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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Eine Erinnerung des Herzogs von Anjou.

Der junge Mann konnte bei seiner Rücklehr das unheimliche Gelächter des Herzogs von Anjou hören, doch er hatte nicht genug bei seiner Hoheit gelebt, um zu wissen, welche Drohung in solcher Kundgebung des Prinzen lag.

Er hätte auch an der Unruhe einiger Gesichter wahrnehmen können, daß man über ihn gesprochen hatte.

Doch Henri war nicht mißtrauisch genug, um dergleichen zu erraten. Überdies wachte Aurilly gut, und der Herzog, der seinen Plan ohne allen Zweifel schon gemacht hatte, hielt Henri bei sich zurück, bis sich alle bei dem Gespräch gegenwärtigen Offiziere entfernt hatten.

Der Herzog hatte einige Abänderungen bei der Verteilung der Posten getroffen. Er nahm selbst das Hauptquartier in Dianas Hause ein und schickte den Fähnrich an den nächstwichtigen Posten am Flusse.

Henri wunderte sich nicht darüber. Der Prinz hatte bemerkt, daß dieser Punkt der wichtigste war, und er überließ ihm diesen; das war ganz natürlich, so natürlich, daß jeder und Henri zuerst sich in seiner Absicht täuschte.

Nur glaubte er, dem Fähnrich der Gendarmen die beiden Personen, über die er wachte und die er für den Augenblick wenigstens verlassen mußte, empfehlen zu sollen. Doch bei den ersten Worten, die Henri mit dem Fähnrich zu reden versuchte, trat der Herzog dazwischen.

»Geheimnisse!« sagte er mit seinem Lächeln.

Der Gendarm hatte begriffen, welche Indiskretion er begangen, aber es war zu spät. Er bereute es, wollte dem Grafen zu Hilfe kommen und erwiderte: »Nein, Monseigneur, der Herr Graf fragt mich nur, wieviel Pfund trockenes Pulver mir bleiben.«

»Ah! das ist etwas anderes,« rief der Herzog.

Während sich dann aber der Herzog gegen die Tür umwandte, die man gerade öffnete, flüsterte der Fähnrich Henri zu: »Seine Hoheit weiß, daß Ihr jemand begleitet.«

Du Bouchage bebte; doch es war zu spät. Nicht einmal dieses Beben war dem Herzog entgangen, und, als wollte er sich selbst versichern, daß man überall seine Befehle vollzogen, schlug er dem Grafen vor, ihn bis zu seinem Posten zu führen, ein Vorschlag, den Henri wohl annehmen mußte.

Henri hätte Remy gern wissen lassen, er möge auf seiner Hut sein und zum voraus eine Antwort bereithalten, doch dies war nicht möglich; alles, was er tun konnte, war, daß er den Fähnrich mit den Worten verabschiedete: »Wacht wohl über dem Pulver, nicht wahr? Wacht darüber, als ob ich selbst es täte.«

»Ja, Herr Graf,« erwiderte der junge Mann.

Auf dem Wege fragte der Herzog den Grafen du Bouchage: »Wo ist das Pulver, das Ihr unserem jungen Offizier empfehlt, Graf?«

»In dem Hause, das ich zum Hauptquartier gewählt hatte, Hoheit.«

»Seid unbesorgt,« erwiderte der Herzog, »ich kenne zu gut die Wichtigkeit eines solchen Vorrats in der Lage, in der wir uns befinden, um nicht jede Aufmerksamkeit darauf zu richten. Nicht unser junger Fähnrich wird darüber wachen, sondern ich.«

Man kam, ohne weiter zu reden, zu dem Zusammenlauf des Flusses und des Baches; der Herzog empfahl du Bouchage auf das strengste, seinen Posten nicht zu verlassen, und kehrte zurück.

Aurilly war aus dem Speisezimmer nicht weggegangen und schlief, auf einer Bank liegend, in dem Mantel eines Offiziers. Der Herzog klopfte ihm auf die Schulter und weckte ihn auf. Aurilly rieb sich die Augen und schaute den Prinzen an.

»Hast du gehört?« fragte ihn dieser. – »Ja, gnädigster Herr.« »Weißt du denn auch, wovon ich spreche?« – »Bei Gott! von der unbekannten Dame, von der Verwandtin des Grafen du Bouchage.«

»Gut, ich sehe, daß das Brüsseler Faro und das Löwener Bier dein Gehirn noch nicht ganz abgestumpft haben,« – »Immerzu, Monseigneur, sprecht oder macht nur ein Zeichen, und Eure Hoheit wird sehen, daß ich erfindungsreicher bin als je.«

»Wir wollen sehen? Rufe deine ganze Einbildungskraft zu Hilfe und errate« – »Wohl, gnädigster Herr, ich errate, daß Eure Hoheit neugierig ist.«

»Ah! bei Gott! das ist Temperamentssache, du brauchst mir nur zu sagen, was meine Neugierde zu dieser Stunde reizt.« – »Ihr wollt wissen, wer das brave Geschöpf ist, das den beiden Herren von Joyeuse durch Wasser und Feuer folgt?«

