wie, ist das Wirtshaus zum Kühnen Ritter keine Schenke?« – »Eine Schenke ist ein Haus, wo man trinkt, und da ich in diesem Hause nichts getrunken habe, so ist dieses Haus für mich keine Schenke.«

»Teufel! die Unterscheidung ist fein, und wenn mich nicht alles täuscht, wirst du eines Tages ein gewaltiger Theologe; doch wenn du nicht in dieses Haus gingst, um zu trinken, warum gingst du denn dahin?« – Clement antwortete nicht, und Chicot konnte auf seinem Gesichte trotz der Dunkelheit den festen Willen lesen, nicht ein einziges Wort mehr zu sagen.

Nachdem Chicot vergeblich auf verschiedene Weise versucht hatte, den Kleinen zum Sprechen zu bringen, beschloß er, es mit der Ungerechtigkeit zu versuchen, die bei Frauen, Kindern und abhängigen Naturen manchmal Wunder wirkt.

»Gleichviel, Kleiner,« sagte er, als ob er auf seinen ersten Gedanken zurückkäme, »gleichviel, du bist ein ganz artiges Mönchlein; doch du gehst in Wirtshäuser und gar in Wirtshäuser, wo man schöne Frauen findet, und du bleibst entzückt vor dem Fenster stehen, wo man ihren Schatten sehen kann; Kleiner, Kleiner, ich werde es Dom Modeste sagen.«

Der Schlag traf scharf, schärfer sogar, als es Chicot gedacht hatte, denn er vermutete anfangs nicht, die Wunde würde so tief werden, Jacques wandte sich um, einer Schlange ähnlich, die man mit den Füßen tritt.

»Das ist nicht wahr,« rief er, rot vor Scham und Zorn, »ich schaue nicht nach den Frauen.«

»Doch, doch!« fuhr Chicot fort, »es war im Gegenteil eine sehr schöne Frau im Kühnen Ritter, als du herauskamst, und du hast dich umgewandt, um sie noch zu sehen, und ich weiß, daß du im Türmchen auf sie wartetest, und ich weiß, daß du sie gesprochen hast.«

Da konnte Jacques nicht mehr an sich halten.

»Allerdings habe ich sie gesprochen,« rief er, »ist es eine Sünde, mit Frauen zu sprechen?«

»Nein, wenn man mit ihnen nicht aus eigenem Antrieb und durch eine Versuchung Satans bewogen spricht.«

»Satan hat mit alldem nichts zu tun, und ich mußte wohl mit dieser Dame sprechen, da ich beauftragt war, ihr einen Brief zu übergeben.«

»Beauftragt von Dom Modeste?« – »Ja, klagt nun bei ihm.«

Einen Augenblick betäubt und in der Finsternis tappend, fühlte Chicot bei diesen Worten einen Blitz die Dunkelheit seines Gehirnes durchzucken.

»Ah!« sagte er, »ich wußte das wohl.« – »Was wußtet Ihr?«

»Das, was du mir nicht sagen wolltest.« – »Ich sage meine Geheimnisse nicht einmal und noch viel weniger die von andern

»Ja; aber mir.« – »Warum Euch?«

»Mir, der ich ein Freund von Dom Modeste bin, und dann mir ...« – »Nun?«

»Mir, der ich zum voraus alles weiß, was du mir sagen könntest.« – Der kleine Jacques schaute Chicot, den Kopf schüttelnd und mit einem ungläubigen Lächeln an.

»Soll ich dir erzählen, was du mir nicht erzählen willst?« fragte Chicot. – »Erzählt es mir.«

»Vor allem,« sagte Chicot, »ist der arme Borromée ...«

Jacques' Gesicht verdüsterte sich.

»Oh!« sagte der Knabe, »wenn ich dabei gewesen wäre ...«

»Wenn du dabei gewesen wärest?« – »So würde die Sache nicht so gegangen sein.«

»Du hättest ihn gegen die Schweizer verteidigt, mit denen er Streit bekommen?« – »Ich hätte ihn gegen jeden verteidigt.«

»Somit wäre er nicht getötet worden?« – »Oder ich wäre mit ihm getötet worden.«

»Nun, du warst nicht dabei, und der arme Teufel ist in einem abscheulichen Wirtshause gestorben und hat sterbend den Namen von Dom Modeste ausgesprochen?« – »Ja.«

»Man hat Dom Modeste davon benachrichtigt?« – »Ein Mann erschien ganz bestürzt und machte Lärm im Kloster.«

»Und Dom Modeste ließ seine Sänfte kommen und eilte nach dem Füllhorn?« – »Woher wißt Ihr das?« »Oh! du kennst mich noch nicht, Kleiner; ich bin ein Stück von einem Hexenmeister.«

Jacques wich zwei Schritte zurück.

