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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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König Heinrich III. ladet Crillon nicht zum Frühstück, und Chicot ladet sich selbst ein.

Am Morgen nach dem Tage, wo die von uns erzählten Ereignisse im Walde von La Fère vorgefallen waren, stieg der König von Frankreich ungefähr gegen neun Uhr aus dem Bad. Der Kammerdiener, der ihn in eine Decke von feiner Wolle gewickelt und mit zwei Tüchern von dichter persischer Watte abgerieben, hatte den Coiffeuren Platz gemacht, die wiederum den Parfümeuren und den Höflingen Platz machten.

Als die letzteren weggegangen waren, ließ der König seinen Haushofmeister kommen und sagte ihm, er würde etwas anderes als seine gewöhnliche Kraftbrühe zu sich nehmen, da er diesen Morgen Appetit verspüre.

Diese Kunde brachte im ganzen Louvre eine sehr legitime Freude hervor, und der Dampf der Fleischspeisen fing an, aus den Küchen auszuströmen, als Crillon, der Oberst der französischen Leibwachen, bei Seiner Majestät eintrat, um ihre Befehle einzuholen.

»Wahrhaftig, mein guter Crillon,« sagte der König, »wache diesen Morgen, wie du willst, über dem Heile meiner Person, zwinge mich aber, um Gottes willen, nicht, den König zu machen; ich bin heute ganz heiter und selig; mir scheint, ich wiege nicht eine Unze und fliege in die Luft. Ich habe Hunger, begreifst du das, mein Freund?«

»Ich begreife es um so mehr, Sire, als ich selbst starken Hunger habe.« erwiderte der Oberst.

»Ah! du, Crillon, du hast immer Hunger.« versetzte der König lachend.

»Nicht immer, Sire, oh! nein. Eure Majestät übertreibt, aber dreimal des Tags, – und Eure Majestät?« – »Oh! ich, einmal im Jahr, und dann nur, wenn ich gute Nachrichten erhalten habe.«

»Harnibieu! es scheint, Ihr habt gute Nachrichten erhalten, Sire? Desto besser, desto besser, denn sie werden, scheint mir, immer seltener.« – »Ganz und gar nicht, Crillon; doch du kennst das Sprichwort.«

»Ah! ja, keine Nachrichten, gute Nachrichten. Ich mißtraue den Sprichwörtern, Sire, und besonders diesem; es ist Euch keine Kunde von Navarra zugekommen?« – »Nichts.«

»Nichts?« – »Allerdings, ein Beweis, daß man dort schläft.«

»Und von Flandern?« – »Nichts.«

»Nichts? ein Beweis, daß man sich dort schlägt. Und von Paris?« – »Nichts.«

»Ein Beweis, daß man dort Komplotte macht.« – »Oder Kinder, Crillon; ah! bei Gelegenheit der Kinder, Crillon, ich glaube, daß ich eines haben werde.«

»Ihr, Sire!« rief Crillon im höchsten Maße erstaunt.

– »Ja, die Königin hat in dieser Nacht geträumt, sie wäre in andern Umständen.«

»Endlich, Sire!« – »Nun, was?« – »Es macht mich äußerst freudig zu wissen, daß Eure Majestät so frühzeitig am Morgen Hunger hat. Gott befohlen, Sire.«

– »Gehe, mein guter Crillon, gehe.«

»Harnibieu! Sire,« versetzte Crillon, »da Eure Majestät so gewaltigen Hunger hat, so müßte sie mich zum Frühstück einladen.« – »Warum dies, Crillon?«

»Weil man sagt, Eure Majestät lebe von der Luft, weshalb sie abmagere, da die Luft schlecht ist, und so wäre ich entzückt gewesen, sagen zu können: ›Harnibieu, das sind reine Verleumdungen, der König ißt wie alle.‹«

– »Nein, Crillon, nein, im Gegenteil; laß glauben was man glaubt; es läßt mich erröten, wenn, ich wie ein einfacher Sterblicher vor meinen Untertanen esse. Begreife also wohl; ein König muß immer poetisch bleiben und sich stets nur erhaben zeigen. Höre ein Beispiel.«

»Ich höre, Sire.« – »Erinnere dich an den König Alexander.«

»An welchen König Alexander?« – »An Alexander Magnus'. Ah! es ist wahr, du verstehst das Lateinische nicht. Nun wohl, Alexander liebte es, sich vor seinen Soldaten zu baden, weil Alexander schön, wohlgebaut und hübsch rund war, weshalb man ihn mit Apollo und sogar mit Antinous verglich.«