»Übrigens hast du schon den aufgetragenen Brief an meine Schwester Margot geschrieben?«

»Womit soll ich schreiben, Hoheit? Ich habe hier weder Tinte noch Feder noch Papier.«

»Wohl! so suche!« – »Wie soll ich das in der Hütte eines Bauern finden, der, es ist tausend gegen eines zu wetten, gar nicht schreiben kann?«

»Suche immerhin, Dummkopf, und wenn du das nicht findest, nun wohl, so wirst du etwas anderes finden.«

– »Oh! ich Einfaltspinsel, der ich bin,« rief Aurilly, sich vor die Stirn schlagend; »wahrhaftig, ja, Eure Hoheit hat recht, mein Kopf wird schwerfällig, aber ich bin gar so schläfrig.«

»Gut, gut, ich will dir wohl glauben, und da du nicht geschrieben hast, so werde ich schreiben, suche mir nur alles, was ich zum Schreiben brauche; suche, Aurilly, suche und kehre nicht eher zurück, als bis du gefunden hast; ich bleibe hier.« – »Ich gehe, Monseigneur.«

»Und wenn du bei deinem Nachsuchen bemerkst, daß das Haus malerisch ist ... Du weißt, wie ich den flämischen Stil liebe, Aurilly!« – »Ja, Monseigneur.« »Nun, so rufst du mich.« – »Auf der Stelle, Monseigneur, Ihr könnt ruhig sein ...«

Aurilly stand auf und wandte sich leicht wie ein Vogel nach der anstoßenden Stube, wo sich der Fuß der Treppe fand.

Nach fünf Minuten kam er zu seinem Herrn zurück, der es sich in dem großen Saal bequem gemacht hatte.

»Nun?« fragte dieser. – »Gnädigster Herr, wenn ich dem Anschein glauben darf, muß das Haus teufelsmäßig malerisch sein.«

»Warum?« – »Weil man nicht hinein kann, wie man will.«

»Was sagst du?« – »Ich sage, daß es von einem Drachen bewacht wird.«

»Was soll dieser alberne Scherz!« – »Ei! Monseigneur, es ist leider kein alberner Scherz, sondern eine traurige Wahrheit. Der Schatz ist im ersten Stock in einer Stube, hinter deren Tür man ein Licht glänzen sieht, und vor dieser Tür findet man einen Menschen, der in einem großen grauen Mantel auf der Schwelle liegt.«

»Ho! ho! sollte es sich Herr du Bouchage erlauben, einen Gendarmen vor die Tür seiner Geliebten zu legen?«

– »Es ist kein Gendarm, sondern ein Diener der Dame und des Grafen selbst.«

»Und was für eine Art von Diener?« – »Gnädigster Herr, es ist nicht möglich, sein Gesicht zu sehen, doch was man sieht, ist ein breites flämisches Messer, das in seinem Gürtel steckt, und worauf er eine kräftige Hand stützt.«

»Das ist anziehend, wecke mir diesen Burschen ein wenig.« – »Ah! nein, Hoheit.«

»Was sagst du?« – »Ich sage, daß ich mir, abgesehen von dem flämischen Messer, nicht aus den Herren von Joyeuse, die bei Hofe sehr wohlgelitten sind, Todfeinde machen will. Wären wir Könige der Niederlande gewesen, dann ginge es wohl an; doch wir haben nur die Freundlichen zu spielen, Monseigneur, besonders gegen die, die uns gerettet; denn die Joyeuse haben uns gerettet. Nehmt Euch in acht, Hoheit, wenn Ihr es nicht sagt, werden sie es sagen.«

»Du hast recht, Aurilly,« sagte der Herzog, mit dem Fuße stampfend, »du hast recht, und dennoch ...« –

»Ja, ich begreife; und dennoch hat Eure Hoheit nicht ein einziges Frauengesicht seit vierzehn tödlichen Tagen gesehen. Ich spreche nicht von jenen Tieren, die die Polder bewohnen.«

»Ich will diese Geliebte von du Bouchage sehen, Aurilly, ich will sie sehen, hörst du?« – »Ja, Monseigneur, ich höre.«

»Nun, so antworte.« – »Wohl, Hoheit, ich antworte, daß Ihr sie vielleicht sehen werdet, aber nicht durch die Tür.«

»Es sei; wenn ich sie aber nicht durch die Tür sehen kann, so werde ich sie wenigstens durch das Fenster sehen.«

– »Ah! das ist ein Gedanke, Monseigneur, und zum Beweis, daß ich ihn vortrefflich finde, will ich Euch eine Leiter holen ...«

Aurilly schlüpfte in den Hof des Hauses und fand nach einigem Suchen eine Leiter.

Er trug sie vorsichtig auf die Straße und legte sie dort an die äußere Mauer an.

Aurilly machte aber den Prinzen auf eine Schildwache aufmerksam, die, da sie nicht wußte, wer die beiden Männer waren, eben »Wer da!« rufen wollte.

Franz zuckte die Achseln und ging gerade auf den Soldaten zu. Aurilly folgte ihm.

