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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Die zwei Gevattern.

Chicot hatte sich bei dieser Ankündigung wieder gesetzt; er wandte seiner Gewohnheit gemäß unverschämterweise den Rücken der Tür zu, und sein halb verschleierter Blick versenkte sich in eine innere Betrachtung, die bei ihm so häufig stattfand, als die ersten Worte, die der Bote der Herren von Guise sprach, ihn beben ließen.

Demzufolge öffnete er die Augen wieder. Zum Glück oder zum Unglück schenkte der König, nur mit dem Ankömmling beschäftigt, dieser bei Chicot stets vielsagenden Gebärde keine Aufmerksamkeit. Der Bote stand zehn Schritte von dem Lehnstuhle, in den Chicot sich duckte, und da das Profil kaum über den Stuhl hervorragte, so sah Chicots Auge den Boten gänzlich, während der Bote nur Chicots Auge sehen konnte.

»Ihr kommt von Lothringen?« fragte der König den Boten, dessen Wuchs ziemlich edel, und dessen Miene ziemlich kriegerisch war.

»Nein, Sire, von Soissons, wo mir der Herr Herzog, der diese Stadt seit einem Monat nicht verlassen hat, den Brief übergab, den ich zu den Füßen Eurer Majestät niederzulegen die Ehre habe.«

Chicots Auge funkelte und verlor keine Gebärde des Ankömmlings, wie seinen Ohren keines seiner Worte entging.

Der Bote öffnete seinen mit silbernen Spangen geschlossenen Koller und zog aus einer mit Seide gefütterten ledernen Tasche, die an seinem Herzen ruhte, nicht einen, sondern zwei Briefe hervor, denn der eine zog den andern nach, an den er sich durch das Wachs seines Siegels angehängt hatte; als daher der Kapitän nur einen ziehen wollte, fiel der zweite auf den Boden.

Chicots Auge folgte diesem Briefe im Flug, wie das Auge der Katze dem Vogel. Er sah auch, wie sich bei dem unerwarteten Fall dieses Briefes eine Röte auf den Wangen des Boten verbreitete, und wie er in Verlegenheit geriet, um den ersten dem König zu geben und den andern aufzuheben.

Doch Heinrich sah nichts. Heinrich, ein Muster des Vertrauens, merkte nichts. Er öffnete nur den Brief, den man ihm bot, und las ihn.

Als der Bote den König in das Lesen vertieft sah, vertiefte er sich in die Betrachtung des Königs, auf dessen Gesicht er den Wiederschein aller Gedanken, die der interessante Inhalt in seinem Geiste hervorrufen konnte, zu suchen schien.

»Ah! Meister Borromée! Meister Borromée!« murmelte Chicot, während er mit den Augen jeder Bewegung des Getreuen des Herrn von Guise folgte. »Ah! du bist Kapitän und gibst dem König nur einen Brief, während du zwei in deiner Tasche hast; warte, mein Kind, warte.«

»Es ist gut! es ist gut!« sagte der König, indem er jede Zeile des Briefes des Herrn von Guise mit sichtbarer Zufriedenheit zum zweiten Male las, »geht, Kapitän, geht und sagt dem Herzog, ich sei ihm dankbar für sein Anerbieten.«

»Eure Majestät beehrt mich nicht mit einer geschriebenen Antwort?« fragte der Bote.

»Nein, ich werde ihn in einem Monat oder in sechs Wochen sehen und ihm folglich selbst danken, geht.«

Der Kapitän verbeugte sich und verließ das Gemach.

»Nu siehst wohl, Chicot,« sagte nun der König zu seinem Gefährten, den er immer noch in seinem Lehnstuhle glaubte, »du siehst wohl, Herr von Guise ist rein von jeder Machenschaft. Dieser brave Herzog, er hat die Sache von Navarra erfahren; er befürchtet, die Hugenotten könnten keck werden und das Haupt erheben, denn es ist ihm zu Ohren gekommen, die Deutschen wollten schon dem König von Navarra Verstärkung schicken. Was tut er nun? Errate, was er tut!«

Chicot antwortete nicht; Heinrich glaubte, er erwarte seine Erklärung, und fuhr fort: »Er bietet mir die Armee an, die er in Lothringen angeworben hat, und meldet mir, in sechs Wochen werde diese Armee mit ihrem General ganz und gar zu meiner Verfügung stehen. Was sagst du dazu, Chirot?«

Völliges Stillschweigen von selten des Gaskogners.

»In der Tat, mein lieber Chicot,« sagte der König, »du hast das Alberne, daß du halsstarrig bist wie ein spanisches Maultier, und daß du, wenn man das Unglück hat, dich von einem Irrtum zu überzeugen, was häufig vorkommt, schmollst, ah! ja, du schmollst wie ein Dummkopf.«

Nicht ein Hauch widersprach Heinrich in seiner Meinung, die er so offenherzig über seinen Freund geäußert hatte. Es gab etwas, was Heinrich noch mehr mißfiel als der Widerspruch, dies war das Schweigen.

»Ich glaube, dieser Bursche hat die Frechheit gehabt, einzuschlafen,« sagte er. »Chicot,« fuhr er fort, indem er auf den Lehnstuhl zuschritt, »dein König spricht mit dir, willst du antworten?«

Doch Chicot konnte nicht antworten, denn er war gar nicht da. Heinrich fand den Stuhl leer. Seine Augen durchliefen das ganze Zimmer; der Gaskogner war ebensowenig im Zimmer wie im Stuhl.

