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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Der Gatte und der Liebhaber.

Nicht ohne mächtige Gemütsbewegung sah Chicot wieder die ruhige und öde Rue des Augustins, die Ecke, welche die Häuser, die vor dem seinigen standen, bildeten, und endlich sein Haus selbst mit seinem dreieckigen Dach, seinem wurmstichigen Balkon und den mit Drachenköpfen verzierten Dachrinnen.

Er hatte so sehr gefürchtet, nur eine Lücke an Stelle dieses Hauses zu finden, daß ihm das Haus als Wunder der Reinlichkeit, der Freundlichkeit und des Glanzes erschien.

Auch seinen Goldtalerschatz fand er unversehrt in dem Stützbalken, in dem er ihn, wie wir wissen, versteckt hatte.

»Alle Wetter,« murmelte Chicot, als er, seinen Schatz vor seinen Augen, mitten im Zimmer kauerte, »alle Wetter, ich habe da einen vortrefflichen Nachbar, einen würdigen Mann, der mein Geld in Achtung erhalten und selbst geachtet hat; das ist wahrhaftig eine unschätzbare Handlung in diesen Zeitläuften. Bei Gott! ich bin diesem artigen Mann einen Dank schuldig, und er soll ihn noch diesen Abend haben.«

Hierauf setzte Chicot das zudeckende Brettchen wieder auf den Balken, trat an das Fenster und schaute nach dem Hause gegenüber. Es hatte immer noch die graue, düstere Farbe, welche die Einbildungskraft unwillkürlich den Gebäuden leiht, deren Charakter sie kennt.

»Es muß ihre Stunde zum Schlafengehen noch nicht gekommen sein.« sagte Chicot, »und überdies sind diese Leute, dessen bin ich sicher, keine argen Schläfer; wir wollen also sehen.«

Er stieg hinab und klopfte, nachdem er seiner lachenden Miene allen Liebreiz zu geben bemüht gewesen, an die Tür des Nachbars.

Er hörte auf der Treppe gehen, und zwar mit behendem Schritte, und wartete dennoch ziemlich lange, ehe er zum zweiten Male klopfte.

Bei dieser neuen Aufforderung öffnete sich die Tür, und ein Mann erschien im Schatten.

»Meinen Dank und guten Abend,« sagte Chicot, indem er die Hand ausstreckte; »ich bin nun zurückgekehrt und komme, um Euch meine Erkenntlichkeit auszudrücken, lieber Nachbar.«

»Was beliebt?« machte eine Stimme, deren Ton Chicot sehr in Erstaunen setzte.

Zugleich tat der Mann, der die Tür geöffnet hatte, einen Schritt rückwärts.

»Ah! ich täusche mich,« sagte Chicot, »Ihr wart nicht mein Nachbar, als ich abreiste, und, Gott vergebe mir, dennoch kenne ich Euch.«

»Und ich kenne Euch auch,« erwiderte der junge Mann.

»Ihr seid der Herr Vicomte Ernauton von Carmainges.«

»Und Ihr, Ihr seid der Schatten.«

»In der Tat,« rief Chicot, »ich falle aus den Wolken.« »Was wünscht Ihr, mein Herr?« fragte der junge Mann etwas ärgerlich.

»Verzeiht, ich störe Euch wohl, mein lieber Herr.« – »Nein, doch Ihr werdet mir wohl erlauben, Euch zu fragen, was zu Euren Diensten steht?«

»Nichts, wenn nicht, daß ich mit dem Herrn des Hauses sprechen wollte.« – »Sprecht also!«

»Wieso?« – »Der Herr des Hauses bin ich.«

»Ihr? Ich bitte, seit wann?« – »Seit drei Tagen.«

»Gut! das Haus war also zu verkaufen?« – »Es scheint, da ich es gekauft habe.«

»Aber der ehemalige Eigentümer?« – »Bewohnt es nicht mehr, wie Ihr seht.«

»Wo ist er?« – »Ich weiß es nicht.«

»Verständigen wir uns, mein Herr.« – »Das ist mir ganz lieb,« erwiderte Ernauton mit sichtbarer Ungeduld; »nur wollen wir uns rasch verständigen.«

»Der ehemalige Eigentümer war ein Mann von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, der aber vierzig zu sein schien.« – »Nein; es war ein Mann von fünfundsechzig bis sechsundsechzig Jahren, was sein Alter zu sein schien.«

»Kahl.« – »Nein, im Gegenteil, mit einem Wald weißer Haare.«

»Nicht wahr, er hatte eine ungeheure Narbe an der linken Seite seines Kopfes?« –. »Die Narbe habe ich nicht gesehen, aber eine große Anzahl von Runzeln.«

»Das begreife ich nicht.« – »Nun, so sprecht,« sagte Ernauton, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, »was wolltet Ihr von diesem Mann, mein lieber Herr Schatten?«

Chicot wollte sagen, was seine Absicht war; doch plötzlich schien es ihm besser, an sich zu halten, und er erwiderte: »Ich wollte ihm einen kleinen Besuch machen, wie man dies unter Nachbarn zu tun pflegt.«

Auf diese Art log Chicot nicht und verriet nichts.

