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Die Fünfundvierzig

Alexandre Dumas (der Ältere): Die Fünfundvierzig - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDie Fünfundvierzig
publisherFranck'sche Verlagshandlung
editorK. Walther
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid7fe78599
created20070315
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Das Wasser.

Je weiter die Reisenden kamen, desto seltsamer war der Anblick des Landes. Es sah aus, als wären die Felder und Triften verlassen wie die Flecken und die Dörfer.

In der Tat, nirgends weideten mehr Kühe auf den Wiesen, nirgends sprangen Ziegen an den Seiten des Berges oder erhoben sich an den Hecken, um die grünen Knospen der Brombeerstauden zu erreichen, nirgends waren Herde und Hirt zu sehen, nirgends der Pflug und der Pflüger, kein Handelsmann mehr, mit dem Ballen auf dem Rücken, von einer Gegend in die andere ziehend, kein Kärrner mehr, der rauhe Lieder sang und, eine geräuschvolle Peitsche in der Faust, neben seinem plumpen Karren einherschlenderte.

Soweit sich der Blick über diese herrlichen Ebenen, an den kleinen Abhängen hin, im hohen Grase, am Saume der Wälder erstreckte, keine menschliche Gestalt, keine Stimme. Man hätte glauben sollen, die Natur stehe am Vorabend des Tages, wo Menschen und Tiere geschaffen wurden.

Als die Dämmerung eintrat, suchte Henri überall, in der Luft, in den Bäumen, ja in den Wolken die Erklärung der unheilkündenden Erscheinung.

Die einzigen Personen, die diese düstere Einsamkeit belebten, waren, sich von dem Purpur der untergehenden Sonne abhebend, Remy und seine Gefährtin, die sich neigte, um zu horchen, ob nicht ein Geräusch zu ihnen käme; dann hundert Schritte dahinter Henris Gestalt, der beständig dieselbe Entfernung und dieselbe Haltung behauptete.

Die Nacht senkte sich finster und kalt herab, der Nordostwind pfiff durch die Luft und erfüllte die Öde mit einem Geräusch, das drohender schien als das Stillschweigen.

Remy hielt seine Gefährtin zurück, indem er die Hand an die Zügel ihres Pferdes legte.

»Gnädige Frau,« sagte er, »Ihr wißt, ob ich unzugänglich für die Furcht bin, Ihr wißt, ob ich einen Schritt rückwärts täte, um mein Leben zu retten; diesen Abend aber geht etwas Seltsames in mir vor, eine unbekannte Betäubung fesselt meine Sinne, lähmt mich und verbietet mir weiterzugehen. Nennt es Furcht, Verzagtheit, Schrecken, ich gestehe, zum erstenmal in meinem Leben habe ich ... Angst.«

Die Dame wandte sich um; vielleicht waren ihr alle diese drückenden Vorzeichen entgangen, vielleicht hatte sie nichts gesehen.

»Ist er immer noch da?« fragte sie.

»Oh! von ihm ist nicht mehr die Rede,« entgegnete Remy; »ich bitte Euch, denkt nicht mehr an ihn; er ist allein, und ich bin einem einzelnen Menschen gewachsen. Nein, die Gefahr, die ich fürchte, oder die ich vielmehr fühle, die ich ahne, mehr instinktartig als mit Hilfe meiner Vernunft, diese Gefahr, die herannaht, uns bedroht, uns vielleicht umgibt, diese Gefahr ist eine andere; sie ist unbekannt und deshalb um so bedrohlicher.«

Die Dame schüttelte den Kopf.

»Hört,« sagte Remy, »seht Ihr dort die Weidenbäume, die ihre schwarzen Gipfel beugen?« – »Ja.«

»Neben diesen Bäumen erblicke ich ein kleines Haus; ich bitte, laßt uns dahin gehen; ist es bewohnt, so können wir leicht Gastfreundschaft verlangen; ist es nicht bewohnt, so nehmen wir es einfach in Besitz; oh! macht keine Einwendung, ich flehe Euch an!«

Remys Bewegtheit, seine zitternde Stimme, das Überredende seiner Worte bestimmten seine Gefährtin nachzugeben. Sie wandte ihr Pferd in der von Remy angegebenen Richtung.

