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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Was in dem Winkel des Füllhorns vorfiel.

Als der Kapitän mit einem Korb von zwölf Flaschen in der Hand in den Winkel zurückkehrte, empfing ihn Chicot mit so offener und lächelnder Miene, daß Borromée versucht war, ihn für einen Einfaltspinsel zu halten.

Die Vorbereitungen dauerten nicht lange. Als erfahrene Trinker forderten die beiden Genossen einige eingesalzene Eßwaren in der lobenswerten Absicht, den Durst nicht erlöschen zu lassen. Bonhomet brachte ihnen die verlangten Speisen, wobei ihm jeder einen letzten mahnenden Blick zuwarf.

Bonhomet antwortete beiden, aber der aufmerksame Beobachter würde einen großen Unterschied zwischen dem an Borromée und dem an Chicot gerichteten Blicke gefunden haben. Dann ging der Wirt hinaus, und die zwei Gefährten fingen an zu trinken.

Anfangs leerten sie eine Anzahl volle Gläser, ohne ein Wort zu sprechen. Chicot besonders war herrlich; ohne etwas anderes gesagt zu haben, als: »Bei meiner Seele, das ist ein schöner Burgunder!« und: »Bei meiner Seele, das ist ein vortrefflicher Schinken!« hatte er zwei Flaschen geleert, das heißt eine Flasche auf jede Bemerkung. »Bei Gott!« murmelte Borromée beiseit, »es ist ein seltenes Glück, daß ich es mit einem solchen Trunkenbold zu tun habe.«

Bei der dritten Flasche schlug Chicot die Augen zum Himmel auf und sagte: »In der Tat, wir trinken auf eine Weise, daß wir uns betrinken werden.«

»Ja, die Wurst ist so gesalzen,« sagte Borromée.

»Ah! das ist Euch genehm; wohl, so fahren wir fort; ich habe einen starken Kopf.«

Und jeder von ihnen leerte abermals seine Flasche.

Der Wein brachte auf die beiden Gefährten eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervor: er löste Chicots und band Borromées Zunge.

»Ah!« murmelte Chicot, »du schweigst, Freund; du zweifelst an dir.«

»Ah!« sagte Borromée leise zu sich selbst, »du schwatzest, du betrinkst dich also.«

»Wieviel Flaschen braucht Ihr, Gevatter?« fragte Borromée. – »Wozu?«

»Um heiter zu werden?« – »Vier; ich habe meine Rechnung.«

»Und um angestochen zu werden?« – »Sagen wir sechs.«

»Und um berauscht zu sein?« – »Nehmen wir das Doppelte.«

»Gaskogner,« dachte Borromée, »er stammelt und ist erst bei der vierten.«

»Dann haben wir Muße,« sagte Borromée und zog aus dem Korbe eine fünfte Flasche für sich und eine fünfte für Chicot.

Chicot bemerkte nun, daß von den fünf zu Borromées Rechten stehenden Flaschen die eine zur Hälfte, die anderen zu zwei Dritteln leer waren, keine aber ganz leer. Dies bestätigte ihn in dem Gedanken, daß der Kapitän Übles gegen ihn im Schilde führe. Er erhob sich, um die fünfte Flasche entgegenzunehmen, die ihm der Kapitän reichte, und schwankte auf den Beinen. »Gut,« sagte er, »habt Ihr es gefühlt?« – »Was?«

»Ein Erdstoß.« – »Bah!«

»Ja, bei allen Teufeln! zum Glück ist das Wirtshaus zum Füllhorn solid, obgleich es auf einem Zapfen ruht.« – »Wieso ruht es auf einem Zapfen?«

»Allerdings, da es sich dreht.«

»Es ist richtig,« sagte Borromée, sein Glas bis auf den letzten Tropfen leerend; »ich fühlte wohl die Wirkung, erriet aber die Ursache nicht. Nun Wohl, mein lieber Mitbruder,« fuhr Borromée fort, »denn nicht wahr, Ihr seid Kapitän wie ich?«

»Kapitän von der Fußsohle bis zu den Haarspitzen.«

»Ei! mein lieber Kapitän, so sagt mir doch, was war eigentlich die Ursache Eurer Verkleidung?«

»Welcher Verkleidung?« – »Der, die Ihr trugt, als Ihr zu Dom Modeste kamt.«

»Wie war ich denn verkleidet?« – »Als Bürger.«

»Ah! es ist wahr.« – »Sagt mir das.«

»Gern; doch nicht wahr, Ihr werdet mir dann Eurerseits sagen, warum Ihr als Mönch verkleidet waret; Vertrauen für Vertrauen.« – »Topp.«

»Schlagt ein,« sagte Chicot und reichte dem Kapitän die Hand.

Dieser schlug senkrecht in Chicots Hand.

»Nun ist es an mir,«, sagte dieser.

Und er schlug neben Borromées Hand. »Ihr wollt also wissen, warum ich als Bürger verkleidet war?« fragte, Chicot mit einer Zunge, die immer schwerer wurde. – »Ja, da bin ich neugierig.«

»Und Ihr werdet mir Eurerseits alles sagen?« – »Bei meinem Ehrenwort, so wahr ich Kapitän bin.«

»Mit zwei Worten seid Ihr auf dem laufenden.«

»Ich höre.« – »Ich spionierte für den König.«

»Wie, Ihr spioniertet?« – »Ja.«

»Ihr spioniert also gewerbsmäßig.« – »Nein, als Liebhaber.«

»Was habt Ihr bei Dom Modeste bespäht?« – »Alles. Ich bespähte zuerst Dom Modeste, sodann Bruder Borromée, ferner den kleinen Jacques und endlich das ganze Kloster.«

»Und was habt Ihr entdeckt, mein würdiger Freund?« – »Zuerst habe ich entdeckt, daß Dom Modeste ein großer Dummkopf ist.«

»Dazu braucht man nicht sehr geschickt zu sein.« – »Verzeiht, verzeiht, Seine Majestät Heinrich III., der kein Einfaltspinsel ist, betrachtet ihn als ein Licht der Kirche und gedenkt einen Bischof aus ihm zu machen.«

»Gut, ich habe nichts gegen diese Beförderung zu sagen, im Gegenteil; ich werde an diesem Tage lachen; was habt Ihr weiter entdeckt?« – »Ich entdeckte, daß ein gewisser Bruder Borromée kein Mönch war, sondern ein Kapitän.«

»Ah! wahrhaftig, Ihr habt das entdeckt!« – »Mit dem ersten Blick.«

»Sodann?« – »Ich entdeckte, daß sich der kleine Jacques mit dem Rapier einübte, um mit dem Degen zu fechten, und auf eine Scheibe, um nach einem Menschen zu schießen.«

»Ah! du hast das entdeckt,« sagte Borromée, die Stirn faltend; »und was hast du noch entdeckt?« – »Oh! gib mir zu trinken, oder ich erinnere mich nicht mehr.«

»Du wirst bemerken, daß du die sechste Flasche angreifst, « sagte Borromée lachend. – »Ich bekomme auch einen Stich und behaupte nicht das Gegenteil; sind wir hierher gekommen, um Philosophie zu treiben?«

»Nein, nein, wir sind gekommen, um zu trinken.« – »Trinken wir also,« sagte Chicot und füllte sein Glas.

»Nun!« fragte Borromée, als er Chicot Bescheid getan hatte, »erinnerst du dich?« – »An was?«

»An das, was du noch im Kloster gesehen hast?« – »Bei Gott!«

»Nun! was hast du gesehen?« – »Ich habe gesehen, daß die Mönche, statt Pfaffen zu sein, Kriegsknechte waren und, statt Dom Modeste zu gehorchen, dir gehorchten. Das habe ich gesehen.«

»Ah! wahrhaftig! Aber das ist ohne Zweifel noch nicht alles?« – »Nein; doch ich muß trinken, trinken, trinken, oder das Gedächtnis kommt mir abhanden.«

Und als Chicots Flasche leer war, reichte er sein Glas Borromée, der ihm aus der seinigen einschenkte.

Chicot leerte sein Glas, ohne Atem zu holen.

»Nun? erinnern wir uns?« fragte Borromée. – »Ob wir uns erinnern? Ich glaube wohl.«

»Was hast du noch gesehen?« – »Ich habe gesehen, daß ein Komplott stattfand.«

»Ein Komplott!« versetzte Borromée erbleichend. – »Ja, ein Komplott.«

»Gegen wen?« – »Gegen den König.«

»In welcher Absicht?« – In der Absicht, ihn zu entführen.«

»Und wann dies?« – »Wenn er von Vincennes zurückkehren würde.«

»Donner!« – »Wie beliebt?«

»Nichts. Ah! Ihr habt das gesehen?« – »Ich habe es gesehen.«

»Und Ihr habt den König davon in Kenntnis gesetzt?« – »Bei Gott! ich war zu diesem Behufe gekommen.« »Ihr seid also die Ursache, daß der Streich mißlungen ist?« – »Ich bin es.«

»Sturm und Wetter!« murmelte Borromée zwischen den Zähnen. – »Was sagt Ihr?«

»Ich sage, Ihr habt gute Augen, Freund.« – »Bah!« erwiderte Chicot stammelnd; »ich habe noch ganz andere Dinge gesehen. Gebt mir eine von Euren Flaschen, und Ihr sollt Euch wundern, wenn ich Euch sage, was ich gesehen habe.«

Borromée beeilte sich, Chicots Wunsch zu entsprechen.

»Sprecht!« sagte er. – »Einmal habe ich Herrn von Mayenne verwundet gesehen.«

»Bah!« – »Ein schönes Wunder, er war auf meiner Straße. Und dann habe ich die Einnahme von Cahors gesehen.«

»Wie, die Einnahme von Cahors! Ihr kommt also von Cahors?« – »Gewiß. Ah! Kapitän, das war in der Tat schön anzusehen, und ein Tapferer, wie Ihr, hätte ein Vergnügen an diesem Schauspiel gefunden.«

»Ich zweifle nicht daran; Ihr wart also beim König von Navarra?« – »An seiner Seite, wie wir sind.«

»Und Ihr habt ihn verlassen?« – »Um diese Kunde dem König von Frankreich zu überbringen.«

»Und Ihr kommt vom Louvre?« – »Eine Viertelstunde vor Euch.«

»Da wir uns seit dieser Zeit nicht trennten, so frage ich Euch nicht, was Ihr seit unserem Zusammentreffen im Louvre gesehen habt.« – »Fragt, fragt im Gegenteil, denn bei meinem Wort, das ist das Seltsamste.«

»Sprecht also.« – »Sprecht, sprecht,« machte Chicot, »es ist leicht zu sagen, sprecht.«

»Macht einen Versuch.« – »Noch ein Glas Wein, um mir die Zunge zu lösen ... ganz voll, gut. Nun wohl, Kamerad, ich habe gesehen, daß du, als du den Brief Seiner Hoheit des Herzogs von Guise aus der Tasche zogst, einen andern fallen ließest.«

»Einen andern?« rief Borromée aufspringend. – »Ja, der hier ist,« sagte Chicot. Und nachdem er drei- oder viermal das Ziel verfehlt hatte, drückte er seine Fingerspitze auf Borromées büffelledernes Wams, gerade an der Stelle, wo der Brief war.

Borromée bebte, als ob Chicots Finger glühendes Eisen gewesen wären, und als ob dieses glühende Eisen seine Brust berührt hätte, statt sein Wams zu berühren.

»Oho!« sagte er, »es würde nur noch eins fehlen.«

– »Woran?«

»An alldem, was Ihr gesehen habt.« – »Was?«

»Daß Ihr wüßtet, an wen der Brief adressiert ist.«

– »Ein schönes Wunder!« sagte Chicot und ließ seine Arme auf den Tisch fallen; »er ist an die Frau Herzogin von Montpensier adressiert.«

»Heiliges Blut Christi!« rief Borromée; »doch Ihr habt hoffentlich dem König nichts davon gesagt?« – »Nicht ein Wort, aber ich werde es ihm sagen.«

»Und wann dies?« – »Wenn ich einen Schlaf gemacht habe,« sagte Chicot. Und er ließ seinen Kopf auf seine Arme fallen, die schon auf dem Tisch lagen.

»Ah! Ihr wißt, daß ich einen Brief für die Herzogin habe?« fragte der Kapitän mit gepreßter Stimme. – »Ich weiß es ganz genau,« ruckste Chicot.

»Und wenn Ihr Euch auf Euren Beinen halten könnt, werdet Ihr in den Louvre gehen?« – »Ich werde in den Louvre gehen.«

»Und mich angeben?« – »Und Euch anzeigen.«

»Es ist also kein Scherz?« – »Was?«

»Daß, sobald Euer Schlaf beendigt ist ...« – »Nun?«

»Der König alles erfährt?« – »Aber, mein lieber Freund,« sagte Chicot, indem er den Kopf in die Höhe hob und Borromée mit matten Augen anschaute; »begreift doch; Ihr seid Verschwörer, ich bin Spion; ich habe so und so viel für jedes Komplott, das ich anzeige; Ihr habt ein Komplott angezettelt, ich zeige Euch an. Wir treiben jeder sein Gewerbe. Gute Nacht, Kapitän.«

»Ah!« sagte Borromée, ein Flammenauge auf seinen Gefährten heftend, »ah, du willst mich anzeigen, lieber Freund?« – »Sobald ich wach sein werde, teurer Freund, das ist abgemacht.«

»Noch du mußt wissen, ob du auch erwachst,« rief Borromée und führte dabei einen so wütenden Degenstoß gegen den Rücken seines Zechgenossen, daß er ihn völlig zu durchbohren und auf den Tisch zu nageln glaubte. Er hatte aber ohne das von Chicot aus Dom Modestes Waffenlager entlehnte Panzerhemd gerechnet. Der Degen zerbrach wie Glas auf diesem starken Panzerhemd, dem Chicot zum zweiten Male das Leben zu verdanken hatte. Und ehe sich der Mörder von seinem Staunen erholte, spannte sich Chicots rechter Arm wie eine Feder ab, beschrieb einen Halbkreis und gab Borromée einen fünfhundert Pfund schweren Faustschlag ins Gesicht, daß er ganz blutig und zerquetscht an die Wand rollte.

In einer Sekunde stand Borromée wieder, in einer zweiten hatte er seinen Degen in der Hand. Diese zwei Sekunden waren aber für Chicot hinreichend gewesen, sich ebenfalls wieder aufzurichten und vom Leder zu ziehen. Alle Weindünste waren wie durch einen Zauber verschwunden; Chicot hielt sich halb auf sein linkes Bein zurückgeworfen, das Auge starr, das Faustgelenk fest und bereit, seinen Feind zu empfangen.

Der Tisch streckte sich wie ein Schlachtfeld, worauf die leeren Flaschen lagen, zwischen den Gegnern aus und diente jedem als Verschanzung. Doch der Anblick des Blutes, das von seiner Nase auf sein Gesicht und von seinem Gesicht auf die Erde floß, berauschte Borromée, und er stürzte, jeder Klugheit bar, so nahe auf seinen Feind zu, als es der Tisch erlaubte.

»Doppelter Dummkopf,« sagte Chicot, »du siehst wohl, daß du trunken bist, denn von der einen Seite des Tisches zur andern kannst du mich nicht erreichen, während mein Arm sechs Zoll länger als deiner, und mein Degen ebenfalls sechs Zoll länger als deiner ist. Nimm dies zum Beweis.« Und ohne auszufallen, streckte Chicot seinen Arm mit der Geschwindigkeit des Blitzes vor und stieß Borromée mitten auf die Stirn. Borromée schrie laut auf, mehr jedoch aus Zorn als aus Schmerz, und da er trotz allem ungemein mutig war, so griff er mit verdoppelter Erbitterung an.

Chicot nahm, immer auf der andern Seite des Tisches, einen Stuhl, setzte sich ganz ruhig und sagte, die Achseln zuckend: »Mein Gott! wie albern doch die Soldaten sind! Sie behaupten, sie verstehen den Degen zu handhaben, und der geringste Bürger könnte sie wie Mücken töten. Gut, gut! nun will er mir ein Auge ausstoßen. Ah! du steigst auf den Tisch; das fehlte nur noch. Doch nimm dich in acht, du erzdummer Esel, die Stöße von unten nach oben sind furchtbar, und wenn ich wollte, würde ich dich spießen wie eine Lerche.«

Und er stieß ihn in den Bauch, wie er ihn auf die Stirn gestoßen hatte.

Borromé wurde rot vor Wut und sprang vom Tische herab.

»So ist es gut,« sagte Chicot, »wir sind nun auf gleicher Höhe und können plaudern, während wir fechten. Ah! Kapitän, Kapitän, wir morden also hin und wieder, zwischen zwei Komplotten?«

»Ich tue für meine Sache, was Ihr für die Eurige tut,« erwiderte Borromée, zu ernsten Gedanken zurückgeführt und unwillkürlich erschrocken über das düstere Feuer, das aus Chicots Augen sprang.

»Das heiße ich sprechen,« versetzte Chicot, »und dennoch, Freund, sehe ich mit Vergnügen, daß ich's besser verstehe als Ihr.«

Borromée hatte einen Stoß nach Chicot geführt, der dessen Brust gestreift.

»Nicht schlecht, doch ich kenne den Stoß; es ist der, den Ihr dem kleinen Jacques gezeigt habt. Ich sagte also, ich tauge mehr als Ihr, Freund, denn ich habe den Streit nicht angefangen, so große Lust ich auch dazu hatte; mehr noch, ich ließ Euch Euer Vorhaben ausführen, indem ich Euch jeden Raum dazu gönnte, und selbst in diesem Augenblick pariere ich nur; dies geschieht, weil ich Euch einen Vorschlag zu machen habe.«

»Nichts!« rief Borromée, außer sich über Chicots Ruhe, »nichts!«

Und er führte einen Stoß der den Gaskogner durchbohrt haben müßte, hätte dieser nicht mit seinen langen Beinen einen Schritt gemacht, der ihn aus dem Bereich seines Gegners brachte.

»Ich will dir trotzdem diesen Vorschlag nennen, damit ich mir nichts vorzuwerfen habe.«

»Schweige,« rief Borromée, »unnötig, schweige.«

»Höre,« erwiderte Chioct, »es geschieht zur Beruhigung meines Gewissens; begreifst du? Ich habe keinen Durst nach deinem Blut und will dich nur in der höchsten Not töten.«

»Aber töte mich doch, töte, wenn du kannst,« schrie Borromée wütend.

»Nein, ich habe schon einmal in meinem Leben einen Eisenfresser, wie du bist, getötet, einen Eisenfresser, der sogar stärker war als du. Bei Gott! Du kennst ihn wohl, er gehörte auch zum Hause Guise und war ein Advokat.«

»Ah! Nicolas David,« murmelte Borromée, indem er sich erschrocken in Verteidigungsstand setzte. – »Ganz richtig.«

»Ah! du hast ihn getötet?« – »Oh! mein Gott, ja, mit einem hübschen kleinen Stoß, den ich dir zeigen werde, wenn du meinen Vorschlag nicht annimmst.«

»Nun, worin besteht dein Vorschlag? Laß hören.« – »Du gehst vom Dienst des Herzogs von Guise in den des Königs über, jedoch ohne den des Herzogs von Guise zu verlassen.« »Das heißt, ich soll Spion werden wie du?« – »Nein, es wird ein Unterschied stattfinden; mich bezahlt man nicht, aber dich wird man bezahlen; du fängst damit an, daß du mir den Brief des Herrn Herzog von Guise an die Herzogin von Montpensier zeigst; du läßt mich eine Abschrift nehmen, und ich lasse dich in Ruhe bis zu einer neuen Gelegenheit. Nun! bin ich nicht artig?« – »Halt, hier hast du meine Antwort.«

Borromées Antwort war ein Stoß über den Arm seines Gegners, den er so rasch ausführte, daß die Spitze des Degens Chicots Schulter streifte.

»Ah! ah!« sagte Chicot, »ich sehe wohl, daß ich dir durchaus den Stoß von Nicolas David zeigen muß; es ist ein einfacher, schöner Stoß.«

Nun machte Chicot, der sich bis jetzt nur verteidigend gehalten hatte, einen Schritt vorwärts und griff ebenfalls an.

»Sieh den Stoß,« sagte Chicot, »ich mache eine Finte in Tiefquart.«

Und er machte seine Finte; Borromée parierte zurückweichend, doch nachdem er einen ersten Schritt rückwärts getan hatte, mußte er stehenbleiben, denn der Verschlag fand sich hinter ihm.

»Gut! so ist es, du parierst den Zirkelstoß, und darin hast du unrecht, denn mein Faustgelenk ist besser als deines; ich binde also den Degen, ich komme in einer Hochterz zurück, ich falle weit aus, und du bist getroffen, oder vielmehr du bist tot.«

Der Stoß war in der Tat blitzartig auf die Auseinandersetzung gefolgt, und der feine Degen war, in Borromées Brust eindringend, wie eine Nadel zwischen zwei Rippen durchgeschlüpft und hatte sich tief und mit einem matten Ton in den tannenen Verschlag eingearbeitet.

Borromée streckte die Arme aus und ließ seinen Degen fallen, seine Augen erweiterten sich blutig, sein Mund öffnete sich, ein roter Schaum erschien auf seinen Lippen, sein Kopf neigte sich auf seine Schulter mit einem Seufzer, der einem Röcheln glich; dann hörten seine Beine auf, ihn zu unterstützen, und zusammensinkend erweiterte sein Körper den Einschnitt des Degens, vermochte ihn aber nicht vom Verschlag loszumachen, an dem er von Chicots höllischem Faustgelenk festgehalten wurde, so daß der Unglückliche, einem riesigen Nachtfalter ähnlich, an die Wand angenagelt blieb, an die seine Füße in geräuschvollen Stößen anschlugen.

Kalt und unempfindlich, wie er es unter solchen Umständen war, besonders wenn er in seinem Herzen die Überzeugung hegte, er habe alles getan, was ihm sein Gewissen zu tun vorgeschrieben, ließ Chicot den Degen los, der horizontal steckenblieb, öffnete den Gürtel des Kapitäns, durchsuchte sein Wams, nahm den Brief und las die Aufschrift: »Herzogin von Montpensier.«

Das Blut floß indessen in schäumenden Fäden aus der Wunde, und der Schmerz des Todeskampfes prägte sich in den Zügen des Verwundeten aus.

»Ich sterbe, ich verscheide,« murmelte er; »mein Gott und Herr, erbarme dich meiner!«

Diese letzte Anrufung der göttlichen Barmherzigkeit von einem Menschen, der hieran ohne Zweifel nur im letzten Augenblick gedacht hatte, rührte Chicot.

»Wir wollen mildherzig sein,« sagte er, »und da dieser Mensch sterben muß, so sterbe er wenigstens so sanft wie möglich.«

Und er näherte sich dem Verschlag, zog seinen Degen mit Anstrengung aus der Wand, unterstützte den Körper und verhinderte dadurch, daß er schwer auf die Erde fiel.

Doch diese letztere Vorsicht war unnötig, der Tod war rasch und eisig herbeigeeilt; er hatte schon die Glieder des Besiegten gelähmt, seine Beine bogen sich, er schlüpfte in Chicots Arme und rollte schwerfällig auf den Boden.

Diese Erschütterung ließ aus der Wunde eine Welle schwarzen Blutes hervorspringen, mit der vollends der Rest des Lebens aus Borromée entfloh.

Chicot öffnete die Verbindungstür und rief Bonhomet.

Er brauchte nicht zweimal zu rufen; der Schenkwirt hatte an der Tür gehorcht und wußte nur nicht, welcher von den beiden Gegnern unterlegen war.

Zum Lobe Meister Bonhomets müssen wir sagen, sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrer Freude an, als er Chicots Stimme hörte und sah, daß es der Gaskogner war, der unversehrt die Tür öffnete. Chicot, dem nichts entging, bemerkte diesen Ausdruck und wußte ihm in seinem Innern Dank dafür.

Bonhomet trat zitternd in das kleine Kabinett ein.

»Ah! guter Jesus!« rief er, als er den Leib des Kapitäns in seinem Blute gebadet sah. Chicot beruhigte den entsetzten Wirt und ließ sich von ihm seine Wunde mit Öl reiben, während 'er selbst den Brief des Herzogs von Lothringen abschrieb.

Dieser Brief lautete:

»Liebe Schwester, die Expedition nach Antwerpen ist sonst gelungen, für uns aber gescheitert; man wird Euch sagen, der Herzog von Anjou sei tot, glaubt es nicht, er lebt. Er lebt. Versteht Ihr? das ist die ganze Frage. Es liegt eine ganze Dynastie in diesen zwei Worten; diese zwei Worte trennen das Haus Lothringen von Frankreichs Thron mehr, als es der tiefste Abgrund tun würde.

Beunruhigt Euch Indessen nicht zu sehr hierüber. Ich habe entdeckt, daß zwei Personen, die ich gestorben glaubte, noch vorhanden sind, und es liegt für den Prinzen in dem Leben dieser beiden Personen eine starke Aussicht auf den Tod. Denkt also nur an Paris; in sechs Wochen wird es Zeit sein, daß die Lige handelt; die Ligisten müssen also erfahren, daß der Augenblick naht, und sich bereithalten.

Die Armee ist auf den Beinen; wir zählen zwölftausend sichere und wohlausgestattete Leute; ich werde mit dieser Armee nach Frankreich ziehen unter dem Vorwand, die deutschen Hugenotten zu bekämpfen, die Heinrich von Navarra Unterstützung bringen; ich werde die Hugenotten schlagen und, unter der Maske eines Freundes in Frankreich einziehend, als Herr und Gebieter handeln.

»N.S. Ich billige vollkommen Euren Plan in Beziehung auf die Fünfundvierzig; nur erlaubt mir, Euch zu sagen, teure Schwester, daß Ihr diesen Burschen mehr Ehre erweist, als sie verdienen.

»Euer wohlgewogener

H. von Lothringen.«

»Nun,« sagte Chicot, »das ist alles klar, mit Ausnahme der Nachschrift. Gut, die Nachschrift werden wir im Auge behalten.«

»Lieber Herr Chicot,« wagte Bonhomet zu fragen, als er sah, daß Chicot aufgehört hatte zu schreiben, »lieber Herr Chicot, Ihr habt mir noch nicht gesagt, was ich mit dem Leichnam tun soll.« – »Das ist ganz einfach.«

»Ja, für Euch, der Ihr voll Einbildungskraft seid, aber nicht für mich.« – »Nun, stelle dir zum Beispiel vor, dieser unglückliche Kapitän sei auf der Straße mit Schweizern in Streit geraten, und man habe ihn verwundet hierher gebracht, hättest du dich geweigert, ihn aufzunehmen?«

»Gewiß nicht, wenn Ihr es mir nicht etwa verboten hättet, lieber Herr Chicot.« – »Nimm an, in diesen Winkel niedergelegt, sei er trotz der Sorge, die du auf ihn verwendet, in deinen Händen vom Leben zum Tode übergegangen. Das wäre ein Unglück, nicht wahr?«

»Gewiß ...« – »Und statt dir Vorwürfe zuzuziehen, würdest du Lobeserhebungen für deine Menschenfreundlichkeit verdienen. Denke, sterbend hat dieser arme Kapitän den dir wohlbekannten Namen des Priors der Jakobiner von Saint-Antoine ausgesprochen.«

»Den Namen Dom Modeste Gorenflots?« rief Bonhomet voll Erstaunen. – »Ja, Dom Modeste Gorenflots. Nun wohl, du wirst Dom Modeste benachrichtigen; Dom Modeste wird herbeieilen, und da man in einer von den Taschen des Toten seine Börse wiederfindet, du begreifst, es ist wichtig, daß man diese Börse findet, ich sage dir das nur zur Nachachtung, und da man in einer von den Taschen des Toten seine Börse und in der andern diesen Brief findet, so faßt man keinen Verdacht.«

»Ich verstehe, lieber Herr Chicot,« – »Mehr noch, du erhältst eine Belohnung, statt bestraft zu werden.«

»Ihr seid ein großer Mann, lieber Herr Chicot; ich laufe in die Priorei von Saint-Antoine.« – »Warte doch, zum Teufel! Ich habe gesagt, die Börse und den Brief.«

»Ah! ja, und den Brief, Ihr habt ihn?« – »Ganz richtig.«

»Ich soll nicht sagen, daß er gelesen und abgeschrieben worden ist?« – »Bei Gott, gerade dafür, daß dieser Brief unberührt geblieben, wirst du eine Belohnung erhalten.«

»Es ist also ein Geheimnis in diesem Brief?« – »In diesen Zeitläuften finden sich in allem Geheimnisse, mein lieber Bonhomet.«

Nach dieser weisen Antwort befestigte Chicot äußerst geschickt die Seide wieder unter dem Siegelwachs, dann verband er das Wachs so künstlich, daß das geübteste Auge nicht den geringsten Sprung, hätte sehen können.

Sobald dies geschehen war, steckte er den Brief in die Tasche des Toten, ließ sich auf seine Wunde mit Öl und Weinhefe getränkte Leinwand auflegen, zog den schützenden Panzer über seine Haut, das Hemd über seinen Panzer, sein Wams über sein Hemd, hob seinen Degen auf, trocknete ihn ab, stieß ihn wieder in die Scheide und entfernte sich.

Doch er kehrte noch einmal um und sagte: »Wenn dir aber die Fabel, die ich erfunden habe, nicht gut vorkommt, so kannst du den Kapitän anklagen, er habe sich selbst den Degen durch den Leib gerannt.«

»Ein Selbstmord?« – »Bei Gott, du begreifst, das gefährdet niemand.«

»Doch man wird den Unglücklichen nicht in geweihter Erde begraben.« – »Puh!« versetzte Chicot, »macht man ihm damit ein großes Vergnügen?« »Ich glaube wohl.« – »So tue, was du willst, mein lieber Bonhomet, Gott befohlen.«

Dann sagte er, zum zweiten Male zurückkehrend: »Ah! ich will bezahlen, da er tot ist.«

Chicot warf hierauf drei Goldtaler auf den Tisch, legte zum Zeichen des Stillschweigens seinen Finger auf seine Lippen und ging hinaus.

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