»Mein lieber Herr,« sagte Ernauton höflich, zugleich aber die Öffnung der Tür beträchtlich vermindernd, die er mit der Hand hielt, »mein lieber Herr, ich bedaure, Euch keine genaue Auskunft geben zu können.«

»Ich danke, mein Herr,« sagte Chicot, »ich werde anderswo suchen.«

»Aber,« fuhr Ernauton fort, während er die Tür immer mehr zumachte, »aber das hält mich nicht ab, mir zu dem Zufall, der mich mit Euch wieder in Berührung setzt, Glück zu wünschen.«

»Du möchtest mich gern beim Teufel sehen, nicht wahr?« dachte Chicot, während er den Gruß erwiderte.

Doch da Chicot sich immer noch nicht zurückzog, sagte Ernauton, von dem nur noch das Gesicht zwischen der Tür und dem Pfosten sichtbar war: »Auf baldiges Wiedersehen, mein Herr.«

»Nur noch einen Augenblick, Herr, von Carmainges.«

»Mein Herr,« entgegnete Ernauton, »zu meinem großen Bedauern kann ich nicht länger verweilen; ich erwarte jemand, der gerade an diese Tür klopfen soll, und dieser jemand würde es mir sehr verargen, wenn ich bei seinem Empfang nicht mit aller möglichen Diskretion zu Werke ginge.«

»Das genügt, mein Herr, ich begreife,« sagte Chicot; »verzeiht, daß ich Euch belästigt habe, ich entferne mich.«

»Gott befohlen, lieber Herr Schatten.«

»Gott befohlen, würdiger Herr Ernauton.«

Hierauf machte Chicot einen Schritt rückwärts und sah, wie man ihm die Tür vor der Nase schloß.

Chicot bedachte, daß es sehr seltsam sei, Ernauton sich so als Herrn in dem geheimnisvollen Hause einnisten zu sehen, dessen Bewohner so plötzlich verschwunden waren. Um so mehr, als sich auf diese früheren Bewohner ein Satz im Briefe des Herzogs von Guise, der den Herzog von Anjou betraf, beziehen konnte.

Es kam ihm seltsam vor, daß er Ernauton in diesem Hause sah, wo er Remy gesehen hatte, einmal, weil sich diese beiden gar nicht kannten; es mußte also noch ein Chicot unbekannter Vermittler im Spiele sein.

Zweitens wunderte er sich, weil dieses Haus an Ernauton verkauft worden war, der kein Geld besaß, um es zu kaufen.

»Es ist wahr,« sagte Chicot zu sich selbst, indem er sich so bequem als möglich auf seiner Dachrinne, seinem gewöhnlichen Beobachtungsposten, einrichtete, »der junge Mann behauptet, er werde einen Besuch bekommen, und dieser Besuch sei der einer Frau; heutzutage sind die Frauen reich und erlauben sich manches. Ernauton ist schön, jung, zierlich, Ernauton hat gefallen, Man hat ihm Rendezvous gegeben, man hat ihn dieses Haus zu kaufen beauftragt; er hat das Haus gekauft und das Rendezvous angenommen.«

Als Chicot so weit in seinen Betrachtungen gekommen war, wurde er seinem Nachsinnen durch die Ankunft einer Sänfte entzogen, die von der Seite des Gasthofes zum Kühnen Ritter kam.

Diese Sänfte hielt vor der Schwelle des geheimnisvollen Hauses. Eine verschleierte Dame stieg aus und verschwand alsbald durch die Tür, die Ernauton halb geöffnet hielt.

»Armer Junge,« murmelte Chicot, »ich täuschte mich nicht, er erwartete eine Frau, und nun will ich mich schlafen legen.«

Chicot erhob sich; doch er blieb unbeweglich stehen.

»Ich' täusche mich,« sagte er, »ich werde nicht schlafen. Doch, wenn ich nicht schlafe, so sind es nicht Gewissensbisse, die mich am Schlafen hindern, es wird die Neugierde sein, und was ich da sage, ist so wahr, daß ich, wenn ich an meinem Beobachtungsposten bleibe, nur mit einem beschäftigt sein werde, nämlich damit, zu erfahren, welche von den edlen Damen vom Hofe den schönen Ernauton mit ihrer Liebe beehrt. Es ist also besser, wenn ich auf meinem Posten bleibe, da ich doch sicher wieder aufstehen würde, um dahin zurückzukehren.«

Damit setzte sich Chicot wieder.