Einige Minuten nachher klopften die Reisenden an die Tür des unter einer Gruppe von Weidenbäumen erbauten Hauses. Ein Bach zwischen Schilfrohr und grünem Rasen bespülte mit seinem murmelnden Wasser den Fuß der Weiden; hinter dem aus Backstein gebauten und mit Ziegeln bedeckten Haus lag ein kleiner Garten, von einer lebendigen Hecke umfriedet. Dies alles war öde, leer, verlassen. Niemand antwortete auf das verdoppelte Klopfen der Reisenden.

Remy drückte unschwer die schlecht verwahrte Tür auf, führte seine Gefährtin hastig in das Haus, schlug die Tür hinter ihr zu, schob einen schweren Riegel vor und atmete nun, als ob er das Leben gewonnen hätte. Dann quartierte er seine Gebieterin in der einzigen Stube des ersten Stockes ein, wo er tappend und tastend ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch fand. Hierauf stieg er wieder in das Erdgeschoß hinab und beobachtete durch einen etwas geöffneten Laden und durch das vergitterte Fenster die Bewegungen des Grafen, der sich dem Hause näherte.

Henris Betrachtungen waren finsterer Natur und standen mit Remys im Einklang.

»Sicher,« sagte er zu sich selbst, »schwebt eine uns unbekannte, aber, den Bewohnern bekannte Gefahr über dem Lande; der Krieg verheert die Gegend, die Franzosen haben Antwerpen genommen oder werden es nehmen; vom Schrecken ergriffen, haben die Bauern eine Zuflucht in den Städten gesucht.«

»Was machen Remy und seine Herrin hier?« fragte er sich weiter. »Welche Notwendigkeit treibt sie dieser Gefahr entgegen? Oh! ich werde es erfahren, denn der Augenblick, zu sprechen und allen meinen Zweifeln ein Ende zu machen, ist nun gekommen. Nirgends hat sich noch eine so schöne Gelegenheit gezeigt.«

Und er ging auf das Haus zu.

Doch plötzlich blieb er stehen, mit jenem Zögern, das die Herzen der Liebenden so häufig ergreift. Nachdem er sich noch einmal in wollüstigem Schmerz in die Pein seiner hoffnungslosen Liebe versenkt hatte, legte er sich endlich unter die Weiden, deren Zweige das Haus bedeckten, und horchte mit unbeschreiblich schwermütigem Gefühl auf das Gemurmel des Wassers, das an seiner Seite hinfloß.

Plötzlich bebte er, der Lärm der Kanonen erscholl auf der Nordseite und zog, vom Winde getragen, vorüber.

»Ah!« sagte er zu sich selbst, »ich werde zu spät kommen, man greift Antwerpen an.«

Der erste Entschluß Henris war, aufzustehen, wieder zu Pferde zu steigen und, vom Lärm geleitet, dahin zu eilen, wo man sich schlug; aber dann mußte er ja die unbekannte Dame verlassen und im Zweifel über sie vom Leben scheiden.

Er blieb also. Zwei Stunden lang lag er auf der Erde, horchte auf das donnerähnliche Krachen, das sein Ohr erreichte, und fragte sich, was für ein unregelmäßiges, stärkeres Krachen es wäre, das von Zeit zu Zeit das andere verstärkte.

Er hatte keine Ahnung, daß dieses Krachen von den in die Luft springenden Schiffen seines Bruders verursacht wurde.

Endlich, gegen zwei Uhr, wurde alles ruhig.

»Zu dieser Stunde,« sagte Henri zu sich selbst, »ist Antwerpen genommen, und mein Bruder ist Sieger; aber nach Antwerpen wird Gent kommen; nach Gent Brügge, und es wird mir nicht an Gelegenheit fehlen, glorreich zu sterben. Doch bevor ich sterbe, will ich wissen, was diese Frau im Lager der Franzosen sucht.«

Und als nach dem Schlachtlärm die Natur zu ihrer Ruhe zurückgekehrt war, kehrte auch Joyeuse, in seinen Mantel gehüllt, zu seiner Unbeweglichkeit zurück.