»Oh! oh! Sire, Ihr hättet teufelmäßig unrecht, wenn Ihr es machtet wie er und Euch vor den Eurigen badetet, denn Ihr seid sehr mager, mein armer Sire.« – »Braver Crillon, geh,« sagte Heinrich, indem er ihm auf die Schulter klopfte, »du bist ein vortrefflicher Grobian, du schmeichelst mir nicht; du bist kein Höfling, mein alter Freund.«

»Ihr ladet mich auch nicht zum Frühstück ein,« erwiderte Crillon, gutmütig lachend, und nahm dann vom König, eher zufrieden, als unzufrieden, Abschied, denn der Schlag auf die Schulter hatte das fehlende Frühstück aufgewogen.

Sobald Crillon weggegangen war, wurde die Tafel bestellt. Der königliche Haushofmeister hatte sich selbst übertroffen: eine Art Frikassee von jungen Rebhühnern mit Trüffeln und Kastanien erregte sogleich die Aufmerksamkeit des Königs, den schöne Austern schon in Versuchung geführt hatten. Die gewöhnliche Kraftbrühe, das treue Stärkungsmittel des Monarchen, wurde vernachlässigt; vergebens öffnete sie ihre großen Augen in ihrer goldenen Schale, ihre bettelnden Augen erlangten durchaus nichts von Seiner Majestät.

der König begann mit den jungen Rebhühnern. Er war bei seinem vierten Mundvoll, als ein leichter Tritt hinter ihm den Boden streifte, ein Stuhl auf seinen Röllchen krachte, und eine wohlbekannte Stimme mit scharfem Tone ein Gedeck forderte.

Der König wandte sich um und rief: »Chicot!«

»In Person.«

Und seinen alten Gewohnheiten getreu, streckte sich Chicot in seinem Stuhle aus, nahm einen Teller, eine Gabel und fing an, von der Platte mit Austern, sie mit Zitronensaft besprengend, ohne ein Wort hinzuzufügen, die größten und fettesten abzuheben.«

»Du hier, du zurückgekehrt!«, – »Still!« winkte Chicot, der den Mund voll hatte, mit der Hand. Und er benutzte den Ausruf des Königs, um die Rebhühner an sich zu ziehen.

»Halt, Chicot, das ist meine Platte!« rief Heinrich und streckte die Hand aus.

Chicot teilte brüderlich mit seinem Fürsten und gab ihm die Hälfte zurück.

Dann goß er sich Wein ein, ging von den Rebhühnern zu einer Platte Thunfisch über, von dem Thunfisch zu farcierten Krebsen, verzehrte als Quittung und am Schlüsse die königliche Kraftbrühe, stieß einen Seufzer aus und sagte: »Ich habe keinen Hunger mehr.«

»Bei Gottes Tod! ich hoffe wohl, Chicot.« – »Ah! guten Morgen, mein Könige wie geht es dir? Ich finde, du siehst diesen Morgen ganz munter aus.«

»Nicht wahr, Chicot?« – »Ein reizendes Färbchen. Ist es von dir?«

»Bei Gott!« –»Dann mache ich dir mein Kompliment.«

»Es ist wahr, ich fühle mich diesen Morgen äußerst heiter gestimmt.« – »Desto besser, mein König, desto besser. Ah! doch dein Frühstück ist damit nicht zu Ende, es bleiben dir wohl noch einige kleine Leckerbissen.«

»Hier sind Kirschen von den Namen von Montmartre eingemacht.« – »Sie sind zu sehr gezuckert.«

»Nüsse mit Korinthen gefüllt.« – »Pfui! man hat die Kerne in den Weinbeeren gelassen.«

»Tu bist mit nichts zufrieden.« – »Bei meinem Ehrenwort, es artet auch alles aus, selbst die Küche, und man lebt immer schlechter an deinem Hof.«

»Sollte man an dem des Königs von Navarra besser leben?« fragte Heinrich lachend. – »Ei, ei! ich sage nicht »Dann gehen dort große Veränderungen vor.« – »Ah! was das betrifft, du kannst es gar nicht glauben, Henriquet.«

»Erzähle mir etwas von deiner Reise, das wird mich zerstreuen.« – »Sehr gern, ich bin nur zu diesem Behufe gekommen. Wo soll ich anfangen? Soll ich von meiner Abreise ausgehen?«

»Nein, deine Reise war vortrefflich, nicht wahr?« – »Du siehst wohl, daß ich ganz zurückkehre, wie mir scheint.«