»Mein Freund,« sagte der Prinz, »nicht wahr, dieser Punkt ist der höchste Punkt des Fleckens?«

»Ja, Monseigneur,« antwortete die Schildwache, die, Franz erkennend, grüßte, »und wären nicht diese Linden, so könnte man beim Mondschein einen Teil der Landschaft überschauen.«

»Ich vermutete es,« sagte der Prinz; »ich habe auch diese Leiter bringen lassen, um darüber hinaus zu schauen. Steige also hinauf, Aurilly, oder nein, laß mich hinaufsteigen, ein Fürst muß alles selbst sehen.«

»Wo soll ich die Leiter anlegen, gnädigster Herr?« fragte der gleisnerische Diener.

»Irgendwohin, meinetwegen an diese Wand.«

Sobald die Leiter angelegt war, stieg der Prinz hinauf. Mochte er nun das Vorhaben des Prinzen vermuten, oder war es natürliche Diskretion, der Soldat wandte den Kopf auf die entgegengesetzte Seite.

Der Prinz erreichte die Höhe der Leiter; Aurilly blieb am Fuß.

Das Zimmer, in dem Henri Diana eingeschlossen hatte, war mit Matten belegt, und die Ausstattung bestand aus einem großen Bett von Eichenholz mit Vorhängen von Sarsche, einem Tisch und einigen Stühlen.

Die junge Frau, deren Herz seit der falschen Nachricht vom Tode des Prinzen, die sie im Lager der Gendarmen von Aunis erfahren, von einer ungeheuren Last erleichtert zu sein schien, hatte von Remy etwas Speise verlangt, was ihr dieser mit dem Eifer einer unsäglichen Freude herbeigeschafft.

Zum ersten Male hatte Diana nun seit der Stunde, wo sie den Tod ihres Vaters erfahren, ein etwas kräftigeres Gericht als Brot gekostet, zum ersten Male hatte sie ein paar Tropfen von einem Rheinwein getrunken, der von den Gendarmen in einem Keller gefunden und du Bouchage überbracht worden war.

Nach diesem Mahl, so leicht es auch war, floß Dianas Blut, von so vielen heftigen Gemütsbewegungen und unerhörten Strapazen gepeitscht, stürmischer ihrem Herzen zu, zu dem es den Weg vergessen zu haben schien; Remy sah, wie ihr die Augen schwer wurden, und wie ihr Kopf sich auf ihre Schulter neigte.

Er zog sich bescheiden zurück und legte sich auf die Türschwelle. Diana schlief ihrerseits, den Ellenbogen auf den Tisch, ihren Kopf auf ihre Hand gestützt. Ihr geschmeidiger, zarter Leib war auf ihrem Stuhle mit der langen Lehne seitwärts geneigt; eine kleine, eiserne Lampe, die neben einem halb geleerten Teller auf dem Tische stand, beleuchtete ihr Antlitz, das beim ersten Anblick so ruhig zu sein schien, während soeben ein Sturm darin erloschen war, der sich bald wieder entzünden sollte.

Die Augen geschlossen, diese Augen mit den azurgeaderten Lidern, den Mund sanft und leicht geöffnet, die Haare über den Capuchon der groben Männerkleidung, die sie trug, zurückgeworfen, musste Diana wie eine erhabene Vision den Blicken erscheinen, die das Heiligtum ihres Asyls verletzen wollten.

Als sie der Herzog erblickte, konnte er sich einer Bewegung der Bewunderung nicht erwehren; er stützte sich auf den Rand des Fensters und verschlang mit den Augen diese ideale Schönheit bis auf die kleinsten Einzelheiten.

Doch plötzlich, mitten unter dieser Betrachtung, faltete sich seine Stirn; er stieg wieder zwei Sprossen mit einer Art nervöser Hast herab, lehnte sich an die Wand, kreuzte seine Arme über seiner Brust und träumte.

Aurilly, der ihn nicht aus den Augen verlor, konnte sehen, wie seine Blicke unbestimmt im Raume umherschweiften, wie die eines Menschen, der seine ältesten Erinnerungen zurückruft.

Nachdem er so zehn Minuten unbeweglich verharrt war, stieg der Herzog wieder zum Fenster hinauf, schaute abermals, behielt aber dieselbe Ungewißheit in seinem Blicke. Na näherte sich Aurilly plötzlich der Leiter und flüsterte ihm zu: »Rasch, rasch, Hoheit, steigt herab, ich höre Tritte am Ende der nächsten Straße.«

Doch der Herzog stieg, immer noch in Gedanken versunken, sacht herab.

»Es war Zeit,« sagte Aurilly.

»Von welcher Seite kommt das Geräusch?« fragte der Herzog. – »Von dieser Seite,« antwortete Auritly; und er streckte die Hand in der Richtung eines düsteren Gäßchens aus.

Der Prinz horchte.

»Ich höre nichts,« sagte er.

»Die Person wird stillstehen; man belauscht uns.«

»Nimm die Leiter weg!« sagte der Prinz.