Es war ungefähr eine Stunde abgelaufen, ohne daß wir sagen könnten, ob Chicot an die unbekannte Dame oder an Borromée dachte, ob er von der Neugierde in Anspruch genommen oder von Reue erfüllt war, als er am Ende der Straße den Galopp eines Pferdes zu hören glaubte. Es erschien in der Tat bald ein in seinen Mantel gehüllter Reiter.

Dieser hielt mitten in der Straße an und suchte sich, wie es schien, auszukennen. Da erblickte er die Gruppe, welche die Sänfte und ihre Träger bildeten. Er ritt gerade auf sie zu, man hörte seinen Degen an seine Sporen schlagen, er war also bewaffnet. Die Träger wollten sich ihm widersetzen; doch er sprach leise ein paar Worte zu ihnen, und sie traten nicht nur ehrfurchtsvoll auf die Seite, sondern es nahm sogar, als er abgestiegen war, einer aus seinen Händen die Zügel seines Pferdes.

Der Unbekannte ging auf die Tür zu und klopfte heftig an.

»Bei Gott!« sagte Chicot zu sich selbst, »es war vernünftig von mir, daß ich geblieben bin! Meine Ahnungen, die mir verkündigten, es würde etwas Seltsames vorgehen, betrogen mich nicht. Das ist der Mann, armer Ernauton! Es wird sogleich eine Ermordung geben. Doch wenn es der Mann ist, so ist er sehr gut, daß er seine Ankunft durch ein so heftiges Klopfen verkündigt.«

Aber trotz des heftigen Klopfens zögerte man, ihm zu öffnen.

»Öffnet!« rief der Klopfende.

»Öffnet! öffnet.!« wiederholten die Träger.

»Unleugbar,« sagte Chicot, »ist es der Mann; er hat gedroht, die Träger peitschen oder hängen zu lassen, und die Träger sind für ihn. Der arme Ernauton wird bei lebendigem Leibe geschunden werden. Aber nur, wenn ich es dulde,« fügte Chicot hinzu. »Denn er hat mir beigestanden, und folglich muß ich ihm eintretendenfalls auch beistehen. Der Fall ist aber eingetreten, wie mir scheint, oder er wird nie mehr eintreten.«

Chicot war entschlossen und edelmütig; überdies neugierig; er nahm seinen langen Degen von der Wand, schob ihn unter seinen Arm und stieg eiligst seine Treppe hinab. Chicot wußte seine Tür zu öffnen, ohne daß das geringste Geräusch entstand, was eine unerläßliche Wissenschaft für jeden ist, der mit Nutzen horchen will. Er schlüpfte unter dem Balkon hinter einen Pfeiler und wartete.

Kaum stand er hier, als sich die Tür gegenüber auf ein Wort öffnete, das der Unbekannte durch das Schloß flüsterte; doch er blieb auf der Schwelle. Einen Augenblick nachher erschien die Dame im Türrahmen. Sie nahm den Arm des Kavaliers, der sie zur Sänfte zurückführte, die Tür schloß und wieder zu Pferde stieg.

»Es unterliegt keinem Zweifel, es war der Mann,« sagte Chicot; »im ganzen ein guter Kerl, daß er nicht ein wenig in dem Hause suchte, um meinem Freund Carmainges den Bauch aufschlitzen zu lassen.«

Die Sänfte setzte sich in Bewegung, der Kavalier ritt am Schlag.

»Bei Gott!« sagte Chicot zu sich selbst, »ich muß diesen Leuten folgen, damit ich weiß, wer sie sind und wohin sie gehen; sicher werde ich aus meiner Entdeckung einen guten Rat für meinen Freund Carmainges ziehen.«

Chicot folgte ihnen in der Tat, wobei er die Vorsicht beobachtete, im Schatten der Mauern zu bleiben und seinen Tritt vom Geräusch der Menschen- und Pferdetritte übertönen zu lassen.

Das Erstaunen Chicots war nicht gering, als er die Sänfte vor dem Gasthaus zum Kühnen Ritter anhalten sah. Beinahe in demselben Augenblick öffnete sich die Tür, wie wenn jemand gewacht hätte.

Immer noch verschleiert, stieg die Dame aus, trat ein und ging in das Türmchen hinauf, dessen Fenster im ersten Stock beleuchtet waren. Der Mann ging hinter ihr hinauf.

Beiden voran schritt Frau Fournichon, eine Kerze in der Hand haltend.

»Das ist mir offenbar durchaus unbegreiflich,« sagte Chicot, indem er seine Arme über der Brust kreuzte.

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