»Ja, erzähle mir also, von deiner Ankunft in Navarra.« – »Gut.«

»Was trieb Heinrich als du ankamst?« – »Liebe.«

»Mit Margot?« – »Oh! nein.«

»Das hätte mich gewundert; er ist also seiner Frau immer noch untreu, der Ruchlose, untreu einer Tochter Frankreichs; zum Glück gibt sie es ihm zurück. Und wer war die Nebenbuhlerin Margots bei deiner Ankunft?« – »Fosseuse.«

»Eine Montmorency. Ah! das ist nicht schlecht für diesen Bearner Bären. Man sprach hier von einer Bauerndirne, von einem Gärtnermädchen, von einer Bürgerstochter.« – »Oh! das ist alles alt.«

»Margot ist also betrogen?« – »Soviel es eine Frau sein kann.«

»Und sie ist wütend darüber?« – »Ganz toll.«

»Und sie rächt sich?« – »Ich glaube wohl.«

Heinrich rieb sich die Hände mit unsäglicher Freude. »Was wird sie machen?« rief er lachend, »wird sie Himmel und Erde in Bewegung setzen, Spanien auf Navarra, Artois und Flandern auf Spanien werfen? Wird sie ihren kleinen Bruder Henriquet gegen ihren kleinen Gatten Henriot zu Hilfe rufen?« – »Es ist wohl möglich.«

»Du hast sie gesehen?« – »Ja.«

»Und was tat sie in dem Augenblick, wo du sie verließest?« – »Oh! das würdest du nicht erraten.« »Sie schickte sich an, einen andern Liebhaber zu nehmen?« – »Sie schickte sich an, Wehefrau zu werden.«

»Wie! Wehefrau? Was soll das heißen?« – Oh! rolle deine Augen, solange du willst; ich sage, daß deine Schwester, als ich abreiste, im Begriff war, eine Entbindung vorzunehmen.«

»Für eigene Rechnung?« rief Heinrich erbleichend; »sollte Margot Kinder haben?« – »Nein, für Rechnung ihres Gemahls; du weißt wohl, daß die letzten Valois die Tugend der Fruchtbarkeit nicht besitzen. Pest! das ist nicht wie bei den Bourbonen.«

»Margot alkouchiert also tatsächlich?« – »Ganz vollständig.«

»Wen denn?« – »Fräulein Fosseuse.«

»Wahrhaftig, das begreife ich nicht.« – »Ich auch nicht, doch ich habe mich nicht vermessen, dir Licht in der Sache zu geben, ich wollte dir nur sagen, wie die Dinge stehen.«

»Vielleicht hat sie nur, um ihre Person zu verteidigen, in diese Demütigung eingewilligt.« – »Sicher hat ein Kampf stattgefunden; doch sobald ein Kampf stattfand, war der eine oder der andere Teil der unterliegende; deine Schwester war minder stark als Heinrich, das ist es nur.«

»In der Tat, das freut mich.« – »Schlechter Bruder.«

»Sie müssen sich gegenseitig verwünschen?« – »Ich glaube, daß sie sich im Grunde nicht anbeten.«

»Aber scheinbar?« – »Sind sie die besten Freunde der Welt.«

»Ja; doch an einem schönen Morgen wird sie eine neue Liebe völlig entzweien.« – »Diese neue Liebe ist gekommen, Heinrich.«

»Bah!« – »Bei meiner Ehre; doch soll ich dir sagen, was ich fürchte?«

»Sprich!« – »Ich befürchte, diese neue Liebe wird sie versöhnen, statt sie zu entzweien.«

Und löffelweise, halb im Scherz und halb im Ernst sprechend, flößte Chicot seinem König die bittere Wahrheit ein, daß sein Schwager Heinrich die vorenthaltene Mitgift in Gestalt der Stadt Cahors durch siegreichen Sturm sich selbst geholt habe.

»Gottes Tod!« rief Heinrich wütend, »meine Stadt! er hat meine Stadt genommen!«

»Verdammt! Du begreifst, Henriquet, du wolltest sie ihm nicht geben, nachdem du sie ihm versprochen, und er mußte sich entschließen, sie zu nehmen. Doch halt, hier ist ein Brief, den er mich beauftragt hat, dir eigenhändig zu übergeben.«

Hierbei zog Chicot einen Brief aus seiner Tasche und übergab ihn dem König. Es war der von Heinrich nach der Einnahme von Cahors geschriebene Brief.

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