Aurilly gehorchte; der Prinz setzte sich mittlerweile auf die steinerne Bank, die auf jeder Seite die Tür des Hauses begrenzte. Das Geräusch hatte sich nicht wiederholt, und niemand schien am Ende des Gäßchens zu sein. Aurilly kam zurück.

»Nun! Monseigneur,« fragte er, »ist sie schön?« – »Sehr schön,« antwortete der Prinz mit düsterer Miene.

»Was macht Euch denn so traurig, gnädigster Herr? sollte sie Euch gesehen haben?« – »Sie schläft.«

»Was beunruhigt Euch dann?« – Wer Prinz antwortete nicht.

»Braun? ... blond?« – »Es ist seltsam, Aurilly,« murmelte der Prinz, »ich habe diese Frau irgendwo gesehen.«

»Ihr habt sie also erkannt?« – »Nein, denn ich vermag den Namen nicht zu finden; nur hat mir ihr Anblick einen heftigen Schlag im Herzen versetzt. Ja, in der Tat,« fuhr der Prinz auf einen spöttischen Blick Aurillys fort, »ich weiß nicht, was ich empfinde; doch,« fügte er mit düsterer Miene hinzu, »ich glaube, ich habe unrecht gehabt, zu schauen.«

»Doch gerade wegen der Wirkung, die ihr Anblick auf Euch hervorgebracht hat, muß man wissen, wer diese Frau ist, Monseigneur.« – »Allerdings.«

»Sucht wohl in Euren Erinnerungen, gnädigster Herr; habt Ihr sie bei Hofe gesehen?« – »Nein, ich glaube nicht.«

»In Frankreich, in Navarra, in Flandern?« – »Nein.«

»Ist es vielleicht eine Spanierin?« – »Ich glaube nicht.«

»Eine Engländerin? Eine Dame der Königin Elisabeth? – »Nein, nein; sie muß mit meinem Leben auf eine engere Weise verknüpft sein; ich glaube, daß sie mir unter furchtbaren Umständen erschienen ist.«

»Dann werdet Ihr sie leicht erkennen, denn, Gott sei Dank! im Leben Monseigneurs hat es nicht viele furchtbare Umstände gegeben.«

»Findest du?« sagte Franz mit düsterem Lächeln.

Aurilly verbeugte sich und sagte: »Wenn Eure Hoheit erlaubt, so schaue ich auch und grabe in meinen Erinnerungen nach.«

»Meiner Treu, du hast recht, Aurilly, hole die Leiter, lege sie an und steige hinauf. Was liegt dir an dem Späher? Schau! Aurilly, schau!«

Aurilly hatte schon einige Schritte gemacht, um seinem Herrn zu gehorchen, als man plötzlich jemand hastig herbeieilen hörte, und Henri dem Herzog zurief: »Zu den Waffen! Monseigneur! Zu den Waffen!«

Mit einem einzigen Sprung war Aurilly wieder beim Herzog.

»Ihr,« sagte der Prinz, »Ihr hier, Graf? Unter welchem Vorwand habt Ihr Euren Posten verlassen?«

»Monseigneur,« antwortete Henri voll Festigkeit, »wenn mich Eure Hoheit bestrafen zu müssen glaubt, so wird sie dies tun. Aber es war meine Pflicht, hierher zu gehen, und ich bin gegangen.«

Der Herzog warf mit einem bezeichnenden Lächeln einen Blick nach dem Fenster und erwiderte: »Eure Pflicht, Graf? Erklärt mir das.«

»Monseigneur, es sind Reiter bei der Schelde erschienen; man weiß nicht, ob es Freunde oder Feinde sind.«

»In großer Anzahl?« fragte der Herzog unruhig.

»Sehr zahlreich.«

»Nun wohl! Graf, keinen falschen Mut, Ihr habt wohl daran getan, daß Ihr zurückgekommen seid. Laßt Eure Gendarmen wecken. Ziehen wir an dem Flusse hin, der minder breit ist, und verlassen wir unser Lager hier, das wird das Klügste sein.« »Allerdings, allerdings, Monseigneur; doch ich glaube, es ist dringend, meinen Bruder zu benachrichtigen.«

»Zwei Männer werden hierzu genügen,«

»Wenn zwei Männer genügen, Monseigneur, so werde ich mit einem Gendarmen gehen.«

»Nein, bei Gott! du Bouchage,« rief Franz lebhaft, »nein, Ihr werdet mit uns gehen. In solchen Augenblicken trennt man sich nicht von einem Verteidiger, wie Ihr seid.«

»Eure Hoheit nimmt die ganze Eskorte mit?« »Die ganze.«

»Es ist gut, Monseigneur,« sagte Henri, sich verbeugend; »wann bricht Eure Hoheit auf?« – »Sogleich!«

»Holla! wer in der Nähe ist, herbei!« rief Henri.

Der junge Fähnrich kam aus dem Gäßchen hervor, als ob er nur diesen Ruf erwartet hatte.

Henri gab ihm seine Befehle, und beinahe in demselben Augenblick sah man die Gendarmen von allen Teilen und Enden des Fleckens auf den Platz eilen und Vorkehrungen zum Abmarsch treffen.