Er war in jene Art von Schlaftrunkenheit versunken, der gegen Ende der Nacht der Wille des Menschen nicht widerstehen kann, als sein Pferd, das einige Schritte von ihm weidete, die Ohren spitzte und traurig wieherte.

Henri öffnete die Augen. Aufrecht, den Kopf in einer andern Richtung als den Körper haltend, atmete das Tier den Wind ein, der von Südost kam.

»Was gibt es, mein gutes Roß?« sagte der junge Mann, indem er aufstand und seinem Pferde den Hals streichelte, »hast du eine Otter vorüberkommen sehen, die dich erschreckt, oder sehnst du dich nach dem Obdach eines guten Stalles?«

Als hätte es die Frage verstanden und wollte darauf antworten, machte das Tier eine freie, lebhafte Bewegung in der Richtung von Lier und horchte, das Auge starr und die Nüstern weit geöffnet.

»Ah! ah!« murmelte Henri, »es ist ernster, wie es scheint; ein Trupp Wölfe, der dem Heere folgt, um die Leichname zu verzehren.«

Das Pferd wieherte, senkte den Kopf und ergriff dann mit einer Bewegung, rasch wie der Blitz, die Flucht nach Westen. Doch dabei kam es in den Bereich der Hand seines Herrn, der es beim Zaume packte und aufhielt. Ohne die Zügel zusammenzunehmen, faßte es Henri bei der Mähne und schwang sich in den Sattel; hier machte er sich als guter Reiter zum Herrn seines Pferdes und hielt es fest.

Aber was das Pferd gehört hatte, fing Henri nach einem Augenblick auch an zu hören, und der Mensch erschrak, wie vorher das rohe Tier.

Ein langes Murmeln, dem eines scharfen und schweren Windes ähnlich, erhob sich von den verschiedenen Punkten eines Halbkreises, der sich von Süden nach Norden auszudehnen schien; Stöße einer frischen und mit Wasserdunst beladenen Brise unterbrachen von Zeit zu Zeit dieses Gemurmel, das dem Geräusche steigender Fluten auf den mit Kieselsteinen bedeckten, sandigen Ufern ähnlich wurde.

»Was ist denn das?« fragte Henri, »sollte es der Wind sein? Nein, das kann nicht sein. Ist es das Prasseln eines Brandes? Ebenfalls nicht; denn man sieht keinen Schimmer am Horizont, und der Himmel scheint sich sogar zu verdüstern.«

Das Geräusch verdoppelte sich und wurde deutlich; es war das unablässige, dumpfe Rollen, wie es tausend in der Ferne auf tönendem Pflaster polternde Kanonen hervorbringen würden.

Henri glaubte einen Augenblick den Grund dieses Geräusches gefunden zu haben, indem er es der von uns erwähnten Ursache zuschrieb. Bald aber sagte er: »Unmöglich, es gibt keine gepflasterte Chaussee in dieser Gegend, es gibt keine tausend Kanonen bei der Armee.«

Das Tosen kam immer näher. Henri setzte sein Pferd in Galopp und sprengte einer Anhöhe zu.

»Was sehe ich?« rief er, als er den Gipfel erreichte.

Was er sah, hatte sein Pferd vor ihm gesehen, denn er hatte es nicht in dieser Richtung vorwärts bringen können, ohne ihm die Flanken mit seinen Sporen zu zerreißen, und als es den Gipfel des Hügels erreicht hatte, bäumte es sich, daß es seinen Reiter beinahe abwarf.

Was Roß und Reiter sahen, war am Horizont ein blasses, ungeheures, endloses Band, das auf der Ebene vorrückte, einen unermeßlichen Kreis bildete und nach dem Meere zu ging. Und dieses Band erweiterte sich Schritt für Schritt vor Henris Augen.

Der junge Mann schaute unsicher die seltsame Erscheinung an, als er, nach dem Platze, den er verlassen, zurückblickend, bemerkte, daß der Wiesgrund sich mit Wasser schwängerte, und der kleine Fluß überströmte. Das Wasser rückte ganz sacht gegen das Haus heran.

»Ich unselig Wahnsinniger, der ich bin!« rief Henri, »ich erriet es nicht, es ist das Wasser! Es ist das Wasser! Die Flamländer haben ihre Dämme durchbrochen!«

Henri sprengte sogleich nach dem Hause fort, klopfte wütend an die Tür und rief:

»Öffnet, öffnet!«

Niemand antwortete.

»Öffnet, Remy!« schrie der junge Mann, wahnsinnig vor Schrecken, »ich bin es, Henri du Bouchage, öffnet!«

»Oh! Ihr braucht Euch nicht zu nennen, Herr Graf,« erwiderte Remy aus dem Innern des Hauses, »ich habe Euch längst erkannt, doch ich sage Euch nur, wenn Ihr diese Tür sprengt, so findet Ihr mich dahinter, in jeder Hand eine Pistole!«

»Du verstehst mich also nicht, Unglücklicher!« rief Henri im Tone der Verzweiflung, »das Wasser! das Wasser! es ist das Wasser!«

»Keine Fabeln, keine Vorwände, keine schmähliche List, Herr Graf. Ich sage Euch, daß Ihr über meinen Leichnam schreiten müßt, um hereinzukommen.«

»Dann werde ich darüber schreiten, aber hineinkommen,« rief Henri. »Im Namen des Himmels, im Namen Gottes, – im Namen deines Heils und des Heils deiner Gebieterin, willst du öffnen?« – »Nein!«

Der junge Mann schaute umher und erblickte einen mächtigen Stein; er hob ihn in seine Arme, von da auf seinen Kopf, lief gegen das Haus und schleuderte ihn gegen die Tür, die in tausend Stücke zersprang. Zugleich pfiff eine Kugel an Henris Ohr vorüber, jedoch ohne ihn zu berühren.

Henri stürzte auf Remy los. Dieser drückte seine zweite Pistole ab, doch nur das Zündkraut fing Feuer.

»Du siehst wohl, daß ich keine Waffen habe,« rief Henri; »wehre dich nicht mehr gegen einen Mann, der dich nicht angreift; schau' nur, schau'!«

Und er zog ihn nach dem Fenster, das er mit einem Faustschlag zerschmetterte.

»Nun,« sagte er, »siehst du nun?«

Und er deutete auf die ungeheure Wassermasse, die weiß am Horizont erschien und, während sie wie die Front eines riesigen Heeres vorrückte, ein dumpfes Murmeln und Brausen vernehmen ließ.

»Das Wasser!« murmelte Remy.

»Ja, das Wasser! das Wasser!« rief Henri; »es rückt heran; sieh zu unseren Füßen; der Fluß tritt aus, er steigt, in fünf Minuten kann man nicht mehr von hier weg.«

»Madame!« rief Remy, »Madame!«

»Kein Geschrei, keine Angst, Remy, halte die Pferde bereit, rasch, rasch!«

»Er liebt sie,« dachte Remy, »er wird sie retten.«

Remy lief in den Stall. Henri stürzte nach der Treppe.

Bei Remys Ruf hatte die Dame ihre Tür geöffnet. Der junge Mann hob sie in seine Arme, als wäre sie ein Kind. Aber sie glaubte, es sei Verrat, oder man wolle Gewalt brauchen, und sträubte sich aus Leibeskräften und klammerte sich an den Wänden an.

»Sage ihr doch,« rief Henri, »daß ich sie rette!«

Remy hörte den Ruf des jungen Mannes in dem Augenblick, wo er mit den beiden Pferden zurückkehrte.

»Ja! ja!« rief er, »ja, Madame, er rettet Euch, oder vielmehr, er wird Euch retten; kommt! kommt!«

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