»Das ist noch nicht alles,« fuhr Chicot fort, der sich, während er sprach, durch das eigene Licht seiner Worte erleuchtete, »man fand einen Brief in der Tasche des Toten.« – »Einen Brief, so ist es.«

»Und Dom Modeste beauftragte seinen kleinen Jacques, diesen Brief an seine Adresse zu überbringen.« – »Ja.«

»Und der kleine Jacques lief auf der Stelle nach dem Hotel Guise.« – »Oh!«

»Wo er niemand fand ...« – »Guter Gott!«

»Als Herrn von Mayneville.« – »Barmherzigkeit.«

»Der Jacques in das Wirtshaus zum Kühnen Ritter führte.« – »Herr Briquet! Herr Briquet, wenn Ihr das wißt!«

»Alle Wetter, du siehst wohl, daß ich es weiß,« rief Chicot triumphierend. – »Ihr seht also wohl, Herr Briquet, daß ich nicht schuldig bin.«

»Nein,« erwiderte Chicot, »du bist weder durch Handlung noch durch Unterlassung schuldig, wohl aber in Gedanken.« – »Ich?«

»Gewiß, du findest die Herzogin sehr schön.« – »Ich!!«

»Und du wendest dich um, damit du sie noch einmal durch die Scheiben siehst.« – »Ich!!!«

Das Mönchlein errötete und stammelte: »Es ist richtig, sie gleicht einer Jungfrau Maria, die zu den Häupten meiner Mutter war.«

»Oh!« murmelte Chicot, »wieviel geht für die Leute verloren, die nicht neugierig sind.«

Dann ließ er sich von dem kleinen Clement alles erzählen, was er selbst erzählt hatte, nur diesmal mit Einzelheiten, die er nicht wissen konnte.

Dann, als er nichts mehr von ihm erfahren konnte, rief er: »Vorwärts, vorwärts, Kleiner, denn man erwartet dich voll Ungeduld in der Priorei.« – »Es ist wahr: ich danke, Herr Briquet, daß Ihr mich daran erinnert.«

Und das Mönchlein verschwand, eiligst davonlaufend.

Mit großen Schritten kehrte Chicot nach seinem Hause zurück. Die Sänfte, die Träger und das Pferd waren immer noch vor der Tür des Kühnen Ritters. Geräuschlos erreichte er seine Rinne. Er sah das dem seinigen gegenüberliegende Haus noch beleuchtet. Denn von nun an hatte er nur noch Blicke für dieses Haus.

Er sah anfangs durch den Spalt eines Vorhangs Ernauton hin und her gehen, der voll Ungeduld zu warten schien. Dann sah er die Sänfte zurückkehren, Mayneville wegreiten und endlich die Herzogin in das Zimmer treten, wo Ernauton mehr zitterte als atmete.

Ernauton kniete vor der Herzogin nieder, die ihm ihre weiße Hand zu küssen gab. Dann hob die Herzogin den jungen Mann auf und ließ ihn sich gegenüber an eine zierlich bestellte Tafel sitzen.

»Das ist sonderbar,« sagte Chicot, »das fing wie eine Verschwörung an und endigt wie eine Liebesgeschichte.«

»Ja,« fuhr Chicot fort, »doch wer betreibt diese Liebesgeschichte? Frau von Montpensier.«

Dann sich durch ein neues Licht erleuchtend, murmelte er: »Hoho! Liebe Schwester, ich billige Euren Plan in Beziehung auf die Fünfundvierzig, nur erlaubt mir, Euch zu sagen, daß Ihr diesen Burschen viel Ehre erweist.«

»Alle Wetter!« rief Chicot, »ich komme auf meinen ersten Gedanken zurück; es ist keine Liebe, es ist eine Verschwörung. Die Herzogin von Montpensier liebt Herrn Ernauton von Carmainges; überwachen wir die Liebschaft der Frau Herzogin.«

Chicot wachte bis um halb acht Uhr; zu welcher Stunde Ernauton, den Mantel auf der Nase; weglief, während die Herzogin von Montpensier wieder in ihre Sänfte stieg.

»Was ist nun,« murmelte Chicot, indem er seine Treppe hinabging, »was ist nun die Chance eines Todes, welcher den Herzog von Guise von dem mutmaßlichen Thronerben befreien soll? Wer sind die Leute, die man für tot hielt, und die noch leben?

»Alle Wetter! ich könnte wohl auf der Spur sein.«

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