In ihrer Mitte sprach der Herzog mit seinen Offizieren und teilte ihnen mit, er wolle in ihrer sicheren Begleitung nach Brüssel zurückweichen.

Zu Aurilly gewendet, trug er diesem auf, bei der schönen Unbekannten zu bleiben und sie nach Chateau-Thierre, dem Schlosse des Prinzen, wohin dieser sich wenden wolle, zu führen.

»Aber, Monseigneur, sie wird sich vielleicht nicht mitnehmen lassen.« – »Bist du ein Narr? ... Da du Bouchage mich nach Chateau-Thierry begleitet, und sie du Bouchage folgt, wird es sich im Gegenteil von selbst machen.«

»Aber sie kann anderswohin gehen wollen, wenn sie sieht, daß ich willens bin, sie zu Euch zu führen.« – »Nicht zu mir wirst du sie führen, sondern, ich wiederhole es dir, zum Grafen. Auf also! Doch bei meinem Ehrenwort, man sollte glauben, du helfest mir zum ersten Male bei einer solchen Veranlassung. Hast du Geld?«

»Ich habe die zwei Rollen Gold, die mir Eure Hoheit gegeben hat, als wir aus dem Lager auf den Poldern auszogen.« – »Vorwärts also! Und durch alle nur immer möglichen Mittel, hörst du? Durch alle, bringe mir meine schöne Unbekannte nach Chateau-Thierry; wenn ich sie näher anschaue, werde ich sie vielleicht erkennen.«

»Und den Diener auch?« – »Ja, wenn er dir nicht lästig ist.«

»Doch, wenn er mir lästig ist?« – »Mache mit ihm, was du mit einem Stein machst, den du auf deinem Wege triffst; wirf ihn in einen Graben.«

»Gut, Monseigneur.«

Während die lichtscheuen Verschwörer ihre Pläne in der Finsternis entwarfen, stieg Henri in den ersten Stock hinauf und weckte Remy.

Von dem, was vorging, in Kenntnis gesetzt, klopfte Remy auf eine gewisse Weise an die Tür, und sogleich öffnete die junge Frau.

Hinter Remy erschien du Bouchage.

»Guten Abend, mein Herr,« sagte sie mit einem Lächeln, das ihr Gesicht verlernt hatte.

»Oh! verzeiht, Madame, ich komme nicht, um Euch zu belästigen, ich komme, um von Euch Abschied zu nehmen.«

»Abschied! Ihr reist, Herr Graf?« – »Nach Frankreich, ja, Madame.«

»Und Ihr verlaßt uns?« – »Ich bin dazu genötigt, Madame; es ist meine erste Pflicht, dem Prinzen zu gehorchen.«

»Dem Prinzen, es ist ein Prinz hier?« sagte Remy.

»Welcher Prinz?« fragte Diana erbleichend. – »Der Herzog von Anjou, den man für tot hielt, ist, auf eine wunderbare Weise gerettet, zu uns gekommen.«

Diana stieß einen furchtbaren Schrei aus, und Remy wurde so bleich, als hätte ihn plötzlich der Tod getroffen. »Wiederholt mir, daß der Herzog von Anjou lebt, daß der Herzog von Anjou hier ist,« stammelte Diana.

»Wenn er nicht hier wäre, und wenn er mir nicht befehlen würde, ihm zu folgen, Madame, so hätte ich Euch bis in das Kloster begleitet, in das Ihr Euch, wie Ihr mir gesagt, zurückzuziehen gedenkt.«

»Ja, ja,« sagte Remy, »das Kloster, Madame, das Kloster.«

Und er legte einen Finger auf seine Lippen.

Durch ein Zeichen mit dem Kopfe zeigte ihm Diana, daß sie ihn verstanden hatte.

»Ich hätte Euch um so lieber begleitet, Madame,« fuhr Henri fort, »als Ihr durch die Leute des Herzogs beunruhigt werden könntet.«

»Wieso?« – »Ja, alles läßt mich glauben, er wisse, daß eine Frau in diesem Hause wohnt.«

»Und woher kommt dieser Glauben?« – »Unser junger Fähnrich hat ihn eine Leiter an die Mauer legen und durch das Fenster schauen sehen.«

»Oh! mein Gott! mein Gott!« rief Diana.

»Beruhigt Euch, Madame, er hat ihn auch zu seinem Gefährten sagen hören, er kenne Euch nicht.«

»Gleichviel, gleichviel!« sagte die junge Frau, Remy anschauend.

»Alles, was Ihr wollt, Madame, alles!« sagte Remy, seine Züge mit erhabener Entschlossenheit bewaffnend.

»Seid unbesorgt, Madame,« sagte Henri, »der Herzog wird auf der Stelle aufbrechen; noch eine Viertelstunde, und Ihr seid allein und frei. Erlaubt mir also, daß ich mich ehrerbietig von Euch verabschiede und Euch noch einmal sage, daß bis zu meinem Todesseufzer mein Herz für Euch und durch Euch schlagen wird. Gott befohlen, Madame, Gott befohlen!«

Und der Graf verbeugte sich mit einer Ehrfurcht wie vor einem Altar und machte zwei Schritte rückwärts.

»Nein, nein,« rief Diana, wie im Fieberwahn, »nein, Gott hat es nicht gewollt; nein, Gott hat diesen Menschen getötet, und er kann ihn nicht wiedererweckt haben; nein, nein, mein Herr, Ihr täuscht Euch, er ist tot.«

In diesem Augenblick erscholl die Stimme des Prinzen auf der Straße: »Graf, Ihr laßt uns warten!«

»Ihr hört ihn, Madame,« sagte Henri. »Zum letzten Male, Gott befohlen.«

Und er drückte Remy die Hand und eilte nach der Treppe.

Diana näherte sich dem Fenster, zitternd und krampfhaft wie der Vogel, den das Auge der Schlange bannt.

Sie erblickte den Herzog zu Pferd; sein Gesicht war gerötet vom Schimmer der Fackeln, die zwei Gendarmen trugen.

»Oh! er lebt, der Dämon, er lebt!« flüsterte Diana Remy mit einem so furchtbaren Ausdruck zu, daß der würdige Diener selbst darüber erschrak; »er lebt, leben wir auch; er reist nach Frankreich ab. Es sei, Remy, wir gehen auch nach Frankreich!«

Die Reise.

Mit seiner gewöhnlichen Gewissenlosigkeit des gleisnerischen Unterhändlers suchte Aurilly Remy zum Verrat an seiner Herrin zu bewegen, bald durch Gold und bald durch Drohung. Er ahnte nicht, daß hier seiner Arglist mit noch größerer List entgegengetreten wurde. Als Remy sicher war, daß Aurilly ihn selbst nicht wiedererkannt habe, beschloß seine Herrin, selbst mit einer Maske versehen, mit ihm die Reise nach dem Schloß des Herzogs zu wagen, in der Hoffnung, so am besten ihr einziges Lebensziel zu erreichen. Als Diana und Remy zum Aufbruch aus ihrem Zimmer herunterkamen, wartete Aurilly unten an der Treppe mit einer Laterne in der Hand und murmelte, gierig, wie er war, das Gesicht der Unbekannten zu sehen: »Teufel, sie hat eine Maske. Oh! doch von hier bis Chateau-Thierry werden die seidenen Schnüre abgenutzt ... oder abgeschnitten sein.«

Man brach auf. Aurilly nahm gegen Remy den Ton völliger Gleichheit an und gegen Diana den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht. Doch vermochte Remy leicht zu erkennen, daß dieses ehrfurchtsvolle Wesen berechnet war. In der Tat, einer Frau den Steigbügel halten, wenn sie ein Pferd besteigt oder absteigt, über jeder ihrer Bewegungen voll Fürsorge wachen und nie eine Gelegenheit vorübergehen lassen, um ihr den Handschuh aufzuheben oder den Mantel einzuhakeln, ist die Tätigkeit eines Liebhabers, eines Dieners oder eines Neugierigen.

Wenn er den Handschuh berührte, sah Aurilly die Hand; wenn er den Mantel einhakelte, schaute er unter die Maske, wenn er den Steigbügel hielt, suchte er einen Zufall herbeizuführen, um das Gesicht zu erblicken, das der Prinz in seinen verworrenen Erinnerungen nicht erkannt hatte, das er, Aurilly, aber mit seinem guten Gedächtnis wohl zu erkennen hoffte.

Doch er hatte es mit einem starken Gegner zu tun, Remy forderte seinen Dienst bei seiner Gefährtin und zeigte sich eifersüchtig auf Aurillys Zuvorkommenheit und wurde dabei von Diana selbst unterstützt.

Aurilly war darauf angewiesen, während langer Märsche auf Schatten und Regen zu hoffen und während des Haltens die Mahlzeit herbeizuwünschen. Doch er wurde in seiner Erwartung getäuscht. Regen oder Sonne, das war ganz gleichgültig, die Maske blieb auf dem Gesicht, und die Mahlzeiten wurden von der jungen Frau in einem abgesonderten Zimmer eingenommen.

Aurilly sah ein, daß, wenn er nicht erkannte, man dagegen ihn erkannt hatte; er suchte durch die Schlösser zu sehen, doch die Dame wandte beständig der Tür den Rücken zu; er suchte durch die Fenster zu schauen, doch er fand an den Fenstern dichte Vorhänge oder doch die Mäntel der Reisenden. Weder Fragen noch Bestechungsversuche hatten bei Remy Erfolg; der Diener erwiderte beständig, dies sei der Wille der Gebieterin und folglich auch sein Wille.

»Aber werden diese Vorsichtsmaßregeln nur meinetwegen allein genommen?« fragte Aurilly.

»Nein, gegen jeden.«

»Aber der Herzog von Anjou hat sie gesehen; damals verbarg sie sich also nicht,«

»Zufall, reiner Zufall,« sagte Remy, »und gerade weil meine Gebieterin gegen ihren Willen vom Herrn Herzog von Anjou gesehen worden ist, trifft sie ihre Maßregeln, um von niemand mehr gesehen zu werden.«

Die Tage vergingen indessen, man näherte sich dem Ziele, und durch Remys und seiner Gebieterin Vorsicht waren die Bemühungen des neugierigen Aurilly vereitelt worden.

Schon war das Ende der Reise nicht ferne. Aurilly, der seit drei bis vier Tagen alles versuchte, Freundlichkeit, Schmollen, kleine Aufmerksamkeiten und beinahe Gewalt, fing an, die Geduld zu verlieren, und die schlimmen Instinkte seiner Natur gewannen allmählich die Oberhand. Es war, als erkenne er, unter dem Schleier dieser Frau sei ein tödliches Geheimnis verborgen.

Eines Tages blieb er mit Remy ein wenig zurück und erneuerte bei diesem seine Bestechungsversuche, die Remy wie gewöhnlich zurückwies.

»Früher oder später muß ich doch deine Gebieterin einmal sehen,« sagte Aurilly. – »Ohne Zweifel, doch das wird geschehen, wann sie will, und nicht, wann Ihr wollt.«

»Wenn ich aber Gewalt anwendete?« – »Versucht es,« versetzte Remy, und ein Blitz, den er nicht zu unterdrücken vermochte, sprang aus seinen Augen hervor.

Aurilly sah diesen Blitz; er begriff, welche Energie in dem lebte, den er für einen Greis hielt.

»Welch ein Narr bin ich!« sagte er lachend, »was liegt mir daran, wer sie ist? Nicht wahr, es ist dieselbe, die der Herr Herzog von Anjou gesehen hat?« – »Gewiß.«

»Und die er mir befahl, nach Chateau-Thierry zu bringen?« – »Ja.«

»Wohl! mehr brauche ich nicht; ich bin nicht in sie verliebt, sondern der Herr Herzog, und wenn Ihr nicht versucht zu fliehen, mir zu entkommen ...« – »Sehen wir danach aus?«

»Nein.« – »Wir sehen so wenig danach aus, und es ist so wenig unsere Absicht, daß wir, wenn Ihr auch nicht dabei wäret, unsere Reise nach Chateau-Thierry fortsetzen würden; wünscht der Herzog uns zu sehen, so wünschen wir ihn auch zu sehen.«

»Das trifft vortrefflich zusammen.« Dann fragte er, als wollte er sich versichern, daß Remy und seine Gefährtin wirklich nicht einen andern Weg einzuschlagen wünschten, auf ein Wirtshaus an der Landstraße deutend: »Will Eure Gebieterin hier einen Augenblick anhalten?« – »Ihr wißt, daß meine Gebieterin nur in Städten anhält.«

»Ich habe nicht darauf achtgegeben.« – »Es ist so.«

»Ich will aber einen Augenblick anhalten; reitet weiter, ich hole Euch ein.«

Aurilly deutete Remy den Weg an, stieg ab und näherte sich dem Wirt, der ihm mit großer Ehrerbietung und als ob er ihn kennte, entgegenkam. Remy ritt Diana nach.

»Was sagte er Euch?« fragte die junge Frau. – »Er drückte seinen gewöhnlichen Wunsch aus.«

»Den, mich zu sehen?« – »Ja.«

Diana lächelte unter ihrer Maske.

»Nehmt Euch in acht,« sagte Remy, »er ist wütend.«

»Er wird mich nicht sehen. Ich will es nicht, und damit sage ich dir, daß er nichts in dieser Hinsicht zu tun imstande sein wird.«

»Muß er Euch aber nicht, wenn Ihr einmal in Chateau-Thierry seid, mit entblößtem Gesicht sehen?« »Was ist daran gelegen, wenn die Entdeckung zu spät kommt? Übrigens hat mich der Herr nicht erkannt.«

In diesem Augenblick wurden sie von Aurilly unterbrochen, der, nachdem er einen Seitenweg eingeschlagen hatte und ihnen gefolgt war, ohne sie aus dem Gesicht zu verlieren, plötzlich in der Hoffnung erschien, einige Worte ihres Gesprächs zu erlauern.

Das rasche Schweigen bei seiner Ankunft bewies ihm, daß er lästig war; er begnügte sich daher, ihnen im Abstand zu folgen, wie er dies zuweilen tat.

Von diesem Augenblick stand Aurillys Plan fest. Er mißtraute, er wußte selbst nicht, warum, er mißtraute instinktartig; denn von Vermutungen zu Vermutungen hin und her schwankend, war sein Geist nicht einen Augenblick bei der Wirklichkeit stehengeblieben.

Er konnte sich nicht erklären, warum man ihm so hartnäckig dieses Gesicht verbarg, das er früher oder später sehen mußte. Um seinen Plan besser zum Ziele zu führen, gab er sich von diesem Augenblick den Anschein, als hätte er auf ihn verzichtet, und zeigte sich den ganzen Tag als der bequemste und lustigste Geselle.

Remy bemerkte diese Veränderung nicht ohne eine gewisse Unruhe. Man kam in eine Stadt und übernachtete hier wie gewöhnlich. Am anderen Morgen reiste man unter dem Vorwand, der Weg, den man zurückzulegen habe, sei lang, bei Tagesanbruch ab. Um die Mittagsstunde mußte man anhalten, um die Pferde ausruhen zu lassen.

Um zwei Uhr brach man wieder auf und reiste noch bis vier Uhr. Ein großer Wald zeigte sich in der Ferne, es war der von La Fère. Er bot den düsteren, geheimnisvollen Anblick der Wälder im nördlichen Frankreich.

Remy und Diana wechselten einen Blick, als hätten beide begriffen, daß sie hier das Ereignis erwarte, das von der Stunde der Abreise über ihren Häuptern schwebte.

Man kam etwa sechs Uhr abends in den Wald. Nachdem man noch eine halbe Stunde gereist war, neigte sich der Tag. Ein heftiger Wind ließ die Blätter wirbeln und trieb sie nach einem ungeheuren Teiche fort, der, in der Tiefe der Bäume verloren, sich an dem Wege hinzog, der sich vor den Reisenden ausdehnte.

Seit zwei Stunden hatte strömender Regen den lehmigen Boden durchnäßt. Sorglos für ihre Person und ihres Pferdes ziemlich gewiß, ließ Diana dieses gehen, ohne es zu halten; Aurilly ritt rechts, Remy links. Aurilly war am Rande des Teiches, Remy mitten auf dem Weg.

Kein menschliches Geschöpf ließ sich unter den düsteren, grünen Bogen der Bäume auf der langen Krümmung des Wegs sehen.

Plötzlich fühlte Diana, daß der Sattel ihres Pferdes, das wie gewöhnlich Aurilly gesattelt hatte, wankte und sich drehte; sie rief Remy, der von dem seinigen herabsprang und sich bückte, um den Riemen festzuziehen. In diesem Augenblick näherte sich Aurilly der Dame, die nur mit ihrem Pferde beschäftigt war, und durchschnitt mit dem Ende seines Dolches die seidene Rundschnur ihrer Maske.

Ehe sie diese Bewegung bemerkt oder mit der Hand nach ihrem Gesichte gegriffen hatte, nahm ihr Aurilly die Maske ab und neigte sich gegen Diana, die sich ihrerseits gegen ihn neigte. Die Augen beider trafen in einem furchtbaren Blick zusammen; niemand hätte sagen können, wer von ihnen bleicher und drohender aussah.

Aurilly fühlte, wie ein kalter Schweiß seine Stirn überströmte, er ließ die Maske und den Dolch fallen und rief voll Angst, die Hände zusammenschlagend: »Himmel und Erde! ... Die Dame von Monsoreau!!!«

»Das ist ein Name, den du nicht wiederholen wirst!« schrie Remy, indem er Aurilly am Gürtel packte und von seinem Pferde aufhob. Beide rollten auf den Boden. Aurilly streckte seine Hand aus, um seinen Dolch wieder zu ergreifen. Remy aber bückte sich über ihn, setzte ihm das Knie auf die Brust und sagte: »Nein, Aurilly, nein, du sollst hier bleiben.« Der letzte Schleier, der über Aurillys Erinnerung ausgebreitet zu sein schien, zerriß.

»Der Haudoin!« rief er, »ich bin tot!«

»Es ist noch nicht wahr, doch es wird sogleich wahr werden,« sagte Remy.

Und er drückte seine linke Hand dem Elenden, der, sich unter ihm sträubte, auf den Mund, während er mit seiner rechten sein Messer aus der Scheide zog.

»Nun hast du recht,« sagte er, »nun bist du tot, Aurilly.«

Und der Stahl verschwand in der Kehle des Lautenspielers, der ein unverständliches Röcheln ausstieß.

Die Augen starr, auf ihren Sattelknopf gestützt, bebend, aber unbarmherzig, hatte Diana den Kopf nicht von diesem furchtbaren Schauspiel abgewendet. Als sie über das Blut an der Klinge hinspringen sah, warf sie sich zurück und fiel, steif, als ob sie tot wäre, von ihrem Pferd.

Remy hatte in diesem Augenblick keine Gedanken für sie; er durchsuchte Aurilly, nahm ihm die beiden Rollen Gold, band einen Stein an den Hals des Leichnams und stürzte ihn in den Teich. Wer Regen fiel fortwährend in Strömen vom Himmel herab.

»O, mein Gott!« sagte er, »vertilge die Spur deiner Gerechtigkeit, denn sie hat noch andere Schuldige zu treffen.«

Wann wusch er sich die Hände in dem düsteren, stehenden Wasser, nahm die immer noch ohnmächtige Diana in seine Arme, hob sie auf ihr Pferd und stieg, seine Gefährtin haltend, auf das seinige. Erschreckt durch das Geheul der Wölfe, die herbeikamen, als ob sie diese Szene gerufen hatte, verschwand das Pferd Aurillys im Wald.

Als Diana wieder zu sich gekommen war, setzten die Reisenden, ohne ein Wort auszutauschen, ihren Weg nach Chateau-Thierry fort.

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