Der König wurde von einem abergläubischen Schauer ergriffen; es kam ihm zuweilen der Gedanke, Chicot sei ein übermenschliches Wesen, eine teuflische Verkörperung, allerdings guter Art, aber dennoch teuflisch.

Er rief Nambu. Dieser versicherte Seiner Majestät auf das bestimmteste, er habe Chicot fünf Minuten vor der Entfernung des Gesandten hinausgehen sehen. Nur sei er mit der Vorsicht eines Menschen hinausgegangen, der nicht wolle, daß man ihn weggehen sehe.

»Offenbar,« sagte Heinrich, während er in sein Betzimmer ging, »offenbar ärgerte sich Chicot, weil er unrecht hatte. Mein Gott! wie erbärmlich sind doch die Menschen! Ich sage das in Beziehung auf alle, selbst auf die geistreichsten.«

Nambu hatte recht; seine Sturmhaube auf dem Kopf und sein langes Schwert an der Seite, durchschritt Chicot geräuschlos die Vorzimmer; aber so vorsichtig er auch war, mußte er doch die Sporen auf den Stufen klirren lassen, die von den Gemächern nach der Pforte des Louvre führten, und dieses Geräusch veranlaßte viele Leute, sich umzudrehen, und trug Chicot viele Verbeugungen ein, denn man kannte Chicots Stellung beim König, und viele verbeugten sich tiefer vor ihm, als sie es vor dem Herzog von Anjou getan hätten.

In einer Ecke der Pforte blieb Chicot stehen, als wollte er einen Sporn befestigen.

Der Kapitän des Herrn von Guise ging, wie gesagt, kaum fünf Minuten nach Chicot weg, dem er keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Er stieg die Stufen hinab und durchschritt die Höfe. In dem Augenblick, wo er aus der Pforte des Louvre trat und über die Zugbrücke schritt, wurde er durch ein Klirren von Sporen erweckt, die das Echo der seinigen zu sein schienen.

Er wandte sich um, weil er dachte, der König schicke ihm jemand nach, und war nicht wenig erstaunt, als er unter der Sturmhaube das leutselige Gesicht und die gleisnerisch freundliche Miene des Bürgers Robert Briquet erkannte.

»Ah! mein Gott!« sagte Borromée. – »Alle Wetter!« rief Chicot.

»Mein lieber Bürgersmann!« – »Mein ehrwürdiger Vater!«

»Mit dieser Sturmhaube!« – »Unter diesem Koller!«

»Es ist mir sehr lieb, daß ich Euch sehe.« – »Es gereicht mir zur Zufriedenheit, daß ich Euch treffe.«

Und die beiden Eisenfresser schauten sich ein paar Sekunden mit dem Zögern zweier Hähne an, die kämpfen wollen und, um einander einzuschüchtern, sich auf ihren Sporen erheben.

Borromée ging zuerst vom Ernsten zum Sanften über. Die Muskeln seines Gesichts spannten sich ab, und er sagte mit einer Miene kriegerischer Offenherzigkeit und liebenswürdiger Freundlichkeit: »Gottes Leben! Ihr seid ein schlauer Gevatter, Meister Robert Briquet.«

»Ich, mein Ehrwürdiger?« erwiderte Chicot, »ich bitte, aus welcher Veranlassung sagt Ihr mir das?« – »Aus Anlaß des im Kloster der Jakobiner Erlebten, wo Ihr mich glauben ließet, Ihr wärt nur ein einfacher Bürger. Ihr müßt in der Tat zehnmal verschlagener und mutiger sein als ein Anwalt und ein Kapitän zusammen.«

Chicot fühlte, daß das Kompliment mit den Lippen und nicht mit dem Herzen gemacht war.

»Ah! ah!« erwiderte er mit gutmütigem Tone, »was sollen wir von Euch sagen, Seigneur Borromée?« – »Von mir?«

»Ja, von Euch.«– »Und warum?«

»Daß Ihr mich glauben ließt, Ihr wärt nur ein Mönch. Ihr müßt in der Tat zehnmal schlauer als der Papst selbst sein; und wenn ich dies sage, setze ich Euch nicht herab, Gevatter, denn der gegenwärtige Papst ist ein tüchtiger Luntenriecher, wie Ihr zugestehen müßt.« – »Denkt Ihr, was Ihr sagt?«

»Alle Wetter! lüge ich je?« – »Nun wohl, so nehmt meine Hand.« Und er reichte Chicot die Hand.

»Ah! Ihr habt mich im Kloster schlecht behandelt, Bruder Kapitän.« – »Ich hielt Euch für einen Bürgersmann, Meister, und Ihr wißt wohl, was wir Kriegsleute von den Bürgern halten.«

»Es ist wahr,« versetzte Chicot lachend, »es ist gerade wie mit den Mönchen, und dennoch habt Ihr mich in der Falle gefangen.« – »In der Falle?«

»Allerdings; denn unter dieser Verkleidung stelltet Ihr eine Falle. Ein braver Kapitän, wie Ihr, vertauscht nicht ohne eine wichtige Ursache seinen Panzer gegen eine Kutte.« – »Gegen einen Kriegsmann werde ich keine Geheimnisse haben. Ja, ich habe gewisse persönliche Interessen im Kloster der Jakobiner; doch Ihr?«

»Ich auch, doch still!«

»Wollen wir nicht ein wenig in aller Gemütlichkeit beim Glase Wein uns miteinander unterhalten?«

Mit diesen Worten kam Borromée Chicots innerstem Wunsche entgegen, und diese Zufriedenheit steigerte sich noch, als Borromée das wohlbekannte Füllhorn als Schenke vorschlug; von dessen Vorhandensein Chicot sich den Anschein gab, nichts zu